52,65 Prozent für die Studentenliste, 39,22 Prozent für die Vučić-Liste: Die vorläufigen Zahlen der serbischen Parlamentswahl vom 25. Oktober 2026 zeigen einen Vorsprung von 573.226 Stimmen. Unsere Auswertung der amtlichen Wahllokaldaten erklärt, wo dieser Abstand entsteht, was sich gegenüber 2023 verändert hat und welche Fragen noch offen sind.
Datenstand: 26. Oktober 2026, 12:15 Uhr MEZ, zugleich Ortszeit in Belgrad. Erfasst sind 8.136 von 8.392 Wahllokalen, also 96,95 Prozent. Dies ist eine Analyse dieses Zwischenstands, kein amtliches Endergebnis.
Drei Befunde sind besonders aufschlussreich: Belgrad liefert knapp 60 Prozent des landesweiten Vorsprungs der Studentenliste. Auch außerhalb der Hauptstadt liegt sie insgesamt vorn. Und die noch offenen Ergebnisse allein reichen rechnerisch nicht aus, den Abstand zur Vučić-Liste zu schließen – sofern bereits erfasste Ergebnisse unverändert bleiben.
Das vorläufige Ergebnis: 2,25 Millionen Stimmen für die Studentenliste
Die Liste „Studentska lista – Studenti pobeđuju“ kommt im ausgewerteten Stand auf 2.246.624 Stimmen. Auf „Aleksandar Vučić – Ujedinjena Srbija“, hier kurz Vučić-Liste beziehungsweise SNS-Liste genannt, entfallen 1.673.398 Stimmen. Die Dačić-Liste folgt mit 92.537 Stimmen und 2,17 Prozent. Grundlage sind das amtliche Ergebnisportal der Republik-Wahlkommission RIK und dessen Export der Wahllokalergebnisse.

Der Nenner ist wichtig: Von den erfassten Stimmzetteln sind 4.212.092 gültig und 55.111 ungültig. Bezogen ausschließlich auf die gültigen Stimmen erreicht die Studentenliste 53,34 Prozent. Die 52,65 Prozent in der Grafik verwenden dagegen alle Stimmzettel. Beide Werte beschreiben denselben Stimmenstand.
Belgrad liefert 341.167 Stimmen Vorsprung
In der RIK-Region Belgrad entfallen 62,96 Prozent der erfassten Stimmzettel auf die Studentenliste und 31,63 Prozent auf die Vučić-Liste. Daraus entsteht ein Saldo von 341.167 Stimmen zugunsten der Studentenliste. Das entspricht 59,52 Prozent ihres landesweiten Nettovorsprungs.
Diese Zahl misst den Beitrag Belgrads zum Abstand zwischen den beiden Listen. Sie bedeutet nicht, dass knapp 60 Prozent aller Stimmen der Studentenliste aus Belgrad stammen. Auch ohne Belgrad bleibt landesweit ein Vorsprung von 232.059 Stimmen.

| RIK-Berichtsgruppe | Wahllokale erfasst | Studentenliste | Vučić-Liste | Saldo Studenten − Vučić |
|---|---|---|---|---|
| Belgrad | 1240/1266 | 62,96 % | 31,63 % | +341.167 |
| Vojvodina | 1758/1784 | 52,19 % | 39,56 % | +142.150 |
| Šumadija und Westserbien | 2718/2760 | 50,82 % | 39,90 % | +125.064 |
| Süd- und Ostserbien | 2335/2400 | 44,15 % | 45,93 % | −15.450 |
| RIK-Gruppe Kosovo und Metohija | 58/60 | 21,09 % | 71,63 % | −17.177 |
| Gefängnisse | 27/29 | 24,90 % | 65,60 % | −2.528 |
| Ausland | 0/93 | — | — | — |
In der Vojvodina trägt die Studentenliste weitere 142.150 Stimmen Vorsprung bei, in Šumadija und Westserbien 125.064. Im Süden und Osten hat dagegen die Vučić-Liste einen Vorsprung von 15.450 Stimmen. Die zusätzliche Bezeichnung „Kosovo und Metohija“ folgt der Berichtsgruppe der RIK; sie ist keine Aussage dieses Artikels über den völkerrechtlichen Status oder den Ort der Stimmabgabe.
