Hippolyte Bayard – und die möglicherweise erste Fotofälschung der Geschichte

Am 24. Februar 1840 stellt Hippolyte Bayard der französischen Akademie der Wissenschaften die Details seines eigenen fotografischen Verfahrens vor. Als Gegenleistung erhält er finanzielle Unterstützung, mit der er seine Ausrüstung verbessern kann.

Das klingt zunächst nach einer Erfolgsgeschichte. Tatsächlich aber ist es auch die Geschichte einer verpassten Anerkennung.

Bayard hatte bereits zuvor ein funktionierendes fotografisches Verfahren entwickelt – ein Direktpositiv auf Papier. Doch François Arago, ein einflussreicher Wissenschaftler und enger Freund von Louis Daguerre, riet ihm, mit der öffentlichen Bekanntgabe zu warten. Arago unterstützte Daguerres konkurrierendes Verfahren derweil politisch und institutionell.

„Hippolyte Bayard – und die möglicherweise erste Fotofälschung der Geschichte“ weiterlesen

Fotografie: Latticed window at Lacock Abbey von William Henry Fox Talbot

William Henry Fox Talbot entwickelte als einer der ersten ein Verfahren, mit dem sich halbwegs lichtechte und dauerhafte Fotografien herstellen ließen – und vor allem: Er machte es öffentlich zugänglich. Es war weder das allererste Verfahren überhaupt noch das erste, das angekündigt wurde. Aber es war das erste, das praktisch nutzbar und reproduzierbar war.

„Fotografie: Latticed window at Lacock Abbey von William Henry Fox Talbot“ weiterlesen

29. Januar 1979 – I Don’t Like Mondays

Viele kennen den Song „I Don’t Like Mondays“ der Band The Boomtown Rats. Geschrieben wurde er von Bob Geldof, lange bevor dieser als politischer Aktivist oder Initiator von Live Aid bekannt wurde. Der Song klingt eingängig, fast leicht – doch sein Hintergrund ist alles andere als das.

Am 29. Januar 1979, einem Montag, erschoss die damals 16-jährige Brenda Ann Spencer von ihrem Kinderzimmerfenster aus zwei Menschen und verletzte neun weitere. Die Tat ereignete sich an der Grover Cleveland Elementary School in San Diego und gilt heute als einer der ersten modernen Schulamokläufe in den USA.

Während die Tat noch andauerte, erreichte ein Reporter Spencer telefonisch. Auf die Frage nach ihrem Motiv antwortete sie mit einem Satz, der sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat:
„I don’t like Mondays. This livens up the day.“

Bob Geldof hörte diese Aussage später in einer Radio-Nachrichtensendung. Sie wurde für ihn zum Auslöser des Songtitels – und letztlich zum Kern des Liedes. Anders als viele Popsongs erzählt „I Don’t Like Mondays“ keine erfundene Geschichte, sondern verdichtet reale Gewalt, mediale Verkürzung und sprachlose Absurdität zu einem Stück Popkultur.

Der Song selbst ist keine Erklärung, keine Rechtfertigung und kein Kommentar im engeren Sinn. Er hält vielmehr etwas fest, das bis heute irritiert: die erschreckende Banalität, mit der extreme Gewalt manchmal sprachlich begleitet wird. Gerade diese Banalität macht den Satz so verstörend – und den Song so zeitlos unangenehm.

Dass „I Don’t Like Mondays“ bis heute im Radio läuft, auf Playlists erscheint und oft ohne Kontext gehört wird, zeigt ein bekanntes Phänomen: Popkultur löst sich mit der Zeit von ihrem Ursprung. Der Song funktioniert musikalisch auch ohne Wissen um seine Entstehung. Wer den Hintergrund kennt, hört ihn jedoch anders – kälter, distanzierter, vielleicht ernster.

Reim: The fifth of November, since I can remember

The fifth of November, since I can remember,
Was Guy Faux, Poke him in the eye,
Shove him up the chimney-pot, and there let him die.
A stick and a stake, for King George’s sake,
If you don’t give me one, I’ll take two,
The better for me, and the worse for you,
Ricket-a-racket your hedges shall go.

Dieser Reim zur Bonfire Nacht (5. November) wurde 1903 dokumentiert.

Fotografie: The Valley of the Shadow of Death

Ein Foto einer kargen Schlucht, übersät mit Kanonenkugeln, die von den russischen Verteidigungsstellungen abgefeuert wurden. Roger Fenton nahm dieses Bild am 24. April 1855 südöstlich von Sewastopol während des Krimkriegs auf – genau dort, wo kurz zuvor noch Geschosse einschlugen. Er wollte ursprünglich an einer anderen Stelle fotografieren, musste aber weichen, weil die russische Artillerie genau auf diesen Punkt feuerte. „Es war klar, dass die Feuerlinie genau über die Stelle ging, die ich gewählt hatte“, schrieb Fenton. Also rückte er rund 100 Meter ab – und konnte dann in relativer Sicherheit arbeiten, auch wenn weiterhin genug Kugeln um ihn herum einschlugen.

„Fotografie: The Valley of the Shadow of Death“ weiterlesen

Gastbeitrag: Des Übels Wurzeln – hier ist eine davon (Warum es in Deutschland schwierig ist und noch viel schwieriger wird)

Hier geht es um die Entwicklung der Gesellschaft in Fragen von Erziehung und Bildung.

Unser ganz famoses Grundgesetz enthält sehr viele (leider oft unterschätzte) wertvolle Passagen.

