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Böhmermann: Clown mit Agenda

Jan Böhmermann hört auf – zumindest mit dem »ZDF Magazin Royale«. Am 18. Dezember läuft nach sechs Jahren die letzte Folge. Im SPIEGEL-Interview beteuert er, das sei allein seine Entscheidung gewesen, und mit dem ZDF führe er »gute Gespräche« über ein neues Format.

Spannender als die Personalie ist, was Böhmermann über das Internet und über seine Rolle als politischer Akteur sagt. Er präsentiert sich als Clown ohne politischen Auftrag. Und beschreibt im selben Gespräch ziemlich genau, wie dieser Auftrag aussieht.

Das Internet: Algorithmen, Folklore, TikTok

Böhmermanns zentrale These zum Netz ist düster. In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren hätten Algorithmen menschenfeindliche Ideologie auf unsere Smartphones gespült. Aus »digitaler Massenpsychose« sei inzwischen politische Realität geworden.

Daraus zieht er eine paradoxe Zuversicht. Menschen merkten erst, wie schlimm etwas ist, wenn es spürbar wird. Und das Scheitern sei im Faschismus ohnehin angelegt – irgendwann gehe die Sonne wieder auf.

Geht es um ihn selbst, klingt das Netz anders: nicht gefährlich, sondern lächerlich. Über seine Zukunft beim ZDF will er nicht von den immer gleichen »Gespensterdebatten« aus den dunklen Ecken des Internets bestimmen lassen. Das Bild vom linken Agitator nennt er »Internet-Folklore«, eine Fremdzuschreibung und reine Projektion.

Gegenüber TikTok verteidigt er das alte Medium. Das Fernsehen solle sich auf das besinnen, was nur es kann. Es biete Inhalte von einer Qualität und Nachhaltigkeit, an die kein anderes Medium heranreiche.

Beim Fall Arne Schönbohm, dem früheren Chef des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, bleibt er hart. Ein Gericht hatte vier Aussagen aus der Sendung von 2022 untersagt. Diese habe man nie getroffen, nicht einmal implizit, sagt Böhmermann – der Rest sei teure »Litigations-PR« der Anwälte.

Aktivismus: kein Auftrag, aber eine Agenda

Das Etikett »Late-Night-Aktivist« weist Böhmermann zurück. Er sei hauptberuflich Clown, komme aus der »Abteilung U« wie Unterhaltung und entscheide sich am liebsten für den Witz. Einen politischen Auftrag empfinde sein Team nicht.

Wenig später beschreibt er, was die Gruppe antreibt. Es mache sie wahnsinnig, wie viele Themen medial liegen bleiben: kommunaler Hochwasserschutz, Demokratieförderung im Osten, marode Infrastruktur, Polen. Chefredakteure und bürgerliche Parteien liefen derweil in Talkshows der AfD hinterher – und wer das »links« nenne, wisse nichts anderes zu entgegnen.

Konkret bezieht er an mehreren Stellen Position:

  • Golden Shop Bremen: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte die links ausgerichtete Buchhandlung mit Verweis auf den Verfassungsschutz von einer Preisliste gestrichen. Böhmermann besuchte sie öffentlichkeitswirksam. Buchhandlungen dürfe man nicht wegen eines ideologischen Generalverdachts unterdrücken, staatliche Steuerung von Kultur und Rundfunk von oben sei extrem gefährlich.
  • AfD und Linke: Beide seien nicht vergleichbar. Die AfD locke mit Sündenbock-Versprechen, die Berliner Linke habe mit Alltagsthemen überzeugt. Den Antisemitismusvorwurf von Innenminister Alexander Dobrindt gegen die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp deutet er als Zeichen von Verzweiflung.
  • Medienkritik: In einem bekannten Politik-Podcast habe ein Politikwissenschaftler Eralp als »Türkin« und »grundsympathisch« bezeichnet. Böhmermann nennt das rassistisch und sexistisch und kritisiert, dass die Moderatoren schwiegen. Sein Leitsatz: Anstand sei überparteilich.
  • Grenzen der Aufklärung: Ist sein Ansatz angesichts der AfD-Erfolge gescheitert? Erkenntnis lasse sich nicht verordnen, sie ereile einen, antwortet er. Neben Journalismus brauche es andere Mittel, er wolle »beweglicher« werden.

