Angela Merkel CCCLXI – Besuch in Israel

Angela Merkel CCCLXI.

Am 9. Oktober 2021 besucht Angela Merkel Israel. Bei ihrem Abschiedsbesuch, der ihr siebter ist, führt sie sie unter anderem Gespräche mit Regierungschef Naftali Bennett und Präsident Jitzchak Herzog. Darüber hinaus besucht sie die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Zudem trifft sie Vertreterinnen und Vertreter des Institute for National Security Studies und empfängt in Jerusalem die Ehrendoktorwürde des Haifa Technion.

Und am 9. Oktober 2023 teilt ihr Büro mit:

Ich verurteile die terroristischen Angriffe der Hamas auf den Staat Israel auf das Schärfste. Sie sind menschenverachtend und barbarisch. Meine Gedanken und meine Solidarität sind beim israelischen Volk und der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die die Sicherheit des Staates Israel verteidigen. Die Erklärungen des Bundeskanzlers sowie der Vorsitzenden von SPD, CDU/CSU, Bündnis90/Die Grünen und FDP vom 8. Oktober 2023 finden meine volle Unterstützung.

Karikatur mit Midjourney erstellt.

Köpfe: Alexander I. Karadordevic

Alexander I. Karadordevic war von 1921 bis 1934 König des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen, das 1929 in Königreich Jugoslawien umbenannt wurde. Er stammte aus dem Haus Karadordevic, einer Dynastie, die eine zentrale Rolle in der serbischen und später jugoslawischen Geschichte spielte.

Geboren am 16. Dezember 1888 in Cetinje, Montenegro, als Sohn von König Peter I. von Serbien und Zorka von Montenegro, trat Alexander in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters und setzte sich für die Vereinigung der südslawischen Völker ein. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Oberbefehlshaber der serbischen Armee und wurde für seine Rolle in der Verteidigung seines Landes gegen die Mittelmächte sowie für seine Bemühungen um die Schaffung eines vereinigten südslawischen Staates bekannt.

Weiterlesen „Köpfe: Alexander I. Karadordevic“

Wetterregel zum 9. Oktober – St. Dionysius (Denis)

Hier finden Sie eine Bauernregel bzw. Wetterregel zum 9. Oktober:

Regnet’s an Sankt Dionys, wird der Winter nass gewiss

Der 9. Oktober ist übrigens St. Dionysius (Denis).

Mehr bei unserer Übersicht der Wetterregeln. Vielleicht interessieren Sie sich auch für die 10 Fakten zum 9. Oktober.

Köpfe: Thomas A. Steitz

Thomas A. Steitz wurde am 23. August 1940 in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin geboren. Er starb am 9. Oktober 2018 in seinem Haus in Branford im Bundesstaat Connecticut. Die Nobelstiftung nennt auf ihrer Website abweichend den 23. August 2018 als Todestag; zeitnahe Nachrufe der Yale University und der New York Times nennen dagegen übereinstimmend den 9. Oktober. Der amerikanische Biochemiker klärte mit Röntgenstrahlen die atomare Struktur des Ribosoms auf, jener Molekülmaschine, die in allen Zellen Proteine herstellt. 2009 erhielt er dafür zusammen mit Venkatraman Ramakrishnan und Ada Yonath den Nobelpreis für Chemie für Studien über Struktur und Funktion des Ribosoms.

Herkunft und Ausbildung

Steitz wuchs in Wisconsin auf. Als er neun Jahre alt war, zog die Familie von Milwaukee in den Vorort Wauwatosa. Er studierte Chemie am Lawrence College in Appleton, ebenfalls in Wisconsin, und schloss dort 1962 ab. Anschließend ging er an die Harvard University, wo er bei William Lipscomb promovierte, der 1976 selbst den Nobelpreis für Chemie erhielt. In Lipscombs Labor lernte Steitz die Röntgenkristallografie und bestimmte unter anderem die Struktur eines Verdauungsenzyms.

Nach der Promotion 1966 forschte Steitz am Laboratory of Molecular Biology in Cambridge, England, einem der weltweit führenden Zentren der Strukturbiologie. Dort arbeiteten damals Forscher wie Max Perutz, Francis Crick und Aaron Klug. In Cambridge vertiefte er sein Interesse an der Frage, wie die Form großer Moleküle ihre Funktion bestimmt.

An der Yale University

1970 wechselte Steitz an die Yale University in New Haven, Connecticut, wo er für den Rest seines Berufslebens blieb. Gemeinsam mit ihm kam seine Frau Joan Steitz, eine bedeutende Molekularbiologin, die selbst wichtige Entdeckungen über die Verarbeitung von RNA machte. Steitz wurde später Sterling Professor, die höchste Professorenwürde der Universität, und forschte zudem für das Howard Hughes Medical Institute.

In den ersten Jahrzehnten an Yale untersuchte Steitz vor allem Proteine, die mit der Erbsubstanz arbeiten. Dazu gehören Enzyme, die DNA kopieren, und Proteine, die an die DNA binden und steuern, welche Gene abgelesen werden. Seine Gruppe zeigte, wie solche Enzyme die DNA umgreifen, gleichsam wie eine Hand, die einen Faden hält. Auch Strukturen von Enzymen aus dem Aids-Erreger HIV wurden in seinem Labor bestimmt, was für die Entwicklung von Medikamenten von Bedeutung war.

Was das Ribosom tut

Jede Zelle braucht Proteine. Sie bilden Strukturen, beschleunigen Reaktionen als Enzyme und übermitteln Signale. Die Bauanleitung für alle Proteine steht in der DNA. Von dort wird sie in eine Arbeitskopie umgeschrieben, die Boten-RNA. Das Ribosom liest diese Boten-RNA ab und verknüpft danach Aminosäuren in der richtigen Reihenfolge zu einer Proteinkette. Man kann es sich als winzige Fabrik vorstellen, die einen Bauplan liest und daraus ein Produkt fertigt.

Das Ribosom besteht aus zwei Teilen, einer großen und einer kleinen Untereinheit. Beide setzen sich aus RNA und zahlreichen Proteinen zusammen. Das Ribosom ist riesig: Es enthält Hunderttausende Atome. Eine Struktur dieser Größe Atom für Atom aufzuklären, galt lange als nahezu unmöglich.

Wie Röntgenkristallografie funktioniert

Moleküle sind viel zu klein, um sie mit gewöhnlichem Licht zu sehen. Röntgenstrahlen haben dagegen eine so kurze Wellenlänge, dass sie an den Elektronen einzelner Atome abgelenkt werden. Schickt man einen Röntgenstrahl durch einen Kristall, entsteht auf einem Detektor ein Muster aus vielen Punkten. Weil im Kristall Millionen gleicher Moleküle regelmäßig angeordnet sind, verstärken sich ihre Signale gegenseitig.

Aus Lage und Helligkeit dieser Punkte berechnen Forscher mit aufwendigen mathematischen Verfahren eine Art dreidimensionale Landkarte der Elektronen im Molekül. In diese Karte setzen sie dann ein Modell der Atome ein. Bei kleinen Molekülen ist das heute Routine. Je größer das Molekül, desto schwieriger werden aber das Züchten guter Kristalle und die Berechnung. Das Ribosom stellte deshalb eine der größten Herausforderungen dar, an die sich Kristallografen bis dahin gewagt hatten. Starke Röntgenquellen an Teilchenbeschleunigern, sogenannte Synchrotrons, und schnellere Computer machten den Erfolg schließlich möglich.

