Das freie Web ist tot, es lebe das freie Web

In den vergangenen Jahren habe ich diese Seite hier ziemlich vernachlässigt. Zwar sind immer wieder neue Inhalte hinzugekommen, aber aktuelle Gedanken, Beobachtungen und Kommentare habe ich überwiegend auf X veröffentlicht.

Das hatte einen einfachen Grund: Für kleine Websites und Blogs wurde es immer schwieriger, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ein immer größerer Teil dessen, was früher auf einzelnen Websites stattfand, hat sich auf einige wenige große Plattformen verlagert. Dort werden Nachrichten gelesen, Meinungen ausgetauscht, Bilder und Videos geteilt und Diskussionen geführt. Gleichzeitig verändert KI die Art, wie wir nach Informationen suchen. Viele Fragen werden inzwischen direkt an Chatbots gestellt. Und auch klassische Suchmaschinen wie Google oder Bing beantworten immer mehr Anfragen unmittelbar mit eigenen KI-generierten Zusammenfassungen.

Wer seine Antwort bereits dort bekommt, muss die Website, von der die zugrunde liegende Information stammt, oft gar nicht mehr besuchen.

Aus Sicht eines kleinen Blogs ist das zunächst kein besonders ermutigendes Umfeld. Warum viel Arbeit in eine eigene Website stecken, wenn die Menschen ohnehin auf X, Instagram, TikTok oder direkt bei ChatGPT, Gemini und anderen KI-Systemen unterwegs sind?

Inzwischen sehe ich die Sache wieder etwas anders.

Die eigene Website wird wieder wichtiger

Es gibt für mich vier wesentliche Gründe, severint.net wieder stärker auszubauen.

1. Unabhängigkeit von politischen Eingriffen

Ich sehe zunehmend das Risiko, dass große Plattformen stärker reguliert, eingeschränkt oder im Extremfall sogar gesperrt werden.

Das betrifft nicht nur einzelne Länder. Weltweit nimmt der politische Druck auf Kommunikationsplattformen zu. Gleichzeitig steigt die Versuchung von Regierungen und Behörden, stärker darauf einzuwirken, welche Inhalte verbreitet werden dürfen und welche nicht.

Eine eigene Website schützt natürlich nicht vor jeder Form staatlicher Regulierung. Aber sie schafft deutlich mehr Unabhängigkeit.

Vor allem habe ich meine Inhalte selbst. Ich kann sie lokal sichern, exportieren und bei Bedarf auf einen anderen Server, zu einem anderen Hoster oder sogar in ein anderes Land umziehen.

2. Unabhängigkeit von Plattformbetreibern

Daneben gibt es eine zweite Abhängigkeit: die von den Plattformen selbst.

Wer seine publizistische Existenz ausschließlich auf X, Facebook, LinkedIn, YouTube oder einer anderen Plattform wie Insta aufbaut, befindet sich letztlich auf fremdem Grund.

Algorithmen können geändert werden. Reichweite kann verschwinden. Beiträge können schlechter ausgespielt werden. Accounts können eingeschränkt oder im schlimmsten Fall ganz deaktiviert werden.

Wer über Jahre Inhalte veröffentlicht und eine Community aufgebaut hat, kann dadurch sehr schnell einen erheblichen Teil seiner Reichweite verlieren.

Auf meiner eigenen Website bestimme zunächst einmal ich, was dort steht. Natürlich kann auch hier meine Sichtbarkeit beschränkt werden – Stichwort Suchmaschinen – aber auf einer anderen Ebene.

3. Das Web kann mehr als ein Feed

Fast noch wichtiger ist für mich inzwischen ein anderer Punkt.

Soziale Netzwerke sind technisch erstaunlich eingeschränkt:

Man kann Texte veröffentlichen, Bilder zeigen, Videos hochladen und gelegentlich noch eine Umfrage erstellen. Viel mehr ist in einem klassischen Feed kaum möglich.

Das offene Web kann dagegen fast alles.

Interaktive Grafiken, kleine Anwendungen, Rechner, Datenbanken, Spiele, dynamische Visualisierungen oder ganz neue Formen der Darstellung lassen sich direkt mit einem Text verbinden.

Gerade das interessiert mich zunehmend.

Dabei interessiert mich besonders die Verbindung von klassischen Texten mit kleinen Anwendungen, Daten und KI. Weitere Experimente werden folgen, die Seite MiniApps gibt schon eine kleine Vorschau.

Ein Blog muss heute nicht mehr nur aus Artikeln bestehen, er kann ein eigenes kleines digitales Universum sein.

4. Und dann gibt es noch einen vierten Grund

Der vierte Grund liegt mir persönlich ganz besonders am Herzen. Vielleicht errät ihn der eine oder andere schon, ich habe darüber schon mal auf X geschrieben. Für heute werde ich ihn hier nicht verraten, werde allerdings bald noch gesondert und ausführlicher darüber schreiben.

KI gehört für mich selbstverständlich dazu

Beim Ausbau von severint.net setze ich intensiv KI ein.

Das betrifft Recherche, Programmierung, Datenanalyse, Strukturierung von Inhalten und teilweise auch die Erstellung oder Überarbeitung von Texten und Grafiken.

Gerade für kleine Websites ist das spannend. Dinge, für die früher ein Entwickler, ein Designer, ein Datenanalyst und ein Redakteur notwendig gewesen wären, lassen sich heute teilweise von einer einzelnen Person umsetzen. Vielleicht ist genau das sogar eine neue Chance für das unabhängige Web.

Ein Beispiel hier ist der 551-Fragen-Bot, über den ich auch auf X bereits geschrieben habe. Auch bei meinen Auswertungen zur Präsidentschaftswahl in Brasilien kamen KI und automatisierte Datenverarbeitung intensiv zum Einsatz.

Ich halte im übrigen wenig von der Vorstellung, man müsse zwischen einer vermeintlich „reinen“ menschlichen Arbeit und KI-Arbeit grundsätzlich unterscheiden. Entscheidend ist für mich am Ende, ob ein Inhalt interessant, richtig, nützlich oder unterhaltsam ist.

Wo KI einen wesentlichen Anteil an einem Inhalt hat, mache ich das aber natürlich kenntlich.

X bleibt

All das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ich mich aus sozialen Netzwerken zurückziehen werde.

Im Gegenteil.

X werde ich weiterhin intensiv nutzen. Gleichzeitig möchte ich versuchen, X und severint.net stärker miteinander zu verbinden. So kann man diesen Beitrag auch dort lesen.

Manche Gedanken werden weiterhin zuerst dort erscheinen. Andere Inhalte werden auf dem Blog entstehen und von dort in die sozialen Netzwerke wandern. Wieder andere werden sich vielleicht erst aus Diskussionen auf X entwickeln.

Wer also hoffte, dass ich dort künftig etwas ruhiger werde, hat sich zu früh gefreut. Es dürfte eher das Gegenteil passieren – manches vielleicht nur in einer etwas anderen Form.

Denn vielleicht ist das freie Web gar nicht tot.

Vielleicht haben wir nur eine Weile vergessen, dass wir es auch selbst gestalten können.

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