Seinen journalistischen Anspruch verteidigt er trotzdem. Die Recherche-Anteile seien immer ernst gemeint gewesen, die Zahl der Fehler winzig. Gerade deshalb hassten Journalisten die Sendung.

Kritisches Fazit

Böhmermann ist in diesem Interview schlagfertig und oft witzig. Beim Internet und beim Aktivismus zeigt seine Selbstdarstellung aber deutliche Risse.

Der Clown mit Agenda. Er bestreitet einen politischen Auftrag und beschreibt wenige Antworten später genau einen. Dass Satire politisch ist, ist legitim. Problematisch ist der Rollenwechsel je nach Angriff: Gegen politische Kritik ist er »hauptberuflich Clown«, gegen Kritik an der Satire ist der Journalismus »ernst gemeint«.

Diese Doppelrolle schützt vor Kritik. Die berechtigte Frage nach der verschwimmenden Grenze zwischen Recherche und Satire beantwortet er nicht. Er dreht sie um: Journalisten hassten die Sendung eben.

Der Fall Schönbohm. Seine Verteidigung greift zu kurz. Im deutschen Äußerungsrecht können auch Aussagen untersagt werden, die ein Beitrag nicht wörtlich trifft, aber zwischen den Zeilen zwingend nahelegt. Genau diese Lesart deutet der SPIEGEL an – Böhmermann geht nicht darauf ein und tut das Urteil als Anwalts-PR ab.

Die Algorithmen-These: plausibel, aber verkürzt. Dass Plattformlogiken polarisierende und menschenfeindliche Inhalte begünstigen können, ist ein ernstzunehmender Befund. »Digitale Massenpsychose« ist aber ein Schlagwort, keine Analyse: Es erklärt Wahlergebnisse fast nur über Algorithmen und macht Wählerinnen und Wähler zu passiven Opfern. Wirtschaftliche, soziale und regionale Ursachen kommen nicht vor, und die Forschung zu algorithmischer Radikalisierung ist uneindeutiger, als sein Bild nahelegt.

Zudem widerspricht er sich selbst. Den Erfolg der Berliner Linken erklärt er mit Alltagspolitik – also gerade nicht mit dem Netz.

Ein selektiver Blick aufs Netz. Geht es um ihn, ist Online-Kritik »Gespensterdebatte«, »Folklore« und »Projektion«. So lässt sich Widerspruch pauschal abtun, ohne sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei kommt die Zuschreibung nicht nur aus dem Netz: Der SPIEGEL selbst hält sie ihm vor, mit Verweis auf Auftritte wie den Golden-Shop-Besuch.

Hinzu kommt: Seine Sendung wirkt zu einem guten Teil über Mediathek, YouTube-Clips und soziale Netzwerke. Böhmermann ist Teil der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, die er kritisiert. Seine These von der Überlegenheit des Fernsehens bleibt eine Behauptung ohne Begründung.

Präzision – vor allem für andere. Er fordert genauere Medien, bleibt selbst aber pauschal: »neurotische Linke«, Deutsche, die auf AfD-Versprechen wie auf »fettige Würste« hereinfallen. Einem ungenannten Politikwissenschaftler wirft er Rassismus vor, ohne Namen und Quelle – ein schwerer Vorwurf, den Leser kaum überprüfen können.

Den Teil der Frage zum antisemitischen Aktivisten auf der Wahlparty der Linken übergeht er ganz. »Anstand ist überparteilich« wäre überzeugender, wenn seine Beispiele nicht alle in dieselbe Richtung zeigten.

Was überzeugt. Der Hinweis auf vernachlässigte Themen wie Hochwasserschutz, Infrastruktur oder Polen ist berechtigte Medienkritik. Der Satz, Erkenntnis lasse sich nicht verordnen, ist eine bemerkenswerte Selbstkritik am belehrenden Gestus, für den er selbst stand. Auch seine Verteidigung der Kunst- und Rundfunkfreiheit gegen staatlichen Druck ist grundsätzlich gut begründet.

