Der Gehörgang ist kurz, eng und gebogen, und am Ende sitzt das empfindliche Trommelfell. Genau das macht Fremdkörper im Ohr so unangenehm: Ein Insekt, das nachts hineinkrabbelt, ein abgebrochener Wattebausch, ein Stück Silikon vom Hörgeräteakustiker, ein Tropfen Sekundenkleber, der mit Ohrentropfen verwechselt wurde, oder eine Knopfbatterie aus dem Hörgerät. Manches lässt sich in Minuten entfernen, anderes führt zu Löchern im Trommelfell, Hörverlust oder in seltenen Fällen zu Komplikationen bis ins Gehirn.
Einen Eindruck von der Größenordnung geben Daten aus US-Notaufnahmen: Von 2008 bis 2012 wurden dort hochgerechnet 280.939 Besuche wegen eines Fremdkörpers im Ohr gezählt, 98,2 Prozent der Betroffenen konnten nach der Behandlung wieder nach Hause gehen. Am häufigsten war Schmuck mit 39,4 Prozent, bei Erwachsenen standen dagegen Wattestäbchen und Verbandsmaterial an erster Stelle (Svider 2015). In der Systematik der Diagnosen steht ein Fremdkörper im Ohr unter T16, Ohrgeräusche wie Tinnitus stehen unter H93.1. Weitere Codes sammelt die Liste: Alle ICD-10 Codes im Blogmagazin.
Die folgende Liste beruht ausschließlich auf veröffentlichter medizinischer Fachliteratur. Die Quellen stehen jeweils in Klammern und am Ende ausführlich mit PubMed-Nummer. Gewalt- und Kriminalfälle sind bewusst nicht enthalten, ebenso wenig Fälle, bei denen erkennbare Personen betroffen wären. Fälle bei Kindern kommen nur kurz und statistisch vor. Alle Angaben sind nüchtern gehalten und ersetzen keine ärztliche Beratung. Frühere Folgen der Reihe: Liste: Gegenstände, die als Fremdkörper im Enddarm medizinisch dokumentiert sind, Liste: Verletzungen und Fremdkörper am Penis, medizinisch dokumentiert, Liste: Verletzungen und Fremdkörper in der Vagina, medizinisch dokumentiert, Liste: Verletzungen und Fremdkörper in Harnröhre und Blase, medizinisch dokumentiert und Liste: Verletzungen und Fremdkörper in der Nase, medizinisch dokumentiert.
Was Fallserien zeigen
- In zwei australischen Notaufnahmen wurden 330 Patienten ausgewertet, 217 Erwachsene und 113 Kinder; bei Erwachsenen fanden sich am häufigsten Wattestäbchen, Insekten, Watte und Ohrstöpsel aus Silikon, und Erwachsene hatten häufiger schon eine Entzündung des Gehörgangs (Ryan 2006)
- In einer Serie mit 162 Patienten entfernte das Notaufnahmepersonal 67 Prozent der Fremdkörper selbst; was gelang, waren meist unregelmäßig geformte, weiche, greifbare Gegenstände, während an die Hals-Nasen-Ohren-Abteilung vor allem feste, runde Dinge wie Perlen und Bohnen überwiesen wurden (Thompson 2003)
- Von 98 Patienten, die an Hals-Nasen-Ohren-Ärzte überwiesen wurden, waren 57 Prozent älter als zwölf Jahre; bei 53 Prozent hatte es schon mindestens einen Entfernungsversuch gegeben, nach diesen Versuchen hatten 48 Prozent Risswunden im Gehörgang, nach Entfernung durch die Fachärzte nur 4 Prozent (Bressler 1993)
- In einer nigerianischen Klinik waren 123 Patienten zwischen 2 und 67 Jahre alt; nur 32,5 Prozent kamen innerhalb von zwölf Stunden, 30 waren zuvor von Nicht-Fachleuten behandelt worden, 23 von ihnen hatten zusammen 41 Komplikationen, darunter 6 Löcher im Trommelfell; bei Erstbehandlung durch Hals-Nasen-Ohren-Ärzte kam es nur in 6,5 Prozent zu Komplikationen (Olajide 2011)
