Der Mund ist die Eingangspforte des Körpers, und entsprechend viel gerät hinein: Fischgräten, Drahtborsten von Grillbürsten, Zahnstocher, Piercingschmuck, abgebrochene Zahnfragmente, Kronen, Prothesen und gelegentlich auch Instrumente aus der Zahnarztpraxis. Meist bemerkt man den Fremdkörper sofort und wird ihn rasch wieder los. Die Fachliteratur kennt aber auch Fischgräten, die monatelang in der Zunge stecken und für Krebs gehalten werden, Kanülen, die vom Zahnfleisch bis in den Hals wandern, und Zahnkronen, die zwei Jahre unbemerkt in der Lunge liegen. Diese Liste sammelt solche Fälle.
Dies ist der zweite Teil der Liste über Verletzungen und Fremdkörper an Mund, Zunge und Zähnen, eine Sammlung medizinisch dokumentierter Fälle aus der Fachliteratur. Der erste Teil, Liste: Verletzungen und Fremdkörper an Mund, Zunge und Zähnen, medizinisch dokumentiert, ist auf großes Interesse gestoßen, und die Literatur gibt noch viel mehr her: Blutegel, die sich am Zungengrund festsaugen, Wurzelfüllmaterial, das in den Nervenkanal des Unterkiefers gepresst wird, Gazetupfer, die sieben Jahre lang in einem Zahnfach liegen, Knoblauch, der die Mundschleimhaut verätzt, und Unterspritzungen der Lippe, die bis zur Erblindung führen können. Alle Fälle in diesem Teil sind neu; keine Quelle aus dem ersten Teil wird wiederholt.
Zur Einordnung: Ein Fremdkörper im Mund wird in der Diagnosesystematik unter T18.0 verschlüsselt, ein bei einem Eingriff versehentlich zurückgelassener Fremdkörper unter T81.5. Weitere Codes sammelt die Liste: Alle ICD-10 Codes im Blogmagazin. Was sprachlich hinter einzelnen Begriffen steckt, erklären die Beiträge Was bedeutet Fischgräte? und Was bedeutet Zahnstocher?.
Auch dieser Teil beruht ausschließlich auf veröffentlichter medizinischer Fachliteratur; ausgewertet wurden die Zusammenfassungen der Aufsätze in PubMed. Die Quellen stehen jeweils in Klammern und am Ende ausführlich mit PubMed-Nummer. Gewalt- und Kriminalfälle sind bewusst nicht enthalten, ebenso wenig Fälle, bei denen erkennbare Personen betroffen wären. Fälle bei Kindern kommen nur kurz, ohne Einzelheiten zur Person oder statistisch vor. Alle Angaben sind nüchtern gehalten und ersetzen keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung. Eng verwandt sind die Liste: Verletzungen und Fremdkörper in Rachen und Speiseröhre, medizinisch dokumentiert, die Liste: Verletzungen und Fremdkörper in Magen und Darm, medizinisch dokumentiert und die Liste: Verletzungen und Fremdkörper in Haut und Weichteilen, medizinisch dokumentiert; wer sich für Fremdkörper an anderen Stellen des Kopfes interessiert, findet sie in der Liste: Verletzungen und Fremdkörper in der Nase, medizinisch dokumentiert, der Liste: Verletzungen und Fremdkörper im Ohr, medizinisch dokumentiert und der Liste: Verletzungen und Fremdkörper im Auge, medizinisch dokumentiert.
