Köpfe: Maurice Allais

Maurice Allais wurde am 31. Mai 1911 in Paris geboren und starb am 9. Oktober 2010 in Saint-Cloud bei Paris. Der französische Ökonom und Ingenieur erhielt 1988 den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie der Märkte und der effizienten Nutzung von Ressourcen. Er war der erste Franzose, dem diese Auszeichnung zuerkannt wurde. Einem breiten Fachpublikum ist sein Name heute vor allem durch das Allais-Paradoxon bekannt, ein Gedankenexperiment, das die Entscheidungstheorie nachhaltig verändert hat.

Herkunft und Ausbildung

Allais stammte aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern führten in Paris ein kleines Milchgeschäft. Sein Vater geriet im Ersten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft und starb 1915. Der frühe Verlust prägte Allais tief; er selbst führte sein lebenslanges Interesse an Geschichte und Gesellschaft auch darauf zurück. In der Schule zeigte er herausragende Leistungen, zunächst vor allem in Geschichte, dann in Mathematik.

1931 trat er in die École polytechnique ein, die er als Jahrgangsbester abschloss. Anschließend besuchte er die École nationale supérieure des mines de Paris und wurde Ingenieur im staatlichen Bergbaukorps. Eine Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1933, mitten in der Weltwirtschaftskrise, weckte sein Interesse an der Ökonomie: Er wollte verstehen, wie es zu einem derart tiefen wirtschaftlichen Zusammenbruch kommen konnte. Als Ökonom war Allais weitgehend Autodidakt.

Die Theorie des effizienten Marktes

Während des Zweiten Weltkriegs, als er in Nantes die Bergbauverwaltung leitete, arbeitete Allais an seinem ersten großen Werk. 1943 erschien „À la recherche d’une discipline économique“, später unter dem Titel „Traité d’économie pure“ neu aufgelegt. Darin formulierte er in strenger mathematischer Form die Bedingungen, unter denen ein Marktgleichgewicht effizient ist, also keine Umverteilung von Gütern möglich ist, die jemanden besserstellt, ohne einen anderen schlechterzustellen. Er knüpfte dabei an Léon Walras und Vilfredo Pareto an und baute deren allgemeine Gleichgewichtstheorie aus.

1947 folgte „Économie et intérêt“, eine umfangreiche Untersuchung über Kapital, Zins und Wachstum. Allais entwickelte darin unter anderem eine frühe Fassung des Modells überlappender Generationen, also der Analyse einer Wirtschaft, in der junge und alte Menschen gleichzeitig leben und miteinander tauschen. Paul Samuelson legte ein ähnliches Modell 1958 vor; die Arbeit von Allais blieb wegen der Sprachbarriere im englischsprachigen Raum lange unbeachtet. Zudem formulierte Allais Überlegungen zum optimalen Kapitalbestand einer Volkswirtschaft, die später als „goldene Regel“ der Kapitalakkumulation bekannt wurden.

Seine Arbeiten waren auch praktisch ausgerichtet. Allais beschäftigte sich mit der Preisgestaltung staatlicher Monopole wie Eisenbahn und Energieversorgung und vertrat die Auffassung, dass sich solche Unternehmen an den Grenzkosten orientieren sollten. Diese Gedanken beeinflussten die Tarifpolitik französischer Staatsunternehmen wie der Électricité de France, wo einige seiner Schüler leitende Positionen übernahmen.

Das Allais-Paradoxon

Weltweite Bekanntheit erlangte Allais durch einen Aufsatz von 1953 in der Zeitschrift „Econometrica“. Darin stellte er ein Gedankenexperiment vor, das die damals vorherrschende Erwartungsnutzentheorie infrage stellte. Diese Theorie, die John von Neumann und Oskar Morgenstern sowie Leonard Savage ausgearbeitet hatten, beschreibt, wie sich rationale Menschen bei unsicheren Entscheidungen verhalten sollten.

Allais legte Testpersonen zwei Paare von Lotterien vor. Im ersten Paar wählten die meisten eine sichere hohe Summe statt einer Lotterie mit etwas höherem Erwartungswert, aber einem kleinen Risiko, leer auszugehen. Im zweiten Paar, das sich aus dem ersten durch das Herausnehmen eines gemeinsamen Bestandteils ergab, entschieden sich die meisten dagegen für die riskantere Option. Nach der Erwartungsnutzentheorie ist diese Kombination widersprüchlich. Allais schloss daraus, dass Menschen Sicherheit einen besonderen Wert beimessen und Wahrscheinlichkeiten nicht so verarbeiten, wie die Theorie es voraussetzt.

Das Allais-Paradoxon wurde zu einem der wichtigsten Anstöße für die Verhaltensökonomik. Die Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky aus dem Jahr 1979 und viele weitere Modelle des Entscheidens unter Unsicherheit setzen bei diesem Befund an. Allais selbst entwickelte eigene Alternativen zur Erwartungsnutzentheorie.

