Drohne statt Mähtod: Was die Bundesregierung zur Rehkitzrettung verrät

Jedes Frühjahr das gleiche Drama: Rehkitze ducken sich ins hohe Gras, statt vor dem Mähwerk zu fliehen. Drohnen mit Wärmebildkamera können sie vorher aufspüren, und der Bund hat deren Anschaffung 2021 und 2022 gefördert. Eine Kleine Anfrage aus der Unionsfraktion (Drucksache 20/5634) wollte wissen, wie gut das Programm lief und ob es weitergeht. Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 20/5873) vom 27. Februar 2023 liefert genaue Zahlen, eine klare Bewertung der Technik und eine vorsichtige Aussage zur Zukunft.

Worum es den Fragestellern ging

In ihrer Vorbemerkung verweisen die Fragesteller auf Zahlen der Deutschen Wildtier Stiftung, wonach in Deutschland jedes Jahr bis zu 500.000 Wildtiere bei der Mahd getötet werden, darunter viele Rehkitze. Sie wollten wissen, wie viele Drohnen gefördert wurden, wer die Anträge stellte, wie die Länder abschneiden, ob es eine Verstetigung gibt und ob Drohnen auch für andere Aufgaben rund um Wild und Jagd taugen. Die Anfrage ist auf den 10. Februar 2023 datiert, geantwortet hat das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL).

Wärmebilddrohnen sind die beste Methode

Die Bundesregierung lässt keinen Zweifel: Drohnen mit Wärmebildkameras seien nach derzeitigem Kenntnisstand die beste und effektivste Methode, Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. Die Fragesteller hatten angeregt, nach dem Vorbild des nordrhein-westfälischen Landesnaturschutzgesetzes bundesweit zu verbieten, Grünland ab einem Hektar von außen nach innen zu mähen. Der Bund winkt ab: Wegen des starken Duckreflexes der Kitze in den ersten beiden Lebenswochen sei auch das Mähen von innen nach außen kein wirksamer Schutz. Junge Rehe laufen bei Gefahr nicht weg, sondern drücken sich flach auf den Boden. Wer ihnen eine Fluchtrichtung freilässt, rettet sie dadurch nicht.

Gefördert wurden ausschließlich Drohnen. Eine Forschungsförderung für Alternativen wie Sensorik oder Vergrämung ist nicht vorgesehen. Auch die Entwicklung heimischer Drohnensysteme will der Bund nicht fördern, obwohl die geförderten Geräte laut Fragestellern überwiegend von zwei asiatischen Herstellern stammen. Angesichts des begrenzten Fördervolumens sei das „nicht angezeigt“. Schon früher hatte der Bund Geld in die Technik gesteckt: Das Forschungsprojekt „Wildretter“ lief von 2012 bis 2015 und wurde mit über 2 Millionen Euro gefördert.

Die Zahlen: 2021 und 2022 im Vergleich

Im ersten Förderjahr 2021 gingen 800 Interessenbekundungen ein, daraus wurden 717 Anträge, von denen 707 bewilligt wurden. Die Fördersumme lag bei rund 3,6 Millionen Euro. 2022 war die Nachfrage deutlich geringer: 788 Interessenbekundungen, aber nur 495 Anträge und 471 Bewilligungen mit rund 1,82 Millionen Euro. 16 Anträge wurden 2022 abgelehnt, acht waren unvollständig oder wurden zurückgezogen.

Pro Drohne gab es höchstens 4.000 Euro Zuschuss. Die Antwort schlüsselt die geförderten Drohnen nach Ländern auf. Vorne liegen Bayern mit 160 Drohnen 2021 und 112 im Jahr 2022, Niedersachsen mit 147 und 63, Schleswig-Holstein mit 84 und 55, Nordrhein-Westfalen mit 77 und 58, Baden-Württemberg mit 59 und 74 sowie Hessen mit 52 und 32. Bundesweit nennt die Tabelle 681 geförderte Drohnen im Jahr 2021 und 471 im Jahr 2022.

