Köpfe: Emily Greene Balch

KI-generierte Illustration: Porträt von Emily Greene Balch

Emily Greene Balch gehört zu den stillen, aber außerordentlich beharrlichen Gestalten der internationalen Friedensbewegung. Die amerikanische Ökonomin, Soziologin und Pazifistin wurde am 8. Januar 1867 in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Sie war Hochschullehrerin, Sozialreformerin und über Jahrzehnte eine der prägenden Figuren der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Im Jahr 1946 erhielt sie den Friedensnobelpreis – als zweite Amerikanerin nach Jane Addams. Wenn Sie sich fragen, warum ihr Name heute weniger bekannt ist als der vieler Staatsmänner, liegt die Antwort auch in ihrer Arbeitsweise: Balch wirkte vor allem durch Organisation, Analyse und unermüdliche Korrespondenz, nicht durch große Auftritte.

Balch wuchs in einer wohlhabenden, gebildeten Familie in Boston auf. Ihr Vater war Rechtsanwalt, die Familie stand der unitarischen Tradition nahe, die Wert auf Gewissensfreiheit, soziale Verantwortung und Bildung legte. Sie gehörte zum ersten Abschlussjahrgang des Bryn Mawr College in Pennsylvania, das sie 1889 verließ. Ein Stipendium führte sie anschließend nach Paris, wo sie sich mit Fragen der Armenfürsorge beschäftigte. Später studierte sie unter anderem in Harvard, an der University of Chicago und in Berlin. Diese Ausbildung war für eine Frau ihrer Generation alles andere als selbstverständlich, und sie prägte ihren nüchternen, wissenschaftlichen Blick auf gesellschaftliche Probleme.

In Boston engagierte sich Balch früh in der Sozialarbeit. Sie war an der Gründung des Denison House beteiligt, eines sogenannten Settlement House, in dem gebildete junge Menschen mitten in ärmeren Stadtvierteln lebten und arbeiteten, um Bildung, Beratung und Nachbarschaftshilfe anzubieten. Die Settlement-Bewegung war damals ein wichtiger Ort, an dem sich soziale Reform, Frauenbewegung und später auch Friedensengagement miteinander verbanden. Balch lernte hier die Lebenswirklichkeit von Arbeiterfamilien und Einwanderern kennen – Erfahrungen, die ihre weitere Arbeit stark beeinflussten.

Ab 1896 lehrte Balch am Wellesley College, einer renommierten Frauenhochschule in Massachusetts. Sie unterrichtete Volkswirtschaftslehre und Soziologie und befasste sich mit Themen wie Einwanderung, Arbeitsbedingungen und sozialer Gesetzgebung. Ein bekanntes Ergebnis dieser Forschung ist ihre Studie über slawische Einwanderer in den Vereinigten Staaten, für die sie auch in Österreich-Ungarn recherchierte. Das Buch „Our Slavic Fellow Citizens“ erschien 1910 und galt als gründliche, vorurteilsarme Darstellung einer Bevölkerungsgruppe, über die in der amerikanischen Öffentlichkeit viele Klischees kursierten. Schon hier zeigt sich ein Grundzug ihres Denkens: Verständigung beginnt mit genauer Kenntnis des Anderen.

Der Erste Weltkrieg wurde zum Wendepunkt in Balchs Leben. 1915 reiste sie zum Internationalen Frauenkongress nach Den Haag, auf dem sich Frauen aus kriegführenden und neutralen Ländern trafen, um über Wege zur Beendigung des Krieges zu beraten. Aus diesem Kongress ging das Internationale Frauenkomitee für dauerhaften Frieden hervor, das sich später zur Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit entwickelte. Balch gehörte zu den Delegierten, die nach dem Kongress Regierungen in Europa besuchten, um für eine Vermittlung neutraler Staaten zu werben. Diese Mission blieb ohne unmittelbaren Erfolg, sie zeigte aber, dass zivilgesellschaftliche Akteure den Anspruch erhoben, in Fragen von Krieg und Frieden mitzureden.

Ihr Pazifismus hatte persönliche Folgen. Als die Vereinigten Staaten 1917 in den Krieg eintraten, blieb Balch bei ihrer ablehnenden Haltung. Sie setzte sich für die Rechte von Kriegsdienstverweigerern und für bürgerliche Freiheiten ein. Das Wellesley College verlängerte ihren Vertrag nach einer Beurlaubung nicht; 1919 endete ihre Hochschullaufbahn. Für eine Wissenschaftlerin in ihren Fünfzigern war das ein harter Einschnitt. Balch nahm ihn hin, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben, und richtete ihr Leben fortan ganz auf die internationale Friedensarbeit aus.

Noch im selben Jahr wurde die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit auf einem Kongress in Zürich formell gegründet. Balch übernahm das Amt der internationalen Sekretärin mit Sitz in Genf. In dieser Rolle baute sie die Organisation auf, koordinierte nationale Sektionen, verfasste Stellungnahmen und hielt Kontakt zum Völkerbund. Die Liga befasste sich mit Abrüstung, Minderheitenschutz, wirtschaftlicher Gerechtigkeit und der Frage, wie internationale Konflikte durch Verhandlungen statt durch Gewalt gelöst werden können. Balch legte dabei großen Wert auf konkrete Vorschläge, etwa zur Internationalisierung strategisch wichtiger Wasserwege oder zur Verwaltung von Gebieten unter internationaler Aufsicht.

