Erfahrungsbericht: Naltrexon und kontrolliertes Trinken

Das Ziel: Kontrolliertes Trinken…

Einer meiner ersten Ansätze, meiner Alkoholsucht zu begegnen war der Versuch, kontrolliertes Trinken im weitesten Sinne zu erreichen. Nicht im Sinne eines speziellen Programms, sondern einfach nur im Sinne der Reduzierung der Trinkmenge auf ein verträgliches Maß. Angestrebt habe ich, nicht mehr jeden Tag zum Alkohol zu greifen, sondern bei sozialen Anlässen ein bis zwei Glas Sekt, zu einem Abendessen bis zu zwei Glas Wein oder im Biergarten mal ein Weizen. Wichtig war mir dabei, dass ich nach den ersten Schluck nicht wie sonst das unstillbare Verlangen nach mehr und mehr Alkohol haben wollte.

Mir ist klar, dass das Thema „kontrolliertes Trinken“ unter Betroffenen, Ärzten, Psychologen und Suchtberatern kontrovers diskutiert wird, glaube aber persönlich, dass man bei der Behandlung von Alkoholismus nicht zu dogmatisch sein sollte, sondern alle Wege in Betracht ziehen sollte, die zu einer dauerhaften Reduzierung des Konsums führen. Ich werde dazu sicher zu gegebener Zeit noch etwas schreiben.

…wie mir Naltrexon dabei zunächst geholfen hat…

Nach einem körperlichen Entzug – ich war vorher richtig abgerutscht, wie es dazu kam, kann man hier nachlesen – in der LVR Klinik Bonn Ende August, Anfang September 2018 habe ich dieses Ziel jedenfalls mit den behandelnden Ärzten besprochen, die dem grundsätzlich offen gegenüberstanden und den Weg begleiten wollten, wofür ich auch heute noch sehr dankbar bin. Zur Unterstützung wurde mir Naltrexon verschrieben.

Kurz an dieser Stelle zu Naltrexon: Es blockiert als Abkömmling des Naloxons die Opiat-Rezeptoren und verdrängt gebundene Opioid-Agonisten vom Rezeptor, zu dem es eine 20fach höhere Affinität als Morphin hat. Es wird in den USA seit 1995 und in Deutschland seit den frühen 2010er Jahren zur Reduktion des Rückfallrisikos, Unterstützung der Abstinenz und Minderung des Verlangens nach Alkohol (Craving) als Teil einer umfassenden Therapie eingesetzt.

Ich nahm täglich eine 50mg Tablette ein und tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass das Verlangen nach Alkohol, das ich vorher fast permanent hatte, dadurch wirksam unterdrückt wurde. Nebenwirkungen löste das Naltrexon bei mir keine aus.

Nachdem ich nach einigen abstinenten Wochen dann erstmals wieder ein Glas Sekt trank, war es auch kein Problem, nach diesem aufzuhören. Hier mal ein Glas Wein, dort mal ein Bier – das war mit Unterstützung von Naltrexon tatsächlich für gut drei Monate kein großes Problem.

…aber nicht dauerhaft

Als ich aber einmal aufgrund des guten Geschmacks ein drittes großes 0,2l Glas Weißwein trank, war es, als wäre der Schutzdamm, den Naltrexon aufgebaut hatte, gebrochen.

Und das sollte leider immer öfter geschehen: Nach der Menge von ca. 60g Alkohol versagte die Wirkung von Naltrexon bei mir total und das Verlangen nach Alkohol war so groß wie vorher.

Irgendwann hatte ich es dann aufgegeben und verfiel wieder in alte Trinkmuster.

Für mich hatte das kontrollierte Trinken mit Unterstützung von Naltrexon also nicht funktioniert.

Woran hats gelegen?

Wenn ich mich rückblickend frage, woran es gelegen hat, sind es wahrscheinlich mehrere Dinge:

Der größte Fehler war es sicherlich, dass ich mich ziemlich auf die Wirkung von Naltrexon verlassen habe – irgendwie nach dem Motto: Das ist jetzt die Tablette gegen die Alkoholkrankheit, selbst bemühen muss ich mich ja nicht. Das hat natürlich nicht funktioniert. Dementsprechend habe ich auch fast keine weitere Hilfe in Anspruch genommen, was das Problem sicher weiter verschärft hat – letztlich ein Teufelskreis.

Ein persönliches Fazit

Dennoch bereue ich das Naltrexon Experiment nicht. Gut vier Monate habe ich deutlich weniger getrunken als vorher. Und mir ist klar geworden, dass es „die Pille gegen Alkoholismus“ nicht gibt und man selbst an sich arbeiten muss, was langfristig gesehen eine wichtige Erkenntnis war.

Würde ich zu Naltrexon raten?

Und aufgrund dieser Erfahrungen würde ich jedem Alkoholiker, der an sich arbeiten will, raten, Naltrexon zumindest auszuprobieren,

Grundsätzlich glaube ich, dass Naltrexon helfen kann, dauerhaft komplett abstinent zu bleiben. Wenn Sie zunächst den Weg reduzierten Konsums gehen wollen, kann es ebenfalls eine Hilfe sein.

In beiden Fällen ist es mE aber kein Allheilmittel, auf das man sich alleine verlassen kann. Sprechen Sie auf jeden Fall ihren Arzt oder anderen Therapeuten darauf an, insbesondere auch, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass der Einsatz von Naltrexon zur Bekämpfung von Alkoholismus vielen Medizinern und Experten gänzlich unbekannt ist – wie auch so viele andere Möglichkeiten, der Sucht entgegenzutreten.

Dieser Text ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und enthält darauf basierende Schlussfolgerungen. Er ersetzt keine professionelle Beratung, die Sie bei einem Alkoholproblem unbedingt in Anspruch nehmen sollten.

Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie mit eigenen Erfahrungsberichten rund um meine Alkoholsucht. Die ganze Geschichte finden Sie hier.

6 Antworten auf „Erfahrungsbericht: Naltrexon und kontrolliertes Trinken“

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