Für das Ausland ist im verwendeten Export noch kein Ergebnis erfasst: Alle 93 Wahllokale stehen aus. Die dort eingetragenen Nullen dürfen deshalb nicht als null Stimmen oder null Beteiligung gelesen werden.
Novi Sad und die großen Städte: starke Ergebnisse, aber kein Beleg für einzelne Wählergruppen
In Novi Sad erreicht die Studentenliste bei 214 von 221 erfassten Wahllokalen 63,20 Prozent, die Vučić-Liste 31,59 Prozent. Der Abstand beträgt 76.090 Stimmen. Im vollständig erfassten Belgrader Stadtbezirk Vračar stehen 72,31 Prozent für die Studentenliste 21,96 Prozent für die Vučić-Liste gegenüber.
Auch Kragujevac mit 57,90 Prozent und Čačak mit 61,51 Prozent sind starke Ergebnisse für die Studentenliste. In Vranje führt hingegen die Vučić-Liste mit 52,39 zu 40,58 Prozent; in Doljevac mit 68,22 zu 25,57 Prozent. Kragujevac und Vranje sind noch nicht vollständig erfasst, Čačak und Doljevac bereits vollständig.
Diese Beispiele zeigen räumliche Unterschiede. Aus ihnen lässt sich nicht ablesen, wie junge Menschen, Studierende oder frühere SNS-Wähler persönlich abgestimmt haben. Dafür wären individuelle Befragungen oder andere geeignete Daten nötig.
Gegenüber 2023 steigt die Beteiligung deutlich
Bis zum ausgewerteten Zeitpunkt sind 4.269.802 Wähler als Teilnehmer gemeldet. Bei der Parlamentswahl 2023 waren es im vollständigen Ergebnis 3.820.746. Schon der Zwischenstand 2026 liegt damit um 449.056 Teilnehmer höher.
Aus den Teilnehmerzahlen und den Wahlberechtigten der bisher erfassten Wahllokale ergibt sich eine Beteiligung von 68,82 Prozent. Das vollständige Ergebnis 2023 lag bei 58,77 Prozent. Der Abstand von rund zehn Prozentpunkten ist ein Vergleich unterschiedlicher Auszählungsstände. Auch die Datenqualität einzelner Beteiligungsangaben bleibt zu prüfen, wie unten erläutert.

Der Anstieg findet sich in allen vier großen Regionen: Belgrad steigt von 59,02 auf vorläufig 70,33 Prozent, die Vojvodina von 59,54 auf 70,35 Prozent, Šumadija und Westserbien von 60,06 auf 69,12 Prozent und Süd- und Ostserbien von 57,50 auf 67,12 Prozent.
Zugleich fällt der Anteil der Vučić-Liste landesweit von 46,75 Prozent im Jahr 2023 auf vorläufig 39,22 Prozent. Ihre bisher erfasste Stimmenzahl liegt um 110.303 unter dem damaligen Endstand. Die Dačić-Liste sinkt von 249.916 auf bislang 92.537 Stimmen beziehungsweise von 6,55 auf 2,17 Prozent. Die Zusammensetzung der Wahlbündnisse hat sich verändert; verglichen werden die jeweiligen Listen unter diesen Namen.
Mehr Beteiligung und veränderte Listenanteile belegen für sich genommen keine konkreten Wählerwanderungen. Insbesondere wäre es falsch, sämtliche früheren Oppositionsstimmen automatisch der heutigen Studentenliste zuzuordnen.
