Liste: Alle Friedensnobelpreisträger und wofür sie ausgezeichnet wurden

Hier finden Sie eine Liste aller Trägerinnen und Träger des Friedensnobelpreises – chronologisch nach Preisjahr, jeweils mit der Begründung des Norwegischen Nobelkomitees und einer kurzen Einordnung. Zu fast allen Preisträgerinnen, Preisträgern und Organisationen haben wir ein ausführliches Porträt, das jeweils über den Namen verlinkt ist.

Bei den Begründungen handelt es sich um die offiziellen Preisbegründungen, sinngemäß ins Deutsche übersetzt nach den Angaben auf NobelPrize.org. In manchen Jahren hat das Komitee keinen Preis vergeben; auch diese Jahre sind in der Liste vermerkt. Weiterlesen „Liste: Alle Friedensnobelpreisträger und wofür sie ausgezeichnet wurden“

10 Fakten zum 23. November

  1. In Japan ist heute „Tag des Dankes für die Arbeit“ (Arbeitsdanktag), an dem man der Arbeit der anderen, ihrer Rechte und der Früchte ihrer Arbeit gedacht wird. Im Gegenzug kennt Japan den 1. Mai als Feiertag nicht.
    Clemens hat heute Namenstag.
  2. Im Jahre 1248 vertreibt Ferdinand III. von Kastilien (Bild) die Mauren aus Sevilla und bringt damit die Befreiung der teilweise islamisch besetzten iberischen Halbinsel entscheidend voran.
  3. Die Bahnstrecke von Floridsdorf bis Deutsch Wagram wird heute im Jahre 1837 offiziell eröffnet. Damit beginnt das Zeitalter der Eisenbahn auch in Österreich.
  4. Nach dem Tod von König Wilhelm III. wird dessen Tochter Wilhelmina 1890 niederländische Königin. Damit erlischt auch die Personalunion mit Luxemburg, da dort eine rein männliche Thronfolge vorgesehen ist. Luxemburg wird souveränes Großherzogtum unter Adolf I. aus dem Hause Nassau.
  5. Dem von Nazi-Deutschland unterdrückten Carl von Ossietzky wird 1936 nachträglich der Friedensnobelpreis für das Jahr 1935 verliehen.
  6. Adolf Hitler teilt seinen Generälen in einer fast 2-stündigen Rede am 23. November 1939 mit: „Mein Entschluss ist unabänderlich. Ich werde Frankreich und England angreifen zum günstigsten und schnellsten Zeitpunkt.“ Der Offizier Helmut Groscurth notiert danach in seinem Tagebuch: „Erschütternder Eindruck eines wahnsinnigen Verbrechers.“
  7. Der erste europäische geostationäre Wettersatellit Meteosat 1 wird 1977 gestartet.
  8. 1992 verüben die beiden Neonazis Michael Peters und Lars Christiansen in Mölln Brandanschläge auf zwei von Türken bewohnte Häuser. 9 Personen werden verletzt, zwei Mädchen und ihre Großmutter sterben.
  9. Otto I. wird 912 geboren.
  10. Henry McCarty, auch William H. Bonney, bekannt als Billy the Kid kommt 1859 auf die Welt.

Bild oben: anonymes Gemälde (gemeinfrei)

Im Porträt: Tunesisches Dialog-Quartett

Das Tunesische Dialog-Quartett ist ein Zusammenschluss von vier Organisationen der tunesischen Zivilgesellschaft: des Gewerkschaftsbundes UGTT, des Arbeitgeberverbandes UTICA, der Tunesischen Liga für Menschenrechte und der Nationalen Anwaltskammer. Gemeinsam vermittelten sie 2013 und 2014 in einer schweren politischen Krise und trugen dazu bei, dass Tunesien nach dem Arabischen Frühling eine demokratische Verfassung erhielt. 2015 wurde das Quartett mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Diese Reihe nennt als Gründungsdatum den 17. September 2013, an dem die vier Organisationen ihre Initiative für einen nationalen Dialog vorlegten.

Zu diesem Datum gibt es unterschiedliche Auffassungen. Das Quartett war keine förmlich gegründete Organisation mit einer Satzung, sondern ein Bündnis, das im Laufe des Sommers 2013 entstand. Die Zusammenarbeit der vier Organisationen begann schon vorher, und manche Darstellungen setzen den Beginn früher an. Andere sehen den eigentlichen Start im 5. Oktober 2013, als die erste Sitzung des nationalen Dialogs stattfand, an der die Parteien teilnahmen. Diese Reihe hält den 17. September 2013 für das plausibelste Datum, weil die vier Organisationen an diesem Tag mit ihrem gemeinsamen Fahrplan als Quartett öffentlich in Erscheinung traten.

Um die Leistung des Quartetts zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Vorgeschichte. Im Dezember 2010 zündete sich in der Stadt Sidi Bouzid der junge Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Verzweiflung über Schikanen durch Behörden an. Sein Tod löste landesweite Proteste aus, die sich gegen Arbeitslosigkeit, Korruption und die autoritäre Herrschaft von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali richteten. Am 14. Januar 2011 floh Ben Ali nach Saudi-Arabien. Die tunesische Revolution, oft als Jasminrevolution bezeichnet, wurde zum Auslöser der Aufstände in anderen arabischen Ländern, die als Arabischer Frühling bekannt wurden.

Im Oktober 2011 wählten die Tunesierinnen und Tunesier eine verfassunggebende Versammlung. Stärkste Kraft wurde die islamistische Partei Ennahda, die mit zwei säkularen Parteien eine Regierung bildete. Die Arbeit an der neuen Verfassung zog sich hin. Zugleich wuchsen die Spannungen zwischen islamistischen und säkularen Kräften. Gewalt durch radikale Gruppen, wirtschaftliche Probleme und hohe Arbeitslosigkeit verschärften die Lage. Viele Menschen waren enttäuscht, dass die Revolution ihre Lebensbedingungen nicht verbessert hatte.

Im Jahr 2013 geriet das Land in eine tiefe Krise. Im Februar wurde der linke Oppositionspolitiker Chokri Belaïd vor seinem Haus erschossen. Im Juli folgte die Ermordung des Abgeordneten Mohamed Brahmi. Beide Morde wurden radikalen Islamisten zugeschrieben. Die Opposition warf der Regierung vor, nicht entschlossen genug gegen die Gewalt vorzugehen. Zahlreiche Abgeordnete legten ihre Arbeit in der verfassunggebenden Versammlung nieder, Zehntausende demonstrierten. Im selben Sommer hatte im Nachbarland Ägypten das Militär den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi abgesetzt. Viele fürchteten, auch Tunesien könne in Gewalt oder einen Bürgerkrieg abgleiten.

In dieser Lage ergriffen die vier Organisationen die Initiative. Der Gewerkschaftsbund UGTT war die mächtigste Organisation des Landes, mit Hunderttausenden Mitgliedern und einer langen Geschichte, die bis in den Kampf um die Unabhängigkeit zurückreicht. Der Arbeitgeberverband UTICA vertrat die Wirtschaft. Die Menschenrechtsliga, eine der ältesten ihrer Art in der arabischen Welt, und die Anwaltskammer brachten Ansehen in Fragen von Recht und Freiheit ein. Gerade dass Gewerkschaft und Arbeitgeber, die sonst gegensätzliche Interessen vertreten, gemeinsam auftraten, verlieh dem Bündnis besonderes Gewicht.

Geleitet wurde das Quartett von den Spitzen der vier Organisationen: Houcine Abassi für die UGTT, Wided Bouchamaoui für die UTICA, Abdessattar Ben Moussa für die Menschenrechtsliga und Mohamed Fadhel Mahfoudh für die Anwaltskammer. Sie legten einen Fahrplan vor, der einen Ausweg aus der Krise beschrieb. Die von Ennahda geführte Regierung sollte zurücktreten und durch eine Regierung parteiloser Fachleute ersetzt werden. Die verfassunggebende Versammlung sollte ihre Arbeit wieder aufnehmen und die Verfassung fertigstellen. Zudem sollten ein Wahlgesetz und eine unabhängige Wahlbehörde geschaffen werden.

Die Verhandlungen waren schwierig und zogen sich über Monate. Das Quartett nutzte sein Gewicht in der Gesellschaft, um die Parteien an den Tisch zu bringen und dort zu halten. Es setzte Fristen, übte öffentlichen Druck aus und vermittelte, wenn die Gespräche zu scheitern drohten. Am Ende stimmte Ennahda zu, die Macht abzugeben, obwohl sie die stärkste Partei im Parlament war. Im Januar 2014 übernahm der parteilose Ingenieur Mehdi Jomaa die Regierung. Wenige Tage später verabschiedete die verfassunggebende Versammlung mit großer Mehrheit die neue Verfassung.

Die Verfassung von 2014 galt als eine der fortschrittlichsten in der arabischen Welt. Sie garantierte Grundrechte wie die Meinungs- und Gewissensfreiheit, verankerte die Gleichheit von Männern und Frauen und schuf ein System mit Gewaltenteilung. Im Herbst 2014 fanden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt, die als frei und fair galten. Präsident wurde Béji Caïd Essebsi. Ennahda akzeptierte ihre Niederlage bei der Parlamentswahl und beteiligte sich später an einer Koalitionsregierung. Tunesien galt damit als das einzige Land des Arabischen Frühlings, in dem der Übergang zur Demokratie zunächst gelungen war.