Die Herausforderung

Um eine Struktur mit Röntgenkristallografie zu bestimmen, braucht man Kristalle, in denen die Moleküle regelmäßig angeordnet sind. Die israelische Forscherin Ada Yonath hatte bereits in den 1980er-Jahren gezeigt, dass sich Ribosomen kristallisieren lassen, wobei sie Ribosomen aus besonders widerstandsfähigen Bakterien nutzte. Doch aus den Beugungsmustern dieser Kristalle eine Struktur zu berechnen, blieb eine enorme Schwierigkeit. Bei der Röntgenkristallografie fehlt ein Teil der nötigen Information, die sogenannte Phase, und bei so großen Molekülen war es besonders schwer, diese Lücke zu schließen.

Steitz arbeitete an der großen Untereinheit des Ribosoms zusammen mit seinem Yale-Kollegen Peter Moore, der sich seit vielen Jahren mit dem Ribosom beschäftigte. Sie nutzten Ribosomen aus einem salzliebenden Mikroorganismus aus dem Toten Meer. Um das Phasenproblem zu lösen, kombinierten sie Röntgendaten mit Bildern aus der Elektronenmikroskopie und markierten die Kristalle mit schweren Atomgruppen.

Der Durchbruch im Jahr 2000

1998 legte die Gruppe ein erstes, noch grobes Bild der großen Untereinheit vor. Im Jahr 2000 folgte die Struktur in atomarer Auflösung. Zum ersten Mal ließ sich erkennen, wo in diesem gewaltigen Gebilde welches Atom sitzt. Etwa zur selben Zeit bestimmten die Gruppen von Ramakrishnan in Cambridge und Yonath die Struktur der kleinen Untereinheit.

Die Struktur brachte eine wichtige Erkenntnis. An der Stelle, an der das Ribosom die Aminosäuren verknüpft, befindet sich ausschließlich RNA und kein Protein. Das Ribosom ist also im Kern ein RNA-Enzym, ein sogenanntes Ribozym. Das stützt die Vorstellung, dass in der Frühzeit des Lebens RNA sowohl Information speicherte als auch chemische Reaktionen beschleunigte, bevor Proteine diese Aufgaben weitgehend übernahmen.

Angriffspunkt für Antibiotika

Die Ribosomen von Bakterien unterscheiden sich in Einzelheiten von denen des Menschen. Viele Antibiotika nutzen das aus: Sie blockieren gezielt das Ribosom der Bakterien und verhindern so, dass diese Proteine herstellen. Steitz und seine Kollegen untersuchten, wie verschiedene Antibiotika an die große Untereinheit binden. Mit diesem Wissen lässt sich besser verstehen, warum Bakterien resistent werden, und gezielt nach neuen Wirkstoffen suchen.

Um dieses Wissen praktisch zu nutzen, gründete Steitz gemeinsam mit Moore und anderen ein Unternehmen, das auf Grundlage der Ribosomenstruktur neue Antibiotika entwickeln sollte. Angesichts zunehmender Resistenzen gegen gängige Medikamente ist diese Forschung von großer Bedeutung.

Der Nobelpreis 2009

2009 erhielten Steitz, Ramakrishnan und Yonath den Nobelpreis für Chemie. Die Akademie würdigte, dass sie eines der zentralen Rätsel des Lebens auf atomarer Ebene sichtbar gemacht hatten. Steitz selbst betonte, wie viel die Arbeit dem Team aus Studierenden, Postdoktoranden und Kollegen zu verdanken hatte, allen voran Peter Moore.

Auch nach dem Preis blieb Steitz in der Forschung aktiv. Seine Gruppe untersuchte weiterhin Enzyme, die Erbinformation kopieren und umschreiben. Er starb 2018 im Alter von 78 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Bedeutung für die Chemie

Thomas Steitz hat gezeigt, dass sich selbst riesige molekulare Maschinen mit chemischen und physikalischen Methoden bis ins einzelne Atom aufklären lassen. Die Struktur des Ribosoms erklärt, wie Zellen Erbinformation in Proteine übersetzen, und liefert eine Grundlage für die Entwicklung neuer Antibiotika. Zugleich stützt sie die Vorstellung, dass RNA am Anfang des Lebens eine Schlüsselrolle spielte.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Richard F. Heck

Richard F. Heck wurde am 15. August 1931 in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Er starb am 9. Oktober 2015 in Manila auf den Philippinen. Der amerikanische Chemiker entdeckte eine Reaktion, mit der sich Kohlenstoffatome mithilfe des Edelmetalls Palladium gezielt miteinander verknüpfen lassen. Diese Heck-Reaktion gehört heute zum Standardwerkzeug in Laboren und in der Industrie. 2010 erhielt er zusammen mit Ei-ichi Negishi und Akira Suzuki den Nobelpreis für Chemie für palladiumkatalysierte Kreuzkupplungen in der organischen Synthese.

Herkunft und Ausbildung

Heck verbrachte seine frühe Kindheit in Massachusetts. Als er etwa neun Jahre alt war, zog die Familie nach Los Angeles in Kalifornien. Dort begann er sich für Pflanzen und ihre Pflege zu interessieren, und über die Frage, was Pflanzen zum Wachsen brauchen, fand er zur Chemie.

Er studierte an der University of California in Los Angeles, kurz UCLA, und wurde dort 1954 bei Saul Winstein promoviert, einem bekannten Forscher auf dem Gebiet der Reaktionsmechanismen. Danach verbrachte er ein Forschungsjahr an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und kehrte anschließend für kurze Zeit an die UCLA zurück.

Forschung in der Industrie

1957 nahm Heck eine Stelle beim Chemieunternehmen Hercules Powder Company in Wilmington im Bundesstaat Delaware an. Die Firma stellte unter anderem Kunststoffe und Sprengstoffe her. Heck erhielt dort die Freiheit, sich mit der Chemie von Übergangsmetallen zu beschäftigen. Das sind Metalle wie Eisen, Kobalt, Nickel oder Palladium, die in der Mitte des Periodensystems stehen und chemische Bindungen auf besondere Weise eingehen können.

In der Industrie war damals bekannt, dass solche Metalle Reaktionen beschleunigen können, ohne selbst verbraucht zu werden. Man nennt sie dann Katalysatoren. Ein Beispiel war das Wacker-Verfahren, bei dem Palladium half, aus Ethylen eine wichtige Grundchemikalie zu gewinnen. Heck interessierte sich dafür, wie Metalle und organische Moleküle genau miteinander reagieren. Er untersuchte zunächst Verbindungen des Kobalts und klärte wichtige Schritte bei industriellen Reaktionen auf.

Das Problem der Kohlenstoffbindung

Kohlenstoff ist das Rückgrat aller organischen Verbindungen, von Arzneistoffen über Farbstoffe bis zu Kunststoffen. Wer neue Moleküle bauen will, muss Kohlenstoffatome gezielt miteinander verbinden. Das ist allerdings schwierig, denn Kohlenstoffatome reagieren nicht ohne Weiteres miteinander. Ältere Methoden benötigten oft sehr reaktive Stoffe, die auch unerwünschte Nebenreaktionen auslösten. Bei komplizierten Molekülen mit vielen empfindlichen Stellen war das ein großes Problem.

Chemiker suchten deshalb nach einer Art Vermittler, der zwei Kohlenstoffbausteine zusammenführt und sie dann verbindet. Genau diese Rolle kann Palladium übernehmen.

