Die Android Probleme

You Haven't Even Seen My Bad Side YetAndroid ist unbestritten das derzeit erfolgreichste mobile Betriebssystem. Betrachtet man meine wöchentliche Zusammenfassung der Nutzung mobiler Betriebssysteme in Deutschland, liegt es derzeit schon bei über 60%. iOS hat etwas über 33% Anteil, Windows Phone knapp über 2% und alle anderen zusammen – darunter fallen auch Blackberry und Symbian – liegen bei 3%. Nochmals ausgeprägter ist das Bild bei den Neuverkäufen, bei denen Android aktuell um die 80% liegt, iOS um die 13% und Windows Phone bei ca. 6%.

Dennoch erscheinen viele Apps nach wie vor zuerst für Apples iPhone, obgleich die Nutzerbasis inzwischen kleiner ist. Jürgen Vielmeier ist dem „iOS First Phänomen“ auf dem Grund gegangen. Einer der Gründe ist, dass es eben viel leichter sei, für iOS zu entwickeln, als eine gute Android-App zu bringen, die möglichst viele verschiedene Betriebssystem-Versionen und Hardware-Ausstattungen abdecken muss. Damit dauert es eben auch länger, eine App für das Google OS herauszubringen. Ein aktuelles Beispiel ist die Zugradar App der DB, die im Oktober für das iPhone und erst im Dezember für Android erscheinen soll. Interessanterweise soll der Windows Phone Ableger der Bahn App schon zeitgleich mit der iPhone Version erscheinen – eben weil Microsoft hier ein ähnlich konsistentes Umfeld bietet wie Apple.

In diesen Kontext passt übrigens auch, dass Apples App Store noch mehr als doppelt soviel umsetzt wie Googles Play Store. Apple Nutzer können eben auch sicherer sein, ein zufriedenstellendes „App-Erlebnis“ zu haben. Denn auch aktuellen High-End Androiden wie Samsung Galaxy S4 oder das HTC One kommt es immer wieder zu Rucklern und kleinen Aussetzern. Und läuft eben längst nicht so smooth wie iOS. Selbst ein Windows Phone der Einsteigerklasse wie das Nokia Lumia 520 muss sich hinter den vielfach teureren Android Flaggschiffen diesbezüglich nicht verstecken.

Hier liegt – neben der erwähnten Fragmentierung der Plattform – ein weiteres grundsätzliches Android Problem. Das Betriebssystem ist in seiner aktuellen Version unheimlich anspruchsvoll, was Hardware-Ressourcen angeht. So läuft es leidlich auf Quadcore und Octacore Prozessoren mit 2 GB RAM, während iOS und Windows Phone hier deutlich geringere Anforderungen haben – das auch schon genannte Lumia 520 bietet gute Performance mit einem 1 GHz Dualcore Prozessor, der auf 512 MB RAM zurückgreifen kann. Sicher, ältere Android Versionen laufen auch mit einfacherer Hardware und werden daher im Low-End Segment nach wie vor eingesetzt, was aber gerade wieder zur Fragmentierung beiträgt. Viele aktuelle und anspruchsvolle Apps laufen auf Einsteiger-Androiden gar nicht oder nur sehr unbefriedigend. Käufer günstiger Windows Phone 8 Geräte und des künftigen Billig-iPhone 5C haben mit solchen Problemen nicht zu kämpfen.

Die steigenden Hardware-Anforderungen sind auch einer der Gründe, warum die Update-Politik der meisten Android-Hersteller höchst unbefriedigend ist. Kauft man ein Android Smartphone, kann man nicht sicher sein, dass es die nächsten Betriebssystem-Updates erhält. Daran haben aber auch die individuellen Oberflächen der Hersteller wie z.B. Samsungs TouchWiz oder HTCs Sense einen nicht unerheblichen Anteil, da diese den Aufwand, Updates anzupassen, wesentlich erhöhen bzw. wie z.B. beim HTC Desire HD unmöglich machen. Ganz zu schweigen davon, dass diese alternativen Oberflächen weiter zur Fragmentierung der Plattform beitragen.

