Klein, gläsern, gefährlich: Was die Bundesregierung über die Schilf-Glasflügelzikade weiß

Abstrakte schillernde Insektenflügel über Feldern und Schilfhalmen

Sie ist kaum einen Zentimeter groß, hat durchsichtige Flügel und stand früher eher als seltener Schilfbewohner auf der Roten Liste. Heute zählt die Schilf-Glasflügelzikade zu den meistgefürchteten Schädlingen im deutschen Acker- und Gemüsebau. Die Fragesteller wollten in 34 Fragen wissen, wie weit sie sich ausgebreitet hat, welche Schäden drohen und was dagegen hilft (Kleine Anfrage, Drucksache 21/5216). Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 21/5464 vom 20. April 2026) zeigt: Gegen das kleine Insekt gibt es bisher kein Patentrezept, aber eine bemerkenswert lange Liste von Ansätzen.

Der Schädling und die Anfrage

Die Kleine Anfrage 21/5216 stammt von Christian Reck, Stephan Protschka, Peter Felser und weiteren Abgeordneten der AfD-Fraktion. Die Fragesteller beschreiben die Zikade (Pentastiridius leporinus) als Überträgerin zweier bakterieller Erreger, die bei Zuckerrüben das „Syndrome Basses Richesses“ auslösen, also niedrigere Zuckergehalte, und auch Kartoffeln, Karotten und viele Gemüsearten schädigen. Unter Berufung auf den Niedersächsischen Landtag nennen sie stark wachsende Befallsflächen: 2023 etwa 60.000 Hektar Zuckerrüben und 15.000 Hektar Kartoffeln, 2025 bereits rund 119.000 Hektar Rüben und 39.000 Hektar Kartoffeln. Sie befürchten heftige wirtschaftliche Verluste bis hin zu Gefahren für Lieferketten und Ernährungssicherheit.

Auch das Julius Kühn-Institut (JKI) betont, dass Einzelmaßnahmen nicht reichen und es abgestimmte Strategien über ganze Fruchtfolgen braucht.

Ausbreitung: Es wird mehr, aber wie schnell?

Eine eigene Tabelle nach Bundesländern liefert die Regierung nicht, sondern verweist auf eine aktuelle Übersicht von JKI und Pflanzenschutzdiensten (Hausmann et al. 2026). Sie erwartet eine weitere Ausbreitung. Besonders beobachtet werden das östliche Niedersachsen und das Rheinland, wo in den letzten zwei Jahren erste Fänge gelangen. Ob und wann bislang befallsfreie Gebiete betroffen sein werden, lasse sich nicht belastbar vorhersagen. Konventionelle und ökologische Betriebe können gleichermaßen betroffen sein.

Wirtschaftlich relevant sind vor allem Zuckerrübe und Kartoffel. Die Liste der Gartenbaukulturen, in denen die Erreger nachgewiesen wurden, ist lang: von Zwiebel, Roter Bete und Karotte über Spargel, Rhabarber und diverse Kohlsorten bis zu Erdbeere, Physalis und eventuell Tomate. Abschließend geklärt ist sie nach Angaben der Regierung nicht.

Schäden: Keine Euro-Beträge

Bei den Fragen nach Schäden in Euro, nach Arbeitsplätzen und Folgen für Zuckerindustrie und Handel muss die Regierung passen. Eine anhaltend hohe Populationsdichte hätte in stark befallenen Regionen Folgen für die „Anbauwürdigkeit“ der Kulturen, die Verluste hingen aber von den regionalen Strukturen ab. Belastbare branchenspezifische Schätzungen lägen nicht vor. Damit bleibt offen, wie groß das Problem in Geld gemessen tatsächlich ist.

Was hilft? Eine Werkzeugkiste mit vielen Fragezeichen

Die Regierung listet bekannte oder erforschte Ansätze auf: angepasste Fruchtfolgen ohne Wirtspflanzen über Winter, tolerante oder resistente Sorten, Insektizide gegen erwachsene Tiere und Nymphen, biologischen Pflanzenschutz, RNAi-Sprays, Kulturschutznetze, Attract-and-Kill-Verfahren, frühere Aussaat und Ernte, Monitoring, Feld- und Maschinenhygiene sowie gesundes Pflanzgut. Bund und Länder haben dazu regionale Maßnahmenempfehlungen abgestimmt. Im Detail sieht es so aus:

