May-Britt Moser wurde am 4. Januar 1963 in Fosnavåg an der Westküste Norwegens geboren. Die Neurowissenschaftlerin erhielt 2014 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Edvard I. Moser und dem britisch-amerikanischen Forscher John O’Keefe den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die Nobelversammlung würdigte die Entdeckung von Zellen, die ein Positionierungssystem im Gehirn bilden – oft anschaulich als „inneres GPS“ bezeichnet. May-Britt Moser war damit eine der wenigen Frauen, die diese Auszeichnung erhalten haben, und die erste Norwegerin unter den Medizin-Nobelpreisträgern.
Herkunft und Studienzeit
Moser wuchs auf einer kleinen Insel in der Region Sunnmøre auf, als jüngstes von mehreren Kindern einer Familie, die von Landwirtschaft und handwerklicher Arbeit lebte. Akademische Vorbilder gab es in ihrem Umfeld kaum, doch sie interessierte sich früh für Tiere und dafür, wie sie sich verhalten. In der Schule lernte sie Edvard Moser kennen, der aus derselben Gegend stammte. Ihre Wege kreuzten sich später an der Universität Oslo erneut, wo beide Psychologie studierten.
Während des Studiums wuchs bei beiden das Interesse an der Frage, wie Verhalten im Gehirn entsteht. Sie wollten nicht nur beobachten, was Menschen und Tiere tun, sondern verstehen, welche Nervenzellen und Netzwerke dahinterstehen. Die beiden heirateten 1985 und arbeiteten in den folgenden Jahrzehnten eng zusammen. Unter der Anleitung des Neurophysiologen Per Andersen begannen sie, sich mit dem Hippocampus zu beschäftigen, einer Hirnregion, die für Gedächtnis und räumliche Orientierung wichtig ist. 1995 wurde May-Britt Moser an der Universität Oslo in Neurophysiologie promoviert.
Lehrjahre und Aufbau einer eigenen Gruppe
Nach der Promotion gingen die Mosers für Forschungsaufenthalte ins Ausland, unter anderem an die Universität Edinburgh zu Richard Morris, einem Experten für Lernen und Gedächtnis, und kurzzeitig an das University College London zu John O’Keefe. Dort lernten sie die Technik, mit feinen Elektroden die Aktivität einzelner Nervenzellen in frei beweglichen Ratten aufzuzeichnen.
1996 nahmen beide Stellen an der Norwegischen Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität (NTNU) in Trondheim an. Dort bauten sie praktisch von Grund auf ein Labor auf. Später gründeten sie das Kavli-Institut für Systemneurowissenschaften und das Centre for Neural Computation, die sich zu international angesehenen Zentren der Hirnforschung entwickelten. May-Britt Moser wurde Professorin für Neurowissenschaften und übernahm die Leitung zentraler Einrichtungen in Trondheim.
Die Vorgeschichte: Ortszellen
Um die preisgekrönte Entdeckung zu verstehen, muss man bei John O’Keefe beginnen. Er hatte 1971 im Hippocampus der Ratte Nervenzellen gefunden, die immer dann besonders aktiv sind, wenn sich das Tier an einem bestimmten Ort in seiner Umgebung befindet. Er nannte sie Ortszellen (place cells). Jede dieser Zellen steht gewissermaßen für einen Fleck im Raum; zusammen ergeben sie eine Art innere Landkarte. Offen blieb jedoch, woher der Hippocampus die Information erhält, wo sich das Tier gerade befindet, und wie diese Karte berechnet wird.
Die Entdeckung der Gitterzellen
Die Mosers vermuteten, dass wichtige Signale aus einer benachbarten Region stammen, dem entorhinalen Kortex. Sie zeichneten deshalb die Aktivität von Nervenzellen in diesem Bereich auf, während Ratten sich frei in einer Box bewegten und nach Futterkrümeln suchten. 2005 berichteten sie über einen überraschenden Befund: Bestimmte Zellen feuerten nicht nur an einem Ort, sondern an vielen Orten – und diese Orte bildeten ein auffallend regelmäßiges Muster aus gleichseitigen Dreiecken, das zusammengenommen ein sechseckiges Gitter ergibt. Sie nannten diese Nervenzellen Gitterzellen (grid cells).
Man kann sich das so vorstellen: Legen Sie ein unsichtbares Wabenmuster über den Fußboden eines Raumes. Eine Gitterzelle ist immer dann aktiv, wenn das Tier über einen der Knotenpunkte dieses Musters läuft. Verschiedene Gitterzellen haben unterschiedlich große Muster, sind leicht gegeneinander verschoben oder gedreht. Aus der Kombination vieler solcher Zellen lässt sich die Position eines Tieres sehr genau bestimmen – ganz ähnlich wie ein Koordinatensystem auf einer Landkarte.
Bemerkenswert war, dass dieses Muster nicht von Landmarken abhängt, die das Tier sieht. Es bleibt auch im Dunkeln bestehen und scheint teilweise aus der eigenen Bewegung berechnet zu werden: Das Gehirn verrechnet Richtung und Geschwindigkeit und aktualisiert daraus laufend die eigene Position. Fachleute sprechen von Wegintegration.
