Hier geht es um die Entwicklung der Gesellschaft in Fragen von Erziehung und Bildung.
Unser ganz famoses Grundgesetz enthält sehr viele (leider oft unterschätzte) wertvolle Passagen.
Heute ist mir eine ganz wichtig. In Artikel 6, Satz 2 heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“
Verkürzt heißt das: „Zuallererst ist die ERZIEHUNG eine Pflicht der Eltern.“
Das beginnt im Säuglingsalter. Meine Frau hat eine sehr gute Freundin, die Erzieherin ist. Es war unfassbar wohltuend zu sehen, wie dort mit dem Nachwuchs umgegangen wurde: Solange der Säugling wach war, gab es kein Gedudel aus dem Radio und kein Gedaddel am eigenen Smartphone. Das Kind hatte die Aufmerksamkeit der Mutter, sie hatte Blickkontakt und – man staune – sie sprach mit dem Kind. Das fiel sogar der Hebamme, die zur Nachsorge kam, als »wohltuende Atmosphäre« besonders auf.
Wie häufig sehe ich junge Eltern mit Kinderkarren durch die Gegend schieben, die überhaupt keine Interaktion mit dem Kind haben, sondern lediglich wie ein Zombie in das Smartphone starren oder lediglich mit Dritten sprechen, während das Kind sich selbst überlassen ist. Man muss als vernünftig denkender Mensch den Impuls unterdrücken, den Rabeneltern das Gerät zu entreißen, es im nächsten Teich zu versenken und den jungen Leuten eine Ansage zu verpassen, dass die Haare wehen.
Weiter geht es im Kindergarten: Meine Schwägerin leitet einen solchen. Vor ihr stand ein junger Vater mit einem vielleicht dreijährigen Kind auf dem Arm. Er fragte etwas zaghaft, wie er denn sein Kind Selbstständigkeit lehren könne. Die Antwort „Setzen Sie es erst einmal ab“ gefiel ihm aber auch nicht.
Viele Eltern (leider oft auch aus migrantischen Milieus) geben die Kinder gar nicht erst in einen Kindergarten. So fehlt der Erwerb der deutschen Sprache oft komplett.
Zur Ehrenrettung junger Eltern muss man natürlich sagen, dass ein merkbarer Teil der Erziehungsleistung sich »früher« dadurch erübrigte, dass die Kinder sich untereinander erzogen, wenn es mehrere Geschwister gab. Zudem führt auch die zunehmende Arbeitsverdichtung zur Verlockung, die (vermeintlich) einfache Lösung zu wählen. Wenn es morgens schnell gehen muss, wird nicht mehr lange die Schleife geübt, weil der Klettverschluss das Problem in Sekunden löst. Was dabei aber an motorischen Fähigkeiten NICHT trainiert wird, ist den Eltern oft nicht bewusst.
Es ist ebenfalls Aufgabe der Eltern, den Spracherwerb zu fördern. Das kann überall passieren: Freunde gingen mit der kleinen Tochter häufig an der Elbe spazieren – das Kind kannte mit vier Jahren die Unterschiede zwischen einem Gastanker, einem Schüttgutfrachter und einen Roro-Carrier. Manchmal können heute Erstklässler das Wort Schüttgutfrachter nicht einmal wiederholen, wenn man es ihnen vorspricht. Wissen Sie übrigens, was ein Roro-Carrier ist? Nicht googeln.
Es wird mit den Kindern viel zu wenig »analog« gespielt, Karten, Brettspiele, Denkspiele sind stark auf dem Rückzug. Etwas scheinbar Banales wie „Mensch ärgere Dich nicht“ trainiert das Zählen, die Konzentration und Frustrationstoleranz. Das ist mit dem Parken vor dem KiKA oder durch das Spielen mit noch so gut gemeinten Tablet-Apps nicht zu ersetzen.
Es wird zu wenig vorgelesen. Das Vorlesen erweitert den Wortschatz, hilft bei der Konzentration, dem Textverständnis und schafft zudem Nähe. Kinder lieben es.
Kinder brauchen wertvolle Interaktion mit echten Menschen. Nur so entwickeln sie sich zu sozialen, empathischen Wesen.