Seine Zuversicht wirkt dagegen eher fatalistisch. Es müsse erst schlimmer werden, bevor es besser wird.

Unterm Strich will Böhmermann vom Aufklärer zurück zum Unterhalter. An seinen Positionen ändert das nichts, nur an der Form. Ob das eine echte Neuausrichtung ist oder ein Rebranding, lässt das Interview offen.

Der SPIEGEL fragt kritisch nach, lässt ihn an den heikelsten Stellen aber davonkommen: beim Fall Schönbohm, bei der Grenze zwischen Recherche und Satire und beim Antisemitismus-Thema.

Quelle und KI Hinweis

Interview mit Jan Böhmermann in DER SPIEGEL, geführt im September 2026 in Köln. Alle Zitate stammen aus diesem Gespräch.

Hinweis in eigener Sache: Diesen Text habe ich geschrieben – Claude, ein KI-Modell des Unternehmens Anthropic. Grundlage ist ein Interview, das Jan Böhmermann dem SPIEGEL gegeben hat. Im Auftrag von Severin habe ich das Gespräch mit Schwerpunkt auf Internet und Aktivismus zusammengefasst und ein kritisches Fazit gezogen. Die Zitate stammen aus dem Interview, die Bewertungen sind meine.

Spam: comdirect: Wichtiger Hinweis zur Überprüfung

Freitagvormittag im Junk-Ordner: „comdirect: Wichtiger Hinweis zur Überprüfung“, abgeschickt von „comdirect Automatisch“. Klingt dringend, ist aber Phishing. Die echte comdirect schreibt nicht von einer Domain, die nach Marokko-Urlaub klingt, und verlinkt erst recht nicht auf einen Cloud-Speicher in Indien.

Was die Mail von Dir will

Wegen zunehmender Betrugsversuche sollen „alle unsere Nutzer“ ihr Konto im geschützten Kundenbereich aktualisieren, sonst sei der Zugriff auf alle Funktionen in Gefahr. Darunter ein Button „Verifizierung durchführen“. Das ist die klassische Bank-Masche: erst Angst vor Betrug, dann ein Klick auf eine Seite, die nach Login aussieht. Zugangsdaten und mobileTAN sind genau das, was die Betrüger wollen.

Woran man den Fake erkennt

Hinter dem Anzeigenamen steckt die Adresse contact@mtmorocco.com, von comdirect.de keine Spur. Der Button führt nicht ins Online-Banking, sondern zu einer HTML-Datei in einem Amazon-Cloudspeicher in der Region Mumbai. Eine Anrede mit Namen gibt es nicht, nur die Massenfloskel „unsere Nutzer“. Und der Text ist voller merkwürdiger Leerräume zwischen den Wörtern, ein beliebter Trick, um Spamfilter zu verwirren. Outlook hat sich davon nicht täuschen lassen und die Mail direkt in den Junk gelegt.

Was Du tun solltest

Nicht klicken, nichts verifizieren, keine TAN und keine Zugangsdaten eingeben. Wer unsicher ist, öffnet die comdirect-App oder tippt die Adresse selbst ein. Und wer schon Daten eingegeben hat, sollte sofort die Bank anrufen und Zugang und Karten sperren lassen.

Der Mailtext (ohne Links)

Absender: contact@mtmorocco.com (Display: comdirect Automatisch), Betreff: comdirect: Wichtiger Hinweis zur Überprüfung, empfangen am 16. Oktober 2026 um 09:22 Uhr

[comdirect mobileTAN-Überprüfung]
mobileTAN-Überprüfung
Aufgrund einer Zunahme von Betrugsversuchen werden alle unsere Nutzer gebeten, ihr Konto im geschützten Kundenbereich zu aktualisieren, um weiterhin uneingeschränkten Zugriff auf alle verfügbaren Funktionen und Dienste zu gewährleisten.
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Wenn Welten verschmelzen: Wie sich die Grenzen zwischen Technik, Kultur und Unterhaltung auflösen

Noch vor wenigen Jahrzehnten ließen sich die Bereiche unseres Alltags recht klar voneinander trennen. Technik war etwas für Ingenieure, Kultur fand im Theater, im Museum oder im Konzertsaal statt, und Unterhaltung bedeutete Fernsehen am Samstagabend. Heute sind diese Kategorien kaum noch auseinanderzuhalten. Ein Smartphone ist gleichzeitig Kamera, Bibliothek, Spielkonsole und Bühne. Diese Entwicklung verändert nicht nur, wie wir Inhalte konsumieren, sondern auch, wie wir sie bewerten und regulieren.

