Köpfe: Henri La Fontaine

KI-generierte Illustration: Porträt von Henri La Fontaine

Henri La Fontaine war ein belgischer Jurist, Politiker und Friedensaktivist, der sich als Präsident des Internationalen Friedensbüros, als Senator und als Pionier der internationalen Dokumentation einen Namen machte. Er wurde am 22. April 1854 in Brüssel geboren. 1913 erhielt er den Friedensnobelpreis. La Fontaine verband in seinem Leben mehrere große Anliegen: die Verständigung der Völker durch Recht, die Gleichberechtigung der Frauen, den Sozialismus und die Vision, das gesamte Wissen der Menschheit zu sammeln und allen zugänglich zu machen.

La Fontaine stammte aus einer wohlhabenden Brüsseler Familie. Er studierte Rechtswissenschaften an der Freien Universität Brüssel und wurde 1877 Rechtsanwalt. Er spezialisierte sich auf internationales Recht und veröffentlichte juristische Fachbücher. Neben seiner Arbeit als Anwalt engagierte er sich früh in gesellschaftlichen und politischen Fragen. Er war zudem ein begeisterter Bergsteiger und schrieb über die Alpen, was zeigt, wie vielseitig seine Interessen waren.

Zusammen mit seiner Schwester Léonie La Fontaine setzte er sich für die Rechte der Frauen ein. Léonie war eine bekannte Feministin, die Bewegung für Frauenrechte in Belgien mitprägte. Henri La Fontaine unterstützte die Zulassung von Frauen zu Berufen, die ihnen bis dahin verschlossen waren. Bekannt wurde der Fall von Marie Popelin, die als erste Frau in Belgien einen juristischen Doktortitel erworben hatte, aber nicht als Anwältin zugelassen wurde. La Fontaine unterstützte ihr Anliegen und gehörte zu den Mitbegründern der Belgischen Liga für Frauenrechte.

In den 1880er-Jahren wandte sich La Fontaine der Friedensbewegung zu. 1889 gehörte er zu den Gründern der Belgischen Gesellschaft für Schiedsgerichtsbarkeit und Frieden und wurde ihr Generalsekretär. Er war überzeugt, dass Streitigkeiten zwischen Staaten durch Recht und Schiedsgerichte statt durch Krieg gelöst werden müssten. Er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der internationalen Schiedsverfahren und veröffentlichte eine umfangreiche Sammlung von Schiedsentscheidungen, die als wichtiges Werk zur Geschichte des Völkerrechts gilt.

1895 wurde La Fontaine für die Belgische Arbeiterpartei, die sozialistische Partei des Landes, in den Senat gewählt. Er gehörte dem Senat mit Unterbrechungen über Jahrzehnte an und war zeitweise sein Vizepräsident. Im Senat setzte er sich für Bildung, soziale Reformen und internationale Zusammenarbeit ein. Er gehörte zu den aktiven Mitgliedern der Interparlamentarischen Union, in der Abgeordnete verschiedener Länder gemeinsam über Wege zum Frieden berieten.

1907 wurde La Fontaine Präsident des Internationalen Friedensbüros in Bern und trat damit die Nachfolge von Fredrik Bajer an. Er blieb bis zu seinem Tod Präsident. Das Büro koordinierte die Arbeit der nationalen Friedensgesellschaften und organisierte die Weltfriedenskongresse. Unter La Fontaine erweiterte es seine Tätigkeit, und er nutzte seine Erfahrung als Jurist, um für internationale Verträge und für eine Stärkung der Schiedsgerichtsbarkeit zu werben.

Gemeinsam mit seinem Freund Paul Otlet gründete La Fontaine 1895 in Brüssel das Internationale Institut für Bibliographie. Die beiden verfolgten das ehrgeizige Ziel, alle veröffentlichten Werke der Welt zu erfassen und nach einem einheitlichen System zu ordnen. Sie entwickelten dazu die Universelle Dezimalklassifikation, eine Erweiterung der Dezimalklassifikation von Melvil Dewey, die bis heute in vielen Bibliotheken verwendet wird. Ihr Verzeichnis umfasste schließlich Millionen von Karteikarten. Otlet und La Fontaine gelten deshalb als Pioniere der Informationswissenschaft.