Warum die offenen Ergebnisse den Vorsprung allein nicht aufholen können
Die RIK nennt insgesamt 6.451.292 Wahlberechtigte. In den bereits erfassten Wahllokalen sind es zusammen 6.204.315. Damit bleiben rechnerisch 246.977 Wahlberechtigte, deren Wahllokalergebnisse noch nicht in den ausgewerteten Summen enthalten sind.
Dem stehen 573.226 Stimmen Vorsprung gegenüber. Selbst wenn alle 246.977 noch nicht erfassten Wahlberechtigten gültig für die Vučić-Liste stimmten und niemand für die Studentenliste, blieben 326.249 Stimmen Vorsprung für die Studentenliste.

Das ist eine Obergrenzenrechnung für den Abstand zwischen diesen beiden Listen. Sie ersetzt weder das amtliche Endergebnis noch eine Berechnung der endgültigen Mandate. Auch die genaue Prozentzahl kann sich noch verändern.
Was die Stimmen für das Parlament bedeuten
Serbien vergibt 250 Mandate in einem landesweiten Wahlkreis nach dem D’Hondt-Verfahren. Gewöhnliche Listen müssen mindestens drei Prozent der Stimmen gemessen an der Zahl der Wähler erhalten, die abgestimmt haben. Anerkannte Minderheitenlisten sind davon ausgenommen; unterhalb der Schwelle werden ihre Quotienten um 35 Prozent erhöht. Die RIK erläutert diese Regeln hier.
Im Zwischenstand überschreiten nur die Studentenliste und die Vučić-Liste die reguläre Schwelle. Daraus darf man nicht schließen, dass alle anderen Listen ohne Mandat bleiben: Ihr anerkannter Minderheitenstatus und die Sitzberechnung sind entscheidend. Eine endgültige Sitzverteilung lässt sich aus den angezeigten Prozentwerten allein nicht ablesen.
Unregelmäßigkeiten: Was unsere Datenprüfung zeigt – und was offenbleibt
Wir haben alle 8.136 erfassten Wahllokale rechnerisch geprüft. Überall entspricht die Summe der Listenstimmen der Zahl der gültigen Stimmen. Ebenso ergeben gültige plus ungültige Stimmzettel jeweils die ausgewiesene Zahl der Stimmzettel in der Urne.
Bei 562 Wahllokalen liegt jedoch die gemeldete Zahl der Teilnehmer über der Zahl der Stimmzettel in der Urne; zusammen beträgt die Differenz 2.599. Besonders auffällig sind Wahllokal 52 in Smederevo mit 1.476 gemeldeten Teilnehmern und 779 Stimmzetteln sowie Wahllokal 52 in Bujanovac mit 1.035 Teilnehmern und 431 Stimmzetteln. In beiden Datensätzen entspricht die Teilnehmerzahl genau der Zahl der Wahlberechtigten.
Die im Export verlinkten Protokolle dieser beiden Wahllokale lieferten bei unserer Prüfung einen HTTP-404-Fehler und konnten nicht gegengeprüft werden. Ob Erfassungsfehler, Unterschiede zwischen den Zählgrößen oder andere Ursachen vorliegen, bleibt damit offen. Diese Differenzen sind ein Prüfhinweis, kein eigenständiger Nachweis für Wahlbetrug. Umgekehrt beweisen stimmige Summen keine insgesamt faire Wahl.
Die Beobachtungsorganisation CRTA berichtete am Wahlabend unter anderem über fotografierte Stimmzettel, Probleme bei Identitätskontrollen und einzelne gewaltsame Vorfälle außerhalb von Wahllokalen. Das sind gesonderte Beobachtungen; unsere Zahlenprüfung bewertet weder ihre Reichweite noch ihren Einfluss auf das Ergebnis. OSZE/ODIHR kündigte seine vorläufigen Feststellungen für den 26. Oktober um 15 Uhr Ortszeit an; im hier analysierten Stand um 12:15 Uhr waren sie noch nicht veröffentlicht.
