Köpfe: Niels Bohr

Niels Bohr zählt zu den Gründervätern der Quantenphysik. Geboren am 7. Oktober 1885 in Kopenhagen, gestorben am 18. November 1962 ebenda, entwarf der dänische Physiker 1913 ein Atommodell, das erstmals erklärte, warum Atome stabil sind und Licht nur in ganz bestimmten Farben aussenden. Für diese Arbeit erhielt er 1922 den Nobelpreis für Physik, sinngemäß für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung. Darüber hinaus prägte Bohr wie kaum ein anderer die Deutung der Quantenmechanik, baute in Kopenhagen ein Institut auf, das zum Treffpunkt einer ganzen Physikergeneration wurde, und setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine offene, friedliche Nutzung der Atomenergie ein.

Kindheit in einer Gelehrtenfamilie

Bohr wuchs in einem wohlhabenden, gebildeten Haus auf. Sein Vater Christian Bohr war Professor für Physiologie an der Universität Kopenhagen, seine Mutter Ellen stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie. Sein jüngerer Bruder Harald wurde ein bekannter Mathematiker und gewann 1908 mit der dänischen Fußballnationalmannschaft olympisches Silber. Niels studierte Physik in Kopenhagen und promovierte 1911 mit einer Arbeit über die Elektronentheorie der Metalle. Anschließend ging er nach England, zunächst zu J. J. Thomson nach Cambridge, dann 1912 zu Ernest Rutherford nach Manchester. Diese Begegnung sollte sein Leben bestimmen.

Das Problem: Atome dürfte es gar nicht geben

Rutherford hatte 1911 gezeigt, dass ein Atom aus einem winzigen, positiv geladenen Kern besteht, um den negativ geladene Elektronen kreisen. Dieses Bild hatte einen schweren Fehler. Nach der klassischen Physik müsste ein kreisendes Elektron ständig Strahlung abgeben, dabei Energie verlieren und innerhalb eines Sekundenbruchteils in den Kern stürzen. Atome wären also nicht stabil, und es gäbe weder Moleküle noch feste Stoffe noch Menschen.

Hinzu kam ein zweites Rätsel. Erhitzt man ein Gas, etwa Wasserstoff, leuchtet es nicht in einem kontinuierlichen Regenbogen, sondern in wenigen scharfen Farblinien. Diese Spektrallinien waren seit Jahrzehnten bekannt und genau vermessen. Der Schweizer Lehrer Johann Jakob Balmer hatte schon 1885 eine Formel gefunden, mit der sich die Lage der Wasserstofflinien beschreiben ließ, aber niemand wusste, warum diese Formel funktionierte.

Das Bohrsche Atommodell

Bohr verband 1913 Rutherfords Kernmodell mit der Quantenidee, die Max Planck und Albert Einstein eingeführt hatten. Er stellte zwei kühne Annahmen auf. Erstens: Elektronen können den Kern nur auf ganz bestimmten, erlaubten Bahnen umkreisen, und auf diesen Bahnen strahlen sie entgegen der klassischen Physik keine Energie ab. Zweitens: Springt ein Elektron von einer energiereicheren auf eine energieärmere Bahn, sendet es ein Lichtteilchen aus, dessen Farbe genau der Energiedifferenz der beiden Bahnen entspricht.

Man kann sich das wie eine Treppe vorstellen, auf der ein Ball nur auf den Stufen liegen kann, nie dazwischen. Fällt er von einer Stufe auf eine tiefere, gibt er einen festen Energiebetrag ab. Mit diesem Bild konnte Bohr die Balmer-Formel aus Naturkonstanten herleiten und die Lage der Wasserstofflinien sehr genau berechnen. Das war ein spektakulärer Erfolg, der viele Kollegen überzeugte, dass die Quantenidee nicht nur eine Rechenhilfe war, sondern etwas Grundlegendes über die Natur aussagte.

Das Modell hatte Grenzen. Für Atome mit mehreren Elektronen versagte es, und die erlaubten Bahnen waren eher postuliert als begründet. Erst die Quantenmechanik, die Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und andere Mitte der 1920er-Jahre entwickelten, lieferte eine vollständige Theorie. Elektronen kreisen darin nicht mehr auf festen Bahnen, sondern werden durch Wahrscheinlichkeitswolken beschrieben. Bohrs Grundidee der festen Energiestufen blieb aber erhalten und ist bis heute Teil jedes Chemie- und Physikunterrichts.

Das Periodensystem und das Kopenhagener Institut

Bohr nutzte seine Ideen auch, um den Aufbau des Periodensystems zu erklären. Er zeigte, wie sich die chemischen Eigenschaften der Elemente aus der Anordnung der Elektronen in Schalen ergeben. Eine Vorhersage aus diesem Zusammenhang wurde 1923 bestätigt: Das Element 72, das Hafnium, wurde in Kopenhagen entdeckt und verhielt sich chemisch so, wie Bohrs Überlegungen es nahelegten, nämlich ähnlich wie Zirconium und nicht wie die Seltenen Erden.

