Im Porträt: Zentrum für bürgerliche Freiheiten

KI-generierte Illustration: Zentrum für bürgerliche Freiheiten

Das Zentrum für bürgerliche Freiheiten, im Original Center for Civil Liberties, ist eine ukrainische Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Kiew. Als Gründungsdatum nennen verfügbare Angaben den 30. Mai 2007. Die Organisation ging aus einer Initiative von Menschenrechtsaktivistinnen und Menschenrechtsaktivisten hervor, die sich für die Stärkung der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine einsetzen wollten. Seit vielen Jahren wird sie von der Juristin Oleksandra Matwijtschuk geleitet. 2022 erhielt das Zentrum den Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki und der russischen Organisation Memorial.

Die Gründung fiel in die Jahre nach der Orangen Revolution von 2004, als in der Ukraine große Hoffnungen auf demokratische Reformen bestanden, die sich jedoch nur teilweise erfüllten. Das Zentrum setzte sich von Beginn an dafür ein, staatliche Institutionen zu kontrollieren, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und Reformen in Justiz und Polizei anzustoßen. Es beteiligte sich an Gesetzgebungsverfahren, veröffentlichte Berichte und schulte Aktivistinnen und Aktivisten in der Ukraine und in anderen Ländern Osteuropas. Ein Anliegen war auch, dass die Ukraine das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs ratifiziert.

Eine wichtige Bewährungsprobe kam mit den Protesten auf dem Kiewer Maidan im Winter 2013 und 2014. Als die Regierung von Präsident Wiktor Janukowytsch gewaltsam gegen Demonstranten vorging, gründete das Zentrum gemeinsam mit anderen Organisationen die Initiative Euromaidan SOS. Freiwillige sammelten Informationen über festgenommene, verletzte und verschwundene Demonstranten, vermittelten Anwälte und dokumentierten Übergriffe der Sicherheitskräfte. Die Initiative wurde zu einer der zentralen Anlaufstellen für Menschen, die Hilfe suchten.

Nach der russischen Annexion der Krim im Frühjahr 2014 und dem Beginn des Krieges im Osten der Ukraine weitete das Zentrum seine Arbeit aus. Es dokumentierte die Verfolgung von Krimtataren, Journalisten und Aktivisten auf der besetzten Halbinsel und in den von Russland kontrollierten Gebieten im Donbas. Ein Schwerpunkt war die Lage von politischen Gefangenen, die in Russland oder in den besetzten Gebieten festgehalten wurden. Das Zentrum beteiligte sich an Kampagnen für ihre Freilassung und brachte ihre Fälle vor internationale Gremien.

Mit dem umfassenden russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 änderte sich die Arbeit grundlegend. Das Zentrum begann gemeinsam mit Partnerorganisationen, mögliche Kriegsverbrechen systematisch zu erfassen. Im Rahmen eines Bündnisses unter dem Namen Ukraine 5 AM Coalition, benannt nach der Uhrzeit, zu der der Angriff begann, sammelten Mitarbeiter und Freiwillige Berichte über Angriffe auf Zivilisten, Folter, Verschleppungen und die Zerstörung ziviler Infrastruktur. Nach Angaben der Organisation wurden auf diese Weise Zehntausende Fälle dokumentiert.

Diese Dokumentation verfolgt ein klares Ziel: Die Verantwortlichen sollen eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden. Oleksandra Matwijtschuk hat wiederholt betont, dass es ohne Gerechtigkeit keinen dauerhaften Frieden geben könne. Das Zentrum setzt sich deshalb für die Einrichtung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine ein und arbeitet mit internationalen Ermittlern zusammen. Zugleich kritisiert es, dass das internationale System bislang zu wenig getan habe, um Kriegsverbrechen zu verhindern und zu ahnden.

Der Friedensnobelpreis von 2022 ehrte die drei Preisträger nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß als Vertreter der Zivilgesellschaft in ihren Heimatländern. Sie hätten sich über viele Jahre für das Recht eingesetzt, Macht zu kritisieren und die Grundrechte der Bürger zu schützen. Sie hätten herausragende Anstrengungen unternommen, Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch zu dokumentieren, und gemeinsam die Bedeutung der Zivilgesellschaft für Frieden und Demokratie gezeigt. Beim Zentrum hob das Komitee besonders die Dokumentation russischer Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung hervor.

