Karl Deisseroth hat der Hirnforschung ein Werkzeug gegeben, das noch vor wenigen Jahrzehnten wie Science-Fiction klang: Mit Licht lassen sich heute einzelne Gruppen von Nervenzellen gezielt ein- und ausschalten. Diese Methode heißt Optogenetik. Sie beruht auf lichtempfindlichen Eiweißen aus Algen, die Peter Hegemann und Georg Nagel entdeckt und beschrieben hatten. Deisseroth zeigte, dass sich diese Eiweiße in Nervenzellen von Säugetieren einbauen lassen, und entwickelte daraus eine vielseitige Technik, die heute in Laboren weltweit genutzt wird. Für diese Arbeiten erhielt er 2026 gemeinsam mit Hegemann und Nagel den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Bemerkenswert ist, dass Deisseroth nicht nur Forscher, sondern auch praktizierender Psychiater ist. In diesem Porträt lernen Sie seinen Weg, seine Methode und deren Bedeutung kennen.
Herkunft und Ausbildung
Karl Alexander Deisseroth wurde am 18. November 1971 in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Schon früh interessierte er sich sowohl für Naturwissenschaften als auch für Literatur, ein Doppelinteresse, das ihn bis heute begleitet. Er studierte an der Harvard University biochemische Wissenschaften und schloss 1992 ab.
Anschließend ging er an die Stanford University in Kalifornien und absolvierte dort ein kombiniertes Programm aus Medizinstudium und Promotion. In seiner Doktorarbeit im Labor des Neurobiologen Richard Tsien untersuchte er, wie elektrische Aktivität in Nervenzellen bis in den Zellkern weitergeleitet wird und dort Gene beeinflusst. 1998 schloss er beide Ausbildungen ab. Danach entschied er sich für eine Facharztausbildung in Psychiatrie, ebenfalls in Stanford. Die Begegnung mit Patientinnen und Patienten, die an schweren Depressionen, Angststörungen oder Autismus litten, prägte seine Forschung nachhaltig. Ihn beschäftigte die Frage, wie man die Schaltkreise im Gehirn verstehen könne, die bei solchen Erkrankungen gestört sind.
Das Problem: Zu grobe Werkzeuge
Das Gehirn besteht aus Milliarden Nervenzellen unterschiedlicher Typen, die in dichten Netzen miteinander verbunden sind. Wer verstehen will, welche Zellen für ein bestimmtes Verhalten verantwortlich sind, muss sie gezielt beeinflussen können. Lange standen dafür nur grobe Mittel zur Verfügung. Elektroden reizen alle Zellen in ihrer Umgebung gleichzeitig, unabhängig von deren Typ. Medikamente wirken langsam und im ganzen Gehirn. Gewebe zu zerstören, um seine Funktion zu erschließen, ist endgültig und ungenau. Nervenzellen arbeiten jedoch im Bereich von Millisekunden. Es fehlte ein Werkzeug, das zugleich zielgenau und schnell war.
Der Molekularbiologe Francis Crick hatte schon 1979 angeregt, dass Licht ein ideales Werkzeug wäre, wenn man bestimmte Nervenzellen lichtempfindlich machen könnte. Wie das gehen sollte, war aber lange völlig offen. Erste Versuche anderer Gruppen, Nervenzellen mit mehreren Genen aus Fliegenaugen lichtempfindlich zu machen, funktionierten zwar grundsätzlich, waren aber langsam und schwer zu handhaben. Gesucht war ein einzelnes Eiweiß, das Licht direkt in einen elektrischen Strom übersetzt.
Die Vorarbeit von Hegemann und Nagel
Die entscheidenden Bausteine kamen aus einem ganz anderen Forschungsgebiet. Die einzellige Grünalge Chlamydomonas schwimmt mithilfe eines Augenflecks zum Licht. Peter Hegemann hatte über viele Jahre untersucht, welche Moleküle diese Lichtreaktion vermitteln. Anfang der 2000er-Jahre beschrieben Georg Nagel, Peter Hegemann und ihre Kollegen zwei Eiweiße aus der Alge, die sie Kanalrhodopsine nannten. Es handelt sich um Ionenkanäle, die sich öffnen, sobald Licht auf sie fällt. Besonders das Kanalrhodopsin-2 ließ geladene Teilchen schnell durch die Zellmembran strömen, wenn man es mit blauem Licht beleuchtete. In Zellen, die keine Nervenzellen waren, zeigte das Team, dass sich der Kanal auf diese Weise steuern lässt.
Licht schaltet Nervenzellen
2004 gründete Deisseroth als junger Professor in Stanford ein eigenes Labor. Gemeinsam mit seinen damaligen Mitarbeitern Edward Boyden und Feng Zhang schleuste er das Gen für Kanalrhodopsin-2 in Nervenzellen von Ratten ein, die in Zellkultur wuchsen. Die Zellen bildeten das Eiweiß und bauten es in ihre Membran ein. Wenn die Forscher sie nun mit kurzen Blitzen blauen Lichts beleuchteten, antworteten die Nervenzellen mit elektrischen Impulsen, und zwar im Takt der Lichtblitze, mit einer Genauigkeit im Bereich von Millisekunden. Die Arbeit erschien 2005 in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience.
