Dokumentiert: Franziska Davies zum Varwick Interview im DLF

Hier dokumentieren wir den Thread von Franziska Davies zum Interview mit Johannes Varwick im DLF am 13. September 2022.

Das Interview heute morgen im @dlfkultur mit @JohannesVarwick war hochproblematisch. Hier liegt auch ein Versagen der Redaktion vor. Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, warum die Aussagen von Herrn Varwick in Fachkreisen heftig kritisiert werden. Es beginnt mit der Rahmung durch den Moderator: alle Welt freut sich über die ukrainischen Erfolge, wir wollen uns das Ganze „sachlicher“ anschauen – so wird das Interview angekündigt, obwohl das folgende Interview nicht zu überzeugen vermag.

1.) Varwick hält die Strategie der westlichen Unterstützung der Ukraine durch Waffen für „unausgegoren“. Tatsächlich hat sie nachweisbar Erfolge gebracht, die die von Varwick seit Monaten so herbeigesehnten „Verhandlungen“ überhaupt erst in den Bereich des Möglichen gebracht haben. Wir erinnern uns: im März 2022 schien ein Fall Kyjiws denkbar, dazu ist es Dank der Widerstandskraft der Ukrainer:innen mit geheimdienstlicher und militärischer Unterstützung durch den Westen nicht gekommen. Zum 100x Mal: der ständig suggerierte Gegensatz Waffenlieferungen vs. Verhandlungen existiert nicht.

2.) Varwick behauptet weiterhin Russland habe weiterhin die Eskalationsdominanz. Er ignoriert die vielfach hervorgebrachten Einwände von von tatsächlichen Militärexperten wie @gloefflmann @CarloMasala1, warum?

3.) Laut Eigenaussage fällt es ihm schwer „die russischen Kriegsziele“ zu lesen. Bemerkenswert. Varwick fällt es schwer, Massenterror gegen Ukrainer:innen, besonders gegen die Eliten, Russifizierung des öffentlichen Raums und des Bildungssystems, die Deportationen ukrainischer Kinder, die gezielte Vernichtung ukrainischer Kulturgüter (Museen, Archive, Denkmäler) zu „lesen“. Dabei ist diese Politik die Folge aus den offen erklärten (!) Kriegszielen Putins und seiner Propagandist:innen: das Ende der ukrainischen Staatlichkeit, die Vernichtung der Nation. Die Ukraine hat in ihren Augen kein Existenzrecht – das ist auch schon vor Februar 2022 von Putin formuliert wurden. Das, was Varwick als „mögliches Kriegsziel“ sieht, IST das Kriegsziel. Wie kann er das (auch ohne Russischkenntnisse) immer noch nicht verstanden haben?

4.) Varwick hält für möglich, dass Russland sich mit dem Donbas und der Krim zufrieden gibt und darüber sollte verhandelt werden. Welche Teile des Donbas? Wer soll darüber verhandeln? Wer sagt uns, dass Russland ein solches Szenario nicht ausnutzen würde, um sich zu erholen und erneut anzugreifen?

5.) Denkbar wäre für Varwick die Ukraine als „Pufferzone“, nicht aber als „Aufmarschgebiet des Westens“, die sich aber trotzdem „nach eigener Vorstellung entwickeln kann“. Zwei Dinge: erstens, dieser Kolonialismus ist schwer erträglich, die Ukraine ist ein souveräner Staat. Varwick reproduziert unreflektiert das imperiale Denken Putins, legitimiert es dadurch als Wissenschaftler. Zweitens: Die letzten Jahrzehnte (!) haben gezeigt, dass die Tatsache, dass die Ukrainer:innen sich „nach eigener Vorstellung entwickeln wollen“ (und zwar ohne Anweisung des „Westens), genau Putins Problem ist. Er akzeptiert weder eine demokratische Ukraine (sein Ukraine-Trauma stammt aus dem Jahr 2004), noch eine, die sich aus der imperialen Umklammerung Russlands befreit. Varwick glaubt – genau wie Putin – nicht daran, dass Gesellschaften Akteur:innen der Geschichte sind. Sie sind es, ganz gleich, ob das Herrn Putin oder Herrn Varwick gefällt.

6.) Ich habe es schon x-Mal gesagt: wenn Herr Varwick eine Zerstückelung der Ukraine für einen notwendigen Preis des „Friedens“ hält, um die von ihm gefürchtete atomare Eskalation zu vermeiden, dann sollte er aussprechen, was das bedeutet. Stattdessen versteckt er sich seit geraumer Zeit hinter technischen Formeln („Konflikt einfrieren“). Es sind die Ukrainer:innen, die diesen Preis bezahlen müssten und nicht Herr Varwick. Es wäre die Unterwerfung eines Teils der Ukraine unter die neo-imperiale russische Diktatur, das Ende der Demokratiedort, Verfolgung, Folter, Terror, Verschleppungen, Morde. Das ist der Preis. All das ist von anderen und mir schon vielfach gesagt worden, Herr Varwick hat nicht einmal darauf präzise geantwortet.

Wenn Sie, liebes @dlfkultur, einen kenntnisreichen Militärexperten zur Ukraine hören wollen: vielleicht hat @GresselGustav ja Zeit.

P.S.: Weil Herr Varwick (der mich, wie viele Osteuropa-Fachleute geblockt hat) gerne unterstellt, ich hätte eine persönliche Obsession mit ihm: Es ist nichts Persönliches, ich kenne ihn nicht. Es geben ihm die großen Medien immer noch eine unkritische Bühne, da wird dann eben widersprochen.

Die Illustration wurde mit Midjourney AI erstellt.

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