Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, im Original International Campaign to Abolish Nuclear Weapons und kurz ICAN, wurde am 23. April 2007 in Melbourne in Australien gegründet. Wenige Tage später, am 30. April 2007, wurde sie international am Rande einer Vorbereitungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in Wien vorgestellt. ICAN ist ein Bündnis von Hunderten Nichtregierungsorganisationen aus mehr als hundert Ländern. Das Sekretariat befindet sich heute in Genf. 2017 erhielt die Kampagne den Friedensnobelpreis, wenige Monate nachdem in den Vereinten Nationen der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen angenommen worden war.
Die Idee zur Gründung kam aus der australischen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, die selbst 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hatten. Die Gründer orientierten sich an der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen, die in den 1990er Jahren erreicht hatte, dass zahlreiche Staaten ein Verbot dieser Waffen vereinbarten, und die dafür 1997 den Friedensnobelpreis erhielt. Der Grundgedanke war ähnlich: Statt auf die Abrüstungsverhandlungen der Atommächte zu warten, die seit Jahrzehnten nur langsam vorankamen, sollten Staaten ohne Atomwaffen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft ein Verbot dieser Waffen durchsetzen.
Ein zentraler Ansatz von ICAN war es, die Debatte über Atomwaffen zu verändern. Lange war sie von sicherheitspolitischen Begriffen wie Abschreckung und strategischer Stabilität geprägt. ICAN rückte stattdessen die humanitären Folgen in den Mittelpunkt, also das, was ein Atomwaffeneinsatz für Menschen, Städte und die Umwelt bedeuten würde. Dazu gehörten die unmittelbaren Opfer, die Strahlenschäden über Generationen und die Unmöglichkeit, nach einem solchen Angriff wirksame Hilfe zu leisten. Diese Sichtweise wurde von mehreren Staaten und vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz aufgegriffen.
Zwischen 2013 und 2014 fanden drei internationale Konferenzen über die humanitären Auswirkungen von Atomwaffen statt, in Oslo in Norwegen, in Nayarit in Mexiko und in Wien in Österreich. ICAN war an allen diesen Konferenzen beteiligt und organisierte begleitende Treffen der Zivilgesellschaft. Auf der Wiener Konferenz im Dezember 2014 legte Österreich eine Erklärung vor, in der es sich verpflichtete, auf eine Schließung der rechtlichen Lücke bei der Ächtung von Atomwaffen hinzuarbeiten. Dieser Erklärung schlossen sich in der Folge mehr als hundert Staaten an.
Daraus entwickelte sich ein Verhandlungsprozess in den Vereinten Nationen. Die Generalversammlung beschloss 2016, Verhandlungen über einen Verbotsvertrag aufzunehmen. Am 7. Juli 2017 wurde der Vertrag über das Verbot von Atomwaffen in New York von 122 Staaten angenommen. Er verbietet die Entwicklung, die Herstellung, den Besitz, die Weitergabe, die Stationierung, den Einsatz und die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Zudem enthält er Bestimmungen zur Hilfe für Opfer und zur Sanierung verseuchter Gebiete. Er trat am 22. Januar 2021 in Kraft, nachdem ihn 50 Staaten ratifiziert hatten.
Der Friedensnobelpreis von 2017 ehrte ICAN nach der Begründung des Nobelkomitees sinngemäß für ihre Arbeit, die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Folgen jedes Einsatzes von Atomwaffen zu lenken, und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot dieser Waffen zu erreichen. Das Komitee betonte, dass die Welt in einer Lage sei, in der die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes größer sei als seit langer Zeit. Im Jahr 2017 hatten sich die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea stark verschärft.
Den Preis nahmen die damalige Geschäftsführerin Beatrice Fihn aus Schweden und die japanische Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, Setsuko Thurlow, entgegen. Thurlow war beim Abwurf am 6. August 1945 dreizehn Jahre alt und überlebte in den Trümmern eines Gebäudes, in dem viele ihrer Mitschülerinnen starben. Sie setzte sich seit Jahrzehnten für die Abschaffung der Atomwaffen ein. Ihre Rede in Oslo, in der sie von ihren Erinnerungen an den Tag des Abwurfs erzählte, fand weltweit große Beachtung.
