Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war Molkepulver aus Bayern radioaktiv belastet. Seit dem 6. Februar 1987 lagerten laut den Fragestellern rund 5 000 Tonnen davon auf Bundeswehrgelände in Feldkirchen (Niederbayern) und Meppen (Emsland). Eine Kleine Anfrage (Drucksache 11/602) vom 8. Juli 1987 wollte wissen, wie es weitergeht. Das Bundesumweltministerium beantwortete die Kleine Anfrage mit Schreiben vom 6. August 1987 für die Bundesregierung (Antwort, Drucksache 11/682).
Aus zwölf Wochen werden Jahre
Ursprünglich wollte die Regierung „innerhalb des Zeitraumes von zwölf Wochen nach Übernahme“ mit der Behandlung beginnen. Darauf berief sich auch eine Ressortvereinbarung mit dem Verteidigungsministerium. Die Antwort räumt ein: „Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt.“ Die Verhandlungen mit möglichen Betrieben seien „erheblich schwieriger und langwieriger“ gewesen als erwartet. Mehrere Partner seien „aus Sorge vor Rufschäden“ abgesprungen.
Nun rechnete die Regierung damit, „in Kürze“ einen Vertrag mit einem Trockenwerk in Hungen (Hessen) abzuschließen, das zum Verbund der Intermilch gehörte. Danach seien rund vier Monate Umrüstung nötig, die Dekontamination selbst werde „etwa zwei Jahre“ dauern. Wann der Abtransport beginnt, stand noch nicht fest.
Das Verfahren
Ende März 1987 fiel die Grundsatzentscheidung für Ultrafiltration und selektiven Ionenaustausch nach dem Verfahren von Prof. Franz Roiner (Hannover). Damit sollte das Cäsium herausgefiltert werden. Laut Antwort sollte die Molke danach höchstens 100 Becquerel pro Kilogramm Trockensubstanz aufweisen. Zum Vergleich nannte die Regierung natürlich vorhandenes Kalium-40 mit etwa 1 400 Bq/kg. Das gereinigte Pulver sollte „ausschließlich im Futtermittelbereich“ verwendet werden. Den Verkauf sollte der dekontaminierende Betrieb übernehmen.
Gesundheitliche Gefahren für die Anwohner sah die Regierung nicht. Sie verwies auf eine Empfehlung der Strahlenschutzkommission (Bundesanzeiger Nr. 58 vom 25. März 1987). Das Bundesgesundheitsamt sollte die Dekontamination überwachen. Über die weiteren 2 000 Tonnen Molkepulver, die bei der Firma Meggle in Forsting lagerten, entscheide der Freistaat Bayern.
Die Kosten
- Transport, Lagerung und Dekontamination: geschätzt etwa 13 Mio. DM; für 1987 standen 7,75 Mio. DM bereit.
- Entwicklung des Verfahrens bis dahin: 58 000 DM.
- Nachrüstung eines Molkereibetriebs: je nach Ausstattung bis zu etwa 4 Mio. DM.
- Transport, Lagerung und Bewachung in Meppen und Feldkirchen: bis dahin 775 000 DM, laufend etwa 4 000 DM pro Tag.
Späterer Stand
Aus Hungen wurde nichts. Die Molke wurde schließlich im stillgelegten Kernkraftwerk Lingen im Emsland gereinigt. Die letzten Waggons erreichten Lingen im Dezember 1990 (Heimatverein Lingen). Statt der geschätzten 13 Mio. DM kostete die Aktion nach Angaben des Heimatvereins und des Spiegel rund 40 Mio. DM. 1996 bestätigte die Bundesregierung, dass die etwa 5 000 Tonnen bis Ende 1990 dekontaminiert und als Viehfutter verwertet wurden (Drucksache 13/4650).
Passend dazu auf severint.net: 1986 wird das Bundesumweltministerium gegründet.
Quellen
- Kleine Anfrage, Drucksache 11/602 vom 8. Juli 1987
- Antwort der Bundesregierung, Drucksache 11/682, Schreiben vom 6. August 1987
- Antwort der Bundesregierung von 1996, Drucksache 13/4650
- Heimatverein Lingen: Tschernobyl und Molkepulver
Hinweis: Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anhand der verlinkten Drucksachen geprüft.
Stand: 23.10.2026