- Während der Corona-Pandemie blieben Fremdkörper teils lange im Ohr, zwischen 1 und 78 Tagen; die ersten Entfernungsversuche durch Nicht-Fachleute, 68,8 Prozent aller ersten Versuche, scheiterten alle, die längere Liegedauer erhöhte die Komplikationen nach den Daten aber nicht (Ho 2021)
- In einer australischen Klinik betrafen 49 Prozent von 168 Fremdkörpern im Hals-Nasen-Ohren-Bereich das Ohr; die Notaufnahme entfernte 72 Prozent der Fremdkörper im Ohr erfolgreich (Gupta 2016)
- In einem ländlichen Zentrum im Norden Australiens mussten in zehn Jahren 474 Patienten operativ von einem Fremdkörper im Ohr befreit werden, 52 Erwachsene und 428 Kinder; bei Kindern waren Steine am häufigsten, und die Autoren beschreiben eine Methode mit Magneten zu ihrer Entfernung (Reyes-Chicuellar 2023)
- Von 751 Fällen mit Fremdkörpern in Ohr, Nase oder Rachen galten 20,1 Prozent als kompliziert, also mit Operationssaal, Klinikaufenthalt oder Fremdkörper in der Luftröhre (Srivanitchapoom 2024)
- In einer iranischen Klinik steckten sich 67,2 Prozent von 362 Patienten regelmäßig etwas ins Ohr, am häufigsten Wattestäbchen mit 63,5 Prozent; als Grund nannten sie meist das Trocknen des Gehörgangs, gefolgt von Juckreiz (Taheri 2017)
- Eine Übersicht nennt als häufigste Fremdkörper bei Erwachsenen Wattestäbchen und Watte, danach Teile von Hörgeräten sowie Schmuck und Ohrzubehör (Malaty 2024)
Geschichte 1: Die Kakerlake und das Kopfschütteln
Ein 61-jähriger Mann hatte eine Kakerlake im Gehörgang, die sich festgesetzt hatte. Um sie loszuwerden, schüttelte er heftig den Kopf. Was als Versuch begann, ein lästiges Insekt aus dem Ohr zu bekommen, endete mit Blutergüssen unter der harten Hirnhaut, sogenannten subduralen Hämatomen (Ng 2011).
Der Druck im Schädel stieg so stark, dass Teile des Gehirns eingeklemmt wurden, eine lebensgefährliche Lage. Der Mann überlebte, aber es kam zu Durchblutungsstörungen an beiden hinteren Hirnarterien, und zwar dort, wo das Sehen verarbeitet wird. Seitdem fehlt ihm auf beiden Augen dauerhaft das obere Viertel des Gesichtsfelds auf derselben Seite. Nach Angaben der Autoren war ein solcher bleibender Ausgang zuvor nicht beschrieben (Ng 2011).
Insekten
- Ein 40-Jähriger rief den Rettungsdienst, weil ein lebendes Insekt in sein linkes Ohr gekrochen war; nach ärztlicher Freigabe wurde es mit zweiprozentigem Lidocain abgetötet, die Beschwerden durch die Bewegungen ließen nach 20 Sekunden nach, und in der Klinik wurde es nach mehreren Versuchen mit einer feinen Pinzette entfernt (Bashline 2026)
- Zwei Fälle, in denen ein lebendes Insekt herausgelockt wurde, indem man den Gehörgang in völliger Dunkelheit beleuchtete (Alfaifi 2019)
- Ein lebendes Insekt, das im Schlaf akute Ohrenschmerzen auslöste; es wurde mit einer betäubenden Creme ruhiggestellt, die zugleich gegen die Schmerzen half (Erkalp 2009)
- Sechs Patienten, die nach Entfernungsversuchen anderswo mit Komplikationen kamen; zwei starben an einer Blutgerinnsel-Bildung in einem großen Venengeflecht hinter den Augen, drei hatten eine Innenohrschwerhörigkeit, zwei eine bleibende Gesichtslähmung (Sikka 2015)
- In einer malaysischen Klinik war bei fast der Hälfte von 348 Fremdkörpern im Ohr ein Gliederfüßer die Ursache, 148 Fälle; am häufigsten eine Kakerlake, gefolgt von Rinderzecken (Indudharan 1999)
- Eine Empfehlung für Wanderungen und abgelegene Gegenden: Ein Insekt sollte dort nur entfernt werden, wenn es akut Beschwerden macht, sichtbar und greifbar ist; sonst soll man bis zur ärztlichen Versorgung warten (Giltmier 2022)
