Köpfe: Joseph Brodsky

Joseph Brodsky (24. Mai 1940 – 28. Januar 1996) war ein russisch-amerikanischer Dichter und Essayist, der für seine lyrische Poesie und tiefsinnigen Essays bekannt war. Er wurde in Leningrad, Sowjetunion (heute Sankt Petersburg, Russland) geboren und später in den Vereinigten Staaten ansässig. 1987 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und von 1991 bis 1992 war er der Poet Laureate der Vereinigten Staaten.

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Köpfe: Marie Juchacz

Marie Juchacz, geborene Marie Gohlke am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen), war eine herausragende deutsche Sozialreformerin, Frauenrechtlerin und Politikerin.

Marie wuchs in einer Arbeiterfamilie auf und begann bereits in jungen Jahren, sich politisch und sozial zu engagieren. Sie schloss sich der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) an und setzte sich intensiv für die Rechte von Frauen und Arbeitern ein. Im Jahr 1908 zog sie nach Berlin, wo sie ihre Aktivitäten fortsetzte und als Redakteurin für die sozialdemokratische Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ arbeitete.

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete Marie Juchacz 1919 die Arbeiterwohlfahrt als Selbsthilfeorganisation der SPD, um notleidenden Menschen zu helfen. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die AWO zu einer der größten Wohlfahrtsorganisationen Deutschlands. Ihre Arbeit für die AWO und ihr soziales Engagement machten sie zu einer zentralen Figur in der Weimarer Republik.

Als Mitglied der SPD wurde Marie Juchacz 1919 in die Weimarer Nationalversammlung gewählt und ging als erste Frau in die Geschichte ein, die in einem deutschen Parlament sprach:

Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.

(Marie Juchacz: am 19. Februar 1919 in ihrer Rede vor der Nationalversammlung in Weimar)

Ihre Rede ist auch berühmt für die Worte:

Was diese Regierung getan hat, war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen, die die Hälfte des Volkes ausmachen, das gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten wurde.

Marie Juchacz setzte ihre politische Karriere fort und wurde 1920 in den Reichstag gewählt, dem sie bis 1933 angehörte. Während der Zeit des Nationalsozialismus musste sie Deutschland verlassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten, wo sie bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 lebte. Nach ihrer Rückkehr widmete sie sich erneut der Arbeit für die AWO und setzte sich bis zu ihrem Tod am 28. Januar 1956 in Bonn für soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Frauen ein.

Sie ist auf dem Kölner Südfriedhof beerdigt.

Wetterregel zum 28. Januar

Hier finden Sie eine Bauernregel bzw. Wetterregel zum 28. Januar:

Wirft der Maulwurf im Januar, dauert der Winter bis Mai sogar.

Die Fortpflanzungszeit der Maulwürfe beginnt gewöhnlich im Frühjahr, und die Jungen werden meistens im späten Frühling geboren.

Die Weisheit impliziert, dass wenn Maulwürfe bereits im Januar Junge haben, dies ein Anzeichen für einen ungewöhnlich langen und kalten Winter sein könnte. Die Logik dahinter könnte sein, dass die Naturzyklen verschoben sind und die gewohnten Jahreszeiten sich verlängern. In einem normalen Jahr, in dem der Winter und das Frühjahr zu den erwarteten Zeiten eintreten, würden Maulwürfe nicht so früh im Jahr Junge bekommen.

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Köpfe: Paul J. Crutzen

Hoch über unseren Köpfen, in etwa 15 bis 35 Kilometern Höhe, liegt eine dünne Schicht, ohne die das Leben an Land kaum möglich wäre: die Ozonschicht. Sie fängt einen großen Teil der schädlichen ultravioletten Strahlung der Sonne ab. Dass der Mensch diese Schutzschicht gefährden kann, ist heute allgemein bekannt. Zu den Forschern, die dies als Erste erkannten, gehört Paul Jozef Crutzen, geboren am 3. Dezember 1933 in Amsterdam. Für seine Arbeiten zur Chemie der Atmosphäre, insbesondere zur Bildung und zum Abbau von Ozon, erhielt er 1995 gemeinsam mit Mario Molina und F. Sherwood Rowland den Nobelpreis für Chemie. Später machte er den Begriff Anthropozän bekannt, der unser Zeitalter als vom Menschen geprägte Epoche der Erdgeschichte beschreibt.

