In Gemeinden mit höherem sozioökonomischem Status ist das Eisenkot-Lager deutlich stärker. Eine einfache Formel nach dem Muster „arm für Netanjahu, reich für Eisenkot“ trägt trotzdem nicht: Unter den sozial schwächer eingestuften Orten liegen ultraorthodoxe Hochburgen und Gemeinden mit überwältigenden Mehrheiten für arabisch geführte Listen. Der gleiche soziale Rang kann mit sehr unterschiedlichen politischen Mehrheiten zusammenfallen.
Für diese Vertiefung zur Israel-Wahlanalyse haben wir die Ergebnisse von 201 Städten und Lokalräten mit dem Sozialindex des israelischen Statistikamts CBS verbunden. Erfasst sind 4.651.274 gültige Stimmen, also 81,7 Prozent des nationalen Ergebnisses. Der Blick auf zehn einzelne Klassen, Parteiprofile und unterschiedliche Gewichtungen zeigt mehr als der erste Vergleich großer Gruppen.
Was hier mit Sozialstruktur gemeint ist
Der verwendete CBS-Index beschreibt die sozioökonomische Lage der Bevölkerung eines Ortes im Jahr 2021. Die Klassen reichen von 1, dem niedrigsten, bis 10, dem höchsten Niveau. Es sind keine zehn gleich großen Bevölkerungsgruppen und keine Einkommensdezile.
In den Index fließen unter anderem Einkommen, Bildung, Erwerbstätigkeit und demographische Merkmale ein. Er ist deshalb umfassender als ein einzelner Einkommenswert. Die CBS-Tabelle zu den verwendeten Merkmalen führt beispielsweise Bildung, Erwerbseinkommen und Altersstruktur auf. „Arm“ und „reich“ im Titel sind zugespitzte Kurzformen; präziser geht es um den sozioökonomischen Status der Gemeinden.
Außerdem liegen fünf Jahre zwischen Sozialdaten und Wahl. Die Auswertung verbindet die Struktur von 2021 mit den Stimmen von 2026. Sie misst weder aktuelle Einkommen einzelner Wähler noch deren persönliche Wahlentscheidung.
In den höheren Klassen gewinnt das Eisenkot-Lager deutlich
Fasst man die Klassen 1 bis 3, 4 bis 6 und 7 bis 10 zusammen, wird ein großer Unterschied sichtbar. In der unteren Gruppe erhält das Eisenkot-Lager 10,2 Prozent der gültigen Stimmen, in der mittleren 29,9 und in der oberen 58,0 Prozent. Der Abstand zwischen unterer und oberer Gruppe beträgt 47,8 Prozentpunkte.
Stimmenanteile in den jeweils zusammengefassten Gemeinden; übrige Listen sind im Nenner enthalten. Die drei Gruppen wurden für diese Auswertung gebildet. Auf kleinen Bildschirmen lässt sich die Tabelle bei Bedarf seitlich verschieben.
| CBS-Klassen | Orte | Gültige Stimmen | Netanjahu-Lager | Eisenkot-Lager | Arabisch geführte Listen |
|---|---|---|---|---|---|
| 1–3 | 72 | 1.260.049 | 46,0 % | 10,2 % | 40,2 % |
| 4–6 | 66 | 1.400.611 | 51,4 % | 29,9 % | 13,3 % |
| 7–10 | 63 | 1.990.614 | 34,2 % | 58,0 % | 2,0 % |
Das Netanjahu-Lager verläuft nicht spiegelbildlich dazu. Sein höchster Anteil unter diesen drei Gruppen liegt in den mittleren Klassen: 51,4 Prozent. In den unteren Klassen sind es 46,0, in den oberen 34,2 Prozent. In der unteren Gruppe entfallen zugleich 40,2 Prozent auf die arabisch geführten Listen. Ein Vergleich von nur zwei Lagern würde hier einen großen Teil des Wahlergebnisses ausblenden.
Die Lager sind analytische Zusammenfassungen: zum Netanjahu-Lager zählen Likud, Otzma Jehudit, Vereinigtes Thora-Judentum, Schas und Religiöser Zionismus–Zehut. Das Eisenkot-Lager umfasst Yashar, Beyachad, die Demokraten und Jisrael Beitenu. Ra’am und die Gemeinsame Liste werden separat gezeigt. Daraus folgt keine Aussage über eine bereits vereinbarte Regierungskoalition.
Die zehn Einzelklassen zeigen die Brüche

In Klasse 1 kommen die arabisch geführten Listen auf 56,4 Prozent und das Netanjahu-Lager auf 40,1 Prozent. In Klasse 2 kehrt sich das Bild um: 65,6 Prozent für das Netanjahu-Lager und 18,7 Prozent für die arabisch geführten Listen. Klasse 3 dreht es erneut: 64,6 Prozent für die arabisch geführten Listen, 22,6 Prozent für Netanjahus Lager.