- Ein 26-Jähriger, der von einer Wespe in den Gehörgang gestochen wurde, bekam plötzlich eine Innenohrschwerhörigkeit; Kortison als Tablette half nicht, ins Mittelohr gespritztes Kortison stellte das Gehör vollständig wieder her (Anyah 2019)
- Eine 35-Jährige mit einer 5 mal 5,5 Zentimeter großen Wucherung, die den Gehörgang verschloss, mit Hörverlust, blutigem Ausfluss und Tinnitus; in der entfernten Masse fand sich ein zerfallender Gliederfüßer (Grimes 2025)
- Eine kontrollierte Untersuchung dazu, wie sich Kakerlaken am besten aus dem Gehörgang entfernen lassen, veröffentlicht im New England Journal of Medicine (O’Toole 1985)
- Eine Motte im linken Ohr (Chiu 2021)
- Eine Spinne samt ihrer abgestreiften Haut im Gehörgang (Weng 2023)
Geschichte 2: Der Ohrwurm, der wirklich einer war
Ein 24-jähriger Mann wachte früh am Morgen auf, weil sein linkes Ohr klingelte und schmerzte. In der Ambulanz sahen die Ärzte mit dem Endoskop die Ursache: einen Ohrwurm, der durch den Gehörgang krabbelte. Er wurde vorsichtig mit einer Ohrpinzette herausgeholt (Jeong 2021).
Trommelfell und Gehörgang waren unverletzt, der Hörtest ergab ein normales Gehör. Die Autoren erinnern daran, woher der Name stammt: aus dem alten Aberglauben, Ohrwürmer würden durch den Gehörgang kriechen und schlafenden Menschen das Gehirn fressen. Das ist widerlegt, aber dass sie gelegentlich ins Ohr geraten, zeigt dieser Fall (Jeong 2021). Wer es lieber kulinarisch mag: Kann man Ohrwürmer essen?
Zecken und Blutegel
- Eine indische Serie mit 144 Fällen von Zecken im Ohr aus zwei Jahren; lebende Fremdkörper machen demnach bis zu 14 Prozent der Fremdkörper im Ohr aus, die meisten davon Kakerlaken (Somayaji 2007)
- In einer ostanatolischen Klinik wurden in einem Jahr bei 425 Patienten 527 Zecken aus dem Ohr entfernt; 72 Prozent waren Frauen, und bei Larven standen Schmerzen im Vordergrund, bei ausgewachsenen Zecken eher das Fremdkörpergefühl; zeckenbedingte Allgemeinerkrankungen traten nicht auf (Asya 2022)
- Alle Zecken einer türkischen Serie gehörten zur Gattung Otobius und verursachten keine Komplikationen (Gökdoğan 2016)
- In Sri Lanka wurden von 2001 bis 2016 bei 29 Erwachsenen einseitige Gesichtslähmungen nach Zecken im Ohr beobachtet; die ersten 12 ohne gezielte Behandlung brauchten 1 bis 55 Monate zur Erholung, die letzten 5 erhielten das Antibiotikum Doxycyclin und erholten sich in vier Wochen; die Autoren vermuten Rickettsien als Ursache statt eines Gifts (Kularatne 2018)
- Eine isolierte Gesichtslähmung nach dem Biss einer Hyalomma-Zecke im Ohr (Uğuz 2015)
- Im Laborversuch tötete Aceton Zecken am schnellsten, gefolgt von Alkohol; alle Zecken in vierprozentigem Lidocain überlebten; die Autoren halten solche Lösungen bei intaktem Trommelfell für möglicherweise nützlich (Orobello 2018)
- Eine 72-Jährige mit einer vollgesogenen Zecke im Gehörgang; sie wurde mit einer Zange entfernt, nachdem geprüft war, dass die Mundwerkzeuge nicht in der Haut steckten, danach gab es eine Woche lang vorbeugend ein Antibiotikum (Nakao 2017)
- Eine 54-Jährige mit Hörverlust, Tinnitus und Druckgefühl; auf dem Trommelfell hing eine kleine Tasche, in der eine Zeckenlarve saß (Öner 2021)
- Eine 58-Jährige, bei der eine dunkle Zyste im Gehörgang im Kontrastmittel-CT wie ein Tumor aussah; beim Herauslösen zeigte sich eine vollgesogene Schildzecke (Lee 2018)