Damit war gezeigt, dass ein einzelnes Algengen ausreicht, um Nervenzellen von Säugetieren präzise mit Licht steuerbar zu machen. Entscheidend war, dass die Algeneiweiße für ihre Funktion einen Baustein benötigen, der verwandt mit Vitamin A ist und im Gewebe von Säugetieren bereits vorhanden ist. Daher musste den Zellen nichts weiter hinzugefügt werden. Auch andere Gruppen arbeiteten damals an ähnlichen Ansätzen, doch die Kombination aus Kanalrhodopsin und Nervenzellen erwies sich als Durchbruch.
Vom Experiment zur Methode
In den folgenden Jahren baute Deisseroths Labor die Optogenetik zu einem vielseitigen Werkzeugkasten aus. Mit genetischen Methoden ließ sich festlegen, dass nur ein bestimmter Zelltyp das lichtempfindliche Eiweiß bildet. Feine Lichtleiter, die ins Gehirn eingeführt werden, ermöglichten es, diese Zellen auch in lebenden, sich frei bewegenden Tieren zu steuern. Neben Kanälen, die Zellen aktivieren, wurden lichtgesteuerte Pumpen und Kanäle eingesetzt, mit denen sich Nervenzellen gezielt hemmen lassen. Deisseroths Gruppe veränderte die Eiweiße außerdem gezielt, um sie empfindlicher, schneller oder auf andere Lichtfarben abgestimmt zu machen.
Mit diesen Werkzeugen untersuchten Deisseroth und viele andere Forscher, welche Schaltkreise Motivation, Angst, Belohnung, soziales Verhalten oder Bewegung steuern. In Tiermodellen zeigte sein Labor etwa, wie die Aktivität bestimmter Zellgruppen Verhaltensweisen beeinflusst, die mit Depression oder Angst in Verbindung stehen.
Weitere Erfindungen
Deisseroth entwickelte zudem eine Methode, mit der sich ganze Gehirne durchsichtig machen lassen. Bei dem 2013 vorgestellten Verfahren CLARITY, an dessen Entwicklung sein Mitarbeiter Kwanghun Chung maßgeblich beteiligt war, werden die lichtstreuenden Fette aus dem Gewebe entfernt, während Eiweiße und Erbmaterial in einem Gelgerüst erhalten bleiben. So lassen sich Nervenbahnen in drei Dimensionen sichtbar machen, ohne das Gehirn in dünne Scheiben zu schneiden. Auch diese Technik und ihre Weiterentwicklungen werden heute breit genutzt.
Der Nobelpreis 2026
Im Oktober 2026 gab die Nobelversammlung am Karolinska-Institut bekannt, dass Karl Deisseroth, Peter Hegemann und Georg Nagel den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zu gleichen Teilen erhalten, „für ihre Entdeckungen zu lichtgesteuerten Ionenkanälen und zur Optogenetik“. Hegemann und Nagel wurden vor allem für die Entdeckung und Beschreibung der Kanalrhodopsine gewürdigt, Deisseroth für deren Nutzung als Werkzeug zur Steuerung von Nervenzellen. Eine offizielle Übersicht finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.
Wirkung auf Medizin und Forschung
Die Optogenetik hat die Neurowissenschaften grundlegend verändert. Statt nur zu beobachten, welche Hirnregionen bei einem Verhalten aktiv sind, können Forscher heute prüfen, ob eine bestimmte Zellgruppe ein Verhalten tatsächlich verursacht. Tausende Labore setzen die Methode ein. Sie hat das Verständnis von Lernen, Gedächtnis, Sucht, Schlaf und Bewegungsstörungen erweitert.
Auch die Medizin profitiert, zunächst vor allem indirekt. Erkenntnisse aus optogenetischen Experimenten helfen dabei, Therapien wie die tiefe Hirnstimulation bei der Parkinson-Krankheit gezielter einzusetzen. Daneben wird versucht, die Methode direkt am Menschen anzuwenden. In einer ersten klinischen Studie gelang es einem anderen Forscherteam, einem Patienten mit einer erblichen Netzhauterkrankung mithilfe eines lichtempfindlichen Algeneiweißes einen Teil seines Sehvermögens zurückzugeben. Für Sie als Laien bedeutet das: Optogenetik ist in erster Linie ein Forschungswerkzeug, kann aber in Zukunft auch neue Behandlungen ermöglichen.
Arzt, Forscher, Autor
Deisseroth ist Professor für Bioengineering sowie für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Stanford University und Forscher des Howard Hughes Medical Institute. Neben seiner Laborarbeit betreut er weiterhin Patientinnen und Patienten. 2021 veröffentlichte er das Buch „Projections“, in dem er Fallgeschichten aus der Psychiatrie mit Erkenntnissen der Hirnforschung verbindet. Schon vor dem Nobelpreis erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Breakthrough Prize in Life Sciences, den Kyoto-Preis und den Albert Lasker Award für medizinische Grundlagenforschung, den er 2021 gemeinsam mit Peter Hegemann und Dieter Oesterhelt erhielt. Sein Werk zeigt, wie Grundlagenforschung an einer unscheinbaren Alge zu einer Revolution der Hirnforschung führen kann.
Stand: 29.10.2026