Das norwegische Nobelkomitee verlieh dem Quartett den Friedensnobelpreis 2015 nach seiner Begründung sinngemäß für seinen entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie in Tunesien nach der Revolution von 2011. Das Komitee betonte, dass das Quartett einen friedlichen politischen Prozess ermöglicht habe, als das Land am Rand eines Bürgerkriegs stand. Es wolle mit dem Preis auch ein Zeichen setzen, dass die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle bei der Demokratisierung spielen könne. Die Entscheidung kam für viele Beobachter überraschend, weil das Quartett international wenig bekannt war.

Der Preis wurde auch als Ermutigung für Tunesien verstanden, das in diesen Jahren unter schweren Belastungen stand. Im Jahr 2015 erschütterten zwei Terroranschläge das Land: im März auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis und im Juni auf ein Strandhotel bei Sousse. Dutzende Menschen, vor allem ausländische Touristen, wurden getötet. Der Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle, brach ein. Die wirtschaftlichen Probleme, die zu den Protesten von 2010 geführt hatten, blieben weitgehend ungelöst.

Die weitere Entwicklung Tunesiens zeigt, wie zerbrechlich der demokratische Übergang war. 2019 wurde der Juraprofessor Kais Saied zum Präsidenten gewählt. Im Juli 2021 setzte er die Regierung ab und suspendierte das Parlament. Kritiker sprachen von einem Staatsstreich. 2022 ließ Saied eine neue Verfassung per Referendum annehmen, die die Macht des Präsidenten stark ausweitete. Seither berichten Menschenrechtsorganisationen über Festnahmen von Oppositionspolitikern, Journalisten und Anwälten. Auch Organisationen, die einst zum Quartett gehörten, gerieten unter Druck.

Diese Entwicklung wirft die Frage auf, was von der Leistung des Quartetts bleibt. Sie schmälert nicht die Bedeutung dessen, was 2013 und 2014 erreicht wurde. In einer Zeit, in der andere Länder der Region in Bürgerkriegen und Diktaturen versanken, gelang es in Tunesien, einen politischen Konflikt durch Verhandlungen zu lösen. Das Quartett zeigte, dass Organisationen der Zivilgesellschaft dort vermitteln können, wo die politischen Parteien sich gegenseitig blockieren. Ihr Ansehen beruhte darauf, dass sie nicht selbst nach der Macht strebten.

Bemerkenswert ist auch, wie das Quartett mit der Auszeichnung umging. Die vier Organisationen verstanden den Preis nicht als Abschluss ihrer Arbeit, sondern als Auftrag. Ihre Vertreter betonten bei der Preisverleihung in Oslo im Dezember 2015, dass die Ehrung dem ganzen tunesischen Volk gelte, das sich in der Revolution für Freiheit und Würde eingesetzt habe. Sie verwiesen zugleich auf die ungelösten sozialen Fragen, vor allem die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen und das Gefälle zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren. Ohne wirtschaftliche Perspektiven, so ihre Warnung, bleibe auch die Demokratie gefährdet.

Für Sie als Leserin oder Leser bietet das Beispiel des Quartetts einen Blick darauf, wie Frieden im Inneren eines Landes gesichert werden kann. Nicht jeder Friedensnobelpreis gilt dem Ende eines Krieges. Manchmal ehrt er die Verhinderung eines Krieges, die naturgemäß weniger sichtbar ist. Das Tunesische Dialog-Quartett hat gezeigt, dass Dialog, Kompromissbereitschaft und das Vertrauen in gemeinsame Institutionen eine Gesellschaft durch eine gefährliche Krise führen können. Dass diese Errungenschaften später wieder in Frage gestellt wurden, zeigt, dass Demokratie immer wieder neu verteidigt werden muss.

Stand: 29.10.2026

Im Porträt: Zentrum für bürgerliche Freiheiten

Das Zentrum für bürgerliche Freiheiten, im Original Center for Civil Liberties, ist eine ukrainische Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Kiew. Als Gründungsdatum nennen verfügbare Angaben den 30. Mai 2007. Die Organisation ging aus einer Initiative von Menschenrechtsaktivistinnen und Menschenrechtsaktivisten hervor, die sich für die Stärkung der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine einsetzen wollten. Seit vielen Jahren wird sie von der Juristin Oleksandra Matwijtschuk geleitet. 2022 erhielt das Zentrum den Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki und der russischen Organisation Memorial.

Die Gründung fiel in die Jahre nach der Orangen Revolution von 2004, als in der Ukraine große Hoffnungen auf demokratische Reformen bestanden, die sich jedoch nur teilweise erfüllten. Das Zentrum setzte sich von Beginn an dafür ein, staatliche Institutionen zu kontrollieren, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und Reformen in Justiz und Polizei anzustoßen. Es beteiligte sich an Gesetzgebungsverfahren, veröffentlichte Berichte und schulte Aktivistinnen und Aktivisten in der Ukraine und in anderen Ländern Osteuropas. Ein Anliegen war auch, dass die Ukraine das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs ratifiziert.

Eine wichtige Bewährungsprobe kam mit den Protesten auf dem Kiewer Maidan im Winter 2013 und 2014. Als die Regierung von Präsident Wiktor Janukowytsch gewaltsam gegen Demonstranten vorging, gründete das Zentrum gemeinsam mit anderen Organisationen die Initiative Euromaidan SOS. Freiwillige sammelten Informationen über festgenommene, verletzte und verschwundene Demonstranten, vermittelten Anwälte und dokumentierten Übergriffe der Sicherheitskräfte. Die Initiative wurde zu einer der zentralen Anlaufstellen für Menschen, die Hilfe suchten.

Nach der russischen Annexion der Krim im Frühjahr 2014 und dem Beginn des Krieges im Osten der Ukraine weitete das Zentrum seine Arbeit aus. Es dokumentierte die Verfolgung von Krimtataren, Journalisten und Aktivisten auf der besetzten Halbinsel und in den von Russland kontrollierten Gebieten im Donbas. Ein Schwerpunkt war die Lage von politischen Gefangenen, die in Russland oder in den besetzten Gebieten festgehalten wurden. Das Zentrum beteiligte sich an Kampagnen für ihre Freilassung und brachte ihre Fälle vor internationale Gremien.

Mit dem umfassenden russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 änderte sich die Arbeit grundlegend. Das Zentrum begann gemeinsam mit Partnerorganisationen, mögliche Kriegsverbrechen systematisch zu erfassen. Im Rahmen eines Bündnisses unter dem Namen Ukraine 5 AM Coalition, benannt nach der Uhrzeit, zu der der Angriff begann, sammelten Mitarbeiter und Freiwillige Berichte über Angriffe auf Zivilisten, Folter, Verschleppungen und die Zerstörung ziviler Infrastruktur. Nach Angaben der Organisation wurden auf diese Weise Zehntausende Fälle dokumentiert.

Diese Dokumentation verfolgt ein klares Ziel: Die Verantwortlichen sollen eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden. Oleksandra Matwijtschuk hat wiederholt betont, dass es ohne Gerechtigkeit keinen dauerhaften Frieden geben könne. Das Zentrum setzt sich deshalb für die Einrichtung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine ein und arbeitet mit internationalen Ermittlern zusammen. Zugleich kritisiert es, dass das internationale System bislang zu wenig getan habe, um Kriegsverbrechen zu verhindern und zu ahnden.

Der Friedensnobelpreis von 2022 ehrte die drei Preisträger nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß als Vertreter der Zivilgesellschaft in ihren Heimatländern. Sie hätten sich über viele Jahre für das Recht eingesetzt, Macht zu kritisieren und die Grundrechte der Bürger zu schützen. Sie hätten herausragende Anstrengungen unternommen, Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch zu dokumentieren, und gemeinsam die Bedeutung der Zivilgesellschaft für Frieden und Demokratie gezeigt. Beim Zentrum hob das Komitee besonders die Dokumentation russischer Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung hervor.

Die Zusammenstellung der Preisträger war ungewöhnlich und wurde vielfach diskutiert. Mit Organisationen und Personen aus der Ukraine, aus Russland und aus Belarus wollte das Nobelkomitee zeigen, dass Menschenrechtsverteidiger in allen drei Ländern gemeinsame Werte vertreten. In der Ukraine stieß diese Verbindung jedoch auf Kritik. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten erklärte, das Komitee habe ein seltsames Verständnis des Wortes Frieden, wenn es Vertreter zweier Länder, die ein drittes angegriffen hätten, gemeinsam auszeichne. Matwijtschuk selbst ging differenziert damit um und betonte die Unterschiede zwischen dem russischen Staat und den Menschenrechtlern von Memorial.

In ihrer Nobelvorlesung im Dezember 2022 in Oslo rief Matwijtschuk dazu auf, die internationale Ordnung zu erneuern. Sie forderte, dass Menschenrechte im Zentrum der Politik stehen müssten und dass Staaten, die das Völkerrecht brechen, nicht länger Straflosigkeit genießen dürften. Zugleich machte sie deutlich, dass der Kampf für Frieden in der Ukraine nicht bedeute, sich einem Aggressor zu ergeben. Ein Frieden, der die Besetzung von Gebieten hinnehme, würde nach ihrer Auffassung neue Verbrechen ermöglichen.

Bereits vor dem Nobelpreis hatte die Arbeit der Organisation internationale Anerkennung gefunden. Im Herbst 2022 wurde das Zentrum zusammen mit Oleksandra Matwijtschuk auch mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet, der oft als Alternativer Nobelpreis bezeichnet wird. Die Jury würdigte dabei ebenfalls den Aufbau einer nachhaltigen Demokratie in der Ukraine und die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Matwijtschuk ist seitdem eine gefragte Stimme in internationalen Debatten, sie spricht vor Parlamenten, bei Konferenzen und in den Vereinten Nationen über die Lage in ihrem Land und über die Notwendigkeit, Kriegsverbrechen konsequent zu verfolgen.

