Ende Oktober hängen höchstens noch ein paar Spätzwetschgen am Baum. Höchste Zeit also, eine Frage zu klären, die jeden Spätsommer Kaffeetafeln entzweit: Wie heißt eigentlich das Ding auf dem Blech? Hier im Rheinland sagt man Prummetaat. Ein paar Hundert Kilometer weiter südlich erntet man dafür nur ratlose Blicke. Und wer in Augsburg „Pflaumenkuchen“ bestellt, bekommt ihn vermutlich trotzdem, aber mit einem mitleidigen Blick.
Eine Frucht, ein Blech, ein Dutzend Namen
Kaum ein Kuchen hat so viele Namen. Eine kleine Reise von Nord nach Süd:
- Pflaumenkuchen sagt man im Norden und Osten, es ist die Standardbezeichnung. In Schlesien hieß er Pflaumakucha.
- Prummetaat oder Prummekooke gibt es im Rheinland und in der Eifel, je nach Ort auch Pruumetaat geschrieben.
- Quetschekuche isst man in Hessen, der Pfalz, Rheinhessen und im Saarland. Im Elsass sagte man laut Mundartwörterbuch quetschenkuchen.
- Zwetschgenplootz oder Zwetschgenblootz ist fränkisch, mundartlich auch Quetschichplôzn. Ein Blootz ist in Franken ein flacher Blechkuchen. Der Name soll daher kommen, dass beim Brotbacken im Ofen noch Platz war.
- Zwetschgenkuchen heißt er im Südwesten und eigentlich im ganzen Süden, sobald man nicht Dialekt spricht.
- Zwetschgendatschi, kurz Datschi, ist bayerisch und schwäbisch. In Augsburg ist er so wichtig, dass die Stadt liebevoll „Datschiburg“ heißt.
- Zwetschkenkuchen sagen die Österreicher, mit k, als Blechkuchen auch Zwetschkenfleck.
- Zwetschgenwähe ist schweizerisch, im Dialekt Wääje oder Waaie.
- Tarte aux quetsches heißt er in Lothringen und im Elsass. Das Wort quetsche kam über den lothringischen Dialekt aus dem Moselfränkischen ins Französische. Der Quetschekuche hat also einen Zwilling jenseits der Grenze.
Historisch kommen noch Zwetschentorte, Zwetschgenfladen und Zwetschentatsche dazu. Ein Provinzialwörterbuch von 1792 führt den Zwetschendatschi sogar als „Augsburger Kuchen“.
Warum Datschi?
„Datschi“ kommt vom ober- und mitteldeutschen datschen oder detschen, also hineindrücken. Genau das passiert: Die halbierten Zwetschgen werden dicht an dicht in den Teig gedrückt. Ein Datschi ist also, streng genommen, ein Druckerzeugnis.
Die Zwetschge selbst hat übrigens einen weiten Weg hinter sich. Ihr Name geht laut dem Etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer über romanische Mundarten auf das lateinische damascena zurück, die „Pflaumen aus Damaskus“. Der bayerische Datschi hat also einen syrischen Stammbaum.
Pflaume oder Zwetschge?
Botanisch ist der Streit eine Familienangelegenheit. Pflaume und Zwetschge gehören beide zur Art Prunus domestica und lassen sich leicht kreuzen, die Übergänge sind fließend. Trotzdem gibt es Unterschiede:
- Zwetschgen sind kleiner und eher länglich, Pflaumen größer und runder.
- Die Naht an der Seite ist bei Pflaumen deutlich, bei Zwetschgen kaum zu sehen.
- Bei Zwetschgen löst sich der Stein leicht, das Fruchtfleisch ist fester und weniger wässrig.
Für den Kuchen ist das entscheidend. Zwetschgen eignen sich bestens zum Backen, saftige Pflaumen landen eher als Mus, Kompott oder Marmelade im Glas. Wer einen „Pflaumenkuchen“ backt, nimmt deshalb am besten Zwetschgen. Die Süddeutschen haben also in der Sache recht, die Norddeutschen dürfen den Namen behalten.
Der eigentliche Glaubenskrieg: der Teig
Der Name ist erst der Anfang. Traditionell kommt der Kuchen auf Hefeteig, gebacken wird er aber auch auf Mürbteig, Quark-Öl-Teig oder Rührteig. Mit Streuseln oder ohne? Die Streusel binden den Saft früher Zwetschgen, Puristen finden sie trotzdem überflüssig.
Selbst Augsburg ist sich nicht einig. Für die ursprüngliche Augsburger Variante nennt Wikipedia Mürbteig ohne Streusel. Das Rezept, das der Tourismusverband Bayerisch-Schwaben als kulinarisches Erbe vorstellt, setzt dagegen auf Hefeteig. In der Datschiburg selbst gibt es also mindestens zwei Datschis.
Kuchen zur Suppe
Wer jetzt denkt, Zwetschgenkuchen gehöre zum Kaffee, war noch nie in der Pfalz. Dort, in Rheinhessen und in Unterfranken, gibt es ihn mittags zu Kartoffel- oder Gemüsesuppe, in der Pfalz heißt das „Grumbeersupp mit Quetschekuche“. Im Saarland kommt Bohnensuppe dazu: „Bibbelschesbohnesupp un Quetschekuche“.
Die Schweizer haben sogar einen Feiertag dafür. Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag im September war ursprünglich ein Fastentag. Statt eines Sonntagsbratens gab es deshalb Suppe und Zwetschgenkuchen. Vor allem in der Westschweiz und in Genf gehört der „Gâteau aux pruneaux du Jeûne“ bis heute dazu.
Und wer hat jetzt recht?
Auf meiner alten Seite umstellung.info habe ich 2010 schon einmal abstimmen lassen: Bayern gegen Schwaben, Zwetschgendatschi gegen Zwetschgenkuchen. Es ging unentschieden aus. Das passt, denn Augsburg liegt in Bayerisch-Schwaben.
Ich halte es deshalb diplomatisch: Es kommt nicht darauf an, wie er heißt, sondern dass noch ein Stück übrig ist. Wie heißt er bei Ihnen? Und kommt bei Ihnen Sahne drauf, Streusel oder eine Suppe daneben?
Quellen
- Zwetschgenkuchen, Wikipedia, Stand Oktober 2026
- Zwetsche, DWDS, Etymologisches Wörterbuch nach Wolfgang Pfeifer, Stand Oktober 2026
- Augsburger Zwetschgendatschi, Bayerisch-Schwaben, Reihe Kulinarisches Erbe, Stand Oktober 2026
- Unterschied zwischen Pflaume und Zwetschge, Plantura, 28.06.2023, aktualisiert 09.03.2026
- Der fränkische Blootz, inFranken.de, 31.08.2026
- Zwetschgen oder Pflaumen: Das ist der Unterschied, Utopia, 07.09.2026
- Zwetschkenfleck à la Seehof, ORF, Frisch gekocht, Stand Oktober 2026
- Die Sache mit den Wähen, Albert Spycher-Gautschi, panissimo Nr. 20, 29.09.2017
- Adventskalender 2019, Türe Nummer 13: Kanton Genf, swissinfo.ch, 13.12.2019
- Quetsche, La langue française, Stand Oktober 2026
- Quetsche, Futura Sciences, Stand Oktober 2026