- Eine Zecke im Gehörgang nach Kontakt mit einem Hund; ihr Hinterleib wurde eingeschnitten und abgesaugt, der Rest drei Tage später entfernt, ohne Komplikationen (Iwasaki 2007)
- Ein weiterer ungewöhnlicher Fall einer Zecke im äußeren Gehörgang (Ozkırış 2013)
- Ein 24-Jähriger mit zwei Tagen Blutung und Schmerzen aus dem linken Ohr; nach Glyzerin-Tropfen beruhigte sich der weiche Fremdkörper, die Blutung stoppte, und ein Blutegel wurde herausgezogen (Askari 2012)
Fliegenlarven
Wenn Fliegen ihre Eier im Ohr ablegen und Larven schlüpfen, spricht man von Otomyiasis. Sie betrifft vor allem Menschen mit Vorerkrankungen des Ohrs oder in schwieriger Lebenslage.
- Ein 56-jähriger Landwirt mit chronischer Mittelohrentzündung kam mit Schmerzen und Juckreiz; im Ohr fanden sich zahlreiche weißliche Larven der Goldfliege, behandelt wurde mit reichlich Kochsalzspülung (Tbini 2025)
- Ein seltener Fall in einer US-Großstadt bei einem Patienten mit Alkoholabhängigkeit (Tran 2025)
- Fliegenlarven in einer Ohrhöhle nach früherer Radikaloperation des Warzenfortsatzes; empfohlen werden mechanische Entfernung, antiseptische Spülung und Antibiotika (Hefty 2025)
- Ein gesunder 45-jähriger Arbeiter aus Nepal mit Druckgefühl und Blutung aus dem linken Ohr; im Mittelohr lagen zwei Maden, das Trommelfell hatte ein Loch, danach besserte sich das Hören (Koirala 2025)
- Eine 57-Jährige mit Larven der Fliege Wohlfahrtia magnifica; sie wurden abgesaugt und mit einer Zange entfernt, das Loch im Trommelfell wurde operativ verschlossen (Karaman 2009)
- Bei einem Schäfer in Algerien der erste Fall mit Larven von Chrysomya bezziana, einer Art, die in Nordafrika bis dahin nicht bekannt war (Abed-Benamara 1997)
- Ein Fall an der Elfenbeinküste mit Larven zweier Fliegenarten, begünstigt durch ein bereits bestehendes Cholesteatom, eine Wucherung im Mittelohr (Fakry 1984)
Wattestäbchen und Ohrreinigung
- Ein 29-Jähriger bekam nach dem Versuch, ein festsitzendes Wattestäbchen zu entfernen, plötzlich Hörverlust, Druckgefühl und Tinnitus; ein Gehörknöchelchen, der Amboss, war ausgerenkt und ragte durch das Trommelfell; nach einer Operation hörte er deutlich besser, und der Tinnitus verschwand (Gutiérrez Pérez 2025)
- Bei 238 Patienten mit einem frischen Loch im Trommelfell in Deutschland waren die häufigsten Ursachen Ohrfeigen mit 37,4 Prozent, Wattestäbchen mit 19,3 Prozent und Sprünge vom Turm ins Wasser mit 13,0 Prozent (Kraus 2015)
- Ein gesunder 31-Jähriger mit neu aufgetretenen Krampfanfällen und zunehmenden Ohrenschmerzen; ein vergessenes Wattestäbchen hatte eine schwere Entzündung bis in den Knochen und Eiteransammlungen über dem Gehirn verursacht; nach Entfernung, Operation und Antibiotika war er nach zehn Wochen ohne Folgen (Charlton 2019)
- Zwei erwachsene Patienten mit Fremdkörpern im Ohr, die sie nicht angegeben hatten und die zufällig gefunden wurden; die Autoren warnen vor dem Reinigen mit Wattestäbchen oder spitzen Gegenständen (Adedeji 2015)
- In einer Befragung von 372 Menschen reinigten etwa 90 Prozent ihre Ohren selbst, meist mit Wattestäbchen; bei der Untersuchung hatten 27 Prozent Ausfluss, 22 Prozent einen Ohrenschmalzpfropf und 12 Prozent einen Fremdkörper (Afolabi 2009)
Hörgeräte und Abformmasse
Für maßgefertigte Hörgeräte und Ohrstöpsel wird oft ein Abdruck des Gehörgangs genommen. Dabei kann flüssiges Silikon durch ein Loch im Trommelfell ins Mittelohr laufen und dort aushärten.
