Köpfe: Gary Becker

Gary Becker wurde am 2. Dezember 1930 in Pottsville im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren und starb am 3. Mai 2014 in Chicago. Der amerikanische Ökonom erhielt 1992 den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis dafür, dass er den Bereich der mikroökonomischen Analyse auf ein breites Feld menschlichen Verhaltens und menschlicher Interaktion ausgedehnt hat, auch auf Verhalten außerhalb von Märkten. Becker untersuchte Diskriminierung, Bildung, Kriminalität, Familie und Sucht mit den Werkzeugen der Ökonomie – und löste damit ebenso viel Bewunderung wie Widerspruch aus.

Herkunft und Ausbildung

Becker wuchs in Brooklyn, New York, auf, wohin seine Familie gezogen war, als er noch ein Kind war. Sein Vater, ein Kleinunternehmer, interessierte sich für Finanz- und Politikfragen; weil er im Alter schlecht sah, las ihm der Sohn regelmäßig die Wirtschaftsnachrichten vor. Becker studierte an der Princeton University Mathematik und Ökonomie und schloss 1951 ab. Die Ökonomie erschien ihm damals allerdings zu abstrakt, um die gesellschaftlichen Probleme zu erfassen, die ihn interessierten. Er überlegte sogar, zur Soziologie zu wechseln.

Die Wende kam an der University of Chicago, wo er bei Milton Friedman studierte. Friedman machte ihm klar, dass Ökonomie kein Spiel mit Formeln ist, sondern ein Werkzeug, mit dem man die wirkliche Welt analysieren kann. Becker wurde 1955 in Chicago promoviert.

Die Ökonomie der Diskriminierung

Seine Dissertation erschien 1957 als Buch unter dem Titel „The Economics of Discrimination“. Becker untersuchte darin, wie sich Vorurteile gegenüber Minderheiten, etwa gegenüber Schwarzen in den USA, auf Löhne und Beschäftigung auswirken. Er modellierte Diskriminierung als eine Art Geschmack: Ein Arbeitgeber, der eine bestimmte Gruppe nicht einstellen will, verhält sich so, als ob ihm deren Beschäftigung zusätzliche Kosten verursache. Daraus folgt ein überraschender Befund: Diskriminierende Arbeitgeber schaden nicht nur den Benachteiligten, sondern auch sich selbst, weil sie auf produktive Arbeitskräfte verzichten. Auf wettbewerbsintensiven Märkten geraten sie deshalb unter Druck.

Das Buch stieß zunächst auf Skepsis. Viele Ökonomen hielten das Thema für eine Angelegenheit von Soziologen und Psychologen. Heute gilt es als Ausgangspunkt der ökonomischen Diskriminierungsforschung, die sich mit Lohnunterschieden zwischen Gruppen befasst und Beckers Modell vielfach erweitert hat.

Humankapital

Beckers einflussreichstes Werk ist „Human Capital“ von 1964. Er griff darin Gedanken auf, die zuvor unter anderem Theodore Schultz und Jacob Mincer entwickelt hatten, und baute sie zu einer systematischen Theorie aus. Ihr Kern: Menschen investieren in sich selbst, so wie Unternehmen in Maschinen investieren. Bildung, Ausbildung im Betrieb und Gesundheit kosten Zeit und Geld, erhöhen aber die spätere Produktivität und damit das Einkommen.

Becker unterschied zwischen allgemeinem Humankapital, das in vielen Betrieben nützlich ist, und spezifischem Humankapital, das nur in einem bestimmten Unternehmen Wert hat. Daraus ließ sich erklären, wer die Kosten der Ausbildung trägt und warum Beschäftigte mit viel firmenspezifischem Wissen seltener den Arbeitgeber wechseln. Die Humankapitaltheorie erklärt auch, warum Löhne mit der Erfahrung steigen und warum Menschen vor allem in jungen Jahren in Bildung investieren.

Der Begriff Humankapital wurde zunächst kritisiert, weil er Menschen mit Maschinen gleichzusetzen schien. Becker selbst räumte ein, dass er wegen solcher Einwände anfangs gezögert habe, den Begriff in den Titel seines Buches aufzunehmen. Heute ist Humankapital ein selbstverständlicher Begriff in Bildungspolitik, Arbeitsmarktforschung und Wachstumstheorie.

Verbrechen, Familie und Zeit

1968 übertrug Becker seinen Ansatz auf die Kriminalität. Der Anstoß, so erzählte er, sei ihm gekommen, als er zu spät zu einer Prüfung kam und abwägen musste, ob er falsch parken und ein Strafmandat riskieren sollte. In seinem Aufsatz „Crime and Punishment: An Economic Approach“ beschrieb er Straftäter als Menschen, die Nutzen und Kosten ihres Handelns abwägen, einschließlich der Wahrscheinlichkeit, gefasst zu werden, und der Höhe der Strafe. Die Analyse hatte erheblichen Einfluss auf die Kriminologie und die Rechtspolitik.