Digitale Plattformen als neue Kulturräume

Streamingdienste, soziale Netzwerke und Videoplattformen haben sich zu Orten entwickelt, an denen Kultur nicht nur verbreitet, sondern auch geschaffen wird. Musikerinnen veröffentlichen ihre Songs direkt auf Streamingportalen, Filmemacher erreichen über Videoplattformen ein weltweites Publikum, und Museen bieten virtuelle Rundgänge an, die Menschen auf allen Kontinenten zugänglich sind.

Dabei verändert die Technik auch die Inhalte selbst. Algorithmen entscheiden mit, welche Werke sichtbar werden, und Formate passen sich den Gewohnheiten der Nutzer an: Songs werden kürzer, Videos schneller geschnitten, Serien für das Durchschauen am Stück konzipiert. Kultur und Technik beeinflussen sich also gegenseitig – oft auf eine Weise, die den Beteiligten gar nicht bewusst ist.

Gaming zwischen Sport, Kunst und Freizeit

Besonders deutlich zeigt sich die Verschmelzung im Bereich der Videospiele. Was früher als reines Kinderspielzeug galt, wird heute als Kulturgut anerkannt. Aufwendige Spielwelten mit orchestralen Soundtracks und komplexen Erzählungen stehen Kinofilmen in nichts nach. Gleichzeitig füllen E-Sport-Turniere ganze Stadien und werden live von Millionen Zuschauern verfolgt.

Auch andere Formen digitaler Unterhaltung haben sich stark gewandelt. Glücksspiel etwa hat sich vom klassischen Spielbankbesuch weitgehend ins Internet verlagert. Hier zeigt sich, wie eng technische Möglichkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen miteinander verknüpft sind: In Deutschland regelt der Glücksspielstaatsvertrag seit 2021, unter welchen Bedingungen Anbieter tätig sein dürfen, etwa mit Einzahlungslimits und einer zentralen Sperrdatei. Daneben existieren jedoch auch online Casinos ohne deutsche Lizenz, die mit Genehmigungen aus anderen Ländern arbeiten und sich damit außerhalb dieser nationalen Vorgaben bewegen. Das Beispiel verdeutlicht, dass digitale Angebote nationale Grenzen mühelos überschreiten, während Gesetzgebung und Verbraucherschutz weiterhin an Staatsgrenzen gebunden sind. Für Nutzer bedeutet das, sich stärker als früher selbst über rechtliche Rahmenbedingungen und mögliche Risiken informieren zu müssen.

Künstliche Intelligenz als kreativer Mitspieler

Eine neue Dimension erreicht die Entwicklung durch künstliche Intelligenz. KI-Systeme komponieren Musik, generieren Bilder und schreiben Texte. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wo endet das Werkzeug, und wo beginnt die Kreativität? Viele Künstler nutzen KI inzwischen als Inspirationsquelle oder Arbeitshilfe, andere sehen darin eine Bedrohung für ihr Handwerk.

Auch rechtlich wirft das Fragen auf. Wem gehört ein Werk, das mithilfe einer Maschine entstanden ist? Wie werden die Urheber der Trainingsdaten vergütet? Diese Debatten zeigen, dass technischer Fortschritt kulturelle und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse nach sich zieht, die oft deutlich langsamer verlaufen als die Innovation selbst.

Immersive Erlebnisse und hybride Veranstaltungen

Virtuelle und erweiterte Realität schaffen Erlebnisse, die sich keiner Kategorie mehr eindeutig zuordnen lassen. Konzerte finden in digitalen Spielwelten statt, Ausstellungen verbinden reale Kunstwerke mit digitalen Projektionen, und Theaterstücke beziehen das Publikum über Apps aktiv ein. Die Rollen von Zuschauer, Spieler und Mitgestalter verschwimmen zunehmend.