- Ein 95-jähriger Mann mit Gedächtnisstörung kam mit plötzlichem Hörverlust und Verwirrtheit; im CT steckte eine Knopfbatterie aus dem Hörgerät im linken Gehörgang (Johannsen 2013)
- Ein zurückgebliebener Silikonaufsatz eines offenen Hörgeräts als unterschätzter Fremdkörper (Keh 2014)
- Bei 11 Patienten in Südkorea war Abformmasse für Hörgeräte im Ohr zurückgeblieben; alle hatten den Abdruck in privaten Hörgerätegeschäften ohne vorherige Untersuchung durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt machen lassen, das Durchschnittsalter lag bei 76,4 Jahren; zwei Fälle im Mittelohr brauchten eine Operation am Warzenfortsatz (Cho 2022)
- Ein Patient, bei dem nach der Abformung an seinem einzigen hörenden Ohr Ausfluss und Schwindel auftraten; die Masse saß im Mittelohr und in der Ohrtrompete und wurde operativ entfernt (Lee 2017)
- Silikon, das bis in die Ohrtrompete gelangte und dort den knöchernen Kanal der Halsschlagader angriff (Shenouda 2023)
- Bei einem Patienten mit Loch im Trommelfell lief Silikon ins Mittelohr; erst 4 Jahre und 8 Monate später kamen schwerer Schwindel und Taubheit, verursacht durch eine Entzündung des Innenohrs (Suzuki 2015)
- Fünf Tage nach einer Abformung bemerkte ein Patient schlechteres Hören und blutigen Ausfluss; im Mittelohr lag ein grünlicher Fremdkörper, der operativ entfernt wurde (Manjunath 2021)
- Zwei Fälle mit zurückgebliebener Abformmasse, einmal mit chronischem Ausfluss, einmal mit akuten Schmerzen und Schwindel (Lee 2012)
- Sechs Patienten, bei denen die Masse für Schwimm-Ohrstöpsel ins Mittelohr gelangt war; eine Entfernung in der Praxis ohne Sicht auf das Trommelfell war mit einem deutlichen Risiko verbunden, blinde Entfernungsversuche sollen vermieden werden (van den Boer 2019)
- Eine Patientin mit chronischer Mittelohrentzündung, bei der die Abformmasse ins Mittelohr fiel; ein Jahr lang hatte sie immer wieder Schmerzen und eitrigen Ausfluss, bis die Masse operativ entfernt wurde (Kosyakov 2019)
Sekundenkleber
- Drei Fälle von Sekundenkleber im Gehörgang: einmal versehentlich, einmal durch medizinisches Personal, einmal absichtlich; die Autoren fordern Behälter, die sich in Größe, Form und Farbe deutlich von Ohrentropfen unterscheiden (Dimitriadis 2013)
- Eine Frau tropfte Sekundenkleber versehentlich direkt auf ihr Trommelfell und kam fünf Tage später; der Kleber wurde mit Aceton gelöst, das Trommelfell blieb intakt (Anusha 2012)
- Eine 55-Jährige, bei der Sekundenkleber nach Anwendung von Aceton erfolgreich entfernt wurde (Ogunleye 2002)
- Bei zwei Patienten gelang die Entfernung unter dem Mikroskop mit Aceton ohne Schäden; beim dritten, bei dem man ohne Aceton arbeitete, wurde das Trommelfell verletzt (Abadir 1995)
- Eine Patientin hatte sich Sekundenkleber ins linke Ohr gegeben; mit warmer dreiprozentiger Wasserstoffperoxid-Lösung löste er sich als Ausguss des Gehörgangs (Persaud 2001)
- Ein 35-Jähriger hatte sich morgens versehentlich Sekundenkleber in den rechten Gehörgang gegeben; weil die Entfernung in der Ambulanz zu schmerzhaft war, erfolgte sie in Vollnarkose (Khan 2017)
- Aus Deutschland: Ist der Gehörgang nur teilweise verklebt, reicht eine schonende Behandlung; bei vollständigem Verschluss oder Beteiligung des Trommelfells wird eine Operation empfohlen (Stasche 2008)
Knopfbatterien