Die Heck-Reaktion

Ende der 1960er-Jahre veröffentlichte Heck eine Reihe von Arbeiten, in denen er zeigte, wie Palladium Kohlenstoffbausteine verknüpfen kann. In diesen frühen Versuchen setzte er noch Verbindungen des Quecksilbers ein, die giftig sind. Anfang der 1970er-Jahre fand er mit seinen Mitarbeitern eine bessere Variante. Dabei wird ein Molekül mit einem Halogenatom, etwa Brom oder Iod, an einem ringförmigen Kohlenstoffgerüst mit einem Molekül verbunden, das eine Kohlenstoff-Kohlenstoff-Doppelbindung enthält. Palladium dient als Katalysator. Unabhängig davon hatte der Japaner Tsutomu Mizoroki eine ähnliche Reaktion beschrieben, weshalb man manchmal auch von der Mizoroki-Heck-Reaktion spricht.

Vereinfacht läuft die Reaktion in einem Kreislauf ab. Zuerst schiebt sich das Palladiumatom zwischen das Kohlenstoffatom und das Halogenatom. Dann lagert sich die Doppelbindung des zweiten Moleküls an das Palladium an, und die beiden Kohlenstoffbausteine werden miteinander verknüpft. Schließlich löst sich das neue Molekül vom Metall, und das Palladium steht für den nächsten Durchgang bereit. Weil das Metall immer wieder verwendet wird, genügen kleine Mengen davon.

Der große Vorteil: Die Reaktion verläuft unter vergleichsweise milden Bedingungen. Andere empfindliche Teile eines Moleküls bleiben dabei meist unversehrt. Damit lassen sich auch sehr komplizierte Strukturen gezielt aufbauen.

Warum gerade Palladium?

Dass ausgerechnet Palladium sich so gut eignet, hat mit seinen besonderen Eigenschaften zu tun. Das Edelmetall gehört zur Platingruppe und ist mit Nickel und Platin verwandt. Es kann sich leicht an organische Moleküle binden und sich ebenso leicht wieder von ihnen lösen. Dabei wechselt es zwischen zwei Zuständen hin und her, in denen es unterschiedlich viele Bindungen eingehen kann. Genau dieser Wechsel ermöglicht den Kreislauf, in dem es Bausteine aufnimmt, verknüpft und wieder freigibt.

Ein weiterer Vorteil ist, dass Palladium Wasser und Sauerstoff vergleichsweise gut verträgt und viele andere chemische Gruppen im Molekül nicht angreift. Chemikerinnen und Chemiker müssen deshalb weniger Teile eines Moleküls vorher schützen. Das spart Arbeitsschritte, Zeit und Abfall. Heute werden die Palladiumatome meist mit maßgeschneiderten Begleitmolekülen umgeben, die die Reaktion noch zuverlässiger machen.

Professor in Delaware

1971 wechselte Heck als Professor an die University of Delaware in Newark. Dort setzte er seine Arbeiten fort und entwickelte die Reaktion weiter. Er blieb dort bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1989. Seine Entdeckung fand zunächst nur langsam Beachtung. Erst in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde vielen Chemikerinnen und Chemikern klar, wie nützlich sie war, und die Zahl der Anwendungen wuchs rasch.

Verwandte Reaktionen

Hecks Arbeiten regten weitere Forscher an. In den 1970er-Jahren entwickelte Ei-ichi Negishi eine Variante, bei der Verbindungen des Zinks eingesetzt werden. Akira Suzuki fand 1979 einen Weg mit Verbindungen des Bors, die besonders ungiftig und leicht zu handhaben sind. Alle diese Reaktionen beruhen auf demselben Grundgedanken: Palladium bringt zwei Kohlenstoffbausteine zusammen und verknüpft sie. Man fasst sie unter dem Begriff Kreuzkupplungen zusammen.

Anwendungen

Palladiumkatalysierte Kreuzkupplungen werden heute in großem Umfang eingesetzt. Pharmaunternehmen nutzen sie, um Wirkstoffe für Medikamente herzustellen. Auch bei der Synthese komplizierter Naturstoffe spielen sie eine wichtige Rolle. Ein Beispiel ist das Krebsmedikament Taxol, das ursprünglich aus der Rinde der Pazifischen Eibe gewonnen wurde und bei dessen Laborsynthese eine Heck-Reaktion zum Einsatz kam.

Darüber hinaus helfen die Reaktionen bei der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln und von Materialien für die Elektronik, etwa für organische Leuchtdioden. Die Nobelpreis-Jury betonte, dass Kreuzkupplungen Chemikerinnen und Chemikern ein Werkzeug in die Hand gegeben haben, das in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist.

Der Nobelpreis 2010

2010 erhielt Heck gemeinsam mit Negishi und Suzuki den Nobelpreis für Chemie. Zu diesem Zeitpunkt war er schon seit über zwei Jahrzehnten im Ruhestand und lebte nicht mehr in den USA. Nach seiner Emeritierung war er mit seiner Ehefrau Socorro, die von den Philippinen stammte, in ihr Heimatland gezogen. Heck galt als ruhiger und zurückhaltender Mensch, der wenig Aufhebens um seine Person machte. Seine Frau starb 2012.

In seinen letzten Lebensjahren lebte Heck in Manila. Berichten zufolge war er dort finanziell nicht gut gestellt und gesundheitlich angeschlagen. Er starb im Oktober 2015 im Alter von 84 Jahren.

Bedeutung für die Chemie

Richard Heck hat gezeigt, dass ein Metall wie Palladium als geschickter Vermittler Kohlenstoffbausteine zusammenfügen kann, die sonst kaum miteinander reagieren würden. Damit legte er den Grundstein für eine ganze Familie von Reaktionen, die die organische Synthese grundlegend verändert haben. Vieles, was heute in Medikamenten, Pflanzenschutzmitteln und modernen Materialien steckt, wird mit Methoden hergestellt, die auf seine Entdeckung zurückgehen. In Lehrbüchern der organischen Chemie gehört die Heck-Reaktion längst zum Grundwissen, und Studierende lernen sie oft schon in den ersten Semestern kennen. Sein Werdegang zeigt auch, dass wichtige Grundlagenforschung in der Industrie entstehen kann.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Maurice Allais

Maurice Allais wurde am 31. Mai 1911 in Paris geboren und starb am 9. Oktober 2010 in Saint-Cloud bei Paris. Der französische Ökonom und Ingenieur erhielt 1988 den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie der Märkte und der effizienten Nutzung von Ressourcen. Er war der erste Franzose, dem diese Auszeichnung zuerkannt wurde. Einem breiten Fachpublikum ist sein Name heute vor allem durch das Allais-Paradoxon bekannt, ein Gedankenexperiment, das die Entscheidungstheorie nachhaltig verändert hat.

Herkunft und Ausbildung

Allais stammte aus einfachen Verhältnissen. Seine Eltern führten in Paris ein kleines Milchgeschäft. Sein Vater geriet im Ersten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft und starb 1915. Der frühe Verlust prägte Allais tief; er selbst führte sein lebenslanges Interesse an Geschichte und Gesellschaft auch darauf zurück. In der Schule zeigte er herausragende Leistungen, zunächst vor allem in Geschichte, dann in Mathematik.

1931 trat er in die École polytechnique ein, die er als Jahrgangsbester abschloss. Anschließend besuchte er die École nationale supérieure des mines de Paris und wurde Ingenieur im staatlichen Bergbaukorps. Eine Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1933, mitten in der Weltwirtschaftskrise, weckte sein Interesse an der Ökonomie: Er wollte verstehen, wie es zu einem derart tiefen wirtschaftlichen Zusammenbruch kommen konnte. Als Ökonom war Allais weitgehend Autodidakt.

