Edward Calvin Kendall war ein US-amerikanischer Biochemiker, dessen Name eng mit einem der bekanntesten Medikamente der modernen Medizin verbunden ist: Cortison. 1950 erhielt er gemeinsam mit seinem Kollegen Philip S. Hench von der Mayo Clinic und dem Schweizer Chemiker Tadeus Reichstein den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für Entdeckungen über die Hormone der Nebennierenrinde, ihre Struktur und ihre biologischen Wirkungen. Zuvor hatte Kendall bereits das Schilddrüsenhormon Thyroxin isoliert. Seine Arbeiten legten den Grundstein für die Behandlung zahlreicher entzündlicher Erkrankungen mit Kortikosteroiden.
Herkunft und Ausbildung
Edward Calvin Kendall wurde am 8. März 1886 in South Norwalk im US-Bundesstaat Connecticut geboren. Er studierte Chemie an der Columbia University in New York, wo er 1908 seinen Bachelor-Abschluss, 1909 den Master und 1910 die Promotion in Chemie erwarb. Schon in seiner Doktorarbeit befasste er sich mit chemischen Fragen, die eine Brücke zur Biologie schlugen.
Nach dem Studium arbeitete er zunächst für das Pharmaunternehmen Parke, Davis and Company in Detroit, das ihn mit der Suche nach dem wirksamen Stoff der Schilddrüse beauftragte. Die Arbeit in der Industrie sagte ihm jedoch nicht zu, und er wechselte bald an das St. Luke’s Hospital in New York. 1914 schließlich holte ihn die Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, wo er die Abteilung für Biochemie leitete und bis 1951 blieb. Dort fand er die Bedingungen, unter denen seine wichtigsten Arbeiten entstanden.
Thyroxin: das Hormon der Schilddrüse
Die Schilddrüse war bereits als Organ bekannt, das für Wachstum und Stoffwechsel eine wichtige Rolle spielt. Man wusste auch, dass sie Jod enthält. Welcher Stoff genau ihre Wirkung vermittelt, war jedoch unklar. Kendall gelang es an Weihnachten 1914, aus großen Mengen tierischer Schilddrüsen eine kristalline, jodhaltige Substanz zu gewinnen, die er Thyroxin nannte. Damit hatte er eines der ersten Hormone überhaupt in reiner Form isoliert.
Die vollständige chemische Struktur von Thyroxin wurde einige Jahre später von dem britischen Chemiker Charles Harington aufgeklärt, der auch eine Synthese entwickelte. Kendalls Isolierung blieb jedoch ein wichtiger Meilenstein, weil sie zeigte, dass sich Hormone als chemisch definierte Stoffe fassen lassen. Heute wird synthetisches Thyroxin weltweit zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion eingesetzt und gehört zu den am häufigsten verordneten Medikamenten.
Neben Thyroxin beschäftigte sich Kendall auch mit Glutathion, einem kleinen Molekül, das in Zellen eine wichtige Rolle beim Schutz vor oxidativen Schäden spielt. Er trug dazu bei, dessen Zusammensetzung zu bestimmen.
Die Nebennierenrinde rückt in den Blick
Ab den späten 1920er-Jahren widmete sich Kendall der Nebennierenrinde, der äußeren Schicht der kleinen Drüsen, die oberhalb der Nieren liegen. Man wusste, dass Tiere ohne Nebennieren rasch sterben und dass Menschen mit zerstörter Nebennierenrinde an der damals tödlichen Addison-Krankheit leiden. Extrakte aus Nebennierenrinde konnten Versuchstiere am Leben erhalten. Welche Stoffe dafür verantwortlich waren, war jedoch völlig offen.
In mühevoller Arbeit verarbeitete Kendalls Team enorme Mengen an Rindernebennieren, die von Schlachthöfen geliefert wurden. Aus diesen Extrakten isolierten sie in den 1930er-Jahren eine ganze Reihe chemisch verwandter Verbindungen, die Kendall zunächst mit den Buchstaben A bis F bezeichnete. Es handelte sich um sogenannte Steroide, Moleküle mit einem charakteristischen Gerüst aus vier miteinander verbundenen Ringen. Zeitgleich arbeitete in Basel Tadeus Reichstein an denselben Stoffen und isolierte ebenfalls zahlreiche Verbindungen. Die beiden Gruppen standen in einem wissenschaftlichen Wettbewerb, kamen aber zu sich ergänzenden Ergebnissen.
Besonders interessant erschien Kendalls Verbindung E. Sie wirkte stark auf den Stoffwechsel des Zuckers und schien für den Körper besonders wichtig zu sein. Allerdings ließ sie sich aus Nebennieren nur in winzigen Mengen gewinnen, viel zu wenig für umfassende Versuche.
Vom Labor in die Klinik: Cortison
Während des Zweiten Weltkriegs wuchs in den USA das Interesse an den Nebennierenhormonen, unter anderem wegen Gerüchten, sie könnten die Belastbarkeit von Piloten steigern. Diese Erwartungen erfüllten sich nicht, doch die Forschung an einer chemischen Herstellung erhielt Auftrieb. In Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Merck und dessen Chemiker Lewis Sarett gelang es in den 1940er-Jahren, Verbindung E in einem aufwendigen, vielstufigen Verfahren künstlich aus Gallensäure herzustellen. Damit stand die Substanz erstmals in Mengen zur Verfügung, die klinische Versuche erlaubten. Später erhielt sie den Namen Cortison.
