Die Europäische Union erhielt 2012 den Friedensnobelpreis. Ihre Geschichte beginnt mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, deren Gründungsvertrag am 23. Juli 1952 in Kraft trat. Diesen Tag behandelt diese Reihe als Gründungsdatum, weil die Montanunion die erste der Gemeinschaften war, aus denen die heutige Union hervorgegangen ist. Den Namen Europäische Union trägt der Zusammenschluss erst seit dem Inkrafttreten des Vertrags von Maastricht am 1. November 1993. Die wichtigsten Institutionen haben ihren Sitz in Brüssel in Belgien, weitere in Luxemburg und Straßburg. Heute gehören der Union 27 Mitgliedstaaten an.
Der Ausgangspunkt war die Erfahrung zweier Weltkriege. Zwischen 1870 und 1945 hatten Deutschland und Frankreich dreimal gegeneinander Krieg geführt. Nach 1945 suchten Politiker in mehreren Ländern nach einem Weg, eine Wiederholung dauerhaft zu verhindern. Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman vor, die gesamte Kohle- und Stahlproduktion Frankreichs und Deutschlands einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, an der sich auch andere Länder beteiligen könnten. Die Idee ging wesentlich auf den französischen Planungskommissar Jean Monnet zurück. Kohle und Stahl waren damals die Grundlage der Rüstungsindustrie. Wer sie gemeinsam verwaltete, konnte nicht mehr unbemerkt gegeneinander aufrüsten.
Der Vertrag über die Gründung der Montanunion wurde am 18. April 1951 in Paris von sechs Staaten unterzeichnet: Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Für die Bundesrepublik unterschrieb Bundeskanzler Konrad Adenauer. Erster Präsident der Hohen Behörde wurde Jean Monnet. Der 9. Mai, der Tag der Schuman-Erklärung, wird heute als Europatag gefeiert. Für die junge Bundesrepublik bedeutete die Montanunion einen wichtigen Schritt zurück in die Gemeinschaft der Staaten, nur wenige Jahre nach dem Ende des Krieges.
Ein weiterer Schritt folgte mit den Römischen Verträgen, die am 25. März 1957 unterzeichnet wurden und 1958 in Kraft traten. Sie begründeten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Atomgemeinschaft. Ziel war ein gemeinsamer Markt, in dem Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital frei verkehren können. Ein Versuch, auch eine gemeinsame europäische Armee zu schaffen, war zuvor 1954 in der französischen Nationalversammlung gescheitert. Die Integration verlief daher vor allem über die Wirtschaft.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Gemeinschaft schrittweise. 1973 traten Großbritannien, Irland und Dänemark bei. In den 1980er Jahren folgten Griechenland, Spanien und Portugal, drei Länder, die kurz zuvor Diktaturen überwunden hatten. Für sie war der Beitritt auch eine Absicherung der jungen Demokratie. 1995 kamen Österreich, Finnland und Schweden hinzu. Die größte Erweiterung fand 2004 statt, als zehn Staaten beitraten, die meisten davon aus Mittel- und Osteuropa. 2007 folgten Bulgarien und Rumänien, 2013 Kroatien.
Mit dem Vertrag von Maastricht wurde aus der Gemeinschaft die Europäische Union. Sie erhielt neue Zuständigkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie in der Innen- und Justizpolitik. Zudem wurde die Unionsbürgerschaft eingeführt und die Wirtschafts- und Währungsunion beschlossen, die 1999 zum Euro führte. Der Vertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, stärkte das Europäische Parlament und machte die Grundrechtecharta verbindlich. Die Union ist damit weit mehr als eine wirtschaftliche Gemeinschaft, aber auch kein Staat, sondern ein Gebilde eigener Art.
Der Friedensnobelpreis von 2012 ehrte die Europäische Union nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß dafür, dass sie und ihre Vorgänger über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen haben. Das Komitee hob die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich hervor, die Aufnahme der früheren Diktaturen Südeuropas, die Erweiterung nach Osten nach dem Fall der Berliner Mauer und die Perspektive für die Staaten des westlichen Balkans. Die Union habe den größten Teil Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem Kontinent des Friedens gemacht.
