Köpfe: Dominique Pire

KI-generierte Illustration: Porträt von Dominique Pire

Georges Pire war ein belgischer Dominikanerpater, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Flüchtlinge und Vertriebene in Europa einsetzte. Er wurde am 10. Februar 1910 in Dinant in der belgischen Provinz Namur geboren. 1958 erhielt er den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen, Flüchtlingen aus den Lagern zu einem Leben in Freiheit und Würde zu verhelfen. Bekannt wurde er vor allem durch die sogenannten Europadörfer, kleine Siedlungen für heimatlose Menschen, und durch seine Idee eines Friedens, der aus persönlicher Begegnung wächst.

Pires Kindheit war vom Ersten Weltkrieg geprägt. Als deutsche Truppen 1914 in Belgien einmarschierten, kam es in Dinant zu einem der schwersten Massaker an der Zivilbevölkerung in diesem Krieg; Hunderte Einwohner wurden getötet. Pires Familie floh nach Frankreich und kehrte erst nach Kriegsende zurück. Ihr Haus war zerstört. Diese frühen Erfahrungen von Flucht und Verlust dürften Pires späteres Engagement mitbeeinflusst haben, auch wenn er selbst eher selten ausführlich darüber sprach.

1928 trat Pire in den Dominikanerorden ein, eine katholische Ordensgemeinschaft, die sich besonders der Predigt und der Wissenschaft widmet. Er erhielt den Ordensnamen Dominique und wurde 1934 zum Priester geweiht. Er studierte in Rom an der päpstlichen Hochschule der Dominikaner Theologie und promovierte dort. Anschließend studierte er in Löwen Sozialwissenschaften. Ab 1937 lehrte er im Dominikanerkloster La Sarte in Huy Moraltheologie und Soziologie. Er interessierte sich besonders für die Verbindung von Glauben und praktischer Hilfe.

Schon in den 1930er-Jahren engagierte sich Pire sozial. Er gründete eine Organisation, die armen Familien half, Gemüse in eigenen Gärten anzubauen, und eine Einrichtung, die Kindern aus Not leidenden Familien Erholung auf dem Land ermöglichte, auch Kindern, die vom Krieg betroffen waren. Während des Zweiten Weltkriegs unterstützte er den belgischen Widerstand und war als Seelsorger für Widerstandskämpfer tätig. Nach dem Krieg wurde er für diese Tätigkeit mit mehreren militärischen Auszeichnungen geehrt.

Den entscheidenden Anstoß für sein späteres Lebenswerk erhielt Pire 1949. Nach eigener Schilderung hörte er einen Vortrag eines amerikanischen Offiziers über die Lage der sogenannten Displaced Persons, also jener Menschen, die durch den Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden waren und nicht zurückkehren konnten oder wollten. Viele von ihnen stammten aus Osteuropa und lebten in Österreich und Deutschland in Lagern. Besonders schwer hatten es Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen, die von den Auswanderungsprogrammen anderer Länder häufig abgelehnt wurden, weil sie als nicht arbeitsfähig galten.

Pire besuchte Flüchtlingslager in Österreich und war erschüttert von der Hoffnungslosigkeit, die er dort antraf. Menschen lebten seit Jahren in Baracken, ohne Perspektive, oft ohne Beschäftigung, in einer Art Wartezustand. Er gründete daraufhin eine Hilfsorganisation, die sich zunächst durch Briefpatenschaften engagierte: Menschen in Belgien und anderen Ländern schrieben Flüchtlingen Briefe, schickten Pakete und hielten Kontakt. Pire war überzeugt, dass persönliche Beziehung für die Betroffenen ebenso wichtig war wie materielle Hilfe.

Bald ging Pire einen Schritt weiter. Er organisierte Heime für ältere Flüchtlinge in Belgien, in denen diese ihren Lebensabend in Würde verbringen konnten. Ab 1956 entstanden zudem die Europadörfer. Das erste wurde in Aachen gebaut, weitere folgten unter anderem in Bregenz, Augsburg, Berchem-Sainte-Agathe bei Brüssel, Spiesen im Saarland, Euskirchen und Wuppertal. Die Siedlungen sollten keine abgeschlossenen Lager sein, sondern Wohnviertel, die in bestehende Gemeinden eingebettet waren. Die Flüchtlinge sollten dort Wurzeln schlagen und Teil der örtlichen Gesellschaft werden.

Die Idee der Europadörfer war für ihre Zeit bemerkenswert. Sie verband Hilfe für Flüchtlinge mit dem Gedanken der europäischen Versöhnung. Es war kein Zufall, dass mehrere dieser Dörfer in Deutschland entstanden, nur wenige Jahre nach dem Ende eines Krieges, in dem Belgien von deutschen Truppen besetzt gewesen war. Pire sah in der gemeinsamen Hilfe für Vertriebene eine Möglichkeit, Brücken zwischen den Völkern zu bauen. Finanziert wurde die Arbeit überwiegend durch Spenden aus der Bevölkerung.