1965 veröffentlichte er eine Theorie der Zeitverwendung. Haushalte, so Becker, produzieren Güter wie Mahlzeiten, Freizeit oder Kindererziehung, indem sie gekaufte Waren mit eigener Zeit kombinieren. Weil die Zeit von Menschen mit hohem Lohn wertvoller ist, verändern steigende Löhne die Art, wie Haushalte leben und arbeiten.

Diese Überlegungen mündeten in sein Buch „A Treatise on the Family“ von 1981. Darin analysierte er Heirat, Scheidung, Kinderzahl und Arbeitsteilung in Familien ökonomisch. Er erklärte etwa, warum die Kinderzahl mit steigendem Einkommen oft sinkt: Eltern investieren mehr in jedes einzelne Kind, statt mehr Kinder zu haben. Gemeinsam mit Kevin Murphy entwickelte er später eine Theorie der „rationalen Sucht“, nach der auch süchtiges Verhalten als vorausschauende Entscheidung verstanden werden kann.

Der ökonomische Ansatz

Was Beckers Arbeiten verbindet, fasste er 1976 in dem Buch „The Economic Approach to Human Behavior“ zusammen. Der ökonomische Ansatz beruht nach seiner Darstellung auf drei Annahmen, die zusammen angewendet werden: Menschen verfolgen stabile Präferenzen, sie handeln so, dass sie ihren Nutzen möglichst gut verwirklichen, und ihre Entscheidungen werden über Märkte oder marktähnliche Mechanismen aufeinander abgestimmt. Wer diese Annahmen konsequent anwendet, kann nach Beckers Überzeugung Verhalten in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen erklären – ob es um die Wahl eines Berufs, eines Ehepartners oder um die Entscheidung geht, ein Gesetz zu brechen.

Wichtig war ihm dabei, dass Preise nicht nur in Geld gemessen werden. Auch Zeit, Mühe, soziale Anerkennung oder das Risiko einer Strafe wirken wie Preise, die Entscheidungen beeinflussen. Ändern sich diese Preise, ändert sich auch das Verhalten. Dieser Gedanke machte seine Theorien empirisch überprüfbar und half, Politik zu bewerten: etwa die Frage, ob höhere Strafen oder eine größere Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, Straftaten wirksamer verhindern, oder wie staatliche Unterstützung für Familien die Entscheidung für Kinder beeinflusst.

Der Preis der Schwedischen Reichsbank

Die Auszeichnung, die Becker 1992 erhielt, trägt offiziell den Namen „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel“ (schwedisch: Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne). Sie ist nicht Teil der Preise, die Alfred Nobel in seinem Testament vorgesehen hatte. Die Schwedische Reichsbank stiftete sie 1968 anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens; seit 1969 wird sie vergeben.

Die Preisträger bestimmt die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften, die Übergabe findet gemeinsam mit den Nobelpreisen in Stockholm statt. Daher hat sich die Bezeichnung „Wirtschaftsnobelpreis“ eingebürgert, obwohl es sich nicht um einen Nobelpreis im Sinne von Nobels Testament handelt.

Becker war 1992 der alleinige Preisträger. Die Akademie betonte, er habe gezeigt, dass sich viele Formen menschlichen Verhaltens, die zuvor anderen Sozialwissenschaften überlassen waren, mit dem ökonomischen Ansatz untersuchen lassen.

Lehrer, Kolumnist und Kritiker

Nach einigen Jahren an der Columbia University kehrte Becker 1970 an die University of Chicago zurück, wo er Professor für Ökonomie und später auch für Soziologie war. Er leitete dort über Jahrzehnte einen Workshop, in dem Doktoranden und Kollegen ihre Arbeiten diskutierten. Von 1985 bis 2004 schrieb er eine monatliche Kolumne für die „Business Week“, später führte er gemeinsam mit dem Richter Richard Posner einen viel gelesenen Blog. 2007 erhielt er die Presidential Medal of Freedom.

Kritiker warfen Becker „ökonomischen Imperialismus“ vor, also den Anspruch, alle Sozialwissenschaften der Ökonomie unterzuordnen. Sie bemängelten, dass sein Menschenbild zu stark auf rationalem Kalkül beruhe und Gefühle, Normen und Machtverhältnisse vernachlässige. Feministische Ökonominnen kritisierten insbesondere seine Erklärung der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Becker verteidigte seinen Ansatz als Methode, nicht als Behauptung, dass Menschen gefühllose Rechner seien. Er betonte, dass Präferenzen auch Altruismus, Loyalität und Neid umfassen können.

Wirkung und Bedeutung

Gary Becker hat die Grenzen der Ökonomie verschoben. Ganze Forschungsfelder – die Bildungsökonomik, die Familienökonomik, die ökonomische Analyse der Kriminalität – gehen wesentlich auf ihn zurück. Der Begriff Humankapital prägt heute die Bildungspolitik ebenso wie die Debatte über Wachstum und Ungleichheit. Auch wer seinem Menschenbild widerspricht, kommt an den Fragen nicht vorbei, die er gestellt hat.

Er starb im Mai 2014 im Alter von 83 Jahren in Chicago. Die offizielle Würdigung der Preisvergabe von 1992 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026

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