Ein ungewöhnlicher Weg in die Wissenschaft

Crutzen wuchs in Amsterdam auf und erlebte als Kind die deutsche Besatzung der Niederlande und den Hungerwinter 1944/45. Nach der Schule konnte er nicht gleich studieren, wie er es sich gewünscht hatte. Stattdessen besuchte er eine technische Fachschule und arbeitete als Bauingenieur, unter anderem beim Brückenbau in Amsterdam. Seine Laufbahn als Wissenschaftler begann über einen Umweg: 1959 bewarb er sich auf eine Stelle als Programmierer am Meteorologischen Institut der Universität Stockholm. Dort hatte er die Möglichkeit, nebenher Vorlesungen zu besuchen.

So studierte er in Stockholm Meteorologie, Mathematik und Statistik und wurde 1968 promoviert. Seine Arbeit befasste sich mit dem Ozon in der Stratosphäre, also dem Bereich der Atmosphäre oberhalb der Wolken und des Wettergeschehens. Bereits damals interessierte ihn die Frage, welche chemischen Vorgänge die Menge des Ozons bestimmen.

Die Rolle der Stickoxide

Ozon besteht aus drei Sauerstoffatomen. In der Stratosphäre wird es ständig durch Sonnenlicht gebildet und wieder zerstört. Nach der klassischen Vorstellung aus den 1930er-Jahren lief dieser Kreislauf nur zwischen Sauerstoffatomen, Sauerstoffmolekülen und Ozon ab. Messungen zeigten jedoch, dass in der Stratosphäre weniger Ozon vorhanden ist, als diese Theorie vorhersagte. Es musste also weitere Vorgänge geben, die Ozon abbauen.

1970 veröffentlichte Crutzen eine Arbeit, in der er zeigte, dass Stickoxide den Ozonabbau stark beschleunigen können. Stickstoffmonoxid reagiert mit Ozon und wird dabei zu Stickstoffdioxid, das anschließend wieder in Stickstoffmonoxid zurückverwandelt wird. Die Stickoxide wirken also als Katalysator: Sie werden nicht verbraucht und können immer wieder neue Ozonmoleküle zerstören. Als wichtigste natürliche Quelle der Stickoxide in der Stratosphäre erkannte er Distickstoffmonoxid, besser bekannt als Lachgas, das am Boden durch Mikroorganismen entsteht und langsam nach oben steigt.

Diese Erkenntnis hatte unmittelbare politische Bedeutung. Anfang der 1970er-Jahre wurden Pläne für große Flotten von Überschallflugzeugen diskutiert, die in der Stratosphäre fliegen und dort Stickoxide ausstoßen würden. Crutzen und der amerikanische Chemiker Harold Johnston wiesen darauf hin, dass dies die Ozonschicht gefährden könnte. Auch der zunehmende Einsatz von Stickstoffdünger, der die Lachgasbildung im Boden fördert, rückte damit in den Blick.

FCKW und das Ozonloch

1974 zeigten Mario Molina und Sherwood Rowland, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, in die Stratosphäre gelangen und dort durch UV-Strahlung zerlegt werden. Die dabei frei werdenden Chloratome zerstören Ozon in einem ähnlichen katalytischen Kreislauf wie die Stickoxide. FCKW wurden damals in großen Mengen als Treibgas in Spraydosen, als Kältemittel in Kühlschränken und zum Aufschäumen von Kunststoffen verwendet.