Der Preis der Schwedischen Reichsbank

Die Auszeichnung, die Allais 1988 erhielt, heißt offiziell „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel“ (schwedisch: Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne). Alfred Nobel hatte sie in seinem Testament nicht vorgesehen. Die Schwedische Reichsbank stiftete sie 1968 zu ihrem 300-jährigen Bestehen; vergeben wird sie seit 1969.

Die Auswahl trifft die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften, und die Übergabe findet zusammen mit den Nobelpreisen in Stockholm statt. Deshalb hat sich die Bezeichnung „Wirtschaftsnobelpreis“ eingebürgert, auch wenn es kein Nobelpreis im Sinne von Nobels Testament ist.

Allais war 1988 der alleinige Preisträger. Die Akademie würdigte vor allem seine grundlegenden Arbeiten zur Theorie der Märkte und zur effizienten Ressourcennutzung, die sie in eine Reihe mit den Beiträgen von John Hicks und Paul Samuelson stellte. Dass Allais erst so spät ausgezeichnet wurde, erklärte man unter anderem damit, dass er fast ausschließlich auf Französisch veröffentlicht hatte.

Geld, Zins und Konjunktur

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung war die Geldtheorie. In den 1960er-Jahren entwickelte Allais eine eigene Theorie der Geldnachfrage, die er als „hereditär und relativistisch“ bezeichnete. Sie beruhte auf dem Gedanken, dass Menschen ihre Erwartungen über Preise und Einkommen aus der Erfahrung der Vergangenheit bilden, wobei länger zurückliegende Ereignisse allmählich an Gewicht verlieren. Zugleich ging er davon aus, dass sich das Gedächtnis einer Gesellschaft in Zeiten schneller Veränderung gewissermaßen verkürzt. Mit diesem Ansatz versuchte er, sehr unterschiedliche Episoden zu erklären, von gewöhnlichen Konjunkturschwankungen bis zu Hyperinflationen.

Allais prüfte seine Theorie an langen Zeitreihen aus mehreren Ländern und betonte, dass ein Modell nur dann etwas tauge, wenn es die Daten über lange Zeiträume gut beschreibe. Diese empirische Haltung unterschied ihn von vielen reinen Theoretikern seiner Zeit. Seine Ergebnisse zur Geldnachfrage ähnelten in mancher Hinsicht den Arbeiten, die in den USA etwa Phillip Cagan und Milton Friedman vorlegten, entstanden aber weitgehend unabhängig davon und fanden außerhalb Frankreichs nur begrenzte Beachtung.

Ein Forscher jenseits der Ökonomie

Allais lehrte ab 1944 an der École nationale supérieure des mines de Paris und leitete dort ein Forschungszentrum für Wirtschaftsanalyse. Unter seinen Schülern war Gérard Debreu, der 1983 selbst den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Allais betonte stets, dass Theorien an Daten gemessen werden müssen, und arbeitete intensiv mit empirischen Reihen zu Geld, Preisen und Konjunktur.

Neben der Ökonomie beschäftigte er sich mit Physik. In den 1950er-Jahren führte er Experimente mit einem Pendel durch und berichtete von Anomalien während einer Sonnenfinsternis im Jahr 1954. Dieser sogenannte Allais-Effekt ist in der Physik umstritten geblieben; spätere Versuche konnten ihn nicht eindeutig bestätigen.

Streitbarer Europäer

Allais war ein früher Befürworter der europäischen Einigung und beteiligte sich nach dem Krieg an Diskussionen über eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Zugleich wurde er im Alter zu einem scharfen Kritiker der Globalisierung und des Freihandels ohne Grenzen. Er warnte vor der Konkurrenz durch Länder mit sehr niedrigen Löhnen und forderte einen gemeinschaftlichen Schutz des europäischen Marktes. Ebenso kritisierte er die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Ausweitung von Krediten durch Banken; schon in den 1990er-Jahren schlug er Reformen vor, die eine vollständige Deckung von Sichteinlagen durch Zentralbankgeld vorsahen.

In der französischen Öffentlichkeit meldete er sich häufig mit Zeitungsbeiträgen zu Wort, etwa vor dem Referendum über den Europäischen Verfassungsvertrag 2005. Seine Positionen fanden Zustimmung in sehr unterschiedlichen politischen Lagern, stießen aber auch auf deutlichen Widerspruch unter Fachkollegen.

Wirkung und Bedeutung

Maurice Allais verband mathematische Strenge mit einem ausgeprägten Sinn für Empirie und Geschichte. Seine Arbeiten zur Effizienz von Märkten, zum Kapital und zur Preisbildung öffentlicher Unternehmen prägten die französische Wirtschaftswissenschaft der Nachkriegszeit. Mit dem nach ihm benannten Paradoxon stieß er eine Entwicklung an, die zur modernen Verhaltensökonomik führte. Viele seiner Ideen wurden im englischsprachigen Raum erst spät oder unter anderen Namen bekannt – ein Beispiel dafür, wie stark die Sprache die Rezeption wissenschaftlicher Arbeiten beeinflussen kann.

Er starb im Oktober 2010 im Alter von 99 Jahren. Die offizielle Würdigung der Preisvergabe von 1988 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026

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