Geschichte 1: Ein Essstäbchen bis ins Gehirn
Eine 38-jährige Frau stürzte beim Essen und fiel dabei auf ein Essstäbchen, das sie gerade im Mund hatte. Das Stäbchen bohrte sich durch den Mundrachen, drang durch das Hinterhauptsbein im Bereich des Foramen jugulare, einer natürlichen Öffnung der Schädelbasis, in die hintere Schädelgrube ein, durchstieß das Kleinhirnzelt und hinterließ eine abgebrochene Spitze im Hinterhauptslappen des Gehirns. Mit dreidimensionalen CT-Rekonstruktionen ließ sich der Verlauf genau darstellen; die Gefäßdarstellung zeigte, wie nahe das Stäbchen an der Halsschlagader und den großen Halsvenen lag. Die Neurochirurgen holten das hintere Stück über eine Öffnung am Hinterkopf und das vordere über einen zweiten Zugang hinter dem Ohr heraus. Für den Fall einer Blutung hatten sie vorab alle großen Gefäße in der Nähe gesichert. Die Autoren betonen, dass ein solches Eindringen durch die dicke Schädelbasis selten ist und eine sorgfältige Planung mit Bildgebung entscheidend war (Hettige 2010).
Geschichte 2: Die Zyste, die ein Tupfer war
Eine 42-jährige Frau aus der Schweiz kam in eine Klinik, um sich einen Backenzahn im rechten Unterkiefer ziehen zu lassen. Sieben Jahre zuvor war ihr auf derselben Seite der Weisheitszahn entfernt worden. Danach hatte sie ein halbes Jahr lang Schmerzen und das Gefühl, dass dort etwas Fremdes sei. Auf dem Röntgenbild zeigte sich im ehemaligen Zahnfach des Weisheitszahns ein scharf begrenzter, ovaler, dunkler Bereich, der wie eine zurückgebliebene Zyste aussah. Bei der geplanten Operation fand sich jedoch keine Zyste, sondern Gaze, also Material eines Tupfers. Unter dem Mikroskop zeigte sich eine Fremdkörperreaktion um die Gazefasern, ein sogenanntes Gossypibom. Nach Angaben der Autoren war es erst der zweite beschriebene Fall nach einer Operation im Mund. Sie empfehlen Tupfer mit röntgendichten Markierungen und gründliches Spülen des Zahnfachs (Sigron 2011).
Blutegel und Fliegenmaden
- Eine 34-jährige Frau in Nepal hatte eine Woche lang Halsbeschwerden und Schluckstörungen, nachdem sie Flusswasser getrunken hatte; zwölf Stunden nach der Aufnahme sahen die Ärzte einen Blutegel am Zungengrund, der bei mehreren Versuchen entwischte und in die Luftröhre wanderte, wo er zwei Zentimeter oberhalb der Gabelung in Narkose mit einem starren Bronchoskop entfernt wurde (Pandey 2025)
- Eine 70-jährige Frau, die wegen einer künstlichen Herzklappe blutverdünnendes Warfarin nahm, kam mit Beschwerden hinter dem Brustbein in die Notaufnahme; dort kam ein Blutegel von selbst aus ihrem Mund heraus, die Beschwerden verschwanden, und die Spiegelung zeigte die frühere Saugstelle in der unteren Speiseröhre ohne schwere Blutung (Figueiredo 2017)
- Eine 67-jährige Frau mit gestreutem Eierstockkrebs, die gerade eine Chemotherapie erhielt, hatte lebende Maden im Mund; sie wurden entfernt, die Wunde versorgt und Antibiotika gegeben (Singh 2023)
- Bei einer 82-jährigen Frau in der Türkei entwickelte sich ein Madenbefall des Zahnfleischs auf einem Mundhöhlenkrebs; die Larven gehörten zur Gattung der Fleischfliegen (Yücesan 2021)
- Bei einem 40-jährigen Patienten wurden Larven der Schraubenwurmfliege im vorderen Oberkiefer gefunden, von Hand entfernt und die Wunde chirurgisch gereinigt (Jimson 2013)
Zähne, Zäpfchen und Gaumen in der Narkose