Den Preis nahmen der Präsident des Europäischen Rates Herman Van Rompuy, der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso und der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz entgegen. Bei der Feier in Oslo waren zahlreiche Staats- und Regierungschefs anwesend, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande. Das Preisgeld stellte die Union für Projekte zugunsten von Kindern in Kriegs- und Krisengebieten zur Verfügung und stockte es aus eigenen Mitteln auf.
Die Auszeichnung war von Anfang an umstritten. Sie fiel in die Zeit der Eurokrise, in der vor allem in Griechenland, Spanien und Portugal harte Sparprogramme durchgesetzt wurden, die zu hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Protesten führten. Kritiker fanden es unpassend, ausgerechnet in dieser Lage eine Institution auszuzeichnen, die von vielen Bürgern als Ursache ihrer Not empfunden wurde. Mehrere frühere Preisträger, darunter Desmond Tutu, Mairead Maguire und Adolfo Pérez Esquivel, protestierten öffentlich. Sie argumentierten, die Union entspreche nicht dem Geist von Nobels Testament, weil sie militärische Mittel nicht ablehne und Rüstungsexporte zulasse.
Weitere Kritik betraf die Asyl- und Migrationspolitik der Union. Menschenrechtsorganisationen werfen ihr vor, an den Außengrenzen, insbesondere im Mittelmeer, zu wenig für den Schutz von Flüchtlingen zu tun und mit Staaten zusammenzuarbeiten, in denen Migranten schwere Menschenrechtsverletzungen erleiden. Auch der Umgang mit Mitgliedstaaten, in denen die Unabhängigkeit der Justiz und die Freiheit der Medien eingeschränkt wurden, ist umstritten. Befürworter der Auszeichnung entgegneten, der Preis würdige eine historische Leistung, die über die aktuellen Probleme hinausreiche.
Die Jahre nach dem Nobelpreis brachten der Union weitere Belastungen. 2016 stimmte eine Mehrheit der Briten in einem Referendum für den Austritt, der 2020 vollzogen wurde. Damit verließ erstmals ein Mitgliedstaat die Union. Die Flüchtlingsbewegungen von 2015 und 2016 führten zu tiefen Konflikten zwischen den Mitgliedstaaten. Die Corona-Pandemie veranlasste die Union zu einem gemeinsamen Wiederaufbaufonds, der durch gemeinsame Schulden finanziert wird, ein Schritt, der zuvor lange als undenkbar gegolten hatte.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 steht die Union vor der Frage, welche Rolle sie in der Sicherheitspolitik spielen will. Sie hat umfangreiche Sanktionen gegen Russland beschlossen, die Ukraine finanziell und auch militärisch unterstützt und der Ukraine sowie der Republik Moldau den Status von Beitrittskandidaten verliehen. Damit ist eine Union, die als Friedensprojekt entstand, zugleich zu einem Akteur geworden, der Waffenlieferungen finanziert. Diese Entwicklung hat die Debatte über den Charakter der Union erneut belebt.
Für die Geschichte des Friedensnobelpreises ist die Auszeichnung von 2012 in mehrfacher Hinsicht besonders. Sie ging nicht an eine humanitäre Organisation oder an Einzelpersonen, sondern an einen politischen Zusammenschluss von Staaten. Das Nobelkomitee würdigte damit die Idee, dass Frieden durch gemeinsame Institutionen, gemeinsame Regeln und wirtschaftliche Verflechtung gesichert werden kann. Dieser Gedanke steht in der Tradition der frühen Preise für die Förderung von Völkerrecht und Schiedsgerichtsbarkeit.
Wenn Sie die Geschichte der europäischen Einigung betrachten, wird deutlich, wie ungewöhnlich sie ist. Staaten, die über Jahrhunderte gegeneinander Krieg geführt hatten, haben einen Teil ihrer Souveränität an gemeinsame Institutionen übertragen. Ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich erscheint heute unvorstellbar. Das ist die Leistung, die das Nobelkomitee 2012 vor allem im Blick hatte. Ob die Union diese Leistung bewahren und weiterentwickeln kann, hängt davon ab, wie sie mit ihren inneren Spannungen und den Herausforderungen an ihren Grenzen umgeht.
Stand: 29.10.2026