Die Arbeit des Zentrums ist mit erheblichen Risiken verbunden. Mitarbeiter und Freiwillige dokumentieren Verbrechen oft in Gebieten, die nahe an der Front liegen oder gerade erst befreit wurden. Gleichzeitig bleibt das Zentrum auch gegenüber der ukrainischen Regierung kritisch. Es beobachtet etwa den Umgang mit Kriegsgefangenen, die Rechte von Menschen in befreiten Gebieten und die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze unter dem Kriegsrecht. Diese Unabhängigkeit gilt als wesentlicher Bestandteil seiner Glaubwürdigkeit.

Zum Gründungsdatum ist eine Anmerkung angebracht. Der 30. Mai 2007 stützt sich auf eine einzelne verfügbare Quelle und wird in den gängigen Darstellungen kaum genannt. Viele Quellen geben lediglich das Gründungsjahr 2007 an. Sollten Sie genauere Informationen benötigen, empfiehlt sich ein Blick in die Angaben der Organisation selbst oder in offizielle ukrainische Register.

Für die Geschichte des Friedensnobelpreises steht die Auszeichnung von 2022 in einer Reihe von Preisen an Menschenrechtsverteidiger, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Das Nobelkomitee hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder betont, dass die Achtung der Menschenrechte eine Voraussetzung für Frieden ist. Mit dem Preis an das Zentrum für bürgerliche Freiheiten würdigte es eine Organisation, die mitten in einem Krieg auf der Einhaltung des Rechts besteht.

Wenn Sie den Krieg in der Ukraine verfolgen, begegnen Ihnen die Berichte des Zentrums und seiner Partner häufig, wenn es um Kriegsverbrechen geht. Diese Arbeit ist mühsam und wenig spektakulär. Sie besteht darin, Zeugenaussagen aufzunehmen, Beweise zu sichern und Fälle so zu dokumentieren, dass sie vor Gericht Bestand haben können. Gerade diese Sorgfalt macht sie wertvoll, denn ohne verlässliche Dokumentation bleibt Gerechtigkeit für die Opfer unerreichbar.

Das Zentrum für bürgerliche Freiheiten zeigt zugleich, welche Rolle die Zivilgesellschaft in einem Land im Krieg spielen kann. Sie hilft nicht nur den Opfern, sondern bewahrt auch die Werte, für die das Land kämpft. Oleksandra Matwijtschuk hat dies so beschrieben, dass Menschen in der Ukraine nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihre Freiheit und Würde kämpften. Die Organisation setzt diese Arbeit fort, solange der Krieg andauert und auch für die Zeit danach, in der die Aufarbeitung der Verbrechen beginnen muss.

Stand: 29.10.2026

Im Porträt: ICAN

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, im Original International Campaign to Abolish Nuclear Weapons und kurz ICAN, wurde am 23. April 2007 in Melbourne in Australien gegründet. Wenige Tage später, am 30. April 2007, wurde sie international am Rande einer Vorbereitungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in Wien vorgestellt. ICAN ist ein Bündnis von Hunderten Nichtregierungsorganisationen aus mehr als hundert Ländern. Das Sekretariat befindet sich heute in Genf. 2017 erhielt die Kampagne den Friedensnobelpreis, wenige Monate nachdem in den Vereinten Nationen der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen angenommen worden war.

Die Idee zur Gründung kam aus der australischen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, die selbst 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hatten. Die Gründer orientierten sich an der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen, die in den 1990er Jahren erreicht hatte, dass zahlreiche Staaten ein Verbot dieser Waffen vereinbarten, und die dafür 1997 den Friedensnobelpreis erhielt. Der Grundgedanke war ähnlich: Statt auf die Abrüstungsverhandlungen der Atommächte zu warten, die seit Jahrzehnten nur langsam vorankamen, sollten Staaten ohne Atomwaffen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft ein Verbot dieser Waffen durchsetzen.

Ein zentraler Ansatz von ICAN war es, die Debatte über Atomwaffen zu verändern. Lange war sie von sicherheitspolitischen Begriffen wie Abschreckung und strategischer Stabilität geprägt. ICAN rückte stattdessen die humanitären Folgen in den Mittelpunkt, also das, was ein Atomwaffeneinsatz für Menschen, Städte und die Umwelt bedeuten würde. Dazu gehörten die unmittelbaren Opfer, die Strahlenschäden über Generationen und die Unmöglichkeit, nach einem solchen Angriff wirksame Hilfe zu leisten. Diese Sichtweise wurde von mehreren Staaten und vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz aufgegriffen.

Zwischen 2013 und 2014 fanden drei internationale Konferenzen über die humanitären Auswirkungen von Atomwaffen statt, in Oslo in Norwegen, in Nayarit in Mexiko und in Wien in Österreich. ICAN war an allen diesen Konferenzen beteiligt und organisierte begleitende Treffen der Zivilgesellschaft. Auf der Wiener Konferenz im Dezember 2014 legte Österreich eine Erklärung vor, in der es sich verpflichtete, auf eine Schließung der rechtlichen Lücke bei der Ächtung von Atomwaffen hinzuarbeiten. Dieser Erklärung schlossen sich in der Folge mehr als hundert Staaten an.

Daraus entwickelte sich ein Verhandlungsprozess in den Vereinten Nationen. Die Generalversammlung beschloss 2016, Verhandlungen über einen Verbotsvertrag aufzunehmen. Am 7. Juli 2017 wurde der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen in New York von 122 Staaten angenommen. Er verbietet die Entwicklung, die Herstellung, den Besitz, die Weitergabe, die Stationierung, den Einsatz und die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Zudem enthält er Bestimmungen zur Hilfe für Opfer und zur Sanierung verseuchter Gebiete. Er trat am 22. Januar 2021 in Kraft, nachdem ihn 50 Staaten ratifiziert hatten.

Der Friedensnobelpreis von 2017 ehrte ICAN nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß für ihre Arbeit, die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Folgen jedes Einsatzes von Atomwaffen zu lenken, und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot dieser Waffen zu erreichen. Das Komitee betonte, dass die Welt in einer Lage sei, in der die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes größer sei als seit langer Zeit. Im Jahr 2017 hatten sich die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea stark verschärft.

Den Preis nahmen die damalige Geschäftsführerin Beatrice Fihn aus Schweden und die japanische Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, Setsuko Thurlow, entgegen. Thurlow war beim Abwurf am 6. August 1945 dreizehn Jahre alt und überlebte in den Trümmern eines Gebäudes, in dem viele ihrer Mitschülerinnen starben. Sie setzte sich seit Jahrzehnten für die Abschaffung der Atomwaffen ein. Ihre Rede in Oslo, in der sie von ihren Erinnerungen an den Tag des Abwurfs erzählte, fand weltweit große Beachtung.

Die Auszeichnung und der Vertrag stießen bei den Atommächten auf Ablehnung. Keiner der Staaten, die Atomwaffen besitzen, hat sich an den Verhandlungen beteiligt oder den Vertrag unterzeichnet. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich erklärten, der Vertrag ignoriere die Realität der Sicherheitslage und könne den Atomwaffensperrvertrag schwächen. Auch die meisten Mitgliedstaaten der NATO und andere Verbündete der Vereinigten Staaten, die unter dem nuklearen Schutzschirm stehen, lehnen den Vertrag ab. Deutschland ist ihm nicht beigetreten.

Kritiker der Kampagne argumentieren, ein Verbot ohne die Beteiligung der Atommächte bleibe wirkungslos und könne die Abschreckung schwächen, die nach ihrer Auffassung seit 1945 einen großen Krieg zwischen den Großmächten verhindert habe. Befürworter halten dagegen, dass Verbote auch ohne universelle Beteiligung eine normative Wirkung entfalten. Sie verweisen auf die Verbote von Landminen und Streumunition, die das Verhalten auch von Staaten beeinflusst hätten, die ihnen nicht beigetreten sind. Zudem setze der Vertrag Banken und Unternehmen unter Druck, sich aus der Finanzierung von Atomwaffen zurückzuziehen.

Ein solcher Ansatz ist die Kampagne gegen Investitionen in Atomwaffen. ICAN und ihre Partner veröffentlichen regelmäßig Berichte darüber, welche Finanzinstitute Unternehmen finanzieren, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind. Einige Pensionsfonds und Banken haben daraufhin ihre Anlagerichtlinien geändert. In vielen Städten weltweit, darunter auch in Deutschland, haben Stadträte zudem Appelle unterzeichnet, in denen sie ihre Regierungen auffordern, dem Vertrag beizutreten.

Seit dem Inkrafttreten des Vertrags finden regelmäßig Treffen der Vertragsstaaten statt. Das erste Treffen fand im Juni 2022 in Wien statt. Deutschland nahm, wie einige andere NATO-Staaten, als Beobachter teil, ohne dem Vertrag beizutreten. Die Zahl der Vertragsstaaten ist seit 2021 stetig gewachsen. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen für die nukleare Abrüstung verschlechtert. Russland hat mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, wichtige Rüstungskontrollverträge zwischen den Vereinigten Staaten und Russland sind ausgelaufen oder ausgesetzt, und China baut sein Atomwaffenarsenal aus.