- Zahnschäden durch das Einführen des Beatmungsschlauchs waren der Grund für ein Drittel aller bestätigten oder möglichen Schadensmeldungen aus der Anästhesie, die zwischen 1977 und 1986 bei einer britischen Haftpflichtorganisation für Ärzte eingingen (Chadwick 1996)
- In einem Register mit 14.820 Narkosepatienten fanden sich 101 Zahnschäden; nur ein Viertel hing direkt mit dem Einführen oder Entfernen des Beatmungsschlauchs zusammen, die meisten anderen entstanden nach der Operation; lange Narkosen und Notoperationen erhöhten das Risiko (Kotani 2022)
- Eine Übersicht zu Erwachsenen bestätigt, dass vor allem die oberen mittleren Schneidezähne betroffen sind, besonders wenn sich das Laryngoskop auf ihnen abstützt und die Zähne vorgeschädigt sind (Neto 2023)
- Ein 22-jähriger Mann hatte vier Tage nach einer Vollnarkose ein abgestorbenes Zäpfchen (Evans 2009)
- Ein anderer 22-jähriger Mann bekam nach einer Schulteroperation mit Beatmungsschlauch starke Halsschmerzen, Schluckschmerzen und Würgegefühl; das Zäpfchen war gerötet und teilweise abgestorben, die Behandlung bestand aus Schmerzmitteln und Eisstückchen (De Freitas 2023)
- Ein 19-jähriger Mann hatte nach einer Magenspiegelung vier Tage lang starke Halsschmerzen und Fremdkörpergefühl; das Zäpfchen war abgestorben, vermutlich eingeklemmt zwischen Endoskop und hartem Gaumen, und heilte ohne Operation ab (AlMomen 2021)
- Zwei Patienten im Alter von 30 und 38 Jahren hatten nach langer Beatmung auf der Intensivstation einen erworbenen Spalt im weichen Gaumen, mit Sprachstörung und Rückfluss von Nahrung in die Nase; beide wurden erfolgreich operiert (Lee 2014)
Wurzelfüllmaterial im Nervenkanal
- Bei einer 43-jährigen Frau wurde bei einer Wurzelbehandlung des zweiten unteren Backenzahns so viel Füllmaterial in den Unterkieferkanal gedrückt, dass er zu mehr als der Hälfte verengt war; Unterlippe und Kinn waren nach zwei Monaten noch völlig taub; nach einer operativen Entlastung des Nervs kehrte das Gefühl innerhalb von drei Monaten zurück, der Zahn blieb erhalten (Bastien 2017)
- Bei einem anderen Fall breitete sich Wurzelkanalsealer in und entlang des Unterkieferkanals aus; Taubheit von Lippe und Zahnfleisch besserten sich, die Gefühlsstörung im Bereich des Kinnnervs bestand aber noch nach dreieinhalb Jahren (González-Martín 2010)
- Eine 23-jährige Frau hatte nach einer Wurzelbehandlung mit einem biokeramischen Sealer, der bis in den Unterkieferkanal gelangt war, ein dauerhaftes Taubheitsgefühl an Lippe und Kinn, das sich auch nach einem Jahr kaum besserte und ihre Lebensqualität beeinträchtigte (Alves 2020)
- Eine 42-jährige Frau hatte nach einer Wurzelbehandlung fünf Tage lang heftige Schmerzen und Gefühlsstörungen; im Unterkieferkanal lag Sealer; sie wurde mit Entzündungshemmern behandelt, nach zwei Monaten war sie beschwerdefrei, und nach 30 Monaten hatte sich das Material teilweise aufgelöst (Froes 2009)
- Drei Fälle mit Kalziumsilikat-Sealer im Unterkieferkanal verliefen ganz unterschiedlich: einmal verschwanden die Beschwerden nach neun Monaten, einmal bestanden Taubheit und Schmerzen beim Essen noch nach 22 Monaten, einmal traten gar keine Beschwerden auf (Stanley 2023)
- Eine 1,5-prozentige Natriumhypochloritlösung, die in einer Betäubungskarpule aufbewahrt wurde, wurde einer 56-jährigen Frau versehentlich statt des Betäubungsmittels in die Wangenschleimhaut gespritzt; es kam zu abgestorbenem Gewebe, einer hängenden Lippe und Taubheit, die noch drei Jahre später bestand (Motta 2009)
- Eine systematische Auswertung fand 52 veröffentlichte Fallberichte über Natriumhypochlorit, das bei Wurzelbehandlungen über die Wurzelspitze hinaus ins Gewebe gelangte, erschienen zwischen 1974 und 2015 (Guivarc’h 2017)
Verlagerte Weisheitszähne und Wurzelreste
- Eine Übersicht über 50 Arbeiten zeigt: Weisheitszähne aus dem Oberkiefer werden beim Ziehen am häufigsten in die Fossa infratemporalis gedrückt, eine tiefe Region seitlich am Schädel, solche aus dem Unterkiefer am häufigsten unter den Mundboden; Frauen waren doppelt so oft betroffen wie Männer (Crespo Reinoso 2024)
- In Barcelona wurden von 2000 bis 2010 sechs Patienten behandelt, bei denen eine Wurzel eines unteren Weisheitszahns unter die Zunge gerutscht war; vier blieben mit dem Wurzelrest beschwerdefrei, bei den beiden nachoperierten Patienten kam es zu vorübergehenden Nervenstörungen (Aznar-Arasa 2012)
- Bei einem 28-jährigen Mann verschwand beim Ziehen eines Weisheitszahns plötzlich die Wurzel; der Zahnarzt nahm an, sie sei abgesaugt worden; drei Monate später spürte der Mann einen Fremdkörper im Hals, das CT zeigte die Wurzel tief im Gewebe neben dem Unterkieferast; nach der Entfernung war die Zunge vorübergehend taub (Huang 2007)
- Eine türkische Klinik beschreibt 13 Patienten mit Zähnen oder Zahnteilen, die in benachbarte Gewebsräume verlagert worden waren, und deren operative Bergung vom Mund aus (Bozkurt 2017)
Luft unter der Haut nach der Zahnbehandlung
- Eine Frau bekam während des Ziehens eines Backenzahns plötzlich Atemnot und eine Schwellung von Wange und Hals; Luft aus dem Hochgeschwindigkeitsbohrer war ins Gewebe und bis in den Brustraum gelangt; solche Fälle werden nach Angaben der Autoren in der Notaufnahme leicht für eine allergische Reaktion gehalten (Yang 2006)
- Bei einem Patienten drang Luft und Wasser aus einem luftgekühlten Turbinenbohrer bis unter die Haut, in den Brustraum, in den Raum zwischen Lunge und Brustwand und hinter das Bauchfell (Shackelford 1993)
- Bei einem Patienten wurden Luft unter der Haut und im Brustraum nach dem Ziehen eines unteren Weisheitszahns zufällig am nächsten Tag bei einer Routineuntersuchung entdeckt, ohne dass er Beschwerden hatte (Arai 2009)
- Eine 22-jährige Frau hatte 48 Stunden nach einer Zahnentfernung Schluckbeschwerden, Heiserkeit und ein Knistern unter der Haut von Hals und Brust (Brzycki 2021)
Komplikationen der Betäubungsspritze
- Bei einem 32-jährigen Patienten brach bei der Leitungsanästhesie im Unterkiefer die Kanüle ab; Tage später spürte er beim Bewegen des Halses ein Stechen; die Nadel war in den Hals gewandert, lag dicht an der Gesichtsarterie und wurde operativ entfernt (Queiroz 2016)
- Eine 20-jährige Frau bekam 24 Stunden nach einer Betäubung beim Zahnarzt eine Lähmung der linken Gesichtshälfte und konnte das linke Auge nicht schließen; die Lähmung bildete sich in etwa acht Wochen zurück (Tzermpos 2012)
- Eine 34-jährige Schwangere in der 35. Woche bekam zwei Stunden nach einer Leitungsanästhesie eine vollständige Gesichtslähmung der linken Seite; die Neurologen stellten eine Fazialisparese fest (Chevalier 2010)