Für La Fontaine hing diese Arbeit eng mit seiner Friedensarbeit zusammen. Er war überzeugt, dass der freie Zugang zu Wissen die Verständigung zwischen den Völkern fördere. Gemeinsam mit Otlet gründete er 1910 die Union der Internationalen Vereinigungen, die die vielen damals entstehenden internationalen Organisationen miteinander vernetzen sollte. In Brüssel entstand das Mundaneum, eine Einrichtung, die das Wissen der Welt sammeln und präsentieren sollte. Heute erinnert ein Museum im belgischen Mons an dieses Projekt.

Die Universelle Dezimalklassifikation ordnet Wissen nach Zahlen, die vom Allgemeinen zum Besonderen fortschreiten. Jedes Fachgebiet erhält eine Hauptzahl, die durch weitere Ziffern immer genauer unterteilt wird. Zusätzliche Zeichen erlauben es, Themen miteinander zu verbinden, etwa ein Fachgebiet mit einem Ort oder einer Zeit. Dieses System war für die damalige Zeit sehr fortschrittlich, weil es nicht nur Bücher, sondern auch Zeitschriftenartikel und andere Dokumente erschließen sollte. La Fontaine und Otlet wollten damit eine gemeinsame Sprache für Bibliotheken auf der ganzen Welt schaffen.

1913 verlieh das Nobelkomitee des norwegischen Parlaments den Friedensnobelpreis an Henri La Fontaine. Die Begründung würdigte ihn sinngemäß als wirklichen Führer der volkstümlichen Friedensbewegung in Europa. Das Komitee hob damit hervor, dass La Fontaine nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Organisator der breiten Bewegung wirkte. Nur wenige Monate später, im Sommer 1914, begann der Erste Weltkrieg, der die Hoffnungen der Friedensbewegung zunichtemachte.

Im Ersten Weltkrieg wurde Belgien trotz seiner Neutralität von deutschen Truppen besetzt. La Fontaine ging ins Exil, zunächst nach Großbritannien und dann in die Vereinigten Staaten. Dort warb er für eine Nachkriegsordnung, die künftige Kriege verhindern sollte. Er veröffentlichte Schriften, in denen er Vorschläge für eine internationale Organisation mit eigenen Institutionen entwickelte. Viele dieser Ideen gingen in die Diskussionen ein, die zur Gründung des Völkerbundes führten.

Nach dem Krieg nahm La Fontaine als Mitglied der belgischen Delegation an der Friedenskonferenz von Paris teil und gehörte später zur belgischen Delegation bei der Versammlung des Völkerbundes. Er setzte sich für eine Stärkung des Völkerbundes ein, für Abrüstung und für die Schaffung eines internationalen Gerichtshofs. Zugleich kritisierte er, dass die Großmächte im Völkerbund zu viel Einfluss hätten und dass die Organisation nicht stark genug sei, um Kriege zu verhindern.

In den 1920er- und 1930er-Jahren setzte La Fontaine seine Arbeit fort, auch als die politischen Spannungen in Europa wieder zunahmen. Er erlebte den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Beginn des Zweiten Weltkriegs. 1940 wurde Belgien erneut von deutschen Truppen besetzt. La Fontaine starb am 14. Mai 1943 in Brüssel während der Besatzung, im Alter von 89 Jahren. Er erlebte das Ende des Krieges und die Gründung der Vereinten Nationen nicht mehr.

La Fontaine verstand sich zeitlebens als Internationalist. Er hielt nationale Grenzen für ein Hindernis der menschlichen Entwicklung und träumte von einer Welt, in der Menschen und Ideen frei zirkulieren könnten. Er schlug unter anderem eine Weltuniversität, eine internationale Bibliothek und ein Weltparlament vor. Manche dieser Gedanken wirkten auf Zeitgenossen utopisch, andere wurden später in veränderter Form verwirklicht, etwa in den Sonderorganisationen der Vereinten Nationen wie der UNESCO, die Bildung, Wissenschaft und Kultur fördert.

Kritisch lässt sich anmerken, dass manche Projekte von La Fontaine und Otlet zu ehrgeizig waren. Das Vorhaben, das gesamte Wissen der Welt auf Karteikarten zu erfassen, ließ sich mit den damaligen Mitteln nicht vollständig umsetzen, und das Mundaneum verlor später seine Räume und einen großen Teil seiner Unterstützung. Auch die Hoffnung, Wissen und Recht allein könnten Kriege verhindern, erwies sich in zwei Weltkriegen als zu optimistisch. Viele Historiker sehen in den Projekten jedoch frühe Vorläufer moderner Informationsnetze.

Wenn Sie sich mit der Geschichte des Völkerrechts, der Friedensbewegung oder der Informationswissenschaft beschäftigