Die Großmütter und die Marmelade – eine Euro-Parabel

Strawberry JamOma Meier, Oma Huber und Oma Jensen waren Nachbarinnen. Nicht nur das, sie waren auch begeisterte Marmeladenköchinnen. Jedes Jahr, wenn die Erdbeeren die richtige Reife hatten, begannen sie, in vielen kleinen Töpfen Erdbeermarmelade zu kochen. Leider dauerte das immer sehr lange und das Hantieren mit den vielen kleinen Töpfen war sehr umständlich. Längst waren sie nicht so schnell wie ihre Cousine, Grandma Washington.

Daher beschlossen die drei, sich einen Schnellkochtopf zu kaufen. Keinen zu großen. Sondern einen, den sie gut im Griff hatten und bei dem Sie den Druck gut regulieren konnten. Und sollte doch etwas schief gehen, war es nicht schlimm – sooo viele Erdbeeren passten nun auch nicht hinein, so dass sich der Verlust in Grenzen hielt. Und es war kein Problem, sich untereinander mit Erdbeeren auszuhelfen. Das Marmeladekochen fiel ihnen viel leichter und die drei Großmütter waren glücklich. Auch als sich Ihnen noch Oma Schultze anschloss, ging alles gut.

Eines Tages jedoch kamen Grand-Mère Dubois und Nonna Antonelli bei den Marmeladenköchinnen vorbei. Sie brachten vor, dass ja alles schön und gut sei, wie es ist, doch Grandma Washington sei immer noch die größte Marmeladenköchin der Welt und das müsse doch nicht sein. Solle man sich nicht mit weiteren Großmüttern zusammentun und einen riesigen gemeinsamen Schnellkochtopf kaufen? Man könne dann genau so gut Marmelade machen wie Grandma.

Gesagt getan, man rief viele weitere Großmütter dazu und beschloss, sich zusammen zu tun. Fast alle waren begeistert. Nur wenige wie Granny Major und Bedstemor Høeg hatten Bedenken und blieben bei ihren eigenen Schnellkochtöpfen.

Die anderen kauften sich einen riesigen Schnellkochtopf, groß genug, um die Erdbeerernte von allen Großmüttern an einem Tag auf einmal zu Marmelade zu verkochen.

Und so kamen Sie eines Tages im Mai zusammen, und jeder hatte seine Erdbeeren dabei. Was sie dabei in ihrer Begeisterung nicht merken wollten: die Erdbeeren, die die Großmütter aus ihren verschiedenen Gärten zusammenbrachten, waren unterschiedlich reif. Die einen waren gerade richtig, andere setzten schon Schimmel an, während wieder andere noch grün waren. Man munkelt sogar, dass einige Großmütter schöne reife Erdbeeren oben in ihre Körbchen legten und darunter nur Holzwolle und schlechte Früchte. Aber so genau sah niemand hin.

So landeten alle Erdbeeren (und Holzwolle?) in dem riesigen Schnellkochtopf. Doch schon bald begannen die Probleme. Die verschiedenen Früchte passten einfach nicht zusammen. Im Topf rumpelte es und brodelte es und es baute sich ein gewaltiger Druck auf. Doch die Großmütter kannten sich mit so einem großen Schnellkochtopf nicht aus und waren sich nicht einig, was sie machen sollten – mehr Hitze oder weniger? Druck ablassen oder mehr Druck aufbauen? Und während Sie so diskutierten, die einen am Temperaturregler zerrten und die anderen am Druckventil, die einen nach links, die anderen nach rechts, gab es eine gewaltige Detonation…

Ich habe immer nach dem passenden Bild gesucht, die beiden wesentlichen Grundprobleme des Euro zu veranschaulichen: die unterschiedlich weit entwickelten nationalen Wirtschaften (Erdbeeren) und die Unmöglichkeit, diese nationalen Wirtschaften durch Wechselkursanpassungen zu steuern (riesiger Schnellkochtopf). Wenn nun gesagt wird, wir hätten eine Schuldenkrise und keine Euro-Krise ist das im Grundsatz richtig. Die gemeinsame Währung hat aber Europa zahlreiche Regelungsinstrumente genommen, auf nationale Wirtschaftsprobleme zu reagieren. Vielmehr wirken sich durch die gemeinsame Währung  nationale wirtschaftliche Probleme direkt auf den gesamten Euro-Raum aus. Insoweit ist die derzeitige Krise also sehr wohl eine Euro-Krise. 

Bild: (c) Allposters

12 Antworten auf „Die Großmütter und die Marmelade – eine Euro-Parabel“

  1. Mir fehlt hier noch ein wichtiger Punkt: Die Omis haben sich immer mehr Erdbeeren bei fremden Bauern geliehen um mehr Marmelade zu machen und um bei Ihren Enkeln beliebt zu sein. Diese Bauern wollen jetzt aus dem Schnellkochtopf die fertige Marmelade pfänden, egal welche Oma wieviel Erdbeeren hineingeworfen hat. Jede Oma will natürlich noch genug Marmelade für Ihre Enkeln übrig haben um weiter beliebt zu sein. Sie streiten sich. Irgendwann kommt ein Wanderer vorbei, sieht die streitenden Omas und fragt sie: “Wer hat mit dem Streit angefangen?” Die Omas versuchen in Ihren Sprachen zu erklären, welche Oma was alles falsch gemacht haben. Dem Wanderer ist es aber zuviel Mühe sich mit den ganzen Details zu beschäftigen. Ein Wort hört er aber immer wieder raus, dass in allen Sprachen gleich ist: “Schnellkochtopf”. Er zieht eine Pistole und erschießt den Schnellkochtopf. “So, Problem gelöst.” sagt er und wandert weiter. Da der Schnellkochtopf nun kaputt ist, füllen die Omis die halbfertige Marmelade wieder in ihre eigenen kleine Töpfe und kochen Sie fertig. Kaum ist die Marmelade fertig kommen die Bauern und pfänden die Marmelade. Die Omas wehren sich und sagen “Wieso willst du die Marmelade, der Schnellkopftopf ist doch erschossen worden?”. Der Bauer schaut sie an und sagt “Was interessiert mich euer Schnellkochtopf? Erdbeeren gegen Marmelade war der Deal und es ist mir völlig wurscht in welchen Topf du sie gekocht hast”.