Durch die hier beispielhaft angeführten Unterstützungs-, Erziehungs- und Entwicklungsdefizite kommen dann Kohorten von werdenden Grundschülern in die Schuleingangsuntersuchungen, die heterogener kaum sein könnten. Das geht von kaum den Windeln entwachsen mit minimalem Wortschatz oder gar völlig ohne Deutschkenntnisse bis hin zu Kindern, die bereits in Ansätzen schreiben und rechnen können oder gar Schach spielen.
In der Schule treffen viele Kinder erstmals auf echte Gruppensituationen. In der modernen Kleinfamilie mit Einzelkind laufen auf Familienfeiern oftmals nicht mehr zehn Kinder im Garten durcheinander, sondern zehn Eltern, Tanten, Onkel und Großeltern scharen sich um ein Kind, sind allesamt völlig verliebt und huldigen dem kleinen Prinzen oder der Prinzessin.
Für diese Kinder gilt in der Schule dann der Satz:
»Wer Bevorzugung gewohnt ist, für den ist Gleichbehandlung bereits Benachteiligung.«
(Thomas Sowell)
Das Schulsystem in Deutschland hingegen funktioniert in weiten Teilen noch ähnlich wie vor fünfzig Jahren. Genau deshalb funktioniert es aber nicht mehr. Es ist auf die gesellschaftlichen Veränderungen und den heterogenen Entwicklungsstand der Kinder nicht in geeigneter Weise vorbereitet. Zudem haben sozialistische Bildungsexperimente das Niveau oftmals dramatisch verschlechtert – wer Ergebnisgleichheit will, wird die nur durch Absenkung des Niveaus erreichen. So sehr linke Sozialromantiker sich das auch wünschen, Schweine können nicht fliegen und nicht jeder kann ein Raketenwissenschaftler werden.
Doch zurück zur Grundschule: Dort haben wir es noch mit einem weiteren Phänomen zu tun: einem völlig missglückten Konzept von Inklusion – Kinder mit »speziellen Bedürfnissen« werden mehr oder weniger ungeschützt in übervolle Regelklassen geworfen, während die Förderschulen großflächig abgebaut werden. Die Sonderpädagogen werden zu Berufspendlern zwischen mehreren Schulen und haben die Aufgabe, die gewöhnlichen Lehrkräfte zu »beraten«, anstatt selbst zu unterrichten.
So kommt es dann schon mal vor, dass ein einzelnes Kind aus dem autistischen Spektrum den Unterricht in einer ganzen Klasse unmöglich macht, weil es mit der Summe der auf es einprasselnden Reize völlig überfordert ist und völlig »austickt«. Da hilft den den Lehrkräften auch die beste Beratung nichts. Lehrer brauchen Hilfe.
So wie es jetzt läuft, scheitert Inklusion für die Kinder mit besonderem Förderbedarf wie für die »Regelkinder« gleichermaßen – die einen erleben keine angemessene Unterstützung, sondern Misserfolg und Überforderung, den anderen fehlt es an Leistungsförderung und Input.
Dazu kommt die Schnapsidee der Schulbegleitungen. In einigen Klassen sitzen bis zu drei Erwachsene neben irgendwelchen Kindern, die im Einzelfall auch mal schlicht unerzogen sind.
Diese Schulbegleitungen sind in mehrfacher Hinsicht ein Problem: a) Es wird im Zweifel jede(r) eingestellt, der oder die nicht bei Drei auf dem Baum ist – und so sind die dann oft auch.
Die Kinder allerdings nehmen alle Erwachsenen gleichermaßen als »die Großenֿ« wahr. Wenn nun die Lehrer versuchen, einigermaßen eine Ordnung herzustellen und aufrecht zu erhalten, während Schulbegleitungen lustlos mit ihrem Smartphone herumspielen und nicht auf die Einhaltung von Regeln achten, dann ist das Signal, welches bei den Kindern ankommt, völlig uneindeutig. Alle Eltern könnten das kennen: Papa verbietet etwas, Mama erlaubt’s (oder umgekehrt), das Kind wird schnell lernen zu versuchen, die Eltern gegeneinander auszuspielen. So gibt es dann plötzlich die »Guten« und die »Bösen« – Gleiches gilt für Schulbegleitungen, Schulsozialpädagogen und auch innerhalb der Lehrerschaft selbst. Schüler und Eltern werden verleitet zu versuchen, sich die Rosinen herauszupicken.