Die Zusammenstellung der Preisträger war ungewöhnlich und wurde vielfach diskutiert. Mit Organisationen und Personen aus der Ukraine, aus Russland und aus Belarus wollte das Nobelkomitee zeigen, dass Menschenrechtsverteidiger in allen drei Ländern gemeinsame Werte vertreten. In der Ukraine stieß diese Verbindung jedoch auf Kritik. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten erklärte, das Komitee habe ein seltsames Verständnis des Wortes Frieden, wenn es Vertreter zweier Länder, die ein drittes angegriffen hätten, gemeinsam auszeichne. Matwijtschuk selbst ging differenziert damit um und betonte die Unterschiede zwischen dem russischen Staat und den Menschenrechtlern von Memorial.

In ihrer Nobelvorlesung im Dezember 2022 in Oslo rief Matwijtschuk dazu auf, die internationale Ordnung zu erneuern. Sie forderte, dass Menschenrechte im Zentrum der Politik stehen müssten und dass Staaten, die das Völkerrecht brechen, nicht länger Straflosigkeit genießen dürften. Zugleich machte sie deutlich, dass der Kampf für Frieden in der Ukraine nicht bedeute, sich einem Aggressor zu ergeben. Ein Frieden, der die Besetzung von Gebieten hinnehme, würde nach ihrer Auffassung neue Verbrechen ermöglichen.

Bereits vor dem Nobelpreis hatte die Arbeit der Organisation internationale Anerkennung gefunden. Im Herbst 2022 wurde das Zentrum zusammen mit Oleksandra Matwijtschuk auch mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet, der oft als Alternativer Nobelpreis bezeichnet wird. Die Jury würdigte dabei ebenfalls den Aufbau einer nachhaltigen Demokratie in der Ukraine und die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Matwijtschuk ist seitdem eine gefragte Stimme in internationalen Debatten, sie spricht vor Parlamenten, bei Konferenzen und in den Vereinten Nationen über die Lage in ihrem Land und über die Notwendigkeit, Kriegsverbrechen konsequent zu verfolgen.

Die Arbeit des Zentrums ist mit erheblichen Risiken verbunden. Mitarbeiter und Freiwillige dokumentieren Verbrechen oft in Gebieten, die nahe an der Front liegen oder gerade erst befreit wurden. Gleichzeitig bleibt das Zentrum auch gegenüber der ukrainischen Regierung kritisch. Es beobachtet etwa den Umgang mit Kriegsgefangenen, die Rechte von Menschen in befreiten Gebieten und die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze unter dem Kriegsrecht. Diese Unabhängigkeit gilt als wesentlicher Bestandteil seiner Glaubwürdigkeit.

Zum Gründungsdatum ist eine Anmerkung angebracht. Der 30. Mai 2007 stützt sich auf eine einzelne verfügbare Quelle und wird in den gängigen Darstellungen kaum genannt. Viele Quellen geben lediglich das Gründungsjahr 2007 an. Sollten Sie genauere Informationen benötigen, empfiehlt sich ein Blick in die Angaben der Organisation selbst oder in offizielle ukrainische Register.

Für die Geschichte des Friedensnobelpreises steht die Auszeichnung von 2022 in einer Reihe von Preisen an Menschenrechtsverteidiger, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Das Nobelkomitee hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder betont, dass die Achtung der Menschenrechte eine Voraussetzung für Frieden ist. Mit dem Preis an das Zentrum für bürgerliche Freiheiten würdigte es eine Organisation, die mitten in einem Krieg auf der Einhaltung des Rechts besteht.

Wenn Sie den Krieg in der Ukraine verfolgen, begegnen Ihnen die Berichte des Zentrums und seiner Partner häufig, wenn es um Kriegsverbrechen geht. Diese Arbeit ist mühsam und wenig spektakulär. Sie besteht darin, Zeugenaussagen aufzunehmen, Beweise zu sichern und Fälle so zu dokumentieren, dass sie vor Gericht Bestand haben können. Gerade diese Sorgfalt macht sie wertvoll, denn ohne verlässliche Dokumentation bleibt Gerechtigkeit für die Opfer unerreichbar.

Das Zentrum für bürgerliche Freiheiten zeigt zugleich, welche Rolle die Zivilgesellschaft in einem Land im Krieg spielen kann. Sie hilft nicht nur den Opfern, sondern bewahrt auch die Werte, für die das Land kämpft. Oleksandra Matwijtschuk hat dies so beschrieben, dass Menschen in der Ukraine nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihre Freiheit und Würde kämpften. Die Organisation setzt diese Arbeit fort, solange der Krieg andauert und auch für die Zeit danach, in der die Aufarbeitung der Verbrechen beginnen muss.

Stand: 29.10.2026

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