Auch an der Spitze der Kampagne gab es Veränderungen. Beatrice Fihn, die ICAN in den entscheidenden Jahren der Vertragsverhandlungen geleitet hatte, gab ihr Amt Anfang der 2020er Jahre ab. Im Jahr 2023 übernahm die frühere australische Ministerin Melissa Parke die Leitung. Damit steht wieder eine Australierin an der Spitze einer Kampagne, die in Melbourne ihren Anfang genommen hatte. Der Aufbau als Bündnis vieler Partnerorganisationen ist geblieben, und die Arbeit wird weiterhin von einem kleinen Team in Genf koordiniert.

Für die Kampagne bedeutet diese Lage einen schwierigen Spagat. Einerseits bestätigt die gewachsene Gefahr ihre Warnungen vor den Folgen eines Atomkriegs. Andererseits haben viele Staaten, die sich bedroht fühlen, ihre Abhängigkeit von nuklearer Abschreckung eher verstärkt. In mehreren europäischen Ländern wird sogar über eine Ausweitung der nuklearen Teilhabe diskutiert. ICAN setzt weiterhin darauf, öffentlichen Druck aufzubauen und die humanitären Argumente in die Debatte einzubringen.

Wenn Sie den Weg von ICAN betrachten, sehen Sie ein Beispiel dafür, wie eine relativ kleine Organisation der Zivilgesellschaft einen internationalen Vertrag anstoßen kann. Innerhalb von zehn Jahren nach der Gründung wurde ein Abkommen geschlossen, das viele Fachleute zuvor für unrealistisch gehalten hatten. Ob dieser Vertrag langfristig zur Abschaffung der Atomwaffen beiträgt, ist offen. Er hat aber die Debatte verändert und den Stimmen der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki sowie der Opfer von Atomtests ein neues Gewicht gegeben.

Der Friedensnobelpreis von 2017 steht in einer Reihe mit früheren Auszeichnungen gegen Atomwaffen, etwa für die Pugwash-Konferenzen 1995, für die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs 1985 und für die japanische Organisation der Überlebenden Nihon Hidankyo im Jahr 2024. Gemeinsam zeigen diese Preise, dass das Nobelkomitee die Abschaffung der Atomwaffen seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Aufgaben für den Frieden betrachtet.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Malala Yousafzai

Malala Yousafzai ist eine pakistanische Aktivistin für das Recht von Mädchen auf Bildung. Sie wurde als Schülerin von den pakistanischen Taliban angeschossen, überlebte schwer verletzt und wurde 2014 im Alter von 17 Jahren die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises, den sie gemeinsam mit dem indischen Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi erhielt. Sie wurde am 12. Juli 1997 in Mingora im Swat-Tal im Nordwesten Pakistans geboren.

Malala wuchs in einer paschtunischen Familie auf. Ihr Vater, Ziauddin Yousafzai, war Lehrer und betrieb eine eigene Schulgruppe, zu der auch eine Mädchenschule gehörte. Er setzte sich öffentlich für Bildung ein und förderte seine Tochter, die schon früh großen Lerneifer zeigte. Benannt wurde sie nach Malalai von Maiwand, einer Heldin der paschtunischen Überlieferung, die im 19. Jahrhundert im Kampf gegen die Briten gefallen sein soll.

Ab 2007 gewannen militante Islamisten im Swat-Tal, die mit den pakistanischen Taliban verbunden waren, an Einfluss. Sie setzten eine strenge Auslegung des islamischen Rechts durch, verboten Musik und Fernsehen und zerstörten zahlreiche Schulen. Ende 2008 verkündeten sie, dass Mädchen nicht mehr zur Schule gehen dürften. Anfang 2009 begann die damals elfjährige Malala unter einem Pseudonym ein Tagebuch für den Urdu-Dienst der BBC zu schreiben, in dem sie über das Leben unter der Herrschaft der Taliban und ihre Angst berichtete, nicht mehr lernen zu dürfen.

Nach einer Militäroffensive der pakistanischen Armee im Jahr 2009 verloren die Taliban die Kontrolle über das Tal, blieben aber aktiv. Malala trat zunehmend unter ihrem eigenen Namen in der Öffentlichkeit auf. Ein Dokumentarfilm einer amerikanischen Zeitung zeigte sie und ihren Vater. Sie gab Interviews im Fernsehen und forderte das Recht auf Bildung für Mädchen. 2011 wurde sie für einen internationalen Kinderfriedenspreis nominiert, und die pakistanische Regierung zeichnete sie mit einem neu geschaffenen nationalen Jugendfriedenspreis aus. Ihre wachsende Bekanntheit machte sie jedoch zugleich zur Zielscheibe der Extremisten, die Drohungen gegen sie und ihre Familie aussprachen.

Am 9. Oktober 2012 stoppte ein Bewaffneter in Mingora den Schulbus, in dem Malala nach Hause fuhr, fragte nach ihr und schoss ihr in den Kopf. Auch zwei Mitschülerinnen wurden verletzt. Die pakistanischen Taliban bekannten sich zu dem Anschlag und begründeten ihn mit Malalas Einsatz für westliche Werte und gegen die Taliban. Malala wurde zunächst in Pakistan notoperiert und dann nach Birmingham in Großbritannien gebracht, wo sie in einer Spezialklinik weiter behandelt wurde. Sie überlebte und erholte sich nach mehreren Operationen.

Der Anschlag löste weltweit Entsetzen und eine Welle der Solidarität aus. In Pakistan demonstrierten Menschen gegen die Taliban, und international wurde der Fall zum Symbol für den Kampf um Bildung für Mädchen. Der frühere britische Premierminister Gordon Brown, damals UN-Sondergesandter für globale Bildung, startete eine Petition für das Recht aller Kinder auf Schulbildung. Malalas Familie ließ sich in Birmingham nieder, wo sie die Schule fortsetzte.

Am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, sprach Malala vor der Jugendversammlung der Vereinten Nationen in New York. Sie sagte sinngemäß, dass ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift die Welt verändern könnten, und dass Bildung die einzige Lösung sei. Die Vereinten Nationen erklärten den Tag zum Malala-Tag. Im selben Jahr erschien ihre Autobiografie, die sie gemeinsam mit einer britischen Journalistin verfasste. Sie gründete zusammen mit ihrem Vater den Malala Fund, eine Organisation, die sich weltweit für Bildung von Mädchen einsetzt und lokale Initiativen fördert. 2013 erhielt sie zudem den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.

Das Nobelkomitee verlieh den Friedensnobelpreis 2014 an Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi. Es würdigte sinngemäß ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen und für das Recht aller Kinder auf Bildung. Das Komitee hob hervor, dass Malala trotz ihrer Jugend schon seit mehreren Jahren für das Recht von Mädchen auf Bildung kämpfe und unter gefährlichsten Umständen ein Beispiel gegeben habe. Es betonte bewusst, dass mit der Auszeichnung einer Muslimin aus Pakistan und eines Hindus aus Indien ein Zeichen für den gemeinsamen Kampf für Bildung und gegen Extremismus gesetzt werden solle.

Der Mitpreisträger Kailash Satyarthi setzt sich seit Jahrzehnten in Indien gegen Kinderarbeit ein. Mit seiner Bewegung befreite er nach Angaben seiner Organisation Zehntausende Kinder aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, etwa in Teppichknüpfereien, Ziegeleien und Steinbrüchen. Er war zudem an der Organisation eines weltweiten Marsches gegen Kinderarbeit Ende der 1990er Jahre beteiligt. Die gemeinsame Auszeichnung verband so den Kampf gegen Kinderarbeit mit dem Kampf für Bildung, zwei Themen, die eng zusammenhängen, weil arbeitende Kinder meist keine Schule besuchen können.

Als die Entscheidung bekannt wurde, saß Malala im Chemieunterricht. Sie war 17 Jahre alt und damit mit großem Abstand die jüngste Person, die je einen Nobelpreis erhielt. Sie erklärte, sie wolle die Auszeichnung für alle Kinder entgegennehmen, deren Stimmen nicht gehört würden. Einen Teil des Preisgelds stellte sie für den Bau einer Schule in Pakistan zur Verfügung.

Nach dem Abschluss der Schule studierte Malala in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft und schloss das Studium 2020 ab. Sie reiste in Flüchtlingslager und Krisenregionen, etwa nach Jordanien, Kenia, Nigeria und in den Irak, um auf die Lage von Mädchen aufmerksam zu machen. 2017 wurde sie zur UN-Friedensbotschafterin ernannt. 2018 besuchte sie erstmals seit dem Anschlag wieder Pakistan. 2021 heiratete sie den Cricket-Funktionär Asser Malik. Sie wirkte auch an Film- und Fernsehproduktionen mit.

Ihre Familie spielte bei alldem eine zentrale Rolle. Ihr Vater begleitete sie bei ihren Auftritten und wurde selbst zu einem bekannten Fürsprecher der Mädchenbildung. Die Familie musste nach dem Anschlag in Großbritannien ein neues Leben beginnen, fern von der Heimat im Swat-Tal, an die Malala in ihren Reden immer wieder erinnert.

Malala ist nicht unumstritten. In Pakistan sehen manche in ihr ein Werkzeug westlicher Interessen; Verschwörungstheorien stellten sogar den Anschlag selbst in Frage. Konservative Kreise warfen ihr vor, ein negatives Bild ihres Landes zu verbreiten. Im Westen kritisierten einige Stimmen, dass ihre Geschichte vereinfacht und zu einer Heldengeschichte gemacht werde, die von strukturellen Ursachen wie Armut, Krieg und den Folgen militärischer Interventionen ablenke. Malala selbst hat in Begegnungen mit Politikern wiederholt auch kritische Themen angesprochen, etwa Drohnenangriffe in Pakistan bei einem Treffen mit Präsident Barack Obama.

Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im August 2021 setzte sich Malala besonders für afghanische Mädchen ein, denen der Besuch weiterführender Schulen und Hochschulen verboten wurde. Sie forderte, die systematische Unterdrückung von Frauen und Mädchen dort als Geschlechterapartheid zu bezeichnen und international zu ächten.

Für den Friedensnobelpreis steht die Auszeichnung Malalas für eine Erweiterung des Friedensbegriffs auf das Recht auf Bildung. Nach den Daten der Vereinten Nationen gehen weltweit noch immer viele Millionen Mädchen nicht zur Schule. Malala Yousafzai hat diesem Thema ein Gesicht gegeben. Ihr Weg von der Schülerin im Swat-Tal, die heimlich ein Tagebuch schrieb, zur weltweit bekannten Aktivistin zeigt, welche Kraft eine einzelne Stimme entfalten kann, und zugleich, welchen Preis Menschen zahlen, die sich gegen Extremisten stellen.

Stand: 29.10.2026

Im Porträt: Organisation für das Verbot chemischer Waffen

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen, kurz OVCW und international unter dem englischen Kürzel OPCW bekannt, überwacht die weltweite Umsetzung des Chemiewaffenübereinkommens. Gegründet wurde sie am 29. April 1997, dem Tag, an dem dieses Übereinkommen in Kraft trat. Ihr Sitz ist Den Haag in den Niederlanden. 2013 erhielt die OPCW den Friedensnobelpreis, wenige Wochen nachdem sie mit der Vernichtung des syrischen Chemiewaffenarsenals begonnen hatte.

Chemische Waffen gehören zu den grausamsten Kampfmitteln, die im 20. Jahrhundert eingesetzt wurden. Im Ersten Weltkrieg setzten zunächst deutsche, dann auch alliierte Truppen Chlorgas, Phosgen und Senfgas ein. Der erste großangelegte Angriff mit Chlorgas bei Ypern im April 1915 gilt als Beginn der modernen chemischen Kriegsführung. Bis zum Kriegsende wurden Zehntausende Soldaten durch Giftgas getötet und Hunderttausende verletzt, viele von ihnen mit lebenslangen Schäden. Das Genfer Protokoll von 1925 verbot den Einsatz chemischer und biologischer Waffen im Krieg, nicht aber ihre Entwicklung, Herstellung und Lagerung. Entsprechend bauten mehrere Staaten in den folgenden Jahrzehnten große Arsenale auf.

Trotz des Verbots kam es immer wieder zu Einsätzen, etwa durch Italien in Abessinien in den 1930er-Jahren und durch Japan in China. Im Krieg zwischen Iran und Irak in den 1980er-Jahren setzte der Irak in großem Umfang Senfgas und Nervenkampfstoffe gegen iranische Soldaten ein, und 1988 wurden bei einem Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha im Nordirak Tausende Zivilisten getötet. Diese Ereignisse und das Ende des Kalten Krieges gaben den Verhandlungen über ein umfassendes Verbot neuen Schwung. Nach jahrelangen Gesprächen in der Genfer Abrüstungskonferenz wurde das Chemiewaffenübereinkommen im Januar 1993 in Paris zur Unterzeichnung aufgelegt.

Das Übereinkommen geht weit über das Genfer Protokoll hinaus. Es verbietet die Entwicklung, Herstellung, den Erwerb, die Lagerung, die Weitergabe und den Einsatz chemischer Waffen und verpflichtet die Vertragsstaaten, vorhandene Bestände und Produktionsanlagen zu vernichten. Gleichzeitig unterwirft es die chemische Industrie einem Kontrollsystem, weil viele Chemikalien sowohl für friedliche als auch für militärische Zwecke genutzt werden können. Die OPCW wurde geschaffen, um die Einhaltung dieser Pflichten zu überprüfen. Ihre Inspektoren kontrollieren Lager, Vernichtungsanlagen und Industrieanlagen, und sie können auf Antrag eines Vertragsstaats auch Verdachtsinspektionen durchführen. Organe der Organisation sind die Konferenz der Vertragsstaaten, der Exekutivrat und das Technische Sekretariat unter Leitung eines Generaldirektors.

In den ersten Jahren konzentrierte sich die Arbeit auf die Überwachung der Vernichtung der großen Arsenale. Die Vereinigten Staaten und Russland hatten zusammen den weitaus größten Teil der deklarierten Bestände, zehntausende Tonnen Kampfstoffe, deren sichere Vernichtung technisch aufwendig und teuer war. Die ursprünglich vorgesehenen Fristen mussten mehrfach verlängert werden. Auch andere Staaten wie Indien, Albanien, Libyen und Südkorea meldeten Bestände, die unter Aufsicht der OPCW vernichtet wurden. Eine schwere Krise erlebte die Organisation 2002, als ihr erster Generaldirektor, der Brasilianer José Bustani, auf Betreiben der Vereinigten Staaten von den Vertragsstaaten abgewählt wurde. Ein Gericht der Internationalen Arbeitsorganisation stellte später fest, dass seine Abberufung rechtswidrig gewesen war.

Ins Zentrum der Weltöffentlichkeit rückte die OPCW 2013 durch den Bürgerkrieg in Syrien. Im August dieses Jahres wurden bei einem Angriff mit dem Nervenkampfstoff Sarin in der Region Ghuta bei Damaskus Hunderte Menschen getötet. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen bestätigte den Einsatz von Sarin. Unter dem Eindruck einer drohenden amerikanischen Militärintervention einigten sich die Vereinigten Staaten und Russland darauf, dass Syrien dem Chemiewaffenübereinkommen beitreten und sein Arsenal vollständig abgeben sollte. Der Sicherheitsrat bestätigte diese Vereinbarung. Die OPCW übernahm gemeinsam mit den Vereinten Nationen die Aufgabe, die Bestände inmitten eines Bürgerkriegs zu erfassen, zu sichern und außer Landes zu bringen. Ein Teil der gefährlichsten Stoffe wurde auf einem amerikanischen Spezialschiff auf hoher See neutralisiert.

Am 11. Oktober 2013 gab das Nobelkomitee bekannt, dass die OPCW den Friedensnobelpreis erhält. Es würdigte sinngemäß die umfangreichen Bemühungen der Organisation, chemische Waffen zu beseitigen. In seiner Begründung erinnerte das Komitee daran, dass die Ereignisse in Syrien die Notwendigkeit unterstrichen hätten, solche Waffen endgültig abzuschaffen, und dass einige Staaten dem Übereinkommen noch immer nicht beigetreten seien oder ihre Bestände noch nicht vernichtet hätten. Der türkische Diplomat Ahmet Üzümcü, damals Generaldirektor, nahm die Auszeichnung in Oslo entgegen.

In den Jahren nach der Preisverleihung zeigte sich, wie schwierig die Aufgabe blieb. In Syrien kam es trotz des Beitritts weiter zu Angriffen mit Chlorgas und Sarin, unter anderem 2017 in Chan Schaichun. Eine gemeinsame Untersuchungsmission von OPCW und Vereinten Nationen machte die syrische Regierung für mehrere Angriffe verantwortlich, die Terrormiliz Islamischer Staat für andere. Russland legte im Sicherheitsrat ein Veto gegen die Verlängerung dieses Mechanismus ein. 2018 beschlossen die Vertragsstaaten, der OPCW die Befugnis zu geben, auch Verantwortliche für Chemiewaffeneinsätze zu benennen. Ein eigens geschaffenes Untersuchungsteam hat seitdem mehrere Berichte vorgelegt. Hinzu kamen Anschläge mit Nervenkampfstoffen der Nowitschok-Gruppe, 2018 auf den früheren russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury und 2020 auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Die OPCW bestätigte in beiden Fällen die Art des verwendeten Kampfstoffs.

Ein Meilenstein wurde im Juli 2023 erreicht, als die Vereinigten Staaten die Vernichtung ihrer letzten deklarierten Chemiewaffen meldeten. Damit sind nach Angaben der OPCW alle von den Vertragsstaaten deklarierten Bestände unter internationaler Kontrolle vernichtet. Das Übereinkommen hat heute 193 Vertragsstaaten. Nur wenige Staaten sind ihm nicht beigetreten, darunter Ägypten, Nordkorea und Südsudan, während Israel es unterzeichnet, aber nicht ratifiziert hat. Die Arbeit der Organisation verlagert sich nun stärker auf die Verhinderung eines Wiederauftauchens chemischer Waffen, auf die Kontrolle der Industrie, auf die Untersuchung von Einsätzen und auf die Unterstützung von Staaten beim Schutz vor chemischen Angriffen. 2023 eröffnete die OPCW in der Nähe von Den Haag ein neues Zentrum für Chemie und Technologie.

Kritik an der Organisation betrifft vor allem ihre Abhängigkeit von der Zusammenarbeit der Staaten und die Politisierung ihrer Arbeit. Russland und Syrien haben Berichte der OPCW wiederholt als einseitig zurückgewiesen. Besonders umstritten war die Untersuchung eines mutmaßlichen Chlorgasangriffs im syrischen Duma im April 2018, nachdem interne Dokumente und Aussagen einzelner früherer Inspektoren an die Öffentlichkeit gelangt waren, die Teile der Schlussfolgerungen infrage stellten. Die Organisation verteidigte ihre Ergebnisse, ein späterer Bericht ihres Untersuchungsteams machte die syrische Luftwaffe verantwortlich. Für Kritiker aus anderen Lagern bleibt das Problem, dass die OPCW Verstöße zwar feststellen, aber nicht selbst bestrafen kann.