- Eine Fallserie mit Knopfbatterien in Ohr und Nase: alle verursachten Gewebeschäden, darunter Löcher oder vollständige Zerstörung des Trommelfells, freiliegender Knochen, zerstörte Gehörknöchelchen und eine Gesichtslähmung; Ohrentropfen sollen nicht gegeben werden, weil sie die Batterie zusätzlich in Flüssigkeit baden (Kavanagh 1986)
- Zwei Fälle, in denen eine Knopfbatterie im Gehörgang Haut, Knochen und Trommelfell absterben ließ; die Autoren fordern die Entfernung mit höchster Dringlichkeit (McRae 1989)
- In Rinderohren aus dem Labor verursachten Lithium-Knopfzellen in kurzer Zeit Gewebeschäden; Kochsalzlösung verstärkte die Schäden, dreiprozentige Essigsäure verhinderte sie im Versuch (Akgül 2023)
- Bei einem Kind gelang die schwierige Entfernung mit einem ausziehbaren Magnetstab (Nivatvongs 2015)
Ungewöhnliche Wege ins Ohr
- Ein älterer Mann, dem beim Gärtnern ein Stück Rattan-Stängel ins Ohr drang (Ponnuvelu 2021)
- Eine abgebrochene Nadel von einer Betäubungsspritze beim Zahnarzt, die bis in den Gehörgang gewandert war (Ribeiro 2014)
- Ein Fremdkörper im Gehörgang als ungewöhnliche Ursache für chronischen Husten (Gold 2017)
- Zwei Fälle, in denen Knochenwachs, ein Mittel zur Blutstillung, nach einer Operation am Warzenfortsatz verspätet durch die Wunde hinter dem Ohr austrat (Baird 2018)
Ohrläppchen und Ohrschmuck
- Bei einer 33-Jährigen fiel auf einem Zahn-Röntgenbild zufällig ein runder Metallkörper auf: ein Ohrstecker-Verschluss unter der Haut des Ohrläppchens; der Knoten war zuvor für eine Wulstnarbe gehalten worden, die Frau war seit zwei Jahrzehnten beschwerdefrei und wusste nichts von dem Fremdkörper (Wolf 2026)
- Bei 35 Patienten mit Komplikationen durch Schmuck an Kopf und Hals war das Ohr am häufigsten betroffen, meist durch Piercings; zwei Patienten trugen bleibende Schäden am Ohrknorpel nach Piercings hoch oben am Ohr davon (Folz 2002)
- Eine örtliche Blaugrau-Verfärbung der Haut durch Silber, nachdem ein silberner Ohrstecker-Verschluss in die Haut eingewachsen war (Shall 1990)
Kinder: kurz und statistisch
- In US-Notaufnahmen wurden in zehn Jahren hochgerechnet 446.819 Besuche von Kindern wegen eines Fremdkörpers im Ohr gezählt, im Mittel 7,2 Jahre alt; Schmuck, vor allem Ohrringe und Perlen, machte 55,5 Prozent aus (Xiao 2020)
- Bei 698 Fällen an einer Kinderklinik waren die Entfernungen insgesamt meist erfolgreich, 77 Prozent bei direkter Sicht und 86 Prozent mit dem Mikroskop; runde Gegenstände, solche am Trommelfell und solche, die länger als einen Tag lagen, gelangen ohne Mikroskop seltener (Schulze 2002)
- In Singapur wurden 1.003 Fälle bei Kindern ausgewertet; 62 Prozent hatten keine Beschwerden, und in der Notaufnahme gelang die Entfernung bei 78,4 Prozent der Versuche (Duan 2022)
- Wattestäbchen führten in den USA hochgerechnet bei 263.338 Kindern zu Verletzungen am Ohr, meist beim Ohrenreinigen (Ameen 2017)
Risiken
Fremdkörper im Ohr verursachen typischerweise ein Druckgefühl, Schmerzen, Ausfluss und schlechteres Hören (Malaty 2024). Die meisten Komplikationen entstehen nicht durch den Gegenstand selbst, sondern durch ungeschickte Entfernungsversuche: Risswunden im Gehörgang, Entzündungen und Löcher im Trommelfell (Bressler 1993, Olajide 2011). Lebende Insekten können in seltenen Fällen schwere Folgen haben, bis hin zu Gesichtslähmung, Innenohrschwerhörigkeit und tödlichen Komplikationen (Sikka 2015). Zecken können Gesichtslähmungen auslösen (Kularatne 2018). Knopfbatterien zerstören Gewebe sehr schnell (Kavanagh 1986, McRae 1989). Silikon im Mittelohr kann noch nach Jahren Schwindel und Taubheit auslösen (Suzuki 2015).