Hybride Formate haben nicht zuletzt durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen. Viele Veranstalter bieten inzwischen dauerhaft sowohl Präsenz- als auch Onlineangebote an. Das erweitert die Reichweite, verändert aber auch das Gemeinschaftserlebnis, das Kultur traditionell ausgemacht hat.

Chancen und Herausforderungen

Die Auflösung der Grenzen bringt unbestreitbare Vorteile mit sich. Kultur wird zugänglicher, kreative Ausdrucksformen werden vielfältiger, und Menschen können unabhängig von Wohnort oder Einkommen an Angeboten teilhaben. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen: Die Flut an Inhalten erschwert die Orientierung, wirtschaftliche Interessen großer Plattformen prägen die Sichtbarkeit von Werken, und der Schutz von Verbrauchern sowie Urhebern muss neu gedacht werden.

Medienkompetenz wird damit zu einer Schlüsselqualifikation. Wer digitale Angebote kritisch einordnen kann, profitiert von der neuen Vielfalt, ohne ihren Schattenseiten ausgeliefert zu sein.

Fazit

Technik, Kultur und Unterhaltung sind keine getrennten Sphären mehr, sondern bilden ein eng verflochtenes Geflecht. Diese Entwicklung wird sich mit neuen Technologien weiter beschleunigen. Entscheidend wird sein, wie Gesellschaft, Politik und Kreative diesen Wandel gestalten – damit Innovation und kulturelle Vielfalt Hand in Hand gehen und die Nutzer dabei nicht aus dem Blick geraten.

Wikinger-Romantik im 21. Jahrhundert: Warum modernes Heidentum historisch gesehen eher LARP als Religion ist

Gastbeitrag von Matthias Köninger

Wer heute durch soziale Medien scrollt oder auf Mittelaltermärkten unterwegs ist, stößt immer häufiger auf Menschen, die sich stolz als Ásatrú oder „Nordisch-Gläubige“ bezeichnen. Mit Thorshämmern um den Hals, Hornmet in der Hand und Runen-Tattoos auf der Haut berufen sie sich auf den Glauben der alten Wikinger. Doch blickt man mit den kühlen Augen der Geschichtswissenschaft auf dieses Phänomen, wird schnell klar: Das, was hier als „alte Tradition“ verkauft wird, hat mit der historischen Realität der Wikingerzeit ungefähr so viel zu tun wie ein Romantasy-Roman mit einem Geschichtsbuch.

Aus historischer und wissenschaftlicher Sicht lässt sich das moderne Nord-Heidentum im Grunde auf eine Form des spirituellen Rollenspiels reduzieren – kurz: LARP (Live Action Role-Playing) mit religiösem Anstrich.

1. Das Rekonstruktions-Dilemma: Religion ohne Skript

Das fundamentale Problem jedes modernen Ásatrú-Anhängers ist denkbar einfach: Niemand weiß, wie die altnordische Religion tatsächlich praktiziert wurde.

Die Wikinger hinterließen keine heiligen Schriften, keine Theologiebücher und keine liturgischen Leitfäden – anders als beispielsweise die Christen oder die Hindus. Die altnordische Kultur war eine mündliche Kultur (orale Kultur), vergleichbar mit der Odyssee oder der Nibelungen-Saga, die ebenfalls erst viel später aufgeschrieben wurden.

Das, was wir heute als „nordische Mythologie“ in Lexika nachlesen können, stammt fast ausnahmslos aus der Feder christlicher Gelehrter des Mittelalters – verfasst hunderte Jahre nach der Christianisierung Skandinaviens:

  • Snorri Sturluson, der Autor der berühmten Prosa-Edda (ca. 1220), war kein heidnischer Priester, sondern ein christlicher Politiker. Er ordnete die Mythen nach dem Vorbild antiker, griechisch-römischer Klassiker, stellte die nordischen Götter als bloße menschliche Helden dar und verwendete Metaphern, die seinen Lesern vertraut waren (z. B. aus der Bibel).
  • Saxo Grammaticus schrieb aus einer dezidiert christlich-polemischen Haltung heraus.
  • Adam von Bremen beschrieb den legendären Tempel von Uppsala im 11. Jahrhundert als christlicher Kleriker aus der Außenperspektive. Gesehen hat er ihn sehr wahrscheinlich nie – aber im Gegensatz zu Snorri lebte er immerhin zu einer Zeit, als noch Anhänger der nordischen Götter existierten.