Crutzen war in dieser Zeit in den USA tätig, unter anderem am National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado. Er arbeitete an Modellen, mit denen sich der Einfluss verschiedener Stoffe auf die Ozonschicht abschätzen ließ. 1985 entdeckten britische Forscher über der Antarktis das Ozonloch, eine drastische Abnahme des Ozons im Frühling der Südhalbkugel. Die Erklärung erforderte zusätzliche Chemie: Auf der Oberfläche von Eisteilchen in polaren Stratosphärenwolken werden Chlorverbindungen in reaktionsfreudige Formen umgewandelt. Crutzen trug mit Kollegen wesentlich zur Aufklärung dieser Reaktionen bei.

Der Nobelpreis 1995

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrte Crutzen, Molina und Rowland 1995 für ihre Arbeiten zur Atmosphärenchemie, besonders zur Bildung und zum Abbau von Ozon. Sie betonte, dass die drei Forscher dazu beigetragen hatten, die Menschheit vor einem globalen Umweltproblem zu bewahren, das katastrophale Folgen hätte haben können. Es war das erste Mal, dass ein Chemie-Nobelpreis für Forschung zu menschengemachten Umweltveränderungen vergeben wurde.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse mündeten in das Montrealer Protokoll von 1987, in dem sich die Staaten der Welt verpflichteten, die Produktion von FCKW und anderen ozonschädigenden Stoffen schrittweise einzustellen. Dieses Abkommen gilt als eines der erfolgreichsten internationalen Umweltabkommen. Messungen deuten darauf hin, dass sich die Ozonschicht seither langsam erholt.

Forschung in Mainz

1980 wurde Crutzen Direktor der Abteilung Atmosphärenchemie am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, das auch als Otto-Hahn-Institut bekannt ist. Dort forschte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 und blieb dem Institut danach verbunden. In Mainz untersuchte er unter anderem die Chemie der Troposphäre, also der unteren Atmosphäre. Er befasste sich mit der Rolle von Biomasseverbrennung in den Tropen, etwa durch Brandrodung, für die Luftqualität und das Klima. Auch die Bildung von bodennahem Ozon durch Abgase und Sonnenlicht und die Rolle von Methan in der Atmosphäre gehörten zu seinen Themen.

Nuklearer Winter

1982 veröffentlichte Crutzen mit dem amerikanischen Forscher John Birks eine Studie über die möglichen atmosphärischen Folgen eines Atomkriegs. Sie argumentierten, dass die riesigen Brände nach nuklearen Explosionen so viel Rauch und Ruß in die Atmosphäre schleudern könnten, dass das Sonnenlicht über weiten Teilen der Erde stark abgeschwächt würde. Diese Überlegungen gehören zu den Grundlagen der Diskussion über den nuklearen Winter, die in den 1980er-Jahren große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt.

Das Anthropozän

Im Jahr 2000 schlug Crutzen bei einer Konferenz spontan vor, die gegenwärtige Epoche der Erdgeschichte als Anthropozän zu bezeichnen, als Zeitalter des Menschen. Gemeinsam mit dem Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff schon vorher verwendet hatte, veröffentlichte er die Idee im selben Jahr. 2002 vertiefte Crutzen sie in einem viel beachteten Beitrag in der Fachzeitschrift Nature. Der Gedanke dahinter: Der Mensch verändert die Erde so stark, etwa durch den Ausstoß von Treibhausgasen, die Umgestaltung von Landschaften und den Eingriff in Stoffkreisläufe, dass er zu einer geologischen Kraft geworden ist. Der Begriff hat sich weit über die Naturwissenschaften hinaus verbreitet. Ob das Anthropozän offiziell als geologische Epoche anerkannt wird, ist unter Geologen umstritten; ein entsprechender Vorschlag wurde 2024 von einem zuständigen Fachgremium abgelehnt.