Die Klassen sind zu groß, die Lehrer mit lehrfremden Aufgaben überfrachtet, der Lehrerberuf nicht mehr attraktiv, die Elternmitbestimmung bei oft völliger Ahnungslosigkeit überbordend, die Personaldecke für gezielte Förderung sehr viel zu dünn – allein diese kurze Aufzählung würde Stoff für ein ganzes Buch liefern. Das hat übrigens jüngst eine Schulleiterin (Silke Müller heißt die Frau, »Wir verlieren unsere Kinder« das Buch) getan und war daraufhin bei Markus Lanz eingeladen. Was war die Reaktion der Politik, in diesem Fall von Ministerin Karin Prien? Die Frau möge doch bitte nicht unser Schulsystem schlechtreden.
Eine Sache habe ich noch zur Grundschule: den »Tabletwahn«.
Das nehme ich mal als Sammelbegriff für den eher diffusen Wunsch von Eltern und Politik, die Kinder sollten doch möglichst früh Computer benutzen, damit Deutschland nicht (noch weiter) den Anschluss in der Digitalisierung verliert, die Kinder Programmieren lernen und so weiter und so fort, der Computer als Allheilmittel für den Einstig in das Neuland.
Meine Frau ist Grundschullehrerein (früher mit Leidenschaft, heute nur noch mit zunehmender Verzweiflung), ich besitze ein kleines IT-Unternehmen. Wir haben auch schon verschiedene Berufe ausgebildet, unter anderem Software-Entwickler. Auf einer längeren Autofahrt haben wir mal gemeinsam zusammengetragen, welche Skills Auszubildende in dem Bereich (und generell) brauchen. Da kamen Themen zusammen wie Wortschatz, Lesekompetenz, Textverständnis, DENKBEREITSCHAFT, Anstrengungsbereitschaft, Frustrationstoleranz, sicheres Rechnen in allen Grundrechenarten – auch im Kopf, Überschlagsrechnungen, der Wille, eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen, der Durst nach Wissen.
Die Überraschung ist (nicht): Kaum eine dieser Kulturfertigkeiten lässt sich optimal mit Wischen und Klicken auf einem Tablet trainieren oder gar erlernen. Wischen und Klicken erlernen die Kids in Nullzeit am Gerät selbst, das Angebot an Schulsoftware ist verglichen mit Minecraft oder Counterstrike aber binnen kürzester Zeit tödlich öde.
Die letzte Schelle geht wieder an die Politik: »Das Schwein wird nicht vom Wiegen fett.«
Im Schulsystem wird gemessen, gezählt, erhoben wie nie zuvor. Es werden ganze neue Behörden aus dem Boden gestampft, die nichts anderes tun als Schülerstatistiken zu erstellen. Reduziert den ganzen Unsinn auf ein Minimum, holt rollierend Praktiker in die Ministerien und lasst die Schulpolitik nicht mehr in Instituten von Lehrern gestalten, die seit dreißig Jahren keinen Klassenraum von innen gesehen haben und oft diese Laufbahn nur ergriffen haben, weil sie die Absicht hatten, dem Wahnsinn in der Schule zu entfliehen. Einige wollten auch nie vor einer Klasse zu stehen.
Fazit: Unser Schulsystem ist KOPLETT AM ENDE, und die Folgen dieses Dramas werden einige der anderen Verwerfungen in diesem Land in der Zukunft wie ein laues Lüftchen wirken lassen.
Ich bin nicht sicher, dass es „Fünf vor Zwölf“ ist. Möglicherweise graut schon der Morgen. Oder dem Morgen, wenn er auf Deutschland schaut.
Ach ja, zurück aus »Los«: Erzieht Eure Kinder selbst – so will es auch das GG.
P.S. Danke, wenn Sie es bis hierher durchgehalten haben, ich habe mich stark zurückhalten müssen, die Liste der Missstände ist eigentlich noch viel länger. (Dieser Text ist ohne KI entstanden, das Bild nicht)
Gastbeitrag von Axel Kamann. Sie finden ihn u.a. auf X.