Die Theorie des effizienten Marktes

Während des Zweiten Weltkriegs, als er in Nantes die Bergbauverwaltung leitete, arbeitete Allais an seinem ersten großen Werk. 1943 erschien „À la recherche d’une discipline économique“, später unter dem Titel „Traité d’économie pure“ neu aufgelegt. Darin formulierte er in strenger mathematischer Form die Bedingungen, unter denen ein Marktgleichgewicht effizient ist, also keine Umverteilung von Gütern möglich ist, die jemanden besserstellt, ohne einen anderen schlechterzustellen. Er knüpfte dabei an Léon Walras und Vilfredo Pareto an und baute deren allgemeine Gleichgewichtstheorie aus.

1947 folgte „Économie et intérêt“, eine umfangreiche Untersuchung über Kapital, Zins und Wachstum. Allais entwickelte darin unter anderem eine frühe Fassung des Modells überlappender Generationen, also der Analyse einer Wirtschaft, in der junge und alte Menschen gleichzeitig leben und miteinander tauschen. Paul Samuelson legte ein ähnliches Modell 1958 vor; die Arbeit von Allais blieb wegen der Sprachbarriere im englischsprachigen Raum lange unbeachtet. Zudem formulierte Allais Überlegungen zum optimalen Kapitalbestand einer Volkswirtschaft, die später als „goldene Regel“ der Kapitalakkumulation bekannt wurden.

Seine Arbeiten waren auch praktisch ausgerichtet. Allais beschäftigte sich mit der Preisgestaltung staatlicher Monopole wie Eisenbahn und Energieversorgung und vertrat die Auffassung, dass sich solche Unternehmen an den Grenzkosten orientieren sollten. Diese Gedanken beeinflussten die Tarifpolitik französischer Staatsunternehmen wie der Électricité de France, wo einige seiner Schüler leitende Positionen übernahmen.

Das Allais-Paradoxon

Weltweite Bekanntheit erlangte Allais durch einen Aufsatz von 1953 in der Zeitschrift „Econometrica“. Darin stellte er ein Gedankenexperiment vor, das die damals vorherrschende Erwartungsnutzentheorie infrage stellte. Diese Theorie, die John von Neumann und Oskar Morgenstern sowie Leonard Savage ausgearbeitet hatten, beschreibt, wie sich rationale Menschen bei unsicheren Entscheidungen verhalten sollten.

Allais legte Testpersonen zwei Paare von Lotterien vor. Im ersten Paar wählten die meisten eine sichere hohe Summe statt einer Lotterie mit etwas höherem Erwartungswert, aber einem kleinen Risiko, leer auszugehen. Im zweiten Paar, das sich aus dem ersten durch das Herausnehmen eines gemeinsamen Bestandteils ergab, entschieden sich die meisten dagegen für die riskantere Option. Nach der Erwartungsnutzentheorie ist diese Kombination widersprüchlich. Allais schloss daraus, dass Menschen Sicherheit einen besonderen Wert beimessen und Wahrscheinlichkeiten nicht so verarbeiten, wie die Theorie es voraussetzt.

Das Allais-Paradoxon wurde zu einem der wichtigsten Anstöße für die Verhaltensökonomik. Die Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky aus dem Jahr 1979 und viele weitere Modelle des Entscheidens unter Unsicherheit setzen bei diesem Befund an. Allais selbst entwickelte eigene Alternativen zur Erwartungsnutzentheorie.

Der Preis der Schwedischen Reichsbank

Die Auszeichnung, die Allais 1988 erhielt, heißt offiziell „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel“ (schwedisch: Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne). Alfred Nobel hatte sie in seinem Testament nicht vorgesehen. Die Schwedische Reichsbank stiftete sie 1968 zu ihrem 300-jährigen Bestehen; vergeben wird sie seit 1969.

Die Auswahl trifft die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften, und die Übergabe findet zusammen mit den Nobelpreisen in Stockholm statt. Deshalb hat sich die Bezeichnung „Wirtschaftsnobelpreis“ eingebürgert, auch wenn es kein Nobelpreis im Sinne von Nobels Testament ist.

Allais war 1988 der alleinige Preisträger. Die Akademie würdigte vor allem seine grundlegenden Arbeiten zur Theorie der Märkte und zur effizienten Ressourcennutzung, die sie in eine Reihe mit den Beiträgen von John Hicks und Paul Samuelson stellte. Dass Allais erst so spät ausgezeichnet wurde, erklärte man unter anderem damit, dass er fast ausschließlich auf Französisch veröffentlicht hatte.

Geld, Zins und Konjunktur

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung war die Geldtheorie. In den 1960er-Jahren entwickelte Allais eine eigene Theorie der Geldnachfrage, die er als „hereditär und relativistisch“ bezeichnete. Sie beruhte auf dem Gedanken, dass Menschen ihre Erwartungen über Preise und Einkommen aus der Erfahrung der Vergangenheit bilden, wobei länger zurückliegende Ereignisse allmählich an Gewicht verlieren. Zugleich ging er davon aus, dass sich das Gedächtnis einer Gesellschaft in Zeiten schneller Veränderung gewissermaßen verkürzt. Mit diesem Ansatz versuchte er, sehr unterschiedliche Episoden zu erklären, von gewöhnlichen Konjunkturschwankungen bis zu Hyperinflationen.

Allais prüfte seine Theorie an langen Zeitreihen aus mehreren Ländern und betonte, dass ein Modell nur dann etwas tauge, wenn es die Daten über lange Zeiträume gut beschreibe. Diese empirische Haltung unterschied ihn von vielen reinen Theoretikern seiner Zeit. Seine Ergebnisse zur Geldnachfrage ähnelten in mancher Hinsicht den Arbeiten, die in den USA etwa Phillip Cagan und Milton Friedman vorlegten, entstanden aber weitgehend unabhängig davon und fanden außerhalb Frankreichs nur begrenzte Beachtung.

Ein Forscher jenseits der Ökonomie

Allais lehrte ab 1944 an der École nationale supérieure des mines de Paris und leitete dort ein Forschungszentrum für Wirtschaftsanalyse. Unter seinen Schülern war Gérard Debreu, der 1983 selbst den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Allais betonte stets, dass Theorien an Daten gemessen werden müssen, und arbeitete intensiv mit empirischen Reihen zu Geld, Preisen und Konjunktur.

Neben der Ökonomie beschäftigte er sich mit Physik. In den 1950er-Jahren führte er Experimente mit einem Pendel durch und berichtete von Anomalien während einer Sonnenfinsternis im Jahr 1954. Dieser sogenannte Allais-Effekt ist in der Physik umstritten geblieben; spätere Versuche konnten ihn nicht eindeutig bestätigen.

Streitbarer Europäer

Allais war ein früher Befürworter der europäischen Einigung und beteiligte sich nach dem Krieg an Diskussionen über eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Zugleich wurde er im Alter zu einem scharfen Kritiker der Globalisierung und des Freihandels ohne Grenzen. Er warnte vor der Konkurrenz durch Länder mit sehr niedrigen Löhnen und forderte einen gemeinschaftlichen Schutz des europäischen Marktes. Ebenso kritisierte er die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Ausweitung von Krediten durch Banken; schon in den 1990er-Jahren schlug er Reformen vor, die eine vollständige Deckung von Sichteinlagen durch Zentralbankgeld vorsahen.