1958 verlieh das Norwegische Nobelkomitee Georges Pire den Friedensnobelpreis. Die Begründung würdigte sinngemäß seine Bemühungen, Flüchtlingen zu helfen, ihre Lager zu verlassen und zu einem Leben in Freiheit und Würde zurückzukehren. Das Komitee hob hervor, dass er sich gerade jener annahm, für die sonst kaum jemand sorgte. Pire nahm die Auszeichnung als Ermutigung für eine Arbeit, die er als Aufgabe vieler Menschen verstand. Das Preisgeld floss in seine Projekte.

Der Nobelpreis machte Pire international bekannt und brachte neue Spenden. Er nutzte die Aufmerksamkeit, um sein Engagement auszuweiten. 1960 gründete er in Huy die Friedensuniversität, die heute unter dem Namen Université de Paix bekannt ist. Dort sollten Menschen lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, einander zuzuhören und Vorurteile abzubauen. Pire prägte dafür den Gedanken des brüderlichen Dialogs: Frieden beginne damit, dass Menschen einander als Menschen begegnen und sich bemühen, den anderen zu verstehen, auch wenn sie ihm nicht zustimmen.

In den 1960er-Jahren richtete Pire seinen Blick verstärkt auf Länder außerhalb Europas. Er rief Projekte in Asien ins Leben, insbesondere in Indien und später im heutigen Bangladesch, die Dorfgemeinschaften bei der Entwicklung unterstützen sollten. Die sogenannten Friedensinseln zielten darauf ab, die Lebensbedingungen in ländlichen Regionen durch Landwirtschaft, Bildung und Gesundheitsversorgung zu verbessern. Pire verstand Entwicklungshilfe als Teil der Friedensarbeit, weil Armut und Hunger Ursachen von Konflikten seien.

Bemerkenswert ist, wie Pire die Freiwilligen einband. Er verstand die Briefpatenschaften und Hausbauprojekte nicht als Einbahnstraße. Auch die Helferinnen und Helfer sollten durch die Begegnung verändert werden, Vorurteile ablegen und erfahren, dass hinter dem Wort Flüchtling ein Mensch mit Geschichte, Würde und Hoffnungen steht. Diese Gegenseitigkeit war für ihn ein Kern seines Friedensverständnisses.

Kritik an Pires Arbeit gab es vergleichsweise wenig. Manche Beobachter fragten, ob kleine, auf persönlichem Engagement beruhende Projekte angesichts der Dimension globaler Flüchtlingsbewegungen ausreichend sein könnten. Pire selbst sah seine Initiativen nicht als Ersatz für staatliche oder internationale Hilfe, sondern als Ergänzung und als Zeichen. Er wollte zeigen, dass jeder Einzelne etwas tun kann, und er setzte auf das Beispiel, das andere zum Nachahmen ermutigt.

Georges Pire starb am 30. Januar 1969 in Löwen an den Folgen einer Operation, im Alter von 58 Jahren. Die von ihm gegründeten Organisationen bestehen in veränderter Form weiter. Die Europadörfer sind heute weitgehend in ihre Städte integriert; ihre ursprüngliche Bestimmung ist vielerorts in Vergessenheit geraten, doch Gedenktafeln und Straßennamen erinnern an den belgischen Dominikaner. Die Friedensuniversität in Belgien bietet weiterhin Kurse zur Konfliktlösung an.

Wenn Sie heute die Debatten über Flucht und Migration in Europa verfolgen, wirkt Pires Ansatz überraschend aktuell. Er setzte auf Integration statt auf dauerhafte Lager, auf persönliche Begegnung statt auf Anonymität, und er kümmerte sich bewusst um jene, die als nicht vermittelbar galten. Seine Überzeugung, dass Würde ein zentraler Bestandteil von Hilfe ist, findet sich in vielen heutigen Programmen wieder.

Georges Pire gehört damit zu jenen Friedensnobelpreisträgern, die nicht durch große Verträge oder politische Ämter, sondern durch konkrete, oft unscheinbare Arbeit gewirkt haben. Sein Leben zeigt, dass Friedensarbeit auch darin bestehen kann, Menschen aus dem Wartezustand der Lager herauszuholen und ihnen wieder einen Platz in einer Gemeinschaft zu geben. Für ihn war das kein Akt der Wohltätigkeit, sondern eine Frage der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit zwischen den Menschen.

Stand: 29.10.2026

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