Ein ganzes Navigationssystem
In den folgenden Jahren fanden die Mosers und ihre Mitarbeiter im entorhinalen Kortex weitere spezialisierte Zelltypen. Kopfrichtungszellen, die schon zuvor in anderen Hirnregionen beschrieben worden waren, zeigen an, in welche Richtung das Tier blickt – wie ein Kompass. Grenzzellen (border cells) reagieren auf Wände und Kanten der Umgebung. Später beschrieb die Gruppe auch Geschwindigkeitszellen, deren Aktivität mit der Laufgeschwindigkeit zunimmt.
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, in dem verschiedene Zelltypen wie die Bauteile eines Navigationsgeräts zusammenarbeiten: Gitterzellen liefern ein Koordinatensystem, Kopfrichtungszellen die Ausrichtung, Grenzzellen Bezugspunkte und Geschwindigkeitszellen die Bewegungsdaten. Der Hippocampus mit seinen Ortszellen verknüpft diese Informationen mit konkreten Orten und Erinnerungen. Es war die erste Beschreibung eines so komplexen kognitiven Systems auf der Ebene einzelner Zellen.
Warum das wichtig ist
Die Arbeiten der Mosers und O’Keefes gelten als Meilenstein, weil sie zeigen, wie das Gehirn eine abstrakte Größe – den Raum – in Aktivitätsmuster von Nervenzellen übersetzt. Lange Zeit war unklar, ob sich höhere geistige Leistungen überhaupt auf diese Weise untersuchen lassen. Das „innere GPS“ wurde zu einem Musterbeispiel dafür, dass sich auch Denkleistungen wie Orientierung und Gedächtnis auf zellulärer Ebene erforschen lassen.
Spätere Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren und bei Patienten mit implantierten Elektroden deuten darauf hin, dass auch im menschlichen Gehirn ähnliche gitterartige Aktivitätsmuster vorkommen. Damit gewinnen die Befunde auch medizinische Bedeutung.
Bezug zur Alzheimer-Krankheit
Der entorhinale Kortex gehört zu den Regionen, die bei der Alzheimer-Krankheit besonders früh geschädigt werden. Ein typisches frühes Anzeichen der Erkrankung ist, dass Betroffene sich in vertrauter Umgebung verirren. Die Entdeckung der Gitterzellen liefert eine mögliche Erklärung dafür: Wenn das räumliche Koordinatensystem gestört ist, verliert das Gehirn die Fähigkeit, die eigene Position zuverlässig zu bestimmen. May-Britt Moser hat in Vorträgen und Interviews immer wieder betont, dass ein besseres Verständnis dieser Netzwerke langfristig auch helfen könnte, solche Erkrankungen früher zu erkennen.
Arbeitsweise und Persönlichkeit
Die Zusammenarbeit von May-Britt und Edvard Moser galt über Jahrzehnte als außergewöhnlich eng. Sie teilten sich die Arbeit an Experimenten, Auswertung und Laborführung und traten häufig gemeinsam auf. 2016 gaben die beiden ihre Trennung bekannt, setzten ihre wissenschaftliche Zusammenarbeit in Trondheim aber fort. May-Britt Moser hat oft betont, wie wichtig ihr die Ausbildung junger Forscherinnen und Forscher ist und dass Neugier, Ausdauer und Teamarbeit für gute Wissenschaft entscheidend seien.
Sie engagiert sich zudem dafür, mehr Frauen für die Naturwissenschaften zu gewinnen, und spricht offen darüber, dass sie selbst als Mädchen aus einfachen Verhältnissen keinen naheliegenden Weg in die Forschung vor sich hatte. Neben dem Nobelpreis erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter gemeinsam mit Edvard Moser und John O’Keefe den Louisa-Gross-Horwitz-Preis der Columbia University. Sie ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien.
Der Nobelpreis in Zahlen
Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt May-Britt Moser den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2014 zu einem Viertel. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem Edvard I. Moser und John O’Keefe. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for their discoveries of cells that constitute a positioning system in the brain“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim, Norway. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 6. Oktober 2014. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 8.000.000 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 10.596.648 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung Fosnavåg, Norway. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.
Wirkung und Vermächtnis
Die Entdeckung der Gitterzellen hat ein eigenes Forschungsfeld begründet. Weltweit untersuchen Arbeitsgruppen, wie diese Muster entstehen, wie sie sich in der Entwicklung herausbilden und ob ähnliche Prinzipien auch für andere Arten von Wissen gelten – etwa für die Ordnung von Begriffen oder sozialen Beziehungen. Auch in der Informatik und der Forschung zur künstlichen Intelligenz wurden Modelle der Gitterzellen aufgegriffen, um Navigationsaufgaben für Maschinen zu lösen.
Für Norwegen war der Nobelpreis 2014 ein besonderes Ereignis: Er zeigte, dass auch abseits der großen Wissenschaftszentren in den USA und Großbritannien Spitzenforschung entstehen kann. Das Labor in Trondheim, das die Mosers in den 1990er-Jahren mit bescheidenen Mitteln gegründet hatten, entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt für Neurowissenschaftler aus aller Welt.
Weitere Informationen zur Preisvergabe finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.
Stand: 29.10.2026