1921 wurde in Kopenhagen das Institut für Theoretische Physik eröffnet, das Bohr leitete und das heute seinen Namen trägt. Es wurde zu einem internationalen Zentrum, an dem junge Physiker wie Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Paul Dirac und George Gamow arbeiteten oder zu Besuch kamen. Bohrs Stil war ungewöhnlich: Er dachte im Gespräch, formulierte Sätze immer wieder um und rang mit Kollegen oft tagelang um eine Frage. Aus dieser Atmosphäre ging die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik hervor.

Komplementarität und die Debatte mit Einstein

1927 stellte Bohr das Prinzip der Komplementarität vor. Danach zeigen Quantenobjekte wie Elektronen oder Licht je nach Versuchsaufbau Eigenschaften von Wellen oder von Teilchen, aber nie beide zugleich in vollem Umfang. Beide Beschreibungen sind nötig, um das Phänomen vollständig zu erfassen, schließen sich in einer einzelnen Messung aber gegenseitig aus. Zusammen mit Heisenbergs Unschärferelation bildete dieser Gedanke den Kern der Kopenhagener Sicht.

Albert Einstein war damit nicht einverstanden. Er hielt die Quantenmechanik für unvollständig und wollte nicht akzeptieren, dass der Zufall in der Natur grundlegend ist. Auf den Solvay-Konferenzen 1927 und 1930 ersann er Gedankenexperimente, mit denen er Widersprüche aufzeigen wollte; Bohr fand jeweils Gegenargumente. 1935 legte Einstein mit Boris Podolsky und Nathan Rosen ein berühmtes Argument vor, auf das Bohr ebenfalls antwortete. Die Debatte der beiden gilt als eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Experimente, für die John Clauser, Alain Aspect und Anton Zeilinger 2022 den Nobelpreis erhielten, haben später gezeigt, dass die Natur sich tatsächlich so verhält, wie es die Quantenmechanik beschreibt.

Kernphysik, Flucht und Atombombe

In den 1930er-Jahren wandte sich Bohr der Kernphysik zu. Er entwickelte das Bild des Atomkerns als Flüssigkeitstropfen, in dem sich die Bausteine kollektiv bewegen. Als 1938 Otto Hahn und Fritz Straßmann die Kernspaltung entdeckten und Lise Meitner und Otto Frisch sie deuteten, brachte Bohr die Nachricht Anfang 1939 in die USA. Mit John Wheeler erarbeitete er eine Theorie der Spaltung und erkannte, dass vor allem das seltene Uran-235 spaltbar ist.

Nach der deutschen Besetzung Dänemarks blieb Bohr zunächst in Kopenhagen. 1941 besuchte ihn Werner Heisenberg; über den Inhalt des Gesprächs wird bis heute gerätselt, unter anderem in Michael Frayns Theaterstück „Kopenhagen“. Im Herbst 1943 floh Bohr, der wegen seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits gefährdet war, mit einem Boot nach Schweden und gelangte von dort nach England und in die USA. Er besuchte unter einem Decknamen das Atombombenprojekt in Los Alamos, wo er vor allem als Berater wirkte. Schon während des Krieges warb er bei Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt dafür, die Sowjetunion frühzeitig einzubeziehen, um ein Wettrüsten zu verhindern, allerdings ohne Erfolg.

Späte Jahre und Erbe

Nach dem Krieg kehrte Bohr nach Kopenhagen zurück. 1950 veröffentlichte er einen offenen Brief an die Vereinten Nationen, in dem er für eine offene Welt mit freiem Austausch wissenschaftlicher Informationen eintrat. Er unterstützte die Gründung des europäischen Forschungszentrums CERN und des nordischen Instituts für theoretische Physik Nordita. 1957 erhielt er den ersten Atoms for Peace Award.

Bohr war mit Margrethe Nørlund verheiratet; das Paar hatte sechs Söhne, von denen zwei früh starben. Sein Sohn Aage Bohr erhielt 1975 selbst den Nobelpreis für Physik für Arbeiten zur Struktur des Atomkerns. Niels Bohr starb am 18. November 1962 in Kopenhagen. Das chemische Element 107 heißt ihm zu Ehren Bohrium.

Für Sie im Alltag ist Bohrs Erbe allgegenwärtig, auch wenn es nicht auffällt. Das Verständnis der Energiestufen in Atomen ist die Grundlage für Laser, Leuchtdioden, die Spektralanalyse in der Chemie und Atomuhren, die etwa Satellitennavigation ermöglichen. Die offizielle Würdigung finden Sie auf der Seite zum Nobelpreis für Physik 1922.

Stand: 29.10.2026

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