Die Auszeichnung und der Vertrag stießen bei den Atommächten auf Ablehnung. Keiner der Staaten, die Atomwaffen besitzen, hat sich an den Verhandlungen beteiligt oder den Vertrag unterzeichnet. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich erklärten, der Vertrag ignoriere die Realität der Sicherheitslage und könne den Atomwaffensperrvertrag schwächen. Auch die meisten Mitgliedstaaten der NATO und andere Verbündete der Vereinigten Staaten, die unter dem nuklearen Schutzschirm stehen, lehnen den Vertrag ab. Deutschland ist ihm nicht beigetreten.
Kritiker der Kampagne argumentieren, ein Verbot ohne die Beteiligung der Atommächte bleibe wirkungslos und könne die Abschreckung schwächen, die nach ihrer Auffassung seit 1945 einen großen Krieg zwischen den Großmächten verhindert habe. Befürworter halten dagegen, dass Verbote auch ohne universelle Beteiligung eine normative Wirkung entfalten. Sie verweisen auf die Verbote von Landminen und Streumunition, die das Verhalten auch von Staaten beeinflusst hätten, die ihnen nicht beigetreten sind. Zudem setze der Vertrag Banken und Unternehmen unter Druck, sich aus der Finanzierung von Atomwaffen zurückzuziehen.
Ein solcher Ansatz ist die Kampagne gegen Investitionen in Atomwaffen. ICAN und ihre Partner veröffentlichen regelmäßig Berichte darüber, welche Finanzinstitute Unternehmen finanzieren, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind. Einige Pensionsfonds und Banken haben daraufhin ihre Anlagerichtlinien geändert. In vielen Städten weltweit, darunter auch in Deutschland, haben Stadträte zudem Appelle unterzeichnet, in denen sie ihre Regierungen auffordern, dem Vertrag beizutreten.
Seit dem Inkrafttreten des Vertrags finden regelmäßig Treffen der Vertragsstaaten statt. Das erste Treffen fand im Juni 2022 in Wien statt. Deutschland nahm, wie einige andere NATO-Staaten, als Beobachter teil, ohne dem Vertrag beizutreten. Die Zahl der Vertragsstaaten ist seit 2021 stetig gewachsen. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen für die nukleare Abrüstung verschlechtert. Russland hat mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, wichtige Rüstungskontrollverträge zwischen den Vereinigten Staaten und Russland sind ausgelaufen oder ausgesetzt, und China baut sein Atomwaffenarsenal aus.
Auch an der Spitze der Kampagne gab es Veränderungen. Beatrice Fihn, die ICAN in den entscheidenden Jahren der Vertragsverhandlungen geleitet hatte, gab ihr Amt Anfang der 2020er Jahre ab. Im Jahr 2023 übernahm die frühere australische Ministerin Melissa Parke die Leitung. Damit steht wieder eine Australierin an der Spitze einer Kampagne, die in Melbourne ihren Anfang genommen hatte. Der Aufbau als Bündnis vieler Partnerorganisationen ist geblieben, und die Arbeit wird weiterhin von einem kleinen Team in Genf koordiniert.
Für die Kampagne bedeutet diese Lage einen schwierigen Spagat. Einerseits bestätigt die gewachsene Gefahr ihre Warnungen vor den Folgen eines Atomkriegs. Andererseits haben viele Staaten, die sich bedroht fühlen, ihre Abhängigkeit von nuklearer Abschreckung eher verstärkt. In mehreren europäischen Ländern wird sogar über eine Ausweitung der nuklearen Teilhabe diskutiert. ICAN setzt weiterhin darauf, öffentlichen Druck aufzubauen und die humanitären Argumente in die Debatte einzubringen.
Wenn Sie den Weg von ICAN betrachten, sehen Sie ein Beispiel dafür, wie eine relativ kleine Organisation der Zivilgesellschaft einen internationalen Vertrag anstoßen kann. Innerhalb von zehn Jahren nach der Gründung wurde ein Abkommen geschlossen, das viele Fachleute zuvor für unrealistisch gehalten hatten. Ob dieser Vertrag langfristig zur Abschaffung der Atomwaffen beiträgt, ist offen. Er hat aber die Debatte verändert und den Stimmen der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki sowie der Opfer von Atomtests ein neues Gewicht gegeben.
Der Friedensnobelpreis von 2017 steht in einer Reihe mit früheren Auszeichnungen gegen Atomwaffen, etwa für die Pugwash-Konferenzen 1995, für die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs 1985 und für die japanische Organisation der Überlebenden Nihon Hidankyo im Jahr 2024. Gemeinsam zeigen diese Preise, dass das Nobelkomitee die Abschaffung der Atomwaffen seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Aufgaben für den Frieden betrachtet.
Stand: 29.10.2026