- Ein 59-jähriger Mann bekam während einer Leitungsanästhesie Kopfschmerzen, Herzklopfen und wäre fast ohnmächtig geworden; das CT zeigte kleine Luftbläschen im Schläfenmuskel und in den Hirnvenen, vermutlich war Luft mit dem Betäubungsmittel in ein Gefäß gelangt (Gillespie 2020)
Zahnspangen: verschluckte und verirrte Teile
- Eine Übersicht über 19 Arbeiten zum Verschlucken kieferorthopädischer Teile nennt als häufigste Gegenstände Bänder für Backenzähne, Drahtstücke und Schlüssel zum Aufdrehen von Dehnplatten (Karamani 2022)
- Ein Patient verschluckte beim Essen ein abgebrochenes Stück seines Zahnspangendrahts (Hoseini 2013)
- Ein Stück kieferorthopädischer Draht lag fast zwei Jahrzehnte unbemerkt in der Kaumuskulatur und wurde zufällig auf einem Röntgenbild entdeckt (R 2023)
Unterspritzungen an Lippe und Kinn
- Bei einer 41-jährigen Frau starb nach einer Unterspritzung der Oberlippe mit Hyaluronsäure Gewebe ab, weil der Füller ein Gefäß verschlossen hatte; das auflösende Enzym Hyaluronidase half nur teilweise, mit weiterer Behandlung heilte die Lippe in vier Wochen ohne Narbe (Park 2025)
- Eine 31-jährige Frau erblindete nach einer Lippenunterspritzung mit Hyaluronsäure plötzlich auf einem Auge, weil der Füller die Augenarterie verschlossen hatte; trotz Notfallbehandlung blieb das Auge blind und musste einen Monat später wegen unbeherrschbarer Schmerzen entfernt werden (Diala 2026)
- Eine Fallserie beschreibt Patienten, bei denen nach einer Kinnunterspritzung mit Hyaluronsäure eine Hälfte der Zunge abzusterben drohte; mit hochdosierter Hyaluronidase erholten sich alle vollständig (Thanasarnaksorn 2023)
- Ein weiterer Fall nach einer Kinnunterspritzung betraf Haut am Kinn, Mundboden und Zunge; auch hier half Hyaluronidase (Zheng 2025)
- Nach einer Unterspritzung von Nase und Nasolabialfalte mit einem Gemisch aus Hyaluronsäure und Polymilchsäure starben Zahnfleischpapillen und die Schleimhaut einer Hälfte des harten Gaumens ab; dazu kam eine Zahnnervenentzündung (Li 2025)
- Eine 35-jährige Frau hatte nach einer Lippenvergrößerung mit flüssigem Silikon starke Rötung und Schwellung an Wangen und Hals und Unebenheiten, weil das Material gewandert war (Abtahi-Naeini 2018)
Verätzungen und Verbrennungen
- Ein 49-jähriger Mann legte gegen Zahnschmerzen zerdrückten rohen Knoblauch in die Umschlagfalte des Oberkiefers und verätzte sich dabei die Schleimhaut, die an der Stelle abstarb; nach Angaben der Autoren war es der zweite beschriebene Fall (Vargo 2017)
- Eine 57-jährige Frau legte Knoblauch an den Gaumen, um Schmerzen einer Trigeminusneuralgie zu lindern, und erlitt dort eine chemische Verbrennung (Tomo 2022)
- Bei einer älteren Frau löste sich die Mundschleimhaut großflächig ab; Ursache war wohl das gewohnheitsmäßige Kauen eines aspirinhaltigen Schmerzmittels (Fatahzadeh 2023)
- Eine 70-jährige Frau trank versehentlich etwa 20 Milliliter Natronlauge, einen Fettlöser, den sie für ein Getränk hielt; die Mundschleimhaut war ausgedehnt verätzt; nach sechs Monaten war sie vollständig genesen (Li 2024)
- Zwei Patienten verbrannten sich die Mundschleimhaut an Speisen aus der Mikrowelle, die ungleichmäßig erhitzt waren und innen sehr hohe Temperaturen erreichten (Wakefield 2009)
Graphit und Gaze: vergessene Fremdkörper