    1. …sehr schön weitererzählt und mit Details ausgestattet. Die Lösung wird aber leichter fallen, wenn der Schnellkochtopf kaputt ist.

      Denn dann kann man sagen: Insolvenz. Und in der gilt ein Vollstreckungsverbot. Also nichts mit pfänden.

  2. severint: Jetzt mal im Ernst. Wenn Deutschland nicht selbst am Finanztropf hängen würde und nicht so vom Export an die Nachbaarstaaten abhängig wäre – dann wäre Artikel 125 angewendet worden! Da kannst du sagen was du willst! Frau Merkel macht sich nicht zum Feindbild der eigenen Wähler und des südeuropäischen Volkes um einen Schnellkochtopf zu retten. Es geht um unseren eigenen Arsch. Nur deshalb wurd Artikel 125 ausgehebelt und umgangen. Um es nochmal klar zu sagen: Ich hätte ihn angewendet und die Pyramide einstürzen lassen.

    1. @Ralf – wir waren schon vor dem Euro eine Exportnation. Da ist eine Währung kein echtes Hindernis. Das Problem ist doch, dass nicht geschehen soll, was in der Vorstellungswelt der Politik nicht sein darf…

      Und der von Dir kritisierte Schuldenberg wird doch gerade durch die Rettungsmaßnahmen immer weiter aufgehäuft.

  3. @sevint: Mit “# Das Problem ist doch, dass nicht geschehen soll, was in der Vorstellungswelt der Politik nicht sein darf… #” kannst du natürlich jede Diskussion beenden.

    Ja, die Rettungsmaßnahmen werden den Schuldenberg noch weiter anhäufen.

    Daher hätte ich ja auch Artikel 125 angewendet.

    Aber ich bin wenigstens so ehrlich den Leuten zu sagen, dass das eine knallharte Bruchlandung wird, wie sie von den unter 65 Jährigen noch keiner erlebt hat.

    Viele D-Mark Fans glauben, dass Benzin und Nutella mit der D-Mark wieder billiger wird. Das ist aber nicht so. Die Welt wird nicht schöner mit nem anderen Kochtopf.

    1. Ich sehe das Problem, dass die Rettungsmaßnahmen so lange zum Scheitern verurteilt sind, wie wir keine einigermaßen einheitliche Wirtschaftsleistung in Europa haben und keine Wirtschaftsregierung.

      Ersteres ist kurzfristig illusorisch, zweites zwar denkbar aber mit deutschem Verfassungsrecht nur schwer vereinbar. Wahrscheinlich bräuchten wir ein neues GG (Art. 146).

      Natürlich wird es ein harter Schlag – aber den wird es so oder so geben.

  4. Du brauchst keine einheitliche Wirtschaftsleistung. Hier in dem Haus wohnen 6 Leute friedlich miteinander, und jeder verdient unterschiedlich viel. Du musst den Franzosen nicht das Baguette wegnehmen und nicht den Italienern die Mittagspause. Es müsste sich nur jeder an die vereinbarten Regeln halten. Deutschland hat sich mit 8 weiteren Staaten nicht dran gehalten und viel mehr Schulden gemacht als vereinbart war. Jetzt haben wir den Salat. Oder die Marmelade…

    PS: Die Rettungsmaßnahmen sollen ja nur Zeit gewinnen. Aber wenn sich an der Schuldenpolitik nichts ändert hilft die Zeit gar nichts und alles wird nur noch schlimmer.

    1. Ja, aber diese 6 Leute teilen sich nicht eine Kreditkarte… dann passiert nämlich genau das, was derzeit auf größerer Ebene passiert.

      Und die Rettungsmaßnahmen dienen ja eben nur dazu, mit viel Geld (Schulden) das Machen neuer Schulden zu ermöglichen.

  5. Wir sind ja nicht gezwungen unsere Kreditkarte zu teilen. Dafür gibt es ja Artikel 125.

    Und ja, mit dem ESM sollen die Länder weiter Schulden machen können und nicht sofort untergehen. Mit der “Hoffnung” dass sie durch die gewonnene Zeit die Möglichkeit haben ihre Schulden abzubauen. Offensichtlich glauben die Politiker, dass sie sich da irgendwie durchwurschteln können. Ich sehe das auch skeptisch, wie ich ja auch hier beschrieben habe:

    https://www.facebook.com/notes/ralf-schmitz/der-domino-effekt-nachbarstaaten-retten-oder-nicht/3995927213303

    Mir ist aber immer noch wichtig, dass auch die ESM/ESFS/Euro Gegner die Bevölkerung darauf hinweisen, dass der Artikel 125 auch zur Katastrophe geführt hätte. Und zwar ohne Zeitlimit. Die Bevölkerung darf auch von den ESM Gegnern nicht getäuscht werden.

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