Wikinger-Romantik im 21. Jahrhundert: Warum modernes Heidentum historisch gesehen eher LARP als Religion ist

Gastbeitrag von Matthias Köninger

Wer heute durch soziale Medien scrollt oder auf Mittelaltermärkten unterwegs ist, stößt immer häufiger auf Menschen, die sich stolz als Ásatrú oder „Nordisch-Gläubige“ bezeichnen. Mit Thorshämmern um den Hals, Hornmet in der Hand und Runen-Tattoos auf der Haut berufen sie sich auf den Glauben der alten Wikinger. Doch blickt man mit den kühlen Augen der Geschichtswissenschaft auf dieses Phänomen, wird schnell klar: Das, was hier als „alte Tradition“ verkauft wird, hat mit der historischen Realität der Wikingerzeit ungefähr so viel zu tun wie ein Romantasy-Roman mit einem Geschichtsbuch.

Aus historischer und wissenschaftlicher Sicht lässt sich das moderne Nord-Heidentum im Grunde auf eine Form des spirituellen Rollenspiels reduzieren – kurz: LARP (Live Action Role-Playing) mit religiösem Anstrich.

1. Das Rekonstruktions-Dilemma: Religion ohne Skript

Das fundamentale Problem jedes modernen Ásatrú-Anhängers ist denkbar einfach: Niemand weiß, wie die altnordische Religion tatsächlich praktiziert wurde.

Die Wikinger hinterließen keine heiligen Schriften, keine Theologiebücher und keine liturgischen Leitfäden – anders als beispielsweise die Christen oder die Hindus. Die altnordische Kultur war eine mündliche Kultur (orale Kultur), vergleichbar mit der Odyssee oder der Nibelungen-Saga, die ebenfalls erst viel später aufgeschrieben wurden.

Das, was wir heute als „nordische Mythologie“ in Lexika nachlesen können, stammt fast ausnahmslos aus der Feder christlicher Gelehrter des Mittelalters – verfasst hunderte Jahre nach der Christianisierung Skandinaviens:

  • Snorri Sturluson, der Autor der berühmten Prosa-Edda (ca. 1220), war kein heidnischer Priester, sondern ein christlicher Politiker. Er ordnete die Mythen nach dem Vorbild antiker, griechisch-römischer Klassiker, stellte die nordischen Götter als bloße menschliche Helden dar und verwendete Metaphern, die seinen Lesern vertraut waren (z. B. aus der Bibel).
  • Saxo Grammaticus schrieb aus einer dezidiert christlich-polemischen Haltung heraus.
  • Adam von Bremen beschrieb den legendären Tempel von Uppsala im 11. Jahrhundert als christlicher Kleriker aus der Außenperspektive. Gesehen hat er ihn sehr wahrscheinlich nie – aber im Gegensatz zu Snorri lebte er immerhin zu einer Zeit, als noch Anhänger der nordischen Götter existierten.

Die spärlichen zeitgenössischen Zeugnisse wie Runensteine oder archäologische Funde liefern zwar Namen und Symbole, verraten aber fast nichts über konkrete Riten, Gebete oder Glaubensinhalte. Wir wissen beispielsweise, dass Odin oder Thor existierten. Ob sie aber so wahrgenommen wurden, wie Snorri es 200 bis 500 Jahre später aufschrieb, wissen wir nicht.

2. Erfundene Traditionen: Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts

Da die historische Kette der Überlieferung im späten Mittelalter vollständig abriss, gibt es keinerlei Kontinuität. Das heutige Ásatrú ist keine uralte Glaubensform, sondern eine moderne Neuerfindung. Die Entstehung des modernen Heidentums lässt sich recht präzise nachzeichnen:

  1. Die Romantik des 19. Jahrhunderts: Im Zuge der Nationalstaatenbildung suchte man in Europa nach „völkischen Wurzeln“. Die Edda wurde neu übersetzt, poetisiert und mit bürgerlichen Moralvorstellungen angereichert. Das Bild des edlen, freiheitsliebenden Wikingers war geboren – ein Mythos, der auch heute noch durch unzählige Hollywood-Serien geistert (danke für gar nichts).
  2. Die Neopaganismus-Welle des 20. Jahrhunderts: In den 1970er-Jahren gründeten sich in Island (Ásatrúarfélagið) und anderen Teilen der Welt Gruppen, die versuchten, aus den literarischen Fragmenten der Edda eine neue Religion zu basteln.

Das heutige Brauchtum – von selbst erfundenen Ritualabläufen über esoterische Runen-Mantik bis hin zu neuheidnischen Feiertagen – ist eine Mischung aus romantischer Dichtung, moderner Esoterik und Anleihen aus dem Christentum. Es ist ein klassisches Beispiel für das, was der Historiker Eric Hobsbawm als „erfundene Tradition“ (invented tradition) bezeichnete.

3. Der Entfremdungseffekt: Entkoppelt von der Lebenswelt

Eine Religion lässt sich nicht isoliert von den Lebensbedingungen ihrer Anhänger betrachten. Die historische altnordische Religion war eine extrem pragmatische Überlebens- und Agrarreligion; es ging darum, die Welt erklär- und beherrschbar zu machen.

Ein modernes Blót (Opferfest), bei dem Met aus dem Supermarkt im Park über einen Stein gegossen wird, hat mit dem Blutopfer eines Bauern im 9. Jahrhundert, der um das Überleben seiner Familie vor dem Verhungern bangte, nur die Bezeichnung gemein. (Anmerkung: Das mit dem Blutopfer klingt für Außenstehende wie Satire, wird jedoch teilweise tatsächlich so gelebt.)

Fazit: Ehrlichkeit statt Selbstbetrug

Gegen das Interesse an Geschichte, Mythologie und historischem Reenactment ist absolut nichts einzuwenden. Auch die Suche nach Naturverbundenheit oder neuen Identitätsmustern in einer komplexen Welt ist verständlich.

Problematisch und historisch unhaltbar wird es jedoch dann, wenn Anhänger des modernen Ásatrú behaupten, sie würden authentisch den „Glauben der Ahnen“ praktizieren.

 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.