- Bei einem 62 Jahre alten Menschen fand sich am Gaumen eine Graphittätowierung als Spätfolge einer Bleistiftverletzung; Graphittätowierungen kommen bei jüngeren Menschen vor als Amalgamtätowierungen und lösen häufiger eine Fremdkörperreaktion aus (Moraes 2015)
- Bei einer 62-jährigen Frau sah ein Fleck am harten Gaumen aus wie ein blauer Nävus; bei der Gewebeprobe entstand eine Verbindung zur Kieferhöhle, man vermutete ein Melanom, doch es war ein Graphit-Fremdkörpergranulom, das den dünnen Gaumenknochen durchbrochen hatte (Tosiou 2024)
- In einem Fall mit Schmerzen, Schwellung, Eiter und einer Fistel ging man zunächst von einer zurückgebliebenen Zyste aus; tatsächlich war es eingekapselte, vergessene Operationsgaze (Bhogaraju 2022)
- Nach einer Kieferumstellungsoperation bekam ein Patient eine einseitige Mittelohrentzündung mit Erguss; Ursache waren Gazereste, die die Ohrtrompete beeinträchtigten (Park 2014)
- Eine Rachentamponade aus Gaze, die bei einer Kieferoperation den Atemweg schützen sollte, wurde während der Narkose verschluckt und endoskopisch aus dem Verdauungstrakt geholt (Iwai 2012)
Unfälle im Alltag und im Sport
- An einem britischen Traumazentrum wurden in den zwei Jahren nach der Zulassung von E-Scootern 32 Patienten mit 71 Verletzungen an Zähnen und Mund behandelt; meist waren die oberen mittleren Schneidezähne betroffen, bei den Weichteilen vor allem die Lippen, und gut die Hälfte der Unfälle waren Stürze ohne Fremdeinwirkung (Rashid 2024)
- Von 203 Patienten mit E-Scooter-Unfällen an einem US-Traumazentrum hatten 188 Verletzungen an Kopf und Gesicht, 25 davon an den Zähnen (Faraji 2020)
- Fast jeder fünfte Spieler der beiden höchsten Schweizer Handballligen, 19,7 Prozent, hatte in seiner Karriere eine Zahnverletzung, meist Kronenbrüche; nur 5,7 Prozent trugen einen Mundschutz (Petrović 2016)
- In einer Schweizer Befragung zu Gartentrampolinen waren 23 von 105 Unfällen Zahnverletzungen; die Zähne schlugen meist auf den Rahmen oder das eigene Knie, und springen mehrere Personen gleichzeitig, waren Zahnunfälle 3,6-mal häufiger (Wieland-Hess 2021)
- Ein Erwachsener verlor bei einem Fahrradunfall alle oberen Schneidezähne und einen unteren; vier wurden innerhalb von 20 Minuten in einer Zahnrettungsbox gesichert und noch am selben Tag wieder eingesetzt; sie hielten fast sechs Jahre (Eggmann 2024)
- Ein 29-jähriger Mann öffnete Bierflaschen gewohnheitsmäßig mit einem unteren Backenzahn; der Zahn entwickelte eine kombinierte Entzündung von Zahnnerv und Zahnhalteapparat (Ponnaiyan 2009)
- In den USA kamen von 2013 bis 2017 durchschnittlich 3.963 Menschen pro Jahr wegen Feuerwerksverletzungen an Kopf und Hals in die Notaufnahme, über 90 Prozent im Juli; der Mund war mit 2 Prozent selten betroffen (Mehta 2020)
- Eine Frau Anfang 30 wurde direkt am Kinn von einem großen Feuerwerkskörper getroffen und verlor die gesamte Unterlippe und das Kinngewebe; mit zwei Hautlappen vom Unterarm wurde beides wiederhergestellt (Talanker 2023)
- Ein 42-jähriger Mann hatte massiven Bluthusten; in einem Bronchus der Lunge steckte ein Zahnstocher, und ein Lungenlappen musste entfernt werden; er war ein Jahr zuvor betrunken mit dem Zahnstocher im Mund eingeschlafen (Misra 2011)