Diese Sprünge passen nicht zu einer gleichmäßig steigenden oder fallenden Wirkung von Wohlstand. Sie entstehen aus der Zusammensetzung der jeweiligen Ortsgruppe. Ein Balken für „sozial schwächere Gemeinden“ fasst politisch sehr unterschiedliche Orte zusammen.
In den Klassen 7 bis 10 ist der Verlauf gleichmäßiger. Das Eisenkot-Lager steigt von 47,8 über 66,2 und 71,7 auf 78,1 Prozent. Die höchste Klasse besteht in dieser Auswertung allerdings nur aus Kfar Schmarjahu und Savyon mit zusammen 4.423 gültigen Stimmen. Ihr hoher Wert hat eine völlig andere Größenordnung als Klasse 7 mit 957.527 gültigen Stimmen. Die gleich langen Balken zeigen Prozentverteilungen und bedeuten nicht gleich großes politisches Gewicht.
Bnei Brak und Rahat: gleiche Klasse, gegensätzliche Mehrheiten
Vier Orte derselben CBS-Klasse 2. Anteile an gültigen örtlichen Stimmen; übrige Listen nicht separat ausgewiesen. Auf kleinen Bildschirmen lässt sich die Tabelle bei Bedarf seitlich verschieben.
| Ort | CBS-Klasse | Netanjahu-Lager | Eisenkot-Lager | Arabisch geführte Listen |
|---|---|---|---|---|
| Bnei Brak | 2 | 93,8 % | 1,9 % | 0,0 % |
| Rahat | 2 | 0,3 % | 0,8 % | 98,4 % |
| Jerusalem | 2 | 68,3 % | 20,7 % | 4,6 % |
| Beitar Illit | 2 | 97,7 % | 0,4 % | 0,0 % |
Bnei Brak und Rahat gehören beide zur CBS-Klasse 2. In Bnei Brak erhält das Netanjahu-Lager 93,8 Prozent, in Rahat nur 0,3 Prozent. Dort gehen 98,4 Prozent an die arabisch geführten Listen. Beitar Illit liegt ebenfalls in Klasse 2 und erreicht 97,7 Prozent für das Netanjahu-Lager.
Die Unterschiede sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass der soziale Rang allein die politische Landkarte nicht beschreibt. Religiöse und nationale Zugehörigkeiten, politische Traditionen und das lokale Umfeld können mit der Sozialstruktur zusammenhängen. Welchen eigenständigen Beitrag jeder dieser Faktoren leistet, haben wir mit diesem Vergleich nicht geschätzt.
Auch Jerusalem gehört zu Klasse 2 und stellt allein 45,7 Prozent der dort ausgewerteten gültigen Stimmen. Das ist für das Gruppenergebnis entscheidend. Zugleich zeigt eine Gegenrechnung, dass sich die Mehrheit des Netanjahu-Lagers nicht allein auf Jerusalem zurückführen lässt: Ohne die Stadt sinkt sein Anteil in Klasse 2 von 65,6 auf 63,3 Prozent. Der Anteil der arabisch geführten Listen steigt dabei von 18,7 auf 30,6 Prozent.
Das Weglassen Jerusalems ist eine Sensitivitätsprüfung, keine bessere Version des Wahlergebnisses. Jerusalem gehört selbstverständlich zur vollständigen Auswertung. Die Gegenrechnung zeigt lediglich, wie stark ein einzelner großer Ort die Mischung einer Klasse beeinflusst.
Die Parteien haben eigene soziale Profile

Likud erreicht in den Klassen 4 bis 6 einen Anteil von 31,6 Prozent, gegenüber 9,9 Prozent in den Klassen 1 bis 3 und 21,4 Prozent in den Klassen 7 bis 10. Das Profil der größten Partei des Netanjahu-Lagers unterscheidet sich damit erheblich vom Profil des Vereinigten Thora-Judentums: Diese Liste kommt unten auf 18,3 Prozent, in der Mitte auf 2,6 und oben auf 1,1 Prozent.
Auch Schas fällt von 9,8 Prozent in der unteren auf 3,1 Prozent in der oberen Gruppe. Bei Yashar verläuft die Reihe umgekehrt: 3,8, 12,4 und 25,3 Prozent. Die Demokraten erreichen unten 2,3 Prozent und oben 10,6 Prozent. Beyachad steigt von 1,8 auf 15,2 Prozent. Solche Unterschiede gehen in einer reinen Lagerbetrachtung verloren.
Die Profile beschreiben, wo Stimmen abgegeben wurden. Aus ihnen folgt nicht, dass sämtliche Wähler von Thora-Judentum ein niedriges Einkommen hätten oder jeder Yashar-Wähler wohlhabend wäre. In jeder Gemeinde leben Menschen mit unterschiedlichen Einkommen, Bildungsabschlüssen und Lebensweisen.