Für Deutschland hat das Thema eine besondere historische Dimension. Der Chemiker Fritz Haber gilt als einer der Väter des Gaskriegs im Ersten Weltkrieg, und noch heute werden in Europa Altlasten aus beiden Weltkriegen gefunden, etwa alte Munition in der Ostsee oder auf ehemaligen Schlachtfeldern in Belgien und Frankreich. Die Bergung und Vernichtung solcher alten chemischen Waffen fällt ebenfalls unter das Übereinkommen und wird von der OPCW begleitet. Auch in China ist Japan verpflichtet, im Zweiten Weltkrieg zurückgelassene chemische Waffen zu bergen und unter internationaler Aufsicht zu vernichten.

In der Geschichte des Friedensnobelpreises steht die OPCW für ein seltenes Beispiel erfolgreicher Abrüstung. Anders als bei Atomwaffen ist es bei chemischen Waffen gelungen, eine ganze Waffengattung völkerrechtlich zu ächten und die deklarierten Bestände nahezu weltweit zu vernichten. Die Auszeichnung von 2013 würdigte diese Leistung und unterstrich zugleich, dass die Arbeit nicht abgeschlossen ist, solange einzelne Akteure bereit sind, das Verbot zu brechen. Die Organisation zeigt, dass Abrüstung möglich ist, wenn Staaten sich auf verbindliche Regeln und unabhängige Kontrollen einlassen.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Nadia Murad

Nadia Murad ist eine jesidische Menschenrechtsaktivistin aus dem Irak, die den Völkermord der Terrormiliz Islamischer Staat an ihrer Gemeinschaft überlebte und seither weltweit darüber berichtet. Sie wurde am 10. März 1993 in Kocho geboren, einem Dorf in der Region Sindschar im Norden des Irak. 2018 erhielt sie gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege den Friedensnobelpreis für den Einsatz gegen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe. Mit 25 Jahren gehörte sie zu den jüngsten Preisträgerinnen in der Geschichte der Auszeichnung, und sie war die erste Irakerin, die den Preis erhielt.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit, die vor allem im Norden des Irak, in Syrien, der Türkei und in der Diaspora lebt, darunter in Deutschland. Ihre Religion hat eigene Traditionen und Überlieferungen. Über Jahrhunderte wurden Jesiden immer wieder verfolgt, weil Angehörige anderer Religionen sie zu Unrecht als Teufelsanbeter verunglimpften. Murad wuchs in Kocho in einer großen Bauernfamilie auf. Sie hatte viele Geschwister und träumte nach eigenen Angaben davon, Geschichtslehrerin zu werden oder einen Schönheitssalon zu eröffnen.

Im August 2014 eroberte der sogenannte Islamische Staat die Region Sindschar. Die Terrormiliz betrachtete die Jesiden als Ungläubige und verübte an ihnen Verbrechen, die die Vereinten Nationen und mehrere Parlamente, darunter der Deutsche Bundestag, als Völkermord eingestuft haben. Tausende Männer wurden ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt und versklavt, Jungen zwangsweise zu Kämpfern ausgebildet. Zehntausende Jesiden flohen in das Sindschar-Gebirge, wo viele an Hunger und Durst starben, bevor ein Fluchtkorridor geöffnet werden konnte.

Kocho wurde von den Kämpfern umstellt. Am 15. August 2014 trieben sie die Bewohner in der Schule des Dorfes zusammen. Die Männer wurden weggebracht und erschossen, darunter sechs von Murads Brüdern. Auch ihre Mutter wurde zusammen mit anderen älteren Frauen getötet. Murad und andere junge Frauen wurden nach Mossul verschleppt. Dort wurde sie wie viele andere Jesidinnen als sogenannte Sklavin verkauft, misshandelt und wiederholt vergewaltigt. Der Islamische Staat hatte die Versklavung jesidischer Frauen in eigenen Schriften gerechtfertigt und systematisch organisiert.

Nach etwa drei Monaten Gefangenschaft gelang Murad die Flucht. Sie fand Zuflucht bei einer muslimischen Familie in Mossul, die ihr half, mit gefälschten Papieren in kurdisch kontrolliertes Gebiet zu gelangen. Dort lebte sie zunächst in einem Flüchtlingslager. 2015 kam sie im Rahmen eines Sonderprogramms des Landes Baden-Württemberg nach Deutschland, das mehr als tausend traumatisierte Frauen und Kinder, vor allem Jesidinnen, aufnahm. Sie lebte zeitweise in Stuttgart.

Murad entschied sich, öffentlich über das Erlebte zu sprechen, obwohl das für Überlebende sexualisierter Gewalt mit großen persönlichen Belastungen und in vielen Gesellschaften mit Stigmatisierung verbunden ist. Im Dezember 2015 sprach sie vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und schilderte, was ihr und anderen Frauen angetan worden war. Ihre Rede machte sie international bekannt. Sie forderte, die Verbrechen als Völkermord anzuerkennen, die Täter vor Gericht zu stellen und die noch gefangenen Frauen und Kinder zu befreien.

2016 ernannten die Vereinten Nationen Murad zur ersten Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. Im selben Jahr erhielt sie den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments gemeinsam mit Lamija Adschi Baschar, einer weiteren jesidischen Überlebenden, sowie den Václav-Havel-Preis des Europarats. 2017 erschien ihre Autobiografie, auf Deutsch unter dem Titel „Ich bin eure Stimme“. Sie gründete die Organisation Nadia’s Initiative, die sich für den Wiederaufbau jesidischer Gemeinden in Sindschar und für Überlebende sexualisierter Gewalt einsetzt.

Ein wichtiges Anliegen Murads ist die juristische Aufarbeitung. Gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney setzte sie sich dafür ein, dass die Verbrechen des Islamischen Staats dokumentiert und vor Gericht gebracht werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschloss 2017 die Einrichtung eines Ermittlungsteams, das Beweise für Verbrechen des Islamischen Staats im Irak sammeln sollte. In Deutschland verurteilte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main 2021 einen irakischen Angehörigen des Islamischen Staats unter anderem wegen Völkermords an den Jesiden. Das Urteil gilt als weltweit erstes dieser Art und wurde von jesidischen Organisationen als historischer Schritt begrüßt.

Das Norwegische Nobelkomitee verlieh Murad und Mukwege den Friedensnobelpreis 2018. Die Begründung würdigte sinngemäß ihre Bemühungen, den Einsatz sexueller Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten zu beenden. Das Komitee betonte, dass Murad selbst Opfer von Kriegsverbrechen geworden sei und sich geweigert habe, die gesellschaftlichen Normen zu akzeptieren, die Frauen zum Schweigen und zur Scham über erlittene Gewalt zwingen. Sie habe ungewöhnlichen Mut gezeigt, über ihr eigenes Leid zu sprechen und für andere Opfer einzutreten.

In ihrer Nobelvorlesung in Oslo erklärte Murad, dass der Preis ihre Familie und die Opfer nicht zurückbringen könne. Sie forderte Gerechtigkeit und Schutz für die Jesiden und betonte, dass Tausende Frauen und Kinder noch immer vermisst würden. Sie kündigte an, das Preisgeld für den Bau eines Krankenhauses in Sindschar zu verwenden, in dem Überlebende sexualisierter Gewalt behandelt werden sollen. Ihre Botschaft richtete sich auch an die internationale Gemeinschaft, die ihrer Ansicht nach zu spät und zu zögerlich auf den Völkermord reagiert hatte.

Murads Engagement hat auch Kritik und Anfeindungen ausgelöst. Manche warfen ihr vor, politisch vereinnahmt zu werden; im Irak gibt es zudem Spannungen zwischen verschiedenen politischen Kräften, die Einfluss auf die Region Sindschar beanspruchen. Murad selbst wurde in sozialen Medien bedroht und verunglimpft. Andere Beobachter weisen darauf hin, dass die internationale Aufmerksamkeit für ihre Person nicht automatisch zu einer Verbesserung der Lage der Jesiden geführt hat. Viele leben auch Jahre nach dem Ende der Herrschaft des Islamischen Staats noch in Lagern für Binnenvertriebene in der Region Kurdistan.

Die Region Sindschar ist bis heute von Zerstörung, ungelösten politischen Konflikten und mangelnder Sicherheit geprägt. Viele Häuser und Dörfer sind zerstört, Massengräber werden weiterhin geöffnet, um die Toten zu identifizieren. Tausende Jesidinnen und Jesiden gelten nach wie vor als vermisst. Murad setzt sich dafür ein, dass die Menschen in ihre Heimat zurückkehren und dort in Sicherheit leben können. Sie fordert, dass die Gemeinschaft beim Wiederaufbau mitentscheiden darf und nicht nur Spielball fremder Interessen ist.

Für viele Überlebende ist es eine enorme Belastung, die eigenen Erlebnisse immer wieder zu erzählen. Murad hat beschrieben, wie schwer es ihr fällt, in Interviews und Reden immer wieder dieselben Erinnerungen hervorzuholen. Sie tut es dennoch, weil sie überzeugt ist, dass nur so Aufmerksamkeit und Druck entstehen, die zu Veränderungen führen können. Ihre Offenheit hat anderen Frauen Mut gemacht, ebenfalls über die erlittene Gewalt zu sprechen.
ihrem Mann, dem jesidischen Aktivisten Abid Shamdeen, den sie 2018 heiratete, im Ausland und reist regelmäßig in den Irak. Sie hält Vorträge, trifft Regierungsvertreter und arbeitet mit internationalen Organisationen zusammen. Ihr Ziel bleibt, dass die Verbrechen gegen die Jesiden nicht vergessen werden und sich solche Taten nicht wiederholen.