Alle 18 Listen im ausgewerteten Stand
Reihenfolge wie auf dem Stimmzettel; Kurzbezeichnungen. Die Prozentwerte verwenden sämtliche erfassten Stimmzettel als Nenner. Nicht in der Tabelle enthalten sind 55.111 ungültige Stimmzettel, entsprechend 1,29 Prozent.
| Nr. | Liste (Kurzbezeichnung) | Stimmen | Anteil an allen Stimmzetteln |
|---|---|---|---|
| 1 | Aleksandar Vučić – Ujedinjena Srbija (SNS) | 1.673.398 | 39,22 % |
| 2 | Ivica Dačić – Faktor stabilnosti! | 92.537 | 2,17 % |
| 3 | Studentska lista – Studenti pobeđuju | 2.246.624 | 52,65 % |
| 4 | Rasim Ljajić – Ljudski (SDP–CDP) | 20.305 | 0,48 % |
| 5 | Vajdasági Magyar Szövetség – Pásztor Bálint (VMSZ) | 34.756 | 0,81 % |
| 6 | Usame Zukorlić – Pokret za ujedinjenje (SPP) | 11.605 | 0,27 % |
| 7 | Ruska stranka – Srbija u BRIKS-u | 6.344 | 0,15 % |
| 8 | Autentična desnica – Miloš Jovanović | 38.309 | 0,90 % |
| 9 | Evropska Srbija – Marinika Tepić – Zdravko Ponoš | 12.041 | 0,28 % |
| 10 | SDA Sandžaka – Čuvari Sandžaka | 12.349 | 0,29 % |
| 11 | Bogoljub Karić – Pokret snaga Srbije – BK | 19.513 | 0,46 % |
| 12 | Liberalno zelena stranka | 2.604 | 0,06 % |
| 13 | Biram pravdu – Biram budućnost – Koalicija Snaga | 1.159 | 0,03 % |
| 14 | Rusko-srpska stranka jedinstva | 4.180 | 0,10 % |
| 15 | Ćale, ovo je za tebe – Petar Đurić | 1.950 | 0,05 % |
| 16 | Vladimir Gajić – Alternativa za Srbiju | 3.610 | 0,08 % |
| 17 | Albanska koalicija / Koalicioni Shqiptar | 27.664 | 0,65 % |
| 18 | Majka Srbija – Gruda | 3.144 | 0,07 % |
Quellen und Berechnung
Verwendet wurden der RIK-Export der Parlamentswahl 2026 mit Zeitstempel 26.10.2026, 12:15 Uhr und die nationalen Summen im RIK-Ergebnisportal. Für 2023 wurde dort „Parlamentarni 2023“ ausgewählt; dessen Endstand trägt den Zeitstempel 09.01.2024, 20:21 Uhr. Der verlinkte 2026-Export kann inzwischen weiter aktualisiert sein.
Alle 8.392 Wahllokal-IDs im Export sind eindeutig. Als erfasst gelten die 8.136 Zeilen mit gültigem Ergebniszeitstempel. Die übrigen 256 Zeilen enthalten Platzhalter und wurden nicht als Nullergebnisse ausgewertet. Die aufsummierten Stimmen sämtlicher 18 Listen stimmen mit dem nationalen RIK-Zwischenstand überein. Regionen wurden anhand der RIK-Zuordnung zusammengefasst.
Listenanteil = Listenstimmen geteilt durch gültige und ungültige Stimmzettel zusammen. Beteiligung = gemeldete Teilnehmer geteilt durch Wahlberechtigte der erfassten Wahllokale. Teilnehmer und Stimmzettel sind getrennte Datenfelder. Das Portal zeigt national 68,81 Prozent Beteiligung; aus seinen veröffentlichten absoluten Zahlen ergeben sich gerundet 68,82 Prozent. Wir verwenden die nachgerechneten Werte. Alle Vergleiche und Grenzen gelten für den genannten Zwischenstand.
Eigene Datenauswertung und Grafiken. Read this analysis in English on severint.info.
