Lange bevor es „Matrix“ gab, ließen Schriftsteller ihre Helden ganze Leben träumen. Sie machten Karriere, verliebten sich, bekamen Kinder, wurden alt und starben – und erwachten an einem Ort, an dem kaum Zeit vergangen war.
Die Frage dahinter beschäftigt uns bis heute: Ist das Leben, das ich lebe, echt?
Für das Buch „Die Hirse ist noch gar nicht gar“ habe ich zwölf solcher Geschichten zusammengestellt. Sie umspannen mehr als elf Jahrhunderte und wurden in neun Sprachen geschrieben. Mit dabei sind Ambrose Bierce, Miguel de Unamuno und Luigi Pirandello, aber auch ein Historiker am chinesischen Kaiserhof, ein koreanischer Mönch und Autoren, deren Erzählungen heute kaum noch jemand kennt.
Ein junger Mann erlebt auf einem Zauberkissen fünfzig Jahre Aufstieg und Fall – und erwacht, während die bei seinem Einschlafen aufgesetzte Hirse im Topf noch nicht gar ist. Ein König taucht den Kopf in einen Wasserbottich und verbringt sieben Jahre in der Fremde. Ein japanischer Malermönch lebt im Fieber als Karpfen, bis ein Fischer ihn fängt. Und ein junger Offizier erwacht im Körper seines Doppelgängers und muss die eigene Leiche begraben.
Was bleibt von einem Leben, wenn es nur geträumt war? Was bedeutet ein Erwachen, wenn der Traum Spuren in der Wirklichkeit hinterlassen hat? Und wer entscheidet, welches unserer Leben das wirkliche ist? Maschinen braucht es dafür noch nicht. Kissen, Zauberer, Fieber und Hypnose erledigen ihre Arbeit.
Die fremdsprachigen Geschichten wurden für diese Ausgabe vollständig und frei in heutiges Deutsch übertragen, Volkmann-Leanders Märchen behutsam modernisiert. Grundlage waren die Originalsprachen; nur die osmanische Erzählung musste über eine englische Übersetzung erschlossen werden. Kurze Nachworte stellen die Autoren und die Hintergründe ihrer Geschichten vor. Auch befremdliche Ansichten und grausame Stellen sind erhalten geblieben.
Die Neuübersetzungen hat Claude Opus 5.5 übernommen, ein Sprachmodell von Anthropic. Ein Programm hilft damit, Geschichten wieder zugänglich zu machen, in denen Menschen an der Echtheit ihres Erlebens zweifeln. Dass solche Fragen heute auch im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz gestellt werden, hätten sich die meisten ihrer Verfasser wohl kaum vorstellen können.
„Die Hirse ist noch gar nicht gar“ ist der dritte Band meiner Reihe „Künftige Dinge“: zwölf berührende, kühne und manchmal verstörende Geschichten über geträumte und geliehene Leben. Ein weiterer Band wird sich der anderen Seite der Frage widmen: Ist die Welt um mich herum echt?
Viel Vergnügen beim Erwachen.

