William Parry Murphy wurde am 6. Februar 1892 in Stoughton im US-Bundesstaat Wisconsin geboren und starb am 9. Oktober 1987 in Brookline im Bundesstaat Massachusetts. Der amerikanische Arzt erhielt 1934 gemeinsam mit George R. Minot und George H. Whipple den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die Nobelstiftung würdigte die drei für ihre Entdeckungen zur Lebertherapie bei Anämien. Murphy und Minot zeigten Mitte der 1920er-Jahre, dass Patienten mit perniziöser Anämie – einer bis dahin fast immer tödlichen Form der Blutarmut – durch den regelmäßigen Verzehr großer Mengen Leber wieder gesund werden konnten. Es war eine der ersten wirksamen Behandlungen einer chronischen, tödlichen Krankheit durch eine gezielte Ernährung.
Herkunft und Ausbildung
Murphy war der Sohn eines Pfarrers und verbrachte seine Kindheit in kleineren Gemeinden im Mittleren Westen und im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er studierte an der University of Oregon und schloss dort 1914 mit einem Bachelor ab. Um sein weiteres Studium zu finanzieren, unterrichtete er zunächst einige Jahre Physik und Mathematik an Schulen in Oregon.
Anschließend begann er ein Medizinstudium, zunächst in Oregon und dann an der Harvard Medical School in Boston, wo er ein Stipendium erhielt. 1922 schloss er sein Studium mit dem Doktortitel in Medizin ab. Seine klinische Ausbildung absolvierte er in Boston, unter anderem am Peter Bent Brigham Hospital, einem der führenden Lehrkrankenhäuser der Harvard University. Dort spezialisierte er sich auf Erkrankungen des Blutes.
Eine tödliche Blutarmut
Die perniziöse Anämie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefürchtet. Das Wort „perniziös“ bedeutet so viel wie „verderblich“ – und tatsächlich verlief die Krankheit damals in aller Regel tödlich. Die Betroffenen litten unter zunehmender Schwäche, Blässe und Atemnot, häufig kamen Schäden an den Nerven hinzu, die sich in Taubheitsgefühlen, Gangunsicherheit und anderen neurologischen Beschwerden äußerten. Im Blut fanden sich zu wenige, dafür aber auffällig große und unreife rote Blutkörperchen. Eine wirksame Behandlung gab es nicht; die Ärzte konnten die Kranken allenfalls mit Bluttransfusionen eine Zeit lang am Leben halten.
Die Ursache der Krankheit war unbekannt. Heute weiß man, dass bei der perniziösen Anämie der Körper Vitamin B12 aus der Nahrung nicht ausreichend aufnehmen kann, meist weil die Magenschleimhaut infolge einer Autoimmunreaktion einen dafür nötigen Stoff nicht mehr bildet. Ohne Vitamin B12 kann das Knochenmark keine gesunden roten Blutkörperchen herstellen, und auch das Nervensystem nimmt Schaden. Von all dem wusste man in den 1920er-Jahren jedoch noch nichts.
Die Vorarbeit von George Whipple
Einen ersten Hinweis lieferten Tierversuche des Pathologen George H. Whipple. Er untersuchte an Hunden, die er durch wiederholte Blutentnahmen blutarm gemacht hatte, welche Nahrungsmittel die Neubildung von Blut am stärksten fördern. Dabei erwies sich Leber als besonders wirksam. Whipples Versuche betrafen allerdings eine Blutarmut durch Blutverlust, nicht die perniziöse Anämie, deren Mechanismus ein ganz anderer ist.
George R. Minot, ein erfahrener Blutspezialist in Boston, hatte bereits vermutet, dass die Ernährung bei der perniziösen Anämie eine Rolle spielen könnte. Angeregt durch Whipples Ergebnisse beschloss er, die Wirkung von Leber bei seinen Patienten zu prüfen. Für die Durchführung gewann er den jüngeren William Murphy.
Die Leberdiät
Murphy und Minot verabreichten ihren Patienten große Mengen Leber, anfangs mehrere hundert Gramm täglich, meist leicht gegart oder roh. Die Diät war für die Betroffenen alles andere als angenehm, und es erforderte viel Überzeugungsarbeit, sie dauerhaft einzuhalten. Die Wirkung war jedoch eindrucksvoll. Schon nach wenigen Tagen stieg im Blut der Anteil junger roter Blutkörperchen deutlich an, ein Zeichen dafür, dass das Knochenmark wieder neues Blut bildete. Innerhalb von Wochen verbesserten sich die Blutwerte, und die Patienten gewannen an Kraft.
1926 veröffentlichten Minot und Murphy ihre Ergebnisse an 45 Patienten. Murphy hatte dabei eine wichtige Rolle: Er betreute die Kranken, überwachte die Ernährung und verfolgte sorgfältig die Veränderungen im Blut. Die Messung der jungen roten Blutkörperchen, der sogenannten Retikulozyten, erwies sich als empfindlicher Gradmesser dafür, ob eine Behandlung anschlug. Dieses Vorgehen machte es später möglich, die Wirksamkeit verschiedener Leberzubereitungen rasch zu vergleichen.