Heute ist mir eine ganz wichtig. In Artikel 6, Satz 2 heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“

Verkürzt heißt das: „Zuallererst ist die ERZIEHUNG eine Pflicht der Eltern.“

Das beginnt im Säuglingsalter. Meine Frau hat eine sehr gute Freundin, die Erzieherin ist. Es war unfassbar wohltuend zu sehen, wie dort mit dem Nachwuchs umgegangen wurde: Solange der Säugling wach war, gab es kein Gedudel aus dem Radio und kein Gedaddel am eigenen Smartphone. Das Kind hatte die Aufmerksamkeit der Mutter, sie hatte Blickkontakt und – man staune – sie sprach mit dem Kind. Das fiel sogar der Hebamme, die zur Nachsorge kam, als »wohltuende Atmosphäre« besonders auf.

Wie häufig sehe ich junge Eltern mit Kinderkarren durch die Gegend schieben, die überhaupt keine Interaktion mit dem Kind haben, sondern lediglich wie ein Zombie in das Smartphone starren oder lediglich mit Dritten sprechen, während das Kind sich selbst überlassen ist. Man muss als vernünftig denkender Mensch den Impuls unterdrücken, den Rabeneltern das Gerät zu entreißen, es im nächsten Teich zu versenken und den jungen Leuten eine Ansage zu verpassen, dass die Haare wehen.

„Gastbeitrag: Des Übels Wurzeln – hier ist eine davon (Warum es in Deutschland schwierig ist und noch viel schwieriger wird)“ weiterlesen

ChatGPT Prompt Idee: Kafkaeskes Textadventure

Sie lieben Kafka, kafkaeske Welten und klassische Textadventure?

Dann probieren Sie bei ChatGPT – oder einem anderen LLM – mal folgenden Prompt aus….

Simuliere ein abstruses Textadventure im klassischen Stil, bei dem ich mich in der Welt von Kafkas „Der Process“ befinde. Es soll absurd sein.

Viel Spaß!

Gedicht: Von bösen und guten Freunden

Das habe ich gemacht von bösen und guten Freunden:

Wer in der Noth vom Freunde weicht,
Und seinen Freund entbehret leicht;
Wer nicht im Herzen dessen liest,
Der ein recht treuer Freund ihm ist,
Und wer allzeit Recht haben möcht‘,
Des Freundes Wohl besorget schlecht;
Mit jedermann im Streite steht
Und wie gehörnt stets d’rauf losgeht:
Der ist ein eigenmächtiger Mann,
Dem niemand besteh’n und Recht thun kann.
Denn wer begehrt stets krumme Rücken,
Und dass man sich vor ihm soll bücken:
Solch‘ einen ist es besser zu meiden,
Als nur Betrübniss von ihm leiden.

Denn wer ein guter Freund dir ist,
Der übt an dir nie arge List,
Dass er dir nichts zum Uebel kehrt,
Doch Böses allzeit dir abwehrt;
Dich nimmer auch verlasst in Noth,
Einsteht für dich, wenn Gefahr dir droht;
Der jederzeit auch Mitleid trägt,
Wenn du von Trauer bist bewegt,
Und nie geringer achtet dich,
Als selbst er pflegt zu schätzen sich:

Solch einen Freund halt‘ hoch in Ehren,
Lass‘ dich durch nichts von ihm abkehren.
Und keinen Freund sollst merken lassen,
Du woll’st dich nimmer mit ihm befassen.

Dieses Gedicht wurde von Albrecht Dürer geschrieben.

 

Gedicht: In Hamburg

In Hamburg ist die Nacht
nicht wie in andern Städten
die sanfte blaue Frau,
in Hamburg ist sie grau
und hält bei denen, die nicht beten,
im Regen Wacht.

In Hamburg wohnt die Nacht
in allen Hafenschänken
und trägt die Röcke leicht,
sie kuppelt, spukt und schleicht,
wenn es auf schmalen Bänken
sich liebt und lacht.

In Hamburg kann die Nacht
nicht süße Melodien summen
mit Nachtigallentönen,
sie weiß, daß uns das Lied der Schiffssirenen,
die aus dem Hafen stadtwärtsbrummen,
genau so selig macht.

Das Gedicht ist von Wolfgang Borchert, der am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren wurde. Die Illustration hat die Midjourney AI passend zum Gedicht erstellt.

Gedicht: Soll ein Weib wohl Bücher schreiben; Oder soll sie’s lassen bleiben?

Schreiben soll sie, wenn sie’s kann,
Oder wenn es wünscht ihr Mann;
Und befiehlt er’s gar ihr an
Ist es eheliche Pflicht. –
Aber schreiben soll sie nicht,
Wenn es ihr an Stoff gebricht,
Oder an gehör’ger Zeit,
Oder gar an Fähigkeit,
Oder mit zerriss’nem Kleid. –
Schreiben soll sie früh und spät,
Wenn es für die Armuth geht,
Wenn sie sonst was Schlechtres thät;
Aber schreiben soll sie nie
Wenn durch ihre Phantasie
Leidet die Oekonomie. –
Und nun sag’ ich noch zum Schluß
Lebt in ihr der Genius,
Wird sie schreiben, weil sie muß.

Dieses Gedicht hat Rahel Varnhagen von Ense (geborene Levin) um 1823 geschrieben. Sie wurde am 19. Mai 1771 geboren und war war eine deutsche Schriftstellerin und Salonnière jüdischer Herkunft.

Sie gehört der romantischen Epoche an und vertrat zugleich Positionen der europäischen Aufklärung. Sie trat für die jüdische Emanzipation und die Emanzipation der Frauen ein.