- Verschluckte Fischgräten können aus dem Rachen in den Hals wandern; in vier Fällen führte das zu wiederkehrenden Halsinfektionen über zwei Jahre, zur Verletzung der Gesichtsarterie, zu einem Bluterguss im Mundboden und zu einem Abszess hinter dem Rachen (Chung 2008)
- Ein Mann hatte sich die Zungenspitze selbst gespalten; seine Sprache blieb gut verständlich, nur leichte Verzerrungen bei S-Lauten fielen auf, die Beweglichkeit war durch Narben etwas eingeschränkt (Bressmann 2006)
Blutungen im Mundboden nach Implantaten
- Zwei Patienten bekamen nach dem Setzen von Implantaten im zahnlosen vorderen Unterkiefer eine Blutung in den Mundboden; der Bluterguss schob die Zunge nach hinten oben und verlegte den Atemweg, beide wurden über die Nase intubiert; die Blutung kam von selbst zum Stillstand (Sfondrini 2024)
- Eine Übersicht über solche Blutungen zeigt, dass meist der Bohrer die innere Knochenwand des Unterkiefers durchstößt und eine Arterie verletzt; in allen beschriebenen Fällen gelang es, den Atemweg zu sichern, es gab keine Todesfälle (Kalpidis 2004)
Kinder: kurz und statistisch
- Eine Literaturübersicht fand 14 Fälle, in denen Kinder die Zunge in einer Trinkflasche einklemmten, die meisten in Aluminiumflaschen mit Gewinde derselben Marke; im beschriebenen Fall musste die Flasche im Operationssaal mit Bohrern und Metallscheren aufgeschnitten werden (Pershad 2024)
- Zwei Kinder im Vorschulalter klemmten die Zunge ringsum in Trinkdeckeln aus Kunststoff ein und mussten in Narkose befreit werden (Selwyn 2022)
- In den USA kamen von 1997 bis 2012 geschätzt 1.042 Kinder mit elektrischen Verbrennungen im Mund in die Notaufnahme, etwa 65 pro Jahr; drei Viertel waren jünger als fünf Jahre, häufige Ursachen waren Kabel, Verlängerungskabel und Steckdosen (Umstattd 2016)
- Historische Zeitungsberichte aus Skandinavien beschreiben 113 Fälle von an kaltem Metall festgefrorenen Zungen; 96 Prozent betrafen Kinder, 40 Prozent froren an Geländern fest, die mittlere berichtete Temperatur lag bei minus 16,5 Grad (Jarmund 2026)
- Bei sechs Kleinkindern unter vier Jahren mit Pfählungsverletzungen im Mund durch Zahnbürste, Essstäbchen, Wasserpistole und Gabel half Ultraschall bei der Diagnose (Hosokawa 2023)
- In einer Studie in Damaskus hatten 16 Prozent der Kinder zwischen 4 und 13 Jahren nach dem Einführen des Beatmungsschlauchs Verletzungen an Zähnen oder Mund, meist an den Weichteilen (Al-Shiekh 2025)
- In einer landesweiten Befragung in Thailand hatte ein knappes Viertel der Zahnärzte erlebt, dass ein Kind bei der Behandlung etwas verschluckte, am häufigsten gezogene Zähne und Stahlkronen (Fuangtharnthip 2021)
Risiken
Viele der Fälle haben eines gemeinsam: Der Fremdkörper wurde zunächst übersehen oder für etwas anderes gehalten, etwa für eine Zyste (Sigron 2011), ein Melanom (Tosiou 2024) oder eine allergische Reaktion (Yang 2006). Schwere Folgen drohen vor allem, wenn eine Schwellung im Mundboden den Atemweg verlegt (Sfondrini 2024), wenn Material auf einen Nerv drückt (Bastien 2017) oder wenn ein Füller ein Gefäß verschließt (Diala 2026). Ältere und abwehrgeschwächte Menschen sind für Madenbefall anfälliger (Singh 2023), wer Blutverdünner nimmt, ist bei Blutegeln besonders gefährdet (Figueiredo 2017). Unsere Vermutung: Hausmittel wie Knoblauch oder zerkaute Schmerztabletten auf der Schleimhaut werden häufiger angewendet, als es die wenigen Fallberichte vermuten lassen.