Wenn Sie sich mit dem Thema Völkermord und sexualisierte Gewalt in Kriegen beschäftigen, ist Nadia Murads Geschichte ein erschütterndes, aber auch ermutigendes Zeugnis. Sie zeigt, wie eine junge Frau, die alles verloren hat, ihre Stimme erhebt und Verantwortung für eine ganze Gemeinschaft übernimmt. Ihr Friedensnobelpreis würdigt diesen Mut und macht deutlich, dass Frieden ohne Gerechtigkeit für die Opfer kaum möglich ist. Ihre Forderung lautet seit Jahren gleich: Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und die Welt darf nicht wegsehen.

Stand: 29.10.2026

Im Porträt: Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen

Die Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen, im Original International Campaign to Ban Landmines und kurz ICBL, ist ein weltweites Bündnis von Nichtregierungsorganisationen. Sie setzt sich dafür ein, dass Antipersonenminen verboten, vorhandene Bestände vernichtet, verminte Gebiete geräumt und Opfer unterstützt werden. 1997 erhielt die Kampagne gemeinsam mit ihrer Koordinatorin Jody Williams den Friedensnobelpreis. Gegründet wurde sie im Oktober 1992 bei einem Treffen in New York. Ihr Sitz befindet sich heute in Genf in der Schweiz.

Der genaue Tag der Gründung ist nicht eindeutig überliefert. Die meisten Darstellungen, auch die des Nobelkomitees und der beteiligten Organisationen, nennen nur den Oktober 1992. Eine Chronik nennt den 2. Oktober 1992 als Tag, an dem sechs Organisationen in den Räumen von Human Rights Watch in New York die Kampagne ins Leben riefen. Diese Reihe übernimmt dieses Datum als das am besten belegte, weist aber darauf hin, dass es sich nicht in allen Quellen findet und dass manche Darstellungen den Beginn der Kampagne mit früheren Absprachen im Jahr 1991 verbinden.

Die sechs Gründungsorganisationen waren Handicap International aus Frankreich, Human Rights Watch aus den Vereinigten Staaten, Medico International aus Deutschland, die Mines Advisory Group aus Großbritannien, Physicians for Human Rights und die Vietnam Veterans of America Foundation, beide ebenfalls aus den Vereinigten Staaten. Sie hatten in ihrer Arbeit in Ländern wie Kambodscha, Afghanistan, Angola und Mosambik erlebt, welche Folgen Landminen für die Zivilbevölkerung haben. Ihre Erfahrungen aus Medizin, Rehabilitation, Minenräumung und Menschenrechtsarbeit flossen in die Kampagne ein.

Antipersonenminen sind Sprengkörper, die durch die Anwesenheit, die Nähe oder die Berührung eines Menschen ausgelöst werden. Sie unterscheiden nicht zwischen Soldaten und Zivilisten und bleiben oft noch Jahrzehnte nach dem Ende eines Konflikts gefährlich. In den 1990er Jahren lagen nach damaligen Schätzungen in zahlreichen Ländern Millionen solcher Minen im Boden. Jedes Jahr wurden Tausende Menschen getötet oder verstümmelt, viele von ihnen Kinder, Bauern oder Menschen, die nach einem Krieg in ihre Dörfer zurückkehrten. Minenfelder machten Ackerland unbrauchbar und behinderten den Wiederaufbau.

Die Kampagne wuchs schnell. Im Mai 1993 fand in London die erste internationale Konferenz der Nichtregierungsorganisationen zu Landminen statt. Dort wurde die amerikanische Aktivistin Jody Williams, die zuvor für die Vietnam Veterans of America Foundation gearbeitet hatte, als Koordinatorin bestätigt. In den folgenden Jahren schlossen sich Hunderte Organisationen aus Dutzenden Ländern an. Die Kampagne arbeitete mit Berichten über die Folgen von Minen, mit Ausstellungen, Petitionen und Gesprächen mit Regierungen. Prominente Unterstützer wie Diana, Prinzessin von Wales, trugen 1997 dazu bei, das Thema einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Die Kampagne selbst verstand sich von Anfang an als lockeres Netzwerk und nicht als zentral gesteuerte Organisation. Die Mitgliedsorganisationen behielten ihre Unabhängigkeit und arbeiteten in ihren Ländern nach eigenen Schwerpunkten. In vielen Staaten entstanden nationale Kampagnen, die Abgeordnete ansprachen, Unterschriften sammelten und Überlebende von Minenunfällen zu Wort kommen ließen. Gerade diese Stimmen der Betroffenen gaben der Kampagne ihre moralische Kraft. Zugleich sorgte die Koordination dafür, dass die Botschaft weltweit einheitlich blieb: ein vollständiges Verbot ohne Ausnahmen.

Zunächst versuchte die Kampagne, ein Verbot im Rahmen der bestehenden Konvention der Vereinten Nationen über bestimmte konventionelle Waffen durchzusetzen. Die Überprüfungskonferenz dieses Abkommens brachte 1995 und 1996 jedoch nur begrenzte Fortschritte, weil Entscheidungen einstimmig getroffen werden mussten. Daraufhin suchten die Befürworter eines Verbots einen anderen Weg. Im Oktober 1996 lud die kanadische Regierung zu einer Konferenz nach Ottawa ein. Zum Abschluss rief der kanadische Außenminister Lloyd Axworthy die Staaten auf, innerhalb eines Jahres einen Vertrag über ein vollständiges Verbot auszuhandeln und zu unterzeichnen.

Dieser sogenannte Ottawa-Prozess war ungewöhnlich. Er fand außerhalb der üblichen Abrüstungsgremien statt und beruhte auf einer engen Zusammenarbeit zwischen gleichgesinnten Regierungen und der Zivilgesellschaft. Die Kampagne war an den Verhandlungen beteiligt, brachte Fachwissen ein und übte Druck auf zögernde Staaten aus. Im September 1997 wurde in Oslo der Vertragstext fertiggestellt. Im Dezember 1997 unterzeichneten in Ottawa mehr als 120 Staaten das Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung. Es trat am 1. März 1999 in Kraft.

Das norwegische Nobelkomitee verlieh den Friedensnobelpreis 1997 an die Kampagne und an Jody Williams nach seiner Begründung sinngemäß für ihre Arbeit für das Verbot und die Räumung von Antipersonenminen. Das Komitee würdigte, dass es gelungen sei, eine Vision in eine praktische Wirklichkeit zu verwandeln. Es hob hervor, dass die Kampagne ein Beispiel für eine wirksame Politik des Friedens sei, die auf der Zusammenarbeit zwischen kleinen und mittleren Staaten und der Zivilgesellschaft beruhe. Die Verleihung erfolgte nur wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Vertrags.

Der Preis kam auch deshalb zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt, weil wichtige Staaten dem Vertrag fernblieben. Die Vereinigten Staaten, Russland und China unterzeichneten ihn nicht, ebenso wenig Indien und Pakistan. Die amerikanische Regierung begründete dies unter anderem mit der Lage auf der koreanischen Halbinsel. Die Kampagne setzte darauf, dass sich ein internationaler Standard herausbilden werde, der auch Nichtmitglieder unter Druck setzt. Tatsächlich ging der weltweite Handel mit Antipersonenminen nach dem Vertrag stark zurück.

Nach dem Vertragsabschluss verlagerte sich die Arbeit der Kampagne auf die Umsetzung. Seit 1999 gibt sie gemeinsam mit Partnern den Landmine Monitor heraus, einen jährlichen Bericht, der den Einsatz von Minen, die Vernichtung von Beständen, die Räumung und die Unterstützung für Opfer weltweit dokumentiert. Die Berichte gelten als wichtige unabhängige Quelle und werden von Regierungen, internationalen Organisationen und Medien genutzt. Sie zeigen, dass Millionen gelagerter Minen vernichtet und große Flächen geräumt wurden.

Die Erfahrungen der Kampagne wirkten über die Landminen hinaus. Nach ihrem Vorbild entstand die Koalition gegen Streumunition, die sich für das Übereinkommen über Streumunition von 2008 einsetzte. 2011 schlossen sich beide Bündnisse organisatorisch zusammen. Auch die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, die 2017 den Friedensnobelpreis erhielt, berief sich auf das Vorbild der Landminenkampagne. Das Modell einer engen Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und gleichgesinnten Staaten wurde zu einem Muster für die humanitäre Abrüstung.

Dennoch ist das Problem nicht gelöst. In mehreren Konflikten der vergangenen Jahre wurden erneut Antipersonenminen eingesetzt, vor allem durch nichtstaatliche bewaffnete Gruppen, aber auch durch Staaten, die dem Vertrag nicht angehören. Besonders der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat dazu geführt, dass große Flächen vermint sind. Unter dem Eindruck dieses Krieges kündigten im Jahr 2025 mehrere Staaten an der Ostgrenze der Europäischen Union an, aus dem Vertrag austreten zu wollen. Die Kampagne kritisierte diese Schritte scharf und warnte vor einer Schwächung des Verbots.

Auch die Finanzierung der Minenräumung und der Opferhilfe bleibt eine Herausforderung. Menschen, die durch Minen verletzt wurden, brauchen oft lebenslange medizinische Versorgung, Prothesen, psychologische Unterstützung und Hilfe bei der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben. In vielen betroffenen Ländern fehlt es an Geld und Fachkräften. Die Kampagne setzt sich dafür ein, dass die Rechte der Überlebenden gestärkt werden und dass die Staaten ihre Zusagen einhalten, betroffene Gebiete innerhalb vereinbarter Fristen zu räumen.

