Köpfe: Luis Alvarez

Luis Alvarez war ein US-amerikanischer Experimentalphysiker, dessen Neugier weit über die Teilchenphysik hinausreichte. Mit der Wasserstoff-Blasenkammer und neuartigen Methoden der Datenauswertung entdeckte seine Arbeitsgruppe in Berkeley eine große Zahl kurzlebiger Teilchenzustände, sogenannte Resonanzen. Dafür erhielt er 1968 allein den Nobelpreis für Physik. Bekannt wurde er auch durch ganz andere Projekte: Er durchleuchtete eine ägyptische Pyramide mit kosmischer Strahlung und vertrat gemeinsam mit seinem Sohn, dem Geologen Walter Alvarez, die These, dass ein Asteroideneinschlag vor rund 66 Millionen Jahren das Aussterben der Dinosaurier verursacht hat. Luis Walter Alvarez wurde am 13. Juni 1911 in San Francisco geboren und starb am 1. September 1988 in Berkeley in Kalifornien.

Herkunft und Ausbildung

Alvarez stammte aus einer Familie von Ärzten und Forschern. Sein Vater, Walter C. Alvarez, war ein bekannter Mediziner, der später an der Mayo-Klinik in Minnesota arbeitete, und sein Großvater war aus Spanien eingewandert. Luis Alvarez studierte an der University of Chicago und schloss 1932 sein Studium ab. 1936 wurde er dort bei Arthur Compton promoviert, der selbst Nobelpreisträger war. Danach wechselte er an die University of California in Berkeley, wo er im Strahlungslabor von Ernest Lawrence arbeitete, dem Erfinder des Zyklotrons. Berkeley blieb für den Rest seiner Laufbahn sein wissenschaftliches Zuhause.

Frühe Entdeckungen und Kriegsjahre

Schon in den späten 1930er Jahren gelangen Alvarez wichtige Ergebnisse. Er wies den sogenannten Elektroneneinfang nach, bei dem ein Atomkern ein Elektron aus der eigenen Atomhülle aufnimmt. Gemeinsam mit Felix Bloch bestimmte er 1939 das magnetische Moment des Neutrons. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er zunächst am Strahlungslabor des Massachusetts Institute of Technology an Radartechnik. Dort entwickelte er unter anderem ein Verfahren, mit dem Fluglotsen Flugzeuge per Radar bei schlechter Sicht zur Landung führen konnten.

Später wechselte er nach Los Alamos zum Manhattan-Projekt, dem amerikanischen Atombombenprogramm. Er war an der Entwicklung der Zünder für die Plutoniumbombe beteiligt. Beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima im August 1945 flog er in einem Begleitflugzeug mit, das Messgeräte zur Bestimmung der Sprengkraft abwarf. Nach dem Krieg sprach er sich für die Entwicklung der Wasserstoffbombe aus.

Die Blasenkammer

Um zu verstehen, wofür Alvarez den Nobelpreis erhielt, muss man wissen, wie man Elementarteilchen sichtbar macht. Teilchen sind viel zu klein, um sie direkt zu sehen. Man kann aber ihre Spuren beobachten. 1952 erfand der Physiker Donald Glaser die Blasenkammer: In einer überhitzten Flüssigkeit, die eigentlich schon sieden müsste, entstehen entlang der Bahn eines geladenen Teilchens winzige Dampfbläschen. Fotografiert man diese, erhält man ein Bild der Teilchenbahn. Glaser erhielt dafür 1960 den Nobelpreis.

Alvarez erkannte, dass flüssiger Wasserstoff für solche Kammern besonders geeignet ist, weil Wasserstoffkerne einfache Protonen sind und sich Zusammenstöße mit ihnen gut auswerten lassen. Flüssiger Wasserstoff muss jedoch auf etwa minus 253 Grad Celsius gekühlt werden und ist leicht entzündlich. Seine Gruppe baute in den 1950er Jahren immer größere Wasserstoff-Blasenkammern, schließlich eine mit einer Länge von rund 180 Zentimetern. In Verbindung mit dem Beschleuniger Bevatron in Berkeley lieferten sie Millionen von Fotos.

Ebenso wichtig war die Auswertung. Menschen allein hätten diese Bilderflut nicht bewältigen können. Alvarez‘ Gruppe entwickelte halbautomatische Messgeräte und Computerprogramme, mit denen die Spuren vermessen und die Ereignisse rekonstruiert wurden. So stießen die Forschenden auf zahlreiche Resonanzen, also Teilchenzustände, die nur für unvorstellbar kurze Zeit existieren und sich nur indirekt über ihre Zerfallsprodukte nachweisen lassen. Die Fülle dieser neuen Teilchen trug dazu bei, dass Murray Gell-Mann und andere ein Ordnungsschema entwickelten, das schließlich zum Quarkmodell führte.