Interessant ist, wer die Anträge gestellt hat. 2021 kamen 53 Prozent aus der Jägerschaft und 47 Prozent aus der Zivilgesellschaft, also etwa von Vereinen und Initiativen. 2022 drehte sich das Verhältnis auf 45 zu 55 Prozent. Rehkitzrettung ist also längst nicht mehr nur Sache der Jäger.

Regeln für Retter

Die geförderten Drohnen unterliegen einer Zweckbindung von drei Jahren. Reparaturen werden nicht gefördert, zusätzliche Mittel für Schulungen der Drohnenpiloten gibt es ebenfalls nicht. Eine Befragung der geförderten Gruppen, um Erfahrungen und Rettungserfolge auszuwerten, ist geplant.

Ein wichtiger rechtlicher Hinweis steckt in der Antwort auch: Wer ein Kitz aus der Wiese trägt, greift in das Jagdrecht ein. Die Rettung muss deshalb in Anwesenheit oder mit Zustimmung der oder des Jagdausübungsberechtigten erfolgen. Andernfalls kann der Tatbestand der Wilderei berührt sein. Ehrenamtliche Kitzretter sollten sich also vorher mit dem Revierinhaber absprechen.

Wie es weitergeht

Für 2023 plante das BMEL eine neue Förderrunde, die Richtlinie sollte Anfang März 2023 veröffentlicht werden. Eine dauerhafte Verstetigung des Programms konnte die Bundesregierung dagegen nicht zusagen. Das hänge vom Haushaltsgesetzgeber ab, also vom Bundestag. Wie die Lage in anderen Ländern aussieht, dazu liegen dem Bund keine Daten vor.

Drohnen auch für Jagd und Seuchenschutz?

Die Fragesteller wollten außerdem wissen, wofür sich Drohnen sonst eignen. Die Antwort fällt differenziert aus. Für Wildzählungen taugen Wärmebilddrohnen allenfalls als kleinflächiges Stichprobenmonitoring, weil Tiere den Standort wechseln, Doppelzählungen möglich sind und Fluggeräusche bei niedriger Höhe Fluchten auslösen. Bei der Kadaversuche in Gebieten mit Afrikanischer Schweinepest haben sich Drohnen dagegen „durchaus bewährt“, besonders geeignet seien aber hochauflösende Wärmebildkameras in Polizeihubschraubern.

Für die Nachsuche auf angeschossenes Wild sind Drohnen nur sehr eingeschränkt geeignet, weil sie gesunde und kranke Tiere nicht unterscheiden können. Hier braucht es weiter geprüfte Nachsuchengespanne mit Hund. Gut einsetzbar sind Drohnen dagegen, um Wildschäden in Ackerkulturen zu finden und zu vermessen, und zur Vorbereitung von Bewegungsjagden, etwa um Wildschweine in Maisschlägen oder Schilf zu lokalisieren. Grenzen setzen Vegetation, Stress für die Tiere und die Weidgerechtigkeit.

Damit geförderte Kitzretter-Drohnen nicht für andere Zwecke herhalten, gilt die Förderrichtlinie: Innerhalb der Zweckbindungsfrist darf die Drohne nur zur Rettung von Wildtieren bei der Wiesenmahd eingesetzt werden, Prüfbehörden dürfen Unterlagen einsehen und vor Ort kontrollieren.

Einordnung

Das Programm war erkennbar beliebt, im ersten Jahr fast komplett bewilligt, im zweiten Jahr mit sinkender Antragszahl. Gut 1.100 Drohnen in zwei Jahren sind eine ordentliche Ausstattung, angesichts von Millionen Hektar Grünland aber auch kein flächendeckendes Netz. Entscheidend wird sein, ob die Förderung ein Dauerangebot wird oder vom Haushalt des jeweiligen Jahres abhängt. Mehr zu Bundesantworten rund um Wildtiere und Jagd findest du in unserem Beitrag zur Einfuhr von Jagdtrophäen, und praktische Tipps für den Garten gibt es bei 10 Tipps, wie Sie Igeln helfen können.

Quellen

Stand: 22.10.2026

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