Die spärlichen zeitgenössischen Zeugnisse wie Runensteine oder archäologische Funde liefern zwar Namen und Symbole, verraten aber fast nichts über konkrete Riten, Gebete oder Glaubensinhalte. Wir wissen beispielsweise, dass Odin oder Thor existierten. Ob sie aber so wahrgenommen wurden, wie Snorri es 200 bis 500 Jahre später aufschrieb, wissen wir nicht.

2. Erfundene Traditionen: Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts

Da die historische Kette der Überlieferung im späten Mittelalter vollständig abriss, gibt es keinerlei Kontinuität. Das heutige Ásatrú ist keine uralte Glaubensform, sondern eine moderne Neuerfindung. Die Entstehung des modernen Heidentums lässt sich recht präzise nachzeichnen:

  1. Die Romantik des 19. Jahrhunderts: Im Zuge der Nationalstaatenbildung suchte man in Europa nach „völkischen Wurzeln“. Die Edda wurde neu übersetzt, poetisiert und mit bürgerlichen Moralvorstellungen angereichert. Das Bild des edlen, freiheitsliebenden Wikingers war geboren – ein Mythos, der auch heute noch durch unzählige Hollywood-Serien geistert (danke für gar nichts).
  2. Die Neopaganismus-Welle des 20. Jahrhunderts: In den 1970er-Jahren gründeten sich in Island (Ásatrúarfélagið) und anderen Teilen der Welt Gruppen, die versuchten, aus den literarischen Fragmenten der Edda eine neue Religion zu basteln.

Das heutige Brauchtum – von selbst erfundenen Ritualabläufen über esoterische Runen-Mantik bis hin zu neuheidnischen Feiertagen – ist eine Mischung aus romantischer Dichtung, moderner Esoterik und Anleihen aus dem Christentum. Es ist ein klassisches Beispiel für das, was der Historiker Eric Hobsbawm als „erfundene Tradition“ (invented tradition) bezeichnete.

3. Der Entfremdungseffekt: Entkoppelt von der Lebenswelt

Eine Religion lässt sich nicht isoliert von den Lebensbedingungen ihrer Anhänger betrachten. Die historische altnordische Religion war eine extrem pragmatische Überlebens- und Agrarreligion; es ging darum, die Welt erklär- und beherrschbar zu machen.

Ein modernes Blót (Opferfest), bei dem Met aus dem Supermarkt im Park über einen Stein gegossen wird, hat mit dem Blutopfer eines Bauern im 9. Jahrhundert, der um das Überleben seiner Familie vor dem Verhungern bangte, nur die Bezeichnung gemein. (Anmerkung: Das mit dem Blutopfer klingt für Außenstehende wie Satire, wird jedoch teilweise tatsächlich so gelebt.)

Fazit: Ehrlichkeit statt Selbstbetrug

Gegen das Interesse an Geschichte, Mythologie und historischem Reenactment ist absolut nichts einzuwenden. Auch die Suche nach Naturverbundenheit oder neuen Identitätsmustern in einer komplexen Welt ist verständlich.

Problematisch und historisch unhaltbar wird es jedoch dann, wenn Anhänger des modernen Ásatrú behaupten, sie würden authentisch den „Glauben der Ahnen“ praktizieren.

 

Spam: Fordern Sie Ihre Spende an

Donnerstagnachmittag im Junk-Ordner: „Fordern Sie Ihre Spende an“. Eine Spende fordern klingt schon merkwürdig genug. Noch merkwürdiger wird es, wenn man liest, wer angeblich schreibt und wohin man antworten soll.

Was die Mail von Dir will

Meine E-Mail-Adresse sei für eine großzügige Spende der „Stefano Pessina Charity Foundation“ ausgewählt worden. Um den Vorgang abzuschließen, soll ich mich beim Verwaltungsteam melden und „die entsprechenden Angaben“ schicken, an eine Adresse bei italymail.com, die gleich zweimal im Text steht. Das ist der klassische Haken einer Vorschussmasche: Wer antwortet, bekommt bald Mails mit Gebühren, Freigaben und Formularen, und die Spende kommt nie.