Schnell zum Arzt: wann es dringend ist
Eine Knopfbatterie im Ohr ist immer dringend, ebenso ätzende Stoffe; die meisten anderen Fremdkörper im Ohr können dagegen ohne große Eile, aber fachgerecht entfernt werden (Curry 2023). Ohrentropfen sollten bei einer Batterie nicht gegeben werden (Kavanagh 1986). Wer ein Insekt im Ohr hat, sollte den Kopf nicht heftig schütteln und nicht mit Pinzetten oder Wattestäbchen stochern (Ng 2011, Bressler 1993). Bei Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen, plötzlicher Gesichtslähmung, starkem Schwindel oder hohem Fieber ist der Notruf 112 richtig.
Wer nach einer Abformung für ein Hörgerät oder Ohrstöpsel Schmerzen, Ausfluss oder Schwindel bemerkt, sollte zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen und die Abformung erwähnen (Cho 2022, van den Boer 2019).
So wird behandelt
Fachärzte arbeiten meist mit dem Mikroskop und feinen Instrumenten, was die Verletzungen im Gehörgang deutlich verringert (Bressler 1993). Weiche, unregelmäßige Gegenstände lassen sich oft schon in der Notaufnahme greifen, harte, runde und zylindrische Gegenstände sollten nach einem gescheiterten Versuch an Hals-Nasen-Ohren-Ärzte überwiesen werden (Thompson 2003, Malaty 2024). Lebende Insekten werden vor der Entfernung meist abgetötet, etwa mit Lidocain (Bashline 2026). Sekundenkleber lässt sich oft mit Aceton lösen (Abadir 1995). Abformmasse im Mittelohr muss meist operativ entfernt werden (van den Boer 2019, Cho 2022).
Scham und Schweigepflicht
Manche Betroffene sagen nicht, dass sie etwas im Ohr haben, oder haben es vergessen, und gerade vergessene Fremdkörper können zu Entzündungen führen (Adedeji 2015, Charlton 2019). Für Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Notaufnahmen sind solche Fälle Alltag. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte unterliegen der Schweigepflicht, in Deutschland nach Paragraf 203 des Strafgesetzbuchs. Wer ehrlich sagt, was passiert ist und wann, hilft bei einer schnellen und sicheren Behandlung.
Wenn hinter einer Selbstverletzung eine seelische Krise steckt, gibt es Hilfe: Die Telefonseelsorge ist in Deutschland rund um die Uhr und kostenlos unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 zu erreichen. Mehr zum Begriff gibt der Beitrag Was bedeutet Fremdkörper?.
Quellen
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- Adedeji TO et al.: OTOLOGIC FOREIGN BODY: AN UNDECLARED AND UNUSUAL IMPACTION. Nigerian Journal of Medicine, 2015. PMID 26353430
- Afolabi AO et al.: Attitude of self ear cleaning in black Africans: any benefit? East African Journal of Public Health, 2009. PMID 20000063
- Akgül G et al.: Mechanism of ear canal button battery injury and strategies for mitigation of damage. Acta Otorhinolaryngologica Italica, 2023. PMID 37099439
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Stand: 28. Oktober 2026