Schnell zum Arzt: wann es dringend ist
Bei Atemnot, rasch zunehmender Schwellung von Zunge, Mundboden oder Hals, starker Blutung, plötzlicher Sehstörung nach einer Unterspritzung im Gesicht oder einem Knistern unter der Haut nach einer Zahnbehandlung ist der Notruf 112 richtig. Ärztlich oder zahnärztlich ansehen lassen sollten Sie auch eine Taubheit von Lippe oder Kinn, die nach einer Wurzelbehandlung nicht abklingt, eine Verfärbung oder Schmerzen nach einem Füller, einen Wurzelrest, der beim Zahnziehen verschwunden ist, und eine Wunde im Mund, die nach einigen Wochen nicht heilt. Tipps zur Zahnpflege gibt der Beitrag 10 Tipps, was man für die Gesundheit seiner Zähne machen kann.
So wird behandelt
Verlagerte Zahnteile werden mit CT oder digitaler Volumentomografie geortet und, wenn nötig, gezielt geborgen; kleine, beschwerdefreie Wurzelreste können manchmal einfach beobachtet werden (Aznar-Arasa 2012). Drückt Wurzelfüllmaterial auf den Nerv, kann eine frühe operative Entlastung helfen (Bastien 2017). Gefäßverschlüsse durch Hyaluronsäure werden mit Hyaluronidase behandelt (Thanasarnaksorn 2023). Blutegel lassen sich oft erst in Narkose lösen (Pandey 2025), Maden werden von Hand entfernt und die Wunde gereinigt (Jimson 2013). Bei einer Blutung im Mundboden steht die Sicherung des Atemwegs an erster Stelle (Kalpidis 2004).
Scham und Schweigepflicht
Manchem ist es unangenehm zu erzählen, dass er Knoblauch auf das Zahnfleisch gelegt, Bierflaschen mit den Zähnen geöffnet oder sich die Lippen hat unterspritzen lassen. Gerade solche Angaben führen aber oft zur richtigen Diagnose (Vargo 2017). Ärztinnen, Ärzte, Zahnärztinnen, Zahnärzte und Pflegekräfte unterliegen der Schweigepflicht, in Deutschland nach Paragraf 203 des Strafgesetzbuchs. Wer Schmuck im Mund trägt, findet sprachliche Hintergründe im Beitrag Was bedeutet Piercingträger?.
Wenn eine Verletzung oder ihre Folgen seelisch belasten, gibt es Hilfe: Die Telefonseelsorge ist in Deutschland rund um die Uhr und kostenlos unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 zu erreichen. Mehr zum Begriff gibt der Beitrag Was bedeutet Fremdkörper?.
Quellen
- Abtahi-Naeini B et al.: Filler migration and extensive lesions after lip augmentation: Adverse effects of polydimethylsiloxane filler. Journal of Cosmetic Dermatology, 2018. PMID 29316184
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- AlMomen HS et al.: Uvular Necrosis Following Esophagogastroduodenoscopy: A Case Report. The American Journal of Case Reports, 2021. PMID 34718321
- Alves FRF et al.: Permanent Labiomandibular Paresthesia after Bioceramic Sealer Extrusion: A Case Report. Journal of Endodontics, 2020. PMID 31889582
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- Bressmann T: Speech adaptation to a self-inflicted cosmetic tongue split: perceptual and ultrasonographic analysis. Clinical Linguistics & Phonetics, 2006. PMID 16428238
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- Fuangtharnthip P et al.: Accidental Swallowing of Dental Objects During Pediatric Dental Care in Thailand. Journal of International Society of Preventive & Community Dentistry, 2021. PMID 35036376
- Gillespie M, Gunsolly C: Intracranial Air Embolism after Inferior Alveolar Nerve Block: A Case Report. Clinical Practice and Cases in Emergency Medicine, 2020. PMID 33217299
- González-Martín M et al.: Inferior alveolar nerve paresthesia after overfilling of endodontic sealer into the mandibular canal. Journal of Endodontics, 2010. PMID 20647109
- Guivarc’h M et al.: Sodium Hypochlorite Accident: A Systematic Review. Journal of Endodontics, 2017. PMID 27986099
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Stand: 4. November 2026