  • Schwarzbrache: Das Aussetzen der Winterkultur gilt derzeit als eine der effektivsten Einzelmaßnahmen.
  • Natürliche Gegenspieler: Gibt es; das JKI untersucht sie etwa im Projekt BEET-Protect.
  • Nematoden: In Ansätzen untersucht, im Ackerbau aber schwierig, weil schon kurze Trockenheit den Fadenwürmern schadet.
  • Pilz Metarhizium brunneum: Versuche laufen seit Jahren, für eine Praxisempfehlung reichen die Ergebnisse noch nicht.
  • Pheromone: Fehlanzeige. Für die gesamte Familie der Glasflügelzikaden sind keine Pheromone beschrieben, also gibt es auch keine Verwirrtechnik.
  • Transfermulch: Nach Einschätzung der Regierung derzeit nicht geeignet.
  • Beizung, Saatgutbehandlung, Resistenzzüchtung, Pflanzenstärkungsmittel: Bisher keine Erkenntnisse; Beizung und Züchtung sind Teil laufender JKI-Forschung.

Die Brache und die Bürokratie

Ein Schwerpunkt der Anfrage betraf die EU-Agrarförderung: Drohen Sanktionen nach den Regeln zur Mindestbodenbedeckung (GLÖZ 6, § 17 GAPKondV), wenn Betriebe mehr als 20 Prozent ihrer Flächen über Winter schwarz liegen lassen? Die Regierung sagt, die Frage stelle sich nicht mehr. Mit der Dritten Änderungsverordnung vom 18. Dezember 2025 dürfen Betriebe auf allen Ackerflächen mit Rüben, Kartoffeln, Roter Bete, Mangold, Möhren, Steckrüben, Zwiebeln oder Sellerie als Hauptkultur eine Schwarzbrache anlegen, sobald im Gebiet eine Bedrohung oder ein Befall amtlich festgestellt ist. Zusätzlich können die Länder einzelbetriebliche Ausnahmen genehmigen.

Chemie, Notfallzulassungen und Stärkungsmittel

Bei Insektiziden unterscheidet die Regierung zwischen systemischen Mitteln, die die Zikade beim Saugen aufnimmt, und Kontaktmitteln. Die Pflanzenschutzdienste empfehlen eine Kombination beider. Eine Liste konkreter Mittel nennt die Antwort nicht, sondern verweist auf die Übersicht des BVL zu Notfallzulassungen. Solche Zulassungen sind nach Artikel 53 der EU-Pflanzenschutzverordnung für höchstens 120 Tage möglich, wenn eine Gefahr anders nicht abzuwehren ist.

Klar ist die Regierung beim Thema Pflanzenstärkungsmittel: Nach § 45 Pflanzenschutzgesetz dürfen diese nur der allgemeinen Gesunderhaltung dienen. Wer sie gegen die Zikade einsetzt, wendet rechtswidrig ein Pflanzenschutzmittel an. Dafür bräuchte das Produkt eine reguläre Zulassung.

Forschung und Hilfe für Betriebe

Eine Gesamtsumme für Forschungsprojekte gibt es nicht; Bekanntmachungen erscheinen laufend im Bundesanzeiger. Als Beispiel nennt das Agrarministerium das Praxisforschungsnetzwerk ROBUSTGemuese, das die Zikade im ökologischen Gemüsebau beobachtet. Direkte Finanzhilfen für betroffene Betriebe nennt die Regierung nicht. Unterstützung bestehe vor allem in vereinfachten Auflagen und darin, neue JKI-Ergebnisse schnell an die Länder und die Beratung weiterzugeben. Wer sich für weitere Kleine Anfragen rund um Landwirtschaft und Tiere interessiert, findet hier etwa die Antwort zur Haltung von Mastkaninchen.

Fazit: Ein kleines Insekt mit großem Fragenkatalog

Die Antwort zeigt eine Regierung, die das Problem ernst nimmt, aber vieles noch nicht weiß: keine Schadenssummen, keine Prognose, wann die Zikade ganz Deutschland erreicht, und wenige praxisreife biologische Lösungen. Konkret wird es bei der Schwarzbrache, die als wirksamste Einzelmaßnahme gilt und seit Dezember 2025 förderrechtlich erleichtert ist. Für Rübenbauern bleibt es vorerst bei einem Mix aus Fruchtfolge, Monitoring und gezieltem Insektizideinsatz, und bei der Hoffnung, dass die Forschung schneller ist als der Schädling.

Quellen

Stand: 22.10.2026

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