In der französischen Öffentlichkeit meldete er sich häufig mit Zeitungsbeiträgen zu Wort, etwa vor dem Referendum über den Europäischen Verfassungsvertrag 2005. Seine Positionen fanden Zustimmung in sehr unterschiedlichen politischen Lagern, stießen aber auch auf deutlichen Widerspruch unter Fachkollegen.

Wirkung und Bedeutung

Maurice Allais verband mathematische Strenge mit einem ausgeprägten Sinn für Empirie und Geschichte. Seine Arbeiten zur Effizienz von Märkten, zum Kapital und zur Preisbildung öffentlicher Unternehmen prägten die französische Wirtschaftswissenschaft der Nachkriegszeit. Mit dem nach ihm benannten Paradoxon stieß er eine Entwicklung an, die zur modernen Verhaltensökonomik führte. Viele seiner Ideen wurden im englischsprachigen Raum erst spät oder unter anderen Namen bekannt – ein Beispiel dafür, wie stark die Sprache die Rezeption wissenschaftlicher Arbeiten beeinflussen kann.

Er starb im Oktober 2010 im Alter von 99 Jahren. Die offizielle Würdigung der Preisvergabe von 1988 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Cyril Hinshelwood

Warum explodiert ein Gemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff unter bestimmten Bedingungen schlagartig, während es unter anderen friedlich bleibt? Wie schnell zerfällt ein Molekül, und wovon hängt das ab? Solchen Fragen widmete sich der britische Chemiker Sir Cyril Norman Hinshelwood. Er gehörte zu den Begründern der modernen Reaktionskinetik, also der Lehre davon, wie schnell chemische Reaktionen ablaufen und über welche Zwischenschritte. 1956 erhielt er gemeinsam mit dem sowjetischen Forscher Nikolay Semenov den Nobelpreis für Chemie, „für ihre Untersuchungen über den Mechanismus chemischer Reaktionen“.

Geburtsdatum und Herkunft

Cyril Hinshelwood wurde am 19. Juni 1897 in London geboren; dieses Datum nennt auch die Nobelstiftung. In manchen Aufstellungen findet sich der 19. Mai, der jedoch als weniger gut belegt gilt. Sein Vater Norman Macmillan Hinshelwood war Wirtschaftsprüfer. Die Familie lebte einige Jahre in Kanada, kehrte aber nach London zurück. Der Vater starb früh, und Cyril wuchs anschließend allein mit seiner Mutter in bescheidenen Verhältnissen in Chelsea auf. Mit ihr lebte er bis zu ihrem Tod zusammen; er selbst blieb unverheiratet.

Er besuchte die Westminster City School und erhielt 1916 ein Stipendium für das Balliol College in Oxford. Bevor er das Studium antreten konnte, arbeitete er während des Ersten Weltkriegs als Chemiker in einer Sprengstofffabrik in Queensferry bei Chester. Dort beschäftigte er sich mit der langsamen Zersetzung von Sprengstoffen, ein Thema, das bereits auf sein späteres Interesse an Reaktionsgeschwindigkeiten hinwies.

Eine Laufbahn in Oxford

Nach Kriegsende nahm Hinshelwood das Studium in Oxford auf und schloss es in verkürzter Zeit ab. Schon 1920 wurde er Fellow des Balliol College, ein Jahr später des Trinity College, wo er über zwei Jahrzehnte lehrte und forschte. 1937 wurde er Dr. Lee’s Professor of Chemistry in Oxford, eine der angesehensten Professuren der Universität, die er bis 1964 innehatte. Oxford blieb damit nahezu sein ganzes Berufsleben lang seine Heimat.

Die Bedingungen waren zunächst einfach. Hinshelwood arbeitete mit wenigen Mitarbeitern und vergleichsweise schlichten Apparaturen. Seine Stärke lag in klug geplanten Experimenten und in der Fähigkeit, aus Messdaten allgemeine Gesetzmäßigkeiten abzuleiten.

Was Reaktionskinetik untersucht

Viele chemische Gleichungen beschreiben nur Ausgangsstoffe und Endprodukte. Sie sagen nichts darüber, wie schnell eine Reaktion verläuft oder welche Zwischenschritte dazwischenliegen. Die Reaktionskinetik schließt diese Lücke. Sie misst, wie sich die Mengen der beteiligten Stoffe mit der Zeit ändern, und versucht daraus abzuleiten, welche Teilchen zusammenstoßen müssen, damit etwas geschieht. Das ist nicht nur von theoretischem Interesse: Wer den Mechanismus einer Reaktion kennt, kann sie gezielt beschleunigen, verlangsamen oder in eine gewünschte Richtung lenken.

Zerfall von Molekülen

In den 1920er Jahren untersuchte Hinshelwood Reaktionen in der Gasphase, etwa den Zerfall von Stoffen wie Distickstoffmonoxid oder organischen Verbindungen bei hohen Temperaturen. Ein Rätsel dieser Zeit betraf die sogenannten unimolekularen Reaktionen: Ein einzelnes Molekül zerfällt, ohne mit einem anderen zu reagieren. Doch woher bekommt es die nötige Energie? Der britische Physiker Frederick Lindemann hatte vorgeschlagen, dass Moleküle durch Zusammenstöße zunächst angeregt werden und erst nach einer gewissen Verzögerung zerfallen.

Hinshelwood verfeinerte diese Vorstellung entscheidend. Er erkannte, dass sich die Energie eines Stoßes auf viele Schwingungen innerhalb eines Moleküls verteilen kann und dass größere Moleküle deshalb mehr Energie speichern können, bis sie sich an der schwächsten Stelle konzentriert. Diese Erweiterung, oft als Lindemann-Hinshelwood-Mechanismus bezeichnet, erklärte die beobachteten Reaktionsgeschwindigkeiten deutlich besser und wurde zur Grundlage späterer Theorien.

Kettenreaktionen und Explosionen

Besonders bekannt wurde Hinshelwood durch seine Untersuchungen der Reaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff, also der Bildung von Wasser. Dieses Gemisch, das als Knallgas bekannt ist, verhält sich auf den ersten Blick widersprüchlich. Je nach Druck und Temperatur reagiert es kaum, langsam oder explosionsartig. Hinshelwood und seine Mitarbeiter maßen diese Bereiche sorgfältig und beschrieben sogenannte Explosionsgrenzen.

Die Erklärung liefern Kettenreaktionen. Dabei entstehen hochreaktive Teilchen, sogenannte Radikale, die mit weiteren Molekülen reagieren und dabei neue Radikale erzeugen. Verzweigt sich die Kette, entsteht in jedem Schritt mehr als ein neues Radikal, und die Reaktion beschleunigt sich lawinenartig: Es kommt zur Explosion. Gehen Radikale dagegen an den Gefäßwänden oder durch Stöße verloren, bricht die Kette ab. Semenov in Leningrad hatte unabhängig davon ähnliche Vorstellungen entwickelt. Beide Forscher zusammen schufen so ein Verständnis von Verbrennungen und Explosionen, das bis heute in Lehrbüchern steht.

Dieses Wissen ist von großer praktischer Bedeutung, etwa für die Sicherheit in Bergwerken und Chemieanlagen, für Motoren und für die Erforschung der Verbrennung in Kraftwerken.

Bemerkenswert ist, dass Hinshelwood und Semenov ihre Arbeiten in einer Zeit politischer Spannungen zwischen Ost und West weitgehend getrennt voneinander entwickelten und sich dennoch gegenseitig ergänzten. Der gemeinsame Nobelpreis von 1956 würdigte damit auch die Tatsache, dass zwei Forscher in unterschiedlichen Systemen auf vergleichbare Weise zu einem neuen Verständnis chemischer Reaktionen gelangt waren.