Warum die Gewichtung das Bild verändern kann
Bei Gemeindedaten gibt es zwei naheliegende Rechnungen. Man kann alle Stimmen einer Gruppe addieren. Oder man kann die Prozentwerte der einzelnen Gemeinden mitteln, sodass jede Gemeinde genau gleich viel zählt. Beide Rechnungen sind mathematisch zulässig, beantworten aber unterschiedliche Fragen.

In den Klassen 1 bis 3 erhält das Netanjahu-Lager 46,0 Prozent aller gültigen Stimmen. Der einfache Mittelwert seiner 72 Gemeindeanteile beträgt dagegen nur 25,1 Prozent. Bei den arabisch geführten Listen sind es umgekehrt 40,2 Prozent der Stimmen und 59,7 Prozent im Gemeindemittel.
Die Reihenfolge der beiden Lager wechselt damit allein durch die Fragestellung. Große Orte haben beim Stimmenzählen mehr Gewicht; beim Gemeindemittel zählen sie genauso viel wie kleine. Wer das Gemeindemittel als gemeinsames Wahlergebnis ausgibt, beantwortet unbemerkt eine andere Frage. Deshalb verwenden die übrigen Tabellen und Grafiken dieses Artikels die addierten Stimmen.
Was im Vergleich fehlt
Die 201 verknüpften Städte und Lokalräte decken einen großen, aber nicht vollständigen Teil der Wahl ab. Die 54 Regionalräte der CBS-Tabelle wurden nicht mit einzelnen Wahlorten gleichgesetzt. Ihr Sozialindex beschreibt eine Gemeindegruppe, während die Ergebnisdatei einzelne Orte ausweist. Eine korrekte Einbeziehung ihrer Dörfer und Kibbuzim erfordert eine zusätzliche Zuordnung.
Auch die gesondert ausgezählten Umschläge fehlen in diesem Ortsvergleich. Zusammen mit den nicht erfassten Orten liegen damit 1.039.411 gültige Stimmen außerhalb der Untersuchung. Die 81,7 Prozent Abdeckung sind keine Zufallsstichprobe; die übrigen 18,3 Prozent dürfen nicht als politisch gleich zusammengesetzt behandelt werden.
Hinzu kommt ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Einwohnern und Wählern. Der Sozialindex beschreibt die Bevölkerung einschließlich Menschen, die bei der Knessetwahl nicht wahlberechtigt sind. Das Wahlergebnis stammt von einem anderen Personenkreis. Eine individuelle Einkommenswirkung, eine Wählerwanderung oder eine kausale Erklärung lässt sich deshalb aus dieser Verbindung allein nicht ableiten.
Daten und Methode
Verwendet wurden die amtliche Ortsdatei der Knessetwahl 2026 und CBS-Tabelle A1 zur sozioökonomischen Einteilung 2021. Die Zuordnung erfolgt ausschließlich über amtliche Ortscodes. Alle 201 Städte und Lokalräte der Tabelle konnten verbunden werden; 54 Regionalräte wurden ausgeschlossen. Der erneute Abruf der Wahldatei am 31. Oktober um 12:51 Uhr deutscher Zeit bestätigte den Datenstand des Hauptartikels.
Gruppenanteil = Summe der Stimmen für die jeweilige Liste oder das jeweilige Lager geteilt durch die Summe aller gültigen Stimmen der Ortsgruppe. Der ausdrücklich gekennzeichnete ungewichtete Vergleich ist das arithmetische Mittel der Gemeindeanteile. Es wurden keine individuellen Wählerdaten verwendet und keine kausalen Effekte geschätzt.
Die Brasilien-Auswertung zu Einkommen und Wahlverhalten arbeitet ebenfalls mit Gemeindedaten, verwendet aber einen anderen Sozialindikator. Ihre Einkommenszehntel sind nicht mit den hier verwendeten CBS-Klassen gleichzusetzen. Wie sich die Teilnahme in ausgewählten arabisch geprägten Orten verändert hat, untersucht der Begleitartikel zur arabischen Wahlbeteiligung.
Stand: 31. Oktober 2026. Eigene Berechnungen und Grafiken: severint.net. Sozialindex: Bezugsjahr 2021; Wahlergebnis: ausgezählter Stand 2026 vor der angekündigten formellen Vorlage. Zum Status des Ergebnisses siehe die Meldung vom 30. Oktober. Rundungsdifferenzen sind möglich.
Die Israel-Serie
- Die große Wahldatenanalyse: Hochburgen, Demographie und Wahlbetrug
- Arabische Wahlbeteiligung: Der Sprung an die Wahlurnen
Weitere Vertiefung: Wahlbetrug in Israel 2026? Was der Datencheck zeigt und was offenbleibt.