Die Nachricht verbreitete sich schnell. Bald wurden Leberextrakte entwickelt, die man in kleineren Mengen einnehmen und schließlich auch spritzen konnte. Die Spritzen waren für die Patienten wesentlich erträglicher als die ursprüngliche Diät und erlaubten eine genauere Dosierung. Aus einer tödlichen Krankheit war eine behandelbare geworden.
Die Zusammenarbeit von Minot und Murphy hatte auch eine persönliche Seite. Minot war selbst schwer an Diabetes erkrankt und verdankte sein Überleben dem damals gerade erst verfügbaren Insulin. Er wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn eine bis dahin tödliche Krankheit plötzlich behandelbar wird. Murphy, der jüngere der beiden, brachte die Ausdauer und Genauigkeit mit, die die tägliche Betreuung der Kranken und die fortlaufende Auswertung der Blutproben erforderten. Ohne diese Kleinarbeit wäre der Nachweis kaum so überzeugend gelungen.
Bemerkenswert ist zudem, wie die Forscher den Erfolg der Behandlung belegten. Sie verließen sich nicht allein auf das Befinden der Patienten, das bei der perniziösen Anämie ohnehin schwanken konnte, sondern auf messbare Veränderungen im Blut. Der rasche Anstieg der Retikulozyten wenige Tage nach Beginn der Leberdiät war ein objektiver Befund, der sich bei vielen Kranken in ähnlicher Weise wiederholte. Das machte die Ergebnisse auch für skeptische Fachkollegen nachvollziehbar und trug dazu bei, dass sich die Behandlung schnell durchsetzte.
Der Nobelpreis 1934
1934 erhielten Whipple, Minot und Murphy gemeinsam den Nobelpreis. Die Nobelstiftung würdigte damit sowohl die tierexperimentellen Grundlagen als auch den Nachweis der Wirksamkeit am Menschen. Murphy war bei der Auszeichnung 42 Jahre alt und der jüngste der drei Preisträger.
Wie die Leber wirkte, blieb zunächst offen. Der Bostoner Arzt William B. Castle zeigte noch in den 1920er-Jahren, dass für die Aufnahme des wirksamen Stoffes ein Faktor aus dem Magen nötig ist, der bei den Kranken fehlt. Erst 1948 gelang es, den in der Leber enthaltenen Wirkstoff zu isolieren: das Vitamin B12. Heute wird die perniziöse Anämie meist mit Vitamin-B12-Injektionen behandelt oder, je nach Situation, mit hoch dosierten Tabletten. Die Lebertherapie war damit überholt, doch sie hatte den Weg zu diesem Wissen gebahnt.
Weitere Laufbahn
Murphy blieb Boston sein ganzes Berufsleben lang verbunden. Er arbeitete am Peter Bent Brigham Hospital und lehrte an der Harvard Medical School. Daneben führte er eine Praxis, in der er sich auf Blutkrankheiten spezialisierte. 1939 veröffentlichte er ein Lehrbuch über die Behandlung von Anämien, das sich an praktizierende Ärzte richtete. Er war Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und erhielt neben dem Nobelpreis weitere Ehrungen.
Murphy war mit Pearl Harriett Adams verheiratet; das Paar hatte zwei Kinder. Er erreichte ein hohes Alter und starb 1987 im Alter von 95 Jahren. Er war damals der letzte noch lebende der drei Preisträger von 1934.
Wirkung und Bedeutung
William P. Murphy gehört zu den Ärzten, deren Arbeit unmittelbar Leben rettete. Die Lebertherapie verwandelte die perniziöse Anämie innerhalb weniger Jahre von einem Todesurteil in eine beherrschbare Krankheit. Zugleich war die sorgfältige Beobachtung der Patienten und die systematische Messung des Behandlungserfolgs ein frühes Beispiel klinischer Forschung, wie sie später zum Standard wurde. Und schließlich führte der Weg von der Leber über Castles Magenfaktor bis zum Vitamin B12 zu einem der wichtigsten Kapitel der Ernährungsmedizin.
Die Geschichte zeigt auch, dass eine Behandlung wirksam sein kann, lange bevor man ihren Mechanismus versteht. Murphy und Minot wussten nicht, welcher Stoff in der Leber den Kranken half – sie wussten nur, dass er half, und konnten das nachweisen. Die offizielle Würdigung des Preises von 1934 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.
Der Nobelpreis in Zahlen
Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt William P. Murphy den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1934 zu einem Drittel. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem George H. Whipple und George R. Minot. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for their discoveries concerning liver therapy in cases of anaemia“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung Harvard University in Cambridge, MA, USA. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 25. Oktober 1934. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 162.608 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 6.534.637 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung Stoughton, WI, USA. Er starb am 9. Oktober 1987 in Brookline, MA, USA. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.
Stand: 29.10.2026