Was ist eine Resonanz genau? Wenn zwei Teilchen mit genau der passenden Energie zusammenstoßen, können sie für einen winzigen Augenblick ein neues, schwereres Gebilde formen, das sofort wieder zerfällt. Seine Lebensdauer ist so kurz, dass es keine sichtbare Spur hinterlässt. Man erkennt es nur daran, dass bestimmte Kombinationen von Zerfallsprodukten bei einer bestimmten Gesamtenergie gehäuft auftreten. Trägt man die Zahl der Ereignisse gegen die Energie auf, zeigt sich ein Buckel in der Kurve, ähnlich wie ein Weinglas bei einem bestimmten Ton besonders stark mitschwingt. Um solche Buckel sicher von zufälligen Schwankungen zu unterscheiden, braucht man sehr viele sorgfältig vermessene Ereignisse. Genau hier lag die Stärke der Gruppe um Alvarez, die systematisch große Datenmengen gewann und statistisch auswertete. Diese Arbeitsweise, bei der Physik, Technik und Rechentechnik eng zusammenwirken, wurde zum Vorbild für die späteren Großexperimente an Beschleunigern wie dem CERN.

Der Nobelpreis

1968 erhielt Alvarez den Nobelpreis für Physik allein, sinngemäß für seine entscheidenden Beiträge zur Elementarteilchenphysik, insbesondere die Entdeckung einer großen Zahl von Resonanzzuständen, die durch seine Weiterentwicklung der Wasserstoff-Blasenkammer und der Datenanalyse möglich wurde. Der Preis würdigte damit nicht eine einzelne Entdeckung, sondern eine ganze Arbeitsweise. Kritisch wurde gelegentlich angemerkt, dass solche Großprojekte das Werk vieler Mitarbeitender waren, während der Preis nur einen Namen trug. Die Blasenkammer selbst ging auf Glaser zurück, der bereits ausgezeichnet worden war.

Pyramiden, Dinosaurier und das Kennedy-Attentat

In den 1960er Jahren schlug Alvarez vor, die Chephren-Pyramide in Gizeh mit Myonen zu durchleuchten. Myonen sind Teilchen, die durch kosmische Strahlung in der Atmosphäre entstehen und dicke Gesteinsschichten durchdringen können. Hohlräume würden sich als Stellen mit mehr ankommenden Myonen verraten. Die Messungen fanden keine unbekannten Kammern in den untersuchten Bereichen, doch die Methode wird heute wieder genutzt, etwa an der Cheops-Pyramide.

Der Ansatz zeigt, wie Alvarez dachte: Er übertrug ein Messverfahren aus der Teilchenphysik auf eine archäologische Frage. Ähnlich ging er bei der Dinosaurierfrage vor, wo die Chemie seltener Elemente zum Schlüssel wurde.

1980 veröffentlichte er mit seinem Sohn Walter und den Chemikern Frank Asaro und Helen Michel eine aufsehenerregende Arbeit. Sie hatten in Gesteinsschichten aus der Zeit des Dinosauriersterbens, unter anderem bei Gubbio in Italien, ungewöhnlich hohe Mengen des seltenen Elements Iridium gefunden. Da Iridium in Asteroiden häufiger vorkommt als in der Erdkruste, schlossen sie auf einen großen Einschlag. Die These war zunächst stark umstritten. Mit der Entdeckung des Chicxulub-Kraters in Mexiko gilt sie heute als weithin akzeptiert, auch wenn über die Rolle von Vulkanausbrüchen weiter diskutiert wird.

Alvarez untersuchte außerdem den Amateurfilm von Abraham Zapruder über die Ermordung von Präsident John F. Kennedy 1963 und analysierte die Bewegungen im Film physikalisch. Seine Ergebnisse stützten die offizielle Darstellung.

Kontroversen

Alvarez war politisch nicht unumstritten. Sein Eintreten für die Wasserstoffbombe und seine Aussage in der Anhörung von 1954, in der J. Robert Oppenheimer die Sicherheitsfreigabe entzogen wurde, brachten ihm Kritik von Kollegen ein. Er war zudem für seine scharfen Urteile über andere Forschende bekannt.

Einordnung

Luis Alvarez verkörperte den Typ des vielseitigen Experimentators, der Werkzeuge baut und sie dann auf überraschende Fragen anwendet. Seine Blasenkammern und Auswertungsmethoden prägten die Teilchenphysik der 1950er und 1960er Jahre. Mit der Asteroiden-These veränderte er gemeinsam mit seinem Sohn das Bild der Erdgeschichte. Er starb 1988 in Berkeley an Krebs. Sein Name steht heute für eine Forschung, die sich nicht an Fachgrenzen hält und neugierig auch dort nachfragt, wo andere längst eine Antwort zu kennen glauben. Viele seiner Schülerinnen und Schüler prägten später selbst die Teilchenphysik.

Stand: 29.10.2026

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