Reaktionen an Oberflächen

Hinshelwood befasste sich auch mit Reaktionen, die an festen Oberflächen ablaufen, also mit der heterogenen Katalyse. Viele großtechnische Verfahren beruhen darauf, dass Gase an Metallen oder Metalloxiden schneller reagieren. Auf Arbeiten von Irving Langmuir aufbauend, entwickelte er Modelle, die beschreiben, wie die Geschwindigkeit solcher Reaktionen davon abhängt, wie viele Moleküle auf der Oberfläche haften. Der Ansatz ist als Langmuir-Hinshelwood-Mechanismus bekannt und wird bis heute zur Beschreibung von Katalysatoren verwendet, etwa im Autokatalysator.

Chemie lebender Zellen

Ab den 1930er Jahren wandte sich Hinshelwood zunehmend den Bakterien zu. Er betrachtete das Wachstum einer Bakterienkultur als ein System gekoppelter chemischer Reaktionen und versuchte, es mit den Methoden der Kinetik zu beschreiben. Besonders interessierte ihn, wie Bakterien sich an neue Nährstoffe oder an Medikamente anpassen. Seine Deutung, dass diese Anpassung vor allem auf Veränderungen im Stoffwechsel beruht, stand teilweise im Gegensatz zur aufkommenden Genetik, die Mutationen als Hauptursache sah. In dieser Frage setzte sich später weitgehend die genetische Sicht durch. Dennoch gilt sein Versuch, Biologie mit physikalisch-chemischen Begriffen zu fassen, als früher Beitrag zu einer quantitativen Biologie.

Ehrungen und vielseitige Interessen

Hinshelwood war von 1955 bis 1960 Präsident der Royal Society und damit einer der führenden Vertreter der britischen Wissenschaft. 1948 wurde er zum Ritter geschlagen, 1960 wurde ihm der Order of Merit verliehen. Er erhielt unter anderem die Copley-Medaille der Royal Society.

Außerhalb der Chemie war er außerordentlich vielseitig. Er sprach mehrere Sprachen, beschäftigte sich mit klassischer Literatur und malte mit Leidenschaft Ölbilder. Er war zudem Präsident der Classical Association, einer Vereinigung zur Pflege der Altertumswissenschaften, was für einen Naturwissenschaftler ungewöhnlich war. Seine Lehrbücher, darunter ein frühes Standardwerk über die Kinetik chemischer Veränderungen in Gasen, prägten Generationen von Studierenden.

Tod und Vermächtnis

Sir Cyril Hinshelwood starb am 9. Oktober 1967 in London im Alter von 70 Jahren. Sein Werk lebt in den Grundbegriffen fort, mit denen Chemiker heute über Reaktionen sprechen: Aktivierung durch Stöße, Kettenverzweigung, Explosionsgrenzen und Oberflächenkatalyse. Die Mechanismen, die seinen Namen tragen, gehören zum Standardstoff der physikalischen Chemie. Wer verstehen möchte, warum ein Feuer sich ausbreitet oder ein Katalysator Abgase reinigt, stößt früher oder später auf seine Arbeiten.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: William P. Murphy

William Parry Murphy wurde am 6. Februar 1892 in Stoughton im US-Bundesstaat Wisconsin geboren und starb am 9. Oktober 1987 in Brookline im Bundesstaat Massachusetts. Der amerikanische Arzt erhielt 1934 gemeinsam mit George R. Minot und George H. Whipple den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die Nobelstiftung würdigte die drei für ihre Entdeckungen zur Lebertherapie bei Anämien. Murphy und Minot zeigten Mitte der 1920er-Jahre, dass Patienten mit perniziöser Anämie – einer bis dahin fast immer tödlichen Form der Blutarmut – durch den regelmäßigen Verzehr großer Mengen Leber wieder gesund werden konnten. Es war eine der ersten wirksamen Behandlungen einer chronischen, tödlichen Krankheit durch eine gezielte Ernährung.

Herkunft und Ausbildung

Murphy war der Sohn eines Pfarrers und verbrachte seine Kindheit in kleineren Gemeinden im Mittleren Westen und im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Er studierte an der University of Oregon und schloss dort 1914 mit einem Bachelor ab. Um sein weiteres Studium zu finanzieren, unterrichtete er zunächst einige Jahre Physik und Mathematik an Schulen in Oregon.

Anschließend begann er ein Medizinstudium, zunächst in Oregon und dann an der Harvard Medical School in Boston, wo er ein Stipendium erhielt. 1922 schloss er sein Studium mit dem Doktortitel in Medizin ab. Seine klinische Ausbildung absolvierte er in Boston, unter anderem am Peter Bent Brigham Hospital, einem der führenden Lehrkrankenhäuser der Harvard University. Dort spezialisierte er sich auf Erkrankungen des Blutes.

Eine tödliche Blutarmut

Die perniziöse Anämie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefürchtet. Das Wort „perniziös“ bedeutet so viel wie „verderblich“ – und tatsächlich verlief die Krankheit damals in aller Regel tödlich. Die Betroffenen litten unter zunehmender Schwäche, Blässe und Atemnot, häufig kamen Schäden an den Nerven hinzu, die sich in Taubheitsgefühlen, Gangunsicherheit und anderen neurologischen Beschwerden äußerten. Im Blut fanden sich zu wenige, dafür aber auffällig große und unreife rote Blutkörperchen. Eine wirksame Behandlung gab es nicht; die Ärzte konnten die Kranken allenfalls mit Bluttransfusionen eine Zeit lang am Leben halten.

Die Ursache der Krankheit war unbekannt. Heute weiß man, dass bei der perniziösen Anämie der Körper Vitamin B12 aus der Nahrung nicht ausreichend aufnehmen kann, meist weil die Magenschleimhaut infolge einer Autoimmunreaktion einen dafür nötigen Stoff nicht mehr bildet. Ohne Vitamin B12 kann das Knochenmark keine gesunden roten Blutkörperchen herstellen, und auch das Nervensystem nimmt Schaden. Von all dem wusste man in den 1920er-Jahren jedoch noch nichts.

Die Vorarbeit von George Whipple

Einen ersten Hinweis lieferten Tierversuche des Pathologen George H. Whipple. Er untersuchte an Hunden, die er durch wiederholte Blutentnahmen blutarm gemacht hatte, welche Nahrungsmittel die Neubildung von Blut am stärksten fördern. Dabei erwies sich Leber als besonders wirksam. Whipples Versuche betrafen allerdings eine Blutarmut durch Blutverlust, nicht die perniziöse Anämie, deren Mechanismus ein ganz anderer ist.

George R. Minot, ein erfahrener Blutspezialist in Boston, hatte bereits vermutet, dass die Ernährung bei der perniziösen Anämie eine Rolle spielen könnte. Angeregt durch Whipples Ergebnisse beschloss er, die Wirkung von Leber bei seinen Patienten zu prüfen. Für die Durchführung gewann er den jüngeren William Murphy.

Die Leberdiät

Murphy und Minot verabreichten ihren Patienten große Mengen Leber, anfangs mehrere hundert Gramm täglich, meist leicht gegart oder roh. Die Diät war für die Betroffenen alles andere als angenehm, und es erforderte viel Überzeugungsarbeit, sie dauerhaft einzuhalten. Die Wirkung war jedoch eindrucksvoll. Schon nach wenigen Tagen stieg im Blut der Anteil junger roter Blutkörperchen deutlich an, ein Zeichen dafür, dass das Knochenmark wieder neues Blut bildete. Innerhalb von Wochen verbesserten sich die Blutwerte, und die Patienten gewannen an Kraft.