Schließlich hat Android ein Sicherheitsproblem. Fast 80% mobiler Malware zielt auf das Betriebssytem. Nur 0,7% attackieren iOS, lediglich 0,3% Windows Phone. Sicher, einer der Gründe dafür ist, dass Android eben das inzwischen am meisten verbreitete mobile OS ist. Doch bietet es auch mehr Lücken als die geschlosseneren Systeme von Apple und Microsoft.

Android zeigt uns also zusehends seine schlechte Seite.

Auf der anderen Seite ist Google zusehends bemüht, diese schlechten Seite abzustellen. Insbesondere ist man bemüht, die Hersteller dazu zu bringen, Smartphones mit unmodifiziertem Android herauszubringen. So kann man dem Update-Problem begegnen und liefert gleichzeitig eine einheitlichere Nutzererfahrung.

Generell gehe ich aber davon aus, dass künftige Android Versionen auch höhere Anforderungen an die Hardware stellen werden. Mit der Konsequenz, dass der Markt preisgünstiger Smartphones dann wohl eher Windows Phone und anderen Betriebssystem überlassen wird. Ob das dann aber langfristig für 80% reicht, ist die Frage.

Bild (c) Allposters

One comment

  1. Tamás Lányi

    Hallo Severin,

    sehr fundierter Beitrag. Ich habe übrigens aktuell alles im direkten Vergleich und komme zu ähnlichen Einschätzungen. Diese sind:

    1) Android ist durch die inkonsistente Bedienungsstrutur das derzeit am wenigsten komfortable mobile OS. Besonders nervig finde ich die diversen Einstellungsmöglichkeiten für einzelne Apps und kleine dumme Funktionseinschränkungen, wo man merkt, das oft kein auf maximale Usability fokussiertes Gehirn dahinter steckt. Manager, in APP und sonstwo… einstellen… unglaublich. Dennoch findet Android Verbreitung, weil vor allem die billigen Geräte damit ausgestattet werden. Das wird dem Image von Android auf Dauer nach meiner Ansicht schaden und die oft billige Haptik der Samsung-Geräte auch.

    2) Das iPhone ist vor dem Hintergrund der Funktions- und APP-Fülle das bisher konsistenteste System und es verwundert nicht, dass es so einen bahnbrechenden Erfolg feiern konnte. Die Schwäche ist aber iTunes und die Käfighaltung der Benutzer und darin besteht auch das größte und IMHO einzige Risiko zu scheitern, denn Image und Eindruck sind sonst positiv.

    3) Das was Nokia derzeit mit dem Lumia 925 auf dem Markt hat, ist ein großer Schritt für Microsoft und für das Businessumfeld ist es meiner Meinung nach Besser geeignet und ausgelegt als das iPhone. Das Navi ist super und die meisten Apps funktionieren auch gut. Vor allem ist es perfekt geeignet für Leute, die Telefonieren, Mailen und phantastisch Photographieren wollen, ohne viele Spielereien und Schnickschnak mit einem aufgeräumt bedienbaren Betriebssystem mit einer sehr ausgereiften Telefon-Hardware von Nokia. Es hängt jetzt davon ab, wie stabil die Apps werden und wie gut es Nokia schafft, sein Telefon Know-How zu integrieren. Hier hapert es stellenweise noch ein wenig. Was ich mit dem iPhone nie hatte, passierte schon am ersten Tag: Die PC-Software ist beim Katalogisieren meiner Musikbibliothek abgestürzt und somit nahegelegt, doch wieder iTunes zu verwenden. Hier müsste Microsoft IMHO zukaufen, zum Beispiel ein Tool wie Winamp statt (nur) iTunes zu unterstützen. Das Multitasking könnte auch noch etwas ausgereifter sein.

    Viele Grüße,
    Tamas

Kommentar verfassen