Woran man den Fake erkennt

Die Anrede lautet „Sehr geehrte(r) Begünstigte(r)“, also eine Serienvorlage ohne Namen. Absender ist eine Mandy von einer Yoga-Studio-Domain, keine Stiftung und kein Konzern, und das Empfängerfeld zeigt nur ihre eigene Adresse, ein typisches Zeichen für Massenversand per Blindkopie. Antworten sollen aber weder an Mandy noch an eine Stiftung gehen, sondern an ein privates Freemail-Konto. Unterschrieben hat ein „Vizepräsident und CEO, Walgreens Boots Alliance Stefano Pessina Charity Foundation“, ein Titelsalat, der Konzern, Manager und Stiftung in einen Topf wirft. Eine echte Stiftung schreibt nicht von einer Yoga-Adresse.

Was Du tun solltest

Nicht antworten, auch nicht aus Neugier oder um höflich abzulehnen, denn jede Antwort zeigt, dass Deine Adresse gelesen wird. Keine Angaben schicken und erst recht nichts „vorstrecken“, damit die Spende freigegeben wird. Mail löschen, hier liegt keine Stiftung bereit.

Der Mailtext (ohne Links)

Absender: mandy@mandybrinkleyyoga.com, Reply-To: stefanopessina09@italymail.com, Betreff: Fordern Sie Ihre Spende an, empfangen am 15. Oktober 2026 um 16:41 Uhr

Sehr geehrte(r) Begünstigte(r), wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihre E-Mail-Adresse für eine großzügige Spende der Stefano Pessina Charity Foundation ausgewählt wurde. Diese weltweite Organisation setzt sich für die Bekämpfung von Armut und die Förderung von Gerechtigkeit ein. Um den Vorgang für Ihre Spende abzuschließen, wenden Sie sich bitte an unser Verwaltungsteam unter stefanopessina09@italymail.com. Hinweis: Bitte senden Sie die entsprechenden Angaben an folgende E-Mail-Adresse: stefanopessina09@italymail.com Unser Team steht Ihnen gerne zur Verfügung und stellt Ihnen alle für die Spende erforderlichen Unterlagen bereit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wir freuen uns darauf, Sie zu unterstützen. Mit freundlichen Grüßen Vizepräsident und CEO, Walgreens Boots Alliance Stefano Pessina Charity Foundation

Schwerpunktthema: Saint-Séverin-sur-Boutonne

Saint-Séverin-sur-Boutonne ist eine sehr kleine Gemeinde in der Saintonge im Westen Frankreichs – hier die wichtigsten Daten im Überblick.

Saint-Séverin-sur-Boutonne in Zahlen

  • Land / Region: Frankreich, Nouvelle-Aquitaine, Département Charente-Maritime
  • Arrondissement / Kanton: Saint-Jean-d’Angély / Matha
  • Lage: an der Boutonne, rund 65 km ostsüdöstlich von La Rochelle
  • Einwohner: 93 (Stand: 1. Januar 2023)
  • Höhe: 32 bis 98 m
  • Postleitzahl: 17330
  • INSEE-Code: 17401

Geschichte

Der kleine Ort an der Boutonne gehört zur historischen Landschaft Saintonge. Mittelpunkt des Dorfes ist die Kirche Saint-Séverin, die zu den eingetragenen Baudenkmälern der Gemeinde gehört.

Stand: 16.10.2026

Schwerpunktthema: Saint-Séverin-d’Estissac

Saint-Séverin-d’Estissac ist eine sehr kleine Gemeinde im Périgord im Südwesten Frankreichs – hier die wichtigsten Daten im Überblick.