Wenn Sie auf die Geschichte der Internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen blicken, sehen Sie ein Beispiel dafür, was Bürgerinnen und Bürger erreichen können, wenn sie sich über Grenzen hinweg zusammenschließen. Innerhalb von nur fünf Jahren nach ihrer Gründung trug die Kampagne dazu bei, ein Waffenverbot durchzusetzen, das viele zuvor für unrealistisch gehalten hatten. Der Friedensnobelpreis ehrte diese Leistung. Die heutigen Rückschläge zeigen jedoch, dass auch erreichte Normen verteidigt werden müssen, damit sie ihre Schutzwirkung behalten.

Stand: 29.10.2026

Im Porträt: Memorial

Memorial ist eine russische Menschenrechts- und Geschichtsorganisation, die mit ihrer Gründungskonferenz am 28. und 29. Januar 1989 in Moskau als landesweite Vereinigung entstand. Die Initiative dazu reicht bis in das Jahr 1987 zurück, als Aktivistinnen und Aktivisten in der Zeit von Glasnost und Perestroika begannen, Unterschriften für ein Denkmal für die Opfer der politischen Repression in der Sowjetunion zu sammeln. Diese Reihe nennt den 28. Januar 1989 als Gründungsdatum. Im Dezember 2021 ordneten russische Gerichte die Auflösung der Organisation an. 2022 erhielt Memorial den Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki und dem ukrainischen Zentrum für bürgerliche Freiheiten.

Der Name Memorial steht für das Ziel, an die Opfer des sowjetischen Terrors zu erinnern. Unter Josef Stalin waren Millionen Menschen verhaftet, in die Lager des Gulag verschleppt, deportiert oder erschossen worden. Über diese Verbrechen durfte in der Sowjetunion lange nicht offen gesprochen werden. Erst unter Michail Gorbatschow öffneten sich Spielräume für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Gründer von Memorial wollten diese Gelegenheit nutzen, um die Wahrheit über die Repression zu erforschen, die Namen der Opfer zu bewahren und ihren Angehörigen zu helfen.

Eine herausragende Rolle spielte der Physiker und Dissident Andrei Sacharow, der 1975 den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Er wurde zum ersten Ehrenvorsitzenden der Organisation. Zu den Gründern gehörten zudem Historiker wie Arseni Roginski, der später lange Vorsitzender von Memorial International war, sowie zahlreiche frühere Häftlinge und ihre Familien. Die Organisation verstand sich von Anfang an nicht nur als historische Gesellschaft, sondern auch als Bewegung für die Achtung der Menschenrechte in der Gegenwart.

In den folgenden Jahrzehnten baute Memorial ein umfangreiches Archiv auf. Es sammelte Dokumente, Briefe, Fotos und Erinnerungen von Opfern der Repression und erstellte Datenbanken mit den Namen von Millionen Verfolgten. Viele Familien erfuhren auf diesem Weg zum ersten Mal, was mit ihren Angehörigen geschehen war. Memorial initiierte auch die jährliche Aktion Rückgabe der Namen, bei der jedes Jahr am 29. Oktober in Moskau am Solowezki-Stein, einem Gedenkstein für die Opfer des Gulag, die Namen von Erschossenen verlesen wurden. Der Tag vor dem offiziellen Gedenktag für die Opfer politischer Repression am 30. Oktober wurde so zu einem Ort des stillen Gedenkens.

Neben der historischen Arbeit wurde der Schutz der Menschenrechte zu einem zweiten Schwerpunkt. Das Menschenrechtszentrum Memorial, das als eigenständige Organisation innerhalb des Netzwerks bestand, dokumentierte Verletzungen der Menschenrechte in Russland und in Konfliktgebieten der früheren Sowjetunion. Besonders bekannt wurde seine Arbeit während der beiden Kriege in Tschetschenien in den 1990er und 2000er Jahren. Mitarbeiter von Memorial sammelten Berichte über Verschleppungen, Folter und außergerichtliche Hinrichtungen und machten sie öffentlich. Viele dieser Fälle wurden später vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt.

Diese Arbeit war lebensgefährlich. Im Juli 2009 wurde die Memorial-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa in Grosny entführt und ermordet aufgefunden. Sie hatte über Jahre Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien dokumentiert. Ihre Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Auch andere Mitarbeiter wurden bedroht, angegriffen oder verhaftet. Der Leiter des Büros in Tschetschenien, Ojub Titijew, wurde 2018 festgenommen und in einem Verfahren verurteilt, das von Menschenrechtsorganisationen als konstruiert kritisiert wurde.

Seit Beginn der 2010er Jahre geriet Memorial zunehmend unter staatlichen Druck. Ein Gesetz von 2012 verpflichtete Organisationen, die Geld aus dem Ausland erhielten und sich politisch betätigten, sich als ausländische Agenten registrieren zu lassen. Der Begriff weckte in Russland Erinnerungen an die Sprache der Stalinzeit. Mehrere Teile von Memorial wurden in dieses Register aufgenommen. In den folgenden Jahren wurden die Organisationen mit Kontrollen, Geldstrafen und Verfahren überzogen. In der Region Karelien wurde der Historiker Juri Dmitrijew, der Massengräber aus der Stalinzeit erforscht hatte, in einem umstrittenen Verfahren zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Im Dezember 2021 ordnete das Oberste Gericht Russlands die Auflösung der Dachorganisation Memorial International an, kurz darauf folgte ein Moskauer Gericht mit der Auflösung des Menschenrechtszentrums. Begründet wurde dies mit Verstößen gegen das Gesetz über ausländische Agenten. Der Staatsanwalt warf Memorial zudem vor, ein falsches Bild der Sowjetunion als terroristischer Staat zu zeichnen. Die Entscheidung stieß international auf scharfe Kritik. Ende Februar 2022, kurz nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, wurde die Liquidation rechtskräftig. Die Behörden beschlagnahmten später auch das Gebäude der Organisation in Moskau.

Der Friedensnobelpreis von 2022 ehrte die drei Preisträger nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß als Vertreter der Zivilgesellschaft in ihren Heimatländern, die sich über viele Jahre für das Recht eingesetzt hätten, Macht zu kritisieren und die Grundrechte der Bürger zu schützen. Sie hätten Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch dokumentiert. Bei Memorial hob das Komitee hervor, dass die Organisation auf der Überzeugung beruhe, dass die Aufarbeitung früherer Verbrechen für die Verhinderung neuer Verbrechen wesentlich sei. Den Preis nahm in Oslo Jan Ratschinski entgegen, der Vorsitzende von Memorial International.

Am Tag der Bekanntgabe des Nobelpreises, dem 7. Oktober 2022, entschied ein Moskauer Gericht zudem, das Gebäude von Memorial in staatliches Eigentum zu überführen. Viele Beobachter sahen darin ein Zeichen dafür, wie wenig die russische Führung den Preis beeindruckte. In Russland selbst wurde die Auszeichnung von offiziellen Stellen kaum gewürdigt oder als politisch motiviert abgetan. In der Ukraine stieß die gemeinsame Auszeichnung von Organisationen aus Russland, Belarus und der Ukraine auf Kritik, weil sie als Gleichsetzung verstanden werden konnte.

Memorial hat sich jedoch klar gegen den Krieg gegen die Ukraine gestellt. Die Organisation bezeichnete den Angriff als Verbrechen und dokumentiert, soweit es unter den Bedingungen der Verfolgung möglich ist, auch die Repression gegen Kriegsgegner in Russland. Ihre Mitarbeiter verzeichnen weiterhin Listen politischer Gefangener. Nach Angaben von Memorial ist die Zahl der politischen Gefangenen in Russland seit 2022 stark gestiegen. Der Ko-Vorsitzende des Menschenrechtszentrums Oleg Orlow wurde 2024 wegen seiner Kritik am Krieg zu einer Haftstrafe verurteilt und kam im Sommer 2024 bei einem Gefangenenaustausch frei.

Trotz der Auflösung arbeitet Memorial weiter. Aktivisten haben in Russland neue Strukturen gegründet, andere arbeiten aus dem Exil. In mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, gibt es Memorial-Vereine, die die Arbeit fortsetzen, Archivbestände sichern und Ausstellungen organisieren. Das Netzwerk ist damit nicht verschwunden, sondern hat sich auf neue Weise organisiert. Die digitalen Datenbanken über Opfer der Repression stehen weiterhin zur Verfügung.

Für die Geschichte des Friedensnobelpreises ist Memorial ein besonderer Fall. Die Organisation wurde ausgezeichnet, nachdem ihr eigener Staat sie aufgelöst hatte. Der Preis würdigte damit nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die Haltung, sich der staatlichen Deutung der Geschichte zu widersetzen. Die Verbindung zu Andrei Sacharow schließt zudem einen Kreis: Der erste Ehrenvorsitzende war selbst Friedensnobelpreisträger und hatte für seine Überzeugungen in der Verbannung gelebt.

Wenn Sie sich mit der Geschichte der Sowjetunion und mit dem heutigen Russland beschäftigen, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit schon auf Material von Memorial gestoßen. Die Datenbanken, Zeitzeugenberichte und Publikationen der Organisation gehören zu den wichtigsten Quellen über den sowjetischen Terror. Sie zeigen, wie eng Erinnerung und Menschenrechte miteinander verbunden sind. Eine Gesellschaft, die sich den Verbrechen ihrer Vergangenheit nicht stellt, läuft nach der Überzeugung von Memorial Gefahr, sie zu wiederholen. Diese Überzeugung ist der Kern der Arbeit, für die das Nobelkomitee die Organisation 2022 ausgezeichnet hat.

Stand: 29.10.2026