1926 veröffentlichten Minot und Murphy ihre Ergebnisse an 45 Patienten. Murphy hatte dabei eine wichtige Rolle: Er betreute die Kranken, überwachte die Ernährung und verfolgte sorgfältig die Veränderungen im Blut. Die Messung der jungen roten Blutkörperchen, der sogenannten Retikulozyten, erwies sich als empfindlicher Gradmesser dafür, ob eine Behandlung anschlug. Dieses Vorgehen machte es später möglich, die Wirksamkeit verschiedener Leberzubereitungen rasch zu vergleichen.

Die Nachricht verbreitete sich schnell. Bald wurden Leberextrakte entwickelt, die man in kleineren Mengen einnehmen und schließlich auch spritzen konnte. Die Spritzen waren für die Patienten wesentlich erträglicher als die ursprüngliche Diät und erlaubten eine genauere Dosierung. Aus einer tödlichen Krankheit war eine behandelbare geworden.

Die Zusammenarbeit von Minot und Murphy hatte auch eine persönliche Seite. Minot war selbst schwer an Diabetes erkrankt und verdankte sein Überleben dem damals gerade erst verfügbaren Insulin. Er wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn eine bis dahin tödliche Krankheit plötzlich behandelbar wird. Murphy, der jüngere der beiden, brachte die Ausdauer und Genauigkeit mit, die die tägliche Betreuung der Kranken und die fortlaufende Auswertung der Blutproben erforderten. Ohne diese Kleinarbeit wäre der Nachweis kaum so überzeugend gelungen.

Bemerkenswert ist zudem, wie die Forscher den Erfolg der Behandlung belegten. Sie verließen sich nicht allein auf das Befinden der Patienten, das bei der perniziösen Anämie ohnehin schwanken konnte, sondern auf messbare Veränderungen im Blut. Der rasche Anstieg der Retikulozyten wenige Tage nach Beginn der Leberdiät war ein objektiver Befund, der sich bei vielen Kranken in ähnlicher Weise wiederholte. Das machte die Ergebnisse auch für skeptische Fachkollegen nachvollziehbar und trug dazu bei, dass sich die Behandlung schnell durchsetzte.

Der Nobelpreis 1934

1934 erhielten Whipple, Minot und Murphy gemeinsam den Nobelpreis. Die Nobelstiftung würdigte damit sowohl die tierexperimentellen Grundlagen als auch den Nachweis der Wirksamkeit am Menschen. Murphy war bei der Auszeichnung 42 Jahre alt und der jüngste der drei Preisträger.

Wie die Leber wirkte, blieb zunächst offen. Der Bostoner Arzt William B. Castle zeigte noch in den 1920er-Jahren, dass für die Aufnahme des wirksamen Stoffes ein Faktor aus dem Magen nötig ist, der bei den Kranken fehlt. Erst 1948 gelang es, den in der Leber enthaltenen Wirkstoff zu isolieren: das Vitamin B12. Heute wird die perniziöse Anämie meist mit Vitamin-B12-Injektionen behandelt oder, je nach Situation, mit hoch dosierten Tabletten. Die Lebertherapie war damit überholt, doch sie hatte den Weg zu diesem Wissen gebahnt.

Weitere Laufbahn

Murphy blieb Boston sein ganzes Berufsleben lang verbunden. Er arbeitete am Peter Bent Brigham Hospital und lehrte an der Harvard Medical School. Daneben führte er eine Praxis, in der er sich auf Blutkrankheiten spezialisierte. 1939 veröffentlichte er ein Lehrbuch über die Behandlung von Anämien, das sich an praktizierende Ärzte richtete. Er war Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und erhielt neben dem Nobelpreis weitere Ehrungen.

Murphy war mit Pearl Harriett Adams verheiratet; das Paar hatte zwei Kinder. Er erreichte ein hohes Alter und starb 1987 im Alter von 95 Jahren. Er war damals der letzte noch lebende der drei Preisträger von 1934.

Wirkung und Bedeutung

William P. Murphy gehört zu den Ärzten, deren Arbeit unmittelbar Leben rettete. Die Lebertherapie verwandelte die perniziöse Anämie innerhalb weniger Jahre von einem Todesurteil in eine beherrschbare Krankheit. Zugleich war die sorgfältige Beobachtung der Patienten und die systematische Messung des Behandlungserfolgs ein frühes Beispiel klinischer Forschung, wie sie später zum Standard wurde. Und schließlich führte der Weg von der Leber über Castles Magenfaktor bis zum Vitamin B12 zu einem der wichtigsten Kapitel der Ernährungsmedizin.

Die Geschichte zeigt auch, dass eine Behandlung wirksam sein kann, lange bevor man ihren Mechanismus versteht. Murphy und Minot wussten nicht, welcher Stoff in der Leber den Kranken half – sie wussten nur, dass er half, und konnten das nachweisen. Die offizielle Würdigung des Preises von 1934 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Der Nobelpreis in Zahlen

Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt William P. Murphy den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1934 zu einem Drittel. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem George H. Whipple und George R. Minot. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for their discoveries concerning liver therapy in cases of anaemia“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung Harvard University in Cambridge, MA, USA. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 25. Oktober 1934. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 162.608 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 6.534.637 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung Stoughton, WI, USA. Er starb am 9. Oktober 1987 in Brookline, MA, USA. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Pieter Zeeman

Pieter Zeeman war ein niederländischer Experimentalphysiker, nach dem einer der bekanntesten Effekte der Physik benannt ist. 1896 beobachtete er, dass sich das Licht, das eine Flamme aussendet, verändert, wenn man sie in ein starkes Magnetfeld bringt: Die scharfen Farblinien im Spektrum des Lichts verbreitern sich oder spalten sich in mehrere Linien auf. Dieser Zeeman-Effekt lieferte einen der ersten Hinweise darauf, dass Licht von winzigen elektrisch geladenen Teilchen im Inneren der Atome ausgesandt wird. Heute nutzen ihn Astronomen, um Magnetfelder auf der Sonne und auf fernen Sternen zu messen. Für diese Arbeit erhielt Zeeman 1902 gemeinsam mit seinem Lehrer Hendrik Antoon Lorentz den Nobelpreis für Physik. Pieter Zeeman wurde am 25. Mai 1865 in Zonnemaire auf der Insel Schouwen-Duiveland in der Provinz Zeeland geboren und starb am 9. Oktober 1943 in Amsterdam.

Jugend in Zeeland

Zeeman war der Sohn eines Pfarrers der niederländisch-reformierten Kirche. Er wuchs in einem kleinen Dorf auf und besuchte die höhere Schule in Zierikzee. Schon als Schüler interessierte er sich für Naturbeobachtungen. 1883, mit 18 Jahren, sah er ein Polarlicht, das in den Niederlanden selten zu sehen ist, und schickte eine Beschreibung mit Zeichnung an die britische Fachzeitschrift Nature, die sie veröffentlichte. Um die für ein Universitätsstudium nötigen alten Sprachen zu lernen, ging er anschließend nach Delft, wo er Unterricht bei einem Gymnasiallehrer nahm und in dessen Haus den jungen Heike Kamerlingh Onnes kennenlernte.