Saint-Séverin-d’Estissac in Zahlen

  • Land / Region: Frankreich, Nouvelle-Aquitaine, Département Dordogne
  • Arrondissement / Kanton: Périgueux / Vallée de l’Isle
  • Lage: je etwa 25 km von Périgueux und Bergerac entfernt
  • Einwohner: 95 (Stand: 1. Januar 2023)
  • Höhe: 111 bis 202 m
  • Postleitzahl: 24190
  • INSEE-Code: 24502

Geschichte

Der Name erinnert an den heiligen Severin, im 5. Jahrhundert Bischof von Bordeaux; der Zusatz Estissac geht wohl auf ein gallorömisches Landgut zurück. Im 19. Jahrhundert lebten zeitweise rund 175 Menschen in der Gemeinde, bis in die 1970er-Jahre sank die Zahl auf etwa 50, seither wächst sie wieder. Die Pfarrkirche Saint-Séverin stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Stand: 16.10.2026

Schwerpunktthema: Saint-Séverin (Charente)

Saint-Séverin ist eine kleine Gemeinde im Westen Frankreichs, im Département Charente an der Grenze zum Périgord – hier die wichtigsten Daten im Überblick.

Saint-Séverin (Charente) in Zahlen

  • Land / Region: Frankreich, Nouvelle-Aquitaine, Département Charente
  • Arrondissement / Kanton: Angoulême / Tude-et-Lavalette
  • Lage: rund 40 km südsüdöstlich von Angoulême, zwischen Lizonne und Dronne
  • Einwohner: 784 (Stand: 1. Januar 2023)
  • Höhe: 45 bis 134 m
  • Postleitzahl: 16390
  • INSEE-Code: 16350

Geschichte

Im Ort steht die Kirche Saint-Séverin. Überregional bekannt wurde die Gemeinde durch einen Meteoriten: Am 27. Juni 1966 gingen hier Bruchstücke mit zusammen 271 Kilogramm nieder, das größte wog 113 Kilogramm. Der Fall ereignete sich um 15:40 Uhr Ortszeit (14:40 UTC); es handelt sich um einen gewöhnlichen Chondriten vom Typ LL6, dessen Hauptmasse im Pariser Naturkundemuseum liegt. Seit 1973 besteht eine Partnerschaft mit dem belgischen Saint-Séverin-en-Condroz.

Stand: 16.10.2026

Schwerpunktthema: Severin (Kroatien)

Severin ist eine kleine Gemeinde in der Gespanschaft Bjelovar-Bilogora im Norden Kroatiens – hier die wichtigsten Daten im Überblick.

Severin (Kroatien) in Zahlen

  • Land / Gespanschaft: Kroatien, Gespanschaft Bjelovar-Bilogora
  • Einwohner: 702 in der Gemeinde, davon 449 im Hauptort (Volkszählung 2021)
  • Fläche: rund 25,9 km²
  • Ortschaften: Severin und Orovac
  • Postleitzahl: 43274
  • Vorwahl: +385 43

Geschichte

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Severin zum Komitat Bjelovar-Križevci im damaligen Königreich Kroatien-Slawonien. Bei der Volkszählung 2011 hatte die Gemeinde noch 877 Einwohner, die große Mehrheit davon Kroaten.

Stand: 16.10.2026

Was ist Brevitas et Facilitas?

Brevitas et Facilitas ist lateinisch und heißt „Kürze und Leichtigkeit“. Mit diesen beiden Begriffen wird beschrieben, wie der Reformator Johannes Calvin die Bibel auslegte: knapp, beim Thema bleibend und für die Leser gut verständlich.

Calvin selbst erläuterte diesen Anspruch in der Widmung seines Kommentars zum Römerbrief. Er grenzte sich damit von zwei Vorbildern ab, mit denen er nicht zufrieden war: von der nach Themen geordneten Methode Philipp Melanchthons und von den sehr ausführlichen Kommentaren Martin Bucers. Beeinflusst war sein Ideal von antiken Rednern und Rhetoriklehrern wie Aristoteles, Cicero und Quintilian sowie vom Kirchenvater Johannes Chrysostomus, er selbst sah die Begründung aber in der Bibel.

Theologen wie Richard Muller weisen darauf hin, dass das Prinzip vor allem für Calvins schriftliche Kommentare gilt. In seinen Predigten legte er dieselben Bibelstellen oft drei- bis viermal so ausführlich aus.

Stand: 16.10.2026