In den 1920er-Jahren reiste Balch viel und blieb trotz zeitweiliger Rückkehr in die USA eng mit der Genfer Arbeit verbunden. 1926 gehörte sie zu einer Delegation, die die Lage in Haiti untersuchte, das damals von amerikanischen Truppen besetzt war. Der Bericht, an dem sie maßgeblich mitwirkte, kritisierte die Besatzung und empfahl die Wiederherstellung der Selbstverwaltung. Auch dieses Beispiel zeigt ihren Ansatz: Sie verband moralische Grundsätze mit sorgfältiger Untersuchung vor Ort.

Die 1930er-Jahre stellten den Pazifismus vor eine schwere Prüfung. Der Aufstieg des Nationalsozialismus, die Aggression des faschistischen Italien und die Expansion Japans warfen die Frage auf, ob absolute Gewaltlosigkeit gegenüber solchen Mächten noch vertretbar sei. Balch setzte sich intensiv für Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Machtbereich ein. Während des Zweiten Weltkriegs kam sie zu der Einschätzung, dass der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland nicht einfach abgelehnt werden könne. Gleichzeitig kritisierte sie die Internierung japanischstämmiger Amerikaner und setzte sich für deren Rechte ein. Diese Haltung brachte ihr Respekt ein, aber auch Kritik aus pazifistischen Kreisen, die ihr Abweichung von der reinen Lehre vorwarfen.

1946 verlieh das Norwegische Nobelkomitee Emily Greene Balch den Friedensnobelpreis. Die Begründung ist bemerkenswert knapp: Sie wurde für ihre lebenslange Arbeit für die Sache des Friedens ausgezeichnet. Hinter dieser schlichten Formel steht eine Würdigung von mehr als drei Jahrzehnten Organisationsarbeit, Forschung und politischer Beratung. Sie teilte den Preis mit dem amerikanischen Kirchenmann John Raleigh Mott, der für seine Arbeit in der internationalen christlichen Studenten- und Jugendbewegung geehrt wurde. Balch spendete einen großen Teil des Preisgeldes an die Frauenliga, für die sie so lange gearbeitet hatte.

Gerade die Kürze der Begründung lädt dazu ein, genauer hinzusehen, wofür das Komitee Balch eigentlich ehrte. Es war weniger eine einzelne spektakuläre Tat als die Idee, dass Frieden institutionell vorbereitet werden muss. Balch glaubte an internationale Organisationen, an Schiedsverfahren und an die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Sie sah im Völkerbund trotz seiner Schwächen einen notwendigen Anfang und begrüßte später die Gründung der Vereinten Nationen. Ihr Denken kreiste um die Frage, wie sich Interessen von Staaten so verflechten lassen, dass Krieg unattraktiv wird.

Kritiker haben ihr und der Frauenliga zuweilen Naivität vorgeworfen – insbesondere mit Blick auf die 1930er-Jahre, als Verhandlungsbereitschaft gegenüber Diktaturen von Aggressoren ausgenutzt wurde. Balch selbst hat diese Spannung erkannt und offen reflektiert. Sie gehörte nicht zu jenen, die an einem Dogma festhielten, als die Wirklichkeit sich änderte. Gerade diese Fähigkeit zur Selbstprüfung unterscheidet sie von manchen Zeitgenossen und macht ihre Biografie für heutige Debatten über Pazifismus und Verteidigung interessant.

Bemerkenswert ist auch ihr religiöser Weg. Balch, aus unitarischem Elternhaus stammend, schloss sich 1921 den Quäkern an, deren Friedenszeugnis ihrer eigenen Überzeugung nahekam. Die Quäker sollten im Jahr 1947 selbst den Friedensnobelpreis erhalten. Bei Balch zeigt sich die Verbindung von Glauben, Gewissen und gesellschaftlichem Handeln, die für viele Friedensaktivistinnen ihrer Generation typisch war.

Emily Greene Balch blieb bis ins hohe Alter tätig, schrieb, beriet und hielt Kontakt zu Weggefährtinnen in aller Welt. Sie starb am 9. Januar 1961, einen Tag nach ihrem 94. Geburtstag, in Cambridge, Massachusetts. Ihr Leben umspannte die Zeit von den Nachwehen des amerikanischen Bürgerkriegs bis zum Kalten Krieg.

Was bleibt von ihr? Zum einen die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, die bis heute besteht und als eine der ältesten internationalen Friedensorganisationen von Frauen gilt. Zum anderen ein Verständnis von Friedensarbeit, das auf Wissen, Geduld und Institutionen setzt. Balch zeigte, dass auch jemand ohne politisches Amt die internationale Ordnung mitgestalten kann, wenn er beharrlich Netzwerke knüpft und Vorschläge macht, die über den Tag hinausreichen. Dass sie für diese Haltung ihre akademische Laufbahn aufs Spiel setzte und verlor, gibt ihrem Lebenswerk zusätzliches Gewicht.

Wenn Sie sich mit der Geschichte des Friedensnobelpreises beschäftigen, lohnt es sich, Emily Greene Balch neben Jane Addams zu stellen. Beide verbanden soziale Reform im eigenen Land mit internationalem Engagement. Beide wurden zu Lebzeiten angefeindet und später geehrt. Und beide stehen für die Einsicht, dass Frieden nicht allein in Kabinetten und Generalstäben entschieden wird, sondern auch in Nachbarschaften, Hörsälen und Konferenzräumen, in denen Menschen über Grenzen hinweg zusammenarbeiten.

Stand: 29.10.2026

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.