Den entscheidenden Anstoß für die Anwendung gab Kendalls Kollege Philip Hench, ein Rheumatologe an der Mayo Clinic. Hench hatte beobachtet, dass sich die Beschwerden von Menschen mit rheumatoider Arthritis während einer Schwangerschaft oder bei einer Gelbsucht oft deutlich besserten. Er vermutete, dass dafür ein körpereigener Stoff verantwortlich sei, und hielt die Nebennierenhormone für einen möglichen Kandidaten.
Im September 1948 erhielt eine schwer an rheumatoider Arthritis erkrankte Patientin an der Mayo Clinic erstmals Injektionen mit Verbindung E. Schon nach wenigen Tagen konnte die zuvor kaum bewegliche Frau wieder gehen. Weitere Patienten zeigten ähnliche Verbesserungen. Als Kendall und Hench ihre Ergebnisse 1949 vorstellten und Filmaufnahmen der Behandelten zeigten, löste das in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit große Begeisterung aus. Cortison galt zeitweise als Wundermittel.
Was Hormone der Nebennierenrinde leisten
Um die Tragweite dieser Arbeiten einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Aufgaben der Nebennierenrinde. Sie bildet mehrere Gruppen von Hormonen. Die sogenannten Glukokortikoide, zu denen das körpereigene Cortisol gehört, helfen dem Körper, mit Belastungen umzugehen. Sie erhöhen den Blutzuckerspiegel, beeinflussen den Stoffwechsel von Eiweißen und Fetten und dämpfen Entzündungen sowie Reaktionen des Immunsystems. Die Mineralokortikoide wiederum steuern den Salz- und Wasserhaushalt und damit auch den Blutdruck. Cortison selbst wird im Körper in das wirksame Cortisol umgewandelt. Dass sich diese Botenstoffe chemisch isolieren, in ihrer Struktur bestimmen und schließlich künstlich herstellen ließen, war eine der großen Leistungen der Biochemie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erst dadurch konnte die Medizin gezielt in diese Regelkreise eingreifen.
Der Nobelpreis 1950
Nur rund ein Jahr nach der ersten Behandlung wurden Kendall, Hench und Reichstein 1950 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Das ist ein für Nobelpreise ungewöhnlich kurzer Abstand zwischen Entdeckung und Ehrung. Das Nobelkomitee würdigte die Aufklärung der Hormone der Nebennierenrinde, ihrer chemischen Struktur und ihrer biologischen Wirkungen. Kendall und Reichstein standen dabei für die chemische Grundlagenarbeit, Hench für die medizinische Anwendung.
Wirkung und Grenzen der Kortikosteroide
Bald zeigte sich, dass Cortison und verwandte Stoffe keine Heilung bewirken, sondern Entzündungen und überschießende Reaktionen des Immunsystems unterdrücken. Wird das Medikament abgesetzt, kehren die Beschwerden häufig zurück. Zudem traten bei hohen Dosen und langer Anwendung erhebliche Nebenwirkungen auf, etwa Knochenschwund, Gewichtszunahme, erhöhter Blutzucker oder eine größere Anfälligkeit für Infektionen. Die anfängliche Euphorie wich daher einem vorsichtigeren Umgang.
Dennoch veränderten die Kortikosteroide die Medizin grundlegend. Aus Cortison entwickelte die pharmazeutische Chemie eine ganze Familie wirksamerer und besser verträglicher Abkömmlinge, etwa Prednison und Prednisolon. Sie werden heute unter anderem bei Asthma, Allergien, Hautkrankheiten, rheumatischen Erkrankungen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und nach Organtransplantationen eingesetzt. Bei Menschen mit Addison-Krankheit ersetzen sie das fehlende körpereigene Hormon und ermöglichen ein weitgehend normales Leben.
Späte Jahre
1951 trat Kendall an der Mayo Clinic in den Ruhestand. Er war jedoch nicht bereit, die Forschung aufzugeben, und wechselte an die Princeton University in New Jersey, wo er als Gastprofessor im Fachbereich Biochemie weiterarbeitete. Dort beschäftigte er sich bis zuletzt mit Fragen der Hormonchemie. Kendall erhielt neben dem Nobelpreis zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter den Lasker Award. In späteren Jahren schrieb er seine Erinnerungen unter dem Titel „Cortisone“ nieder.
Edward Calvin Kendall starb am 4. Mai 1972 in Princeton im Alter von 86 Jahren.
Vermächtnis
Kendalls Laufbahn umfasst zwei Meilensteine der Hormonforschung: die Isolierung des Schilddrüsenhormons Thyroxin und die Aufklärung der Nebennierenrindenhormone, die zum Cortison führte. Beide Stoffe beziehungsweise ihre Abkömmlinge sind bis heute unverzichtbare Medikamente. Seine Arbeit zeigt zudem, wie wichtig ausdauernde chemische Grundlagenforschung für die Medizin sein kann. Jahrzehntelang trennte Kendall in kleinen Schritten Stoffe aus Tonnen tierischen Gewebes, bevor aus dieser Arbeit durch die Zusammenarbeit mit einem Kliniker eine bahnbrechende Therapie entstand.
Weitere Informationen bietet die offizielle Seite der Nobelstiftung.
Stand: 29.10.2026