Studium in Leiden

1885 begann Zeeman an der Universität Leiden Physik zu studieren. Leiden war damals eines der führenden Zentren der Physik in Europa. Dort lehrten Hendrik Antoon Lorentz, einer der großen theoretischen Physiker seiner Zeit, und Heike Kamerlingh Onnes, der später das Helium verflüssigte und die Supraleitung entdeckte. Zeeman wurde Assistent bei Lorentz und arbeitete im Labor von Kamerlingh Onnes. 1893 wurde er mit einer Arbeit über den sogenannten Kerr-Effekt promoviert, also über die Frage, wie sich Licht verändert, wenn es an einer magnetisierten Oberfläche reflektiert wird. Anschließend verbrachte er einige Zeit in Straßburg und kehrte dann als Privatdozent nach Leiden zurück.

Zeeman heiratete 1895 Johanna Elisabeth Lebret. Das Paar bekam vier Kinder.

Die Entdeckung von 1896

Um zu verstehen, was Zeeman entdeckte, hilft ein Blick auf das Licht einer Flamme. Streut man Kochsalz in eine Gasflamme, leuchtet sie gelb. Zerlegt man dieses Licht mit einem Prisma oder einem optischen Gitter in seine Farben, so sieht man kein durchgehendes Farbband, sondern wenige scharfe Linien an ganz bestimmten Stellen. Jedes chemische Element hat ein eigenes Muster solcher Spektrallinien, wie einen Fingerabdruck. Beim Natrium aus dem Kochsalz sind es vor allem zwei eng benachbarte gelbe Linien.

Schon Michael Faraday hatte vermutet, dass ein Magnetfeld diese Linien beeinflussen könnte, fand mit seinen Mitteln aber nichts. Zeeman wiederholte den Versuch im Sommer 1896 mit einem starken Elektromagneten und einem sehr feinen Beugungsgitter, das Spektrallinien extrem genau trennen konnte. Als er den Magneten einschaltete, wurden die Natriumlinien merklich breiter. Schaltete er ihn ab, wurden sie wieder schmal. Eine Erwärmung der Flamme oder andere Störungen schloss er durch sorgfältige Kontrollversuche aus.

Über die Umstände der Entdeckung wird eine Anekdote erzählt, deren Einzelheiten unsicher sind: Kamerlingh Onnes soll Zeeman die Fortsetzung der Versuche untersagt haben, und Zeeman soll sie trotzdem durchgeführt haben. Belegt ist, dass er die Ergebnisse im Herbst 1896 der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Amsterdam vorlegte.

Lorentz und das Elektron

Lorentz erkannte sofort die Tragweite der Beobachtung. Er hatte eine Theorie entwickelt, nach der Licht von kleinen geladenen Teilchen erzeugt wird, die in den Atomen schwingen. Ein Magnetfeld müsste deren Bewegung verändern, und das ausgesandte Licht müsste sich dadurch in drei Linien aufspalten, die zudem auf bestimmte Weise polarisiert sein sollten. Zeeman konnte diese Vorhersagen mit verbesserten Messungen, unter anderem an Cadmium, bestätigen.

Aus der Stärke der Aufspaltung ließ sich außerdem berechnen, wie groß das Verhältnis von Ladung zu Masse dieser schwingenden Teilchen ist. Das Ergebnis zeigte, dass die Teilchen negativ geladen und etwa tausendmal leichter als ein Wasserstoffatom sein mussten. Wenige Monate später, 1897, ermittelte der Brite Joseph John Thomson an Kathodenstrahlen einen ganz ähnlichen Wert und gilt seither als Entdecker des Elektrons. Der Zeeman-Effekt war damit einer der frühesten Hinweise darauf, dass Elektronen Bestandteile der Atome sind.

Der Nobelpreis

1902 erhielten Lorentz und Zeeman gemeinsam den Nobelpreis für Physik. Es war erst die zweite Vergabe des Preises überhaupt. Die Schwedische Akademie würdigte sinngemäß die außerordentlichen Verdienste, die sie sich durch ihre Untersuchungen über den Einfluss des Magnetismus auf Strahlungserscheinungen erworben hatten. Damit wurden Theorie und Experiment gleichermaßen ausgezeichnet, ein Lehrer und sein früherer Assistent.

Der anomale Zeeman-Effekt

Bald zeigte sich allerdings, dass die Sache komplizierter war. Bei vielen Spektrallinien spaltete das Magnetfeld das Licht nicht in drei, sondern in vier, sechs oder noch mehr Linien auf. Dieser sogenannte anomale Zeeman-Effekt passte nicht zu Lorentz‘ Theorie und blieb jahrzehntelang ein Rätsel. Erst die Quantenmechanik und die Entdeckung des Elektronenspins Mitte der 1920er Jahre konnten ihn erklären. Der Effekt, den Zeeman 1896 gefunden hatte, wurde so zu einem wichtigen Prüfstein für die neue Atomphysik.

Professor in Amsterdam

1897 wechselte Zeeman an die Universität Amsterdam, wo er 1900 zum Professor ernannt wurde. Nach mehreren Jahren in beengten Räumen erhielt er 1923 ein neues Laboratorium, das besonders erschütterungsfrei gebaut war, um empfindliche optische Messungen zu ermöglichen. Es wird heute nach ihm benannt. Neben der Spektroskopie untersuchte Zeeman die Ausbreitung von Licht in bewegtem Wasser und bestätigte damit Vorhersagen, die mit der Relativitätstheorie in Einklang standen.

Zeeman wurde Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien und erhielt viele Ehrungen. 1935 wurde er emeritiert. Er starb im Oktober 1943 in Amsterdam, während die Niederlande von deutschen Truppen besetzt waren.

Der Effekt in der Astronomie

Seine größte praktische Bedeutung entfaltete der Zeeman-Effekt in der Astronomie. 1908 nutzte der amerikanische Astronom George Ellery Hale ihn, um nachzuweisen, dass Sonnenflecken starke Magnetfelder besitzen. Seitdem messen Forschende mit dieser Methode Magnetfelder auf der Sonne, auf anderen Sternen und in interstellaren Gaswolken. Auch in Laboren und in der Medizintechnik spielt der Effekt eine Rolle, etwa bei bestimmten Verfahren der Atomabsorptionsspektroskopie, mit denen sich Spuren von Metallen in Proben bestimmen lassen.

Das Prinzip dahinter lässt sich vereinfacht so beschreiben: Ein Magnetfeld verschiebt die Energie bestimmter Zustände der Elektronen in einem Atom ein wenig nach oben oder unten. Weil die Farbe des ausgesandten Lichts von diesen Energien abhängt, entstehen statt einer Linie mehrere eng benachbarte Linien. Je stärker das Magnetfeld ist, desto weiter liegen sie auseinander. Misst man den Abstand, kennt man die Stärke des Feldes, und zwar auch dann, wenn die Lichtquelle Millionen Kilometer oder sogar Lichtjahre entfernt ist. Auch die Kernspinresonanz, die Grundlage der Magnetresonanztomographie in Krankenhäusern, beruht auf einem eng verwandten Prinzip, bei dem allerdings die magnetischen Eigenschaften von Atomkernen statt von Elektronen genutzt werden.

Einordnung

Pieter Zeeman war kein Theoretiker, sondern ein sorgfältiger Experimentator, der dort genauer hinsah, wo andere aufgegeben hatten. Seine Beobachtung einer scheinbar winzigen Verbreiterung von Spektrallinien öffnete einen Weg in das Innere der Atome. Wenn Sie heute lesen, dass das Magnetfeld eines fernen Sterns gemessen wurde, steckt meist sein Effekt dahinter.

Stand: 29.10.2026