2006 sorgte Crutzen zudem mit einem Aufsatz für Diskussionen, in dem er anregte, Möglichkeiten des Geoengineering zu erforschen, etwa das Einbringen von Schwefelteilchen in die Stratosphäre, um die Erde zu kühlen. Er betonte dabei, dass eine Verringerung der Treibhausgasemissionen Vorrang haben müsse.

Lebensende

Crutzen besaß die niederländische Staatsbürgerschaft und lebte über Jahrzehnte in Deutschland. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden. Paul Crutzen starb am 28. Januar 2021 in Mainz.

Bilanz

Paul Crutzen zeigte, dass winzige Mengen bestimmter Gase genügen, um die schützende Ozonschicht anzugreifen, und dass menschliches Handeln diese Prozesse beeinflussen kann. Seine Forschung trug dazu bei, dass die Weltgemeinschaft mit dem Montrealer Protokoll gegensteuerte. Mit dem Begriff Anthropozän gab er zudem einer ganzen Debatte über die Rolle des Menschen im System Erde einen Namen. Aus dem Bauingenieur, der über eine Programmiererstelle in die Wissenschaft kam, wurde einer der einflussreichsten Atmosphärenforscher des 20. Jahrhunderts.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: William Butler Yeats

William Butler Yeats gilt vielen als der bedeutendste Dichter englischer Sprache im 20. Jahrhundert. Er war Lyriker, Dramatiker, Mitbegründer des irischen Nationaltheaters, Senator des jungen irischen Freistaats und eine Schlüsselfigur der irischen kulturellen Erneuerung. Gedichte wie „The Lake Isle of Innisfree“, „Easter, 1916“, „The Second Coming“ und „Sailing to Byzantium“ gehören zum festen Bestand der Weltlyrik. Yeats wurde am 13. Juni 1865 in Sandymount bei Dublin geboren und starb am 28. Januar 1939 in Roquebrune-Cap-Martin in Südfrankreich. 1923 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für seine stets inspirierte Dichtung, die in hochkünstlerischer Form dem Geist einer ganzen Nation Ausdruck verleihe.

Im Folgenden geht es vor allem um das Werk: die Entwicklung der Lyrik von den frühen, verträumten Gedichten bis zur harten Altersdichtung, die Dramen, die zentralen Themen, die Rezeption und Hinweise für Ihre Lektüre.

Zwischen Dublin, London und Sligo

Yeats war der Sohn des Porträtmalers John Butler Yeats, sein Bruder Jack wurde ebenfalls ein bekannter Maler. Die Familie lebte abwechselnd in London und Dublin, die Sommer verbrachte der Junge bei den Großeltern in der Grafschaft Sligo im Westen Irlands. Die Landschaft um Sligo, der Berg Ben Bulben, die Seen und die Erzählungen der Landbevölkerung über Feen und Geister wurden zu einer Quelle seiner Dichtung; unter Ben Bulben liegt er heute begraben.

Yeats besuchte eine Kunstschule, wandte sich aber bald der Literatur zu. Früh interessierte er sich für Mystik, Theosophie und Magie, war Mitglied des okkulten Ordens Golden Dawn und beschäftigte sich zeitlebens mit Visionen und Symbolsystemen. 1889 lernte er die Schauspielerin und Revolutionärin Maud Gonne kennen, die er jahrelang vergeblich umwarb und die zur Muse vieler seiner Liebesgedichte wurde.

Die frühe Lyrik: Keltische Dämmerung

Die ersten Gedichtbände, darunter „The Wanderings of Oisin“ (1889), „The Rose“ (1893) und „The Wind Among the Reeds“ (1899), sind von der Spätromantik und den Präraffaeliten beeinflusst. Sie verbinden irische Mythologie, Sagenhelden wie Oisín und Cuchulain, Feenwesen und Naturbilder mit einer melodischen, oft schwermütigen Sprache. Yeats sammelte zugleich irische Volksmärchen und veröffentlichte Prosaskizzen unter dem Titel „The Celtic Twilight“ (1893), der später zum Schlagwort für die ganze Bewegung wurde.

Das berühmteste Gedicht dieser Zeit ist „The Lake Isle of Innisfree“: Der Sprecher steht auf einem grauen Londoner Pflaster und sehnt sich auf eine kleine Insel in einem See bei Sligo, wo er in einer Hütte leben und Bohnen pflanzen will. Das Gedicht ist schlicht, klangvoll und von einer Sehnsucht nach Ruhe und Natur getragen. Ein anderes vielzitiertes frühes Gedicht ist „When You Are Old“, eine freie Variation auf ein Sonett von Pierre de Ronsard, in der der Sprecher der Geliebten ihr Alter vor Augen führt.

Theater und irische Renaissance

Gemeinsam mit Lady Augusta Gregory und Edward Martyn gründete Yeats 1899 das Irish Literary Theatre, aus dem 1904 das Abbey Theatre in Dublin hervorging. Ziel war ein Theater, das irische Stoffe und eine irische Bühnensprache pflegt. Yeats leitete das Haus über Jahre und förderte Dramatiker wie John Millington Synge und später Sean O’Casey. Als Synges „Der Held der westlichen Welt“ 1907 Tumulte im Publikum auslöste, verteidigte Yeats das Stück öffentlich.

Zu seinen eigenen Dramen gehört „Cathleen ni Houlihan“ (1902), gemeinsam mit Lady Gregory geschrieben: Eine alte Frau, die Irland verkörpert, ruft junge Männer auf, für sie zu kämpfen und zu sterben, und verwandelt sich am Ende in ein junges Mädchen mit dem Gang einer Königin. Maud Gonne spielte die Titelrolle, das Stück wirkte als nationalistischer Aufruf. Später entwickelte Yeats unter dem Einfluss des japanischen Nō-Theaters, das ihm Ezra Pound nahebrachte, eine stilisierte Form mit Masken, Tanz und Musik, etwa in „At the Hawk’s Well“ (1916) über den jungen Cuchulain an einer Zauberquelle.

Wende zur Moderne

Um 1910 veränderte sich Yeats‘ Lyrik grundlegend. Die Bände „The Green Helmet“ (1910) und „Responsibilities“ (1914) sind härter, konkreter und sprechender im Ton. Yeats wandte sich gegen die Kleinlichkeit des irischen Bürgertums, kritisierte etwa in „September 1913“ eine Gesellschaft, die nur noch an Geld und Gebet denke, mit dem Kehrreim, das romantische Irland sei tot und liege mit dem Freiheitskämpfer John O’Leary im Grab. Die Bekanntschaft mit Ezra Pound, der zeitweise als sein Sekretär arbeitete, trug zu dieser Modernisierung bei.

Easter, 1916 und The Second Coming

Der Osteraufstand von 1916 und die Hinrichtung seiner Anführer durch die Briten veranlassten Yeats zu einem seiner bedeutendsten Gedichte. In „Easter, 1916“ nennt er die Aufständischen beim Namen, darunter Menschen, die er zuvor für unbedeutend gehalten hatte, und stellt fest, dass sich alles vollständig verändert habe: Eine „schreckliche Schönheit“ sei geboren. Das Gedicht ist zugleich Ehrung und Zweifel, es fragt, ob zu langes Opfer das Herz zu Stein mache.

„The Second Coming“ (1919, in „Michael Robartes and the Dancer“, 1921) ist eine apokalyptische Vision: Die Dinge fallen auseinander, die Mitte hält nicht mehr, und ein rohes Tier schleppt sich nach Bethlehem, um geboren zu werden. Das Gedicht beruht auf Yeats‘ zyklischer Geschichtsvorstellung, wird aber bis heute in Krisenzeiten zitiert, weil es das Gefühl einer zerfallenden Ordnung in Bilder fasst. Die Formulierung vom Auseinanderfallen hat Chinua Achebe als Titel seines Romans „Things Fall Apart“ verwendet.

Der Turm und die Altersdichtung

Nach dem Nobelpreis schrieb Yeats seine vielleicht stärksten Bücher. „The Tower“ (1928) beginnt mit „Sailing to Byzantium“: Ein alter Mann verlässt das Land der Jugend und der sinnlichen Liebe und segelt in die heilige Stadt Byzanz, wo er zu einem goldenen Kunstwerk werden möchte, jenseits von Verfall und Tod. Weitere Gedichte des Bandes, etwa „Leda and the Swan“ oder „Among School Children“, verbinden Mythos, Philosophie und persönliches Erleben. „The Winding Stair“ (1933) setzt diese Linie fort.

Das Spätwerk ist geprägt von Wut über das Alter, sexueller Offenheit, etwa in den Gedichten um die Figur der Crazy Jane, und einer Rückbesinnung auf den Ursprung der Dichtung im „Lumpen- und Knochenladen des Herzens“, wie es in „The Circus Animals‘ Desertion“ sinngemäß heißt. In „Under Ben Bulben“ entwarf er die Inschrift für seinen eigenen Grabstein.

A Vision

Ab 1917 war Yeats mit Georgie Hyde-Lees verheiratet, die mit „automatischem Schreiben“ experimentierte. Aus diesen Sitzungen entwickelte Yeats das Buch „A Vision“ (1925, überarbeitet 1937), ein System aus Mondphasen, Persönlichkeitstypen und Geschichtszyklen, die er als ineinandergreifende Kegel darstellte. Das Werk ist schwer lesbar und wird selten um seiner selbst willen gelesen, liefert aber den symbolischen Rahmen vieler später Gedichte, etwa für die „Spirale“ in „The Second Coming“.

Themen und Stil

Die großen Themen sind Irland und seine Geschichte, Liebe und unerfüllte Sehnsucht, Alter und Tod, das Verhältnis von Kunst und Leben sowie die Suche nach einer geistigen Ordnung hinter der sichtbaren Welt. Stilistisch reicht der Weg vom weichen, musikalischen Ton der Frühzeit zu einer kraftvollen, konzentrierten Sprache, die Umgangssprache, strenge Strophenformen und kühne Bilder verbindet. Yeats überarbeitete seine Gedichte immer wieder, sodass viele in mehreren Fassungen existieren.

Rezeption

Yeats ist einer der meistzitierten modernen Dichter. T. S. Eliot nannte ihn einen der wenigen, deren Geschichte die Geschichte ihrer Zeit sei. Kritisch gesehen werden seine elitären politischen Ansichten, seine zeitweise Sympathie für die autoritäre Bewegung der Blauhemden in den 1930er-Jahren und sein Okkultismus. W. H. Auden schrieb nach seinem Tod die berühmte Elegie „In Memory of W. B. Yeats“, die Dichtung und Politik ins Verhältnis setzt.

Deutsche Ausgaben

Yeats‘ Werke sind auf Deutsch in mehreren Ausgaben erschienen, darunter zweisprachige Gedichtbände, die sich besonders empfehlen, weil der Klang der Originale für das Verständnis wichtig ist. Daneben gibt es Ausgaben der irischen Märchen- und Sagensammlungen und einzelner Dramen.

Leseempfehlung

Am besten beginnen Sie mit einer zweisprachigen Auswahl und lesen chronologisch: „The Lake Isle of Innisfree“ für den frühen Yeats, „Easter, 1916“ und „The Second Coming“ für den politischen und visionären Dichter, „Sailing to Byzantium“ für das Spätwerk. Wer Theater mag, findet in „Cathleen ni Houlihan“ ein kurzes Schlüsselstück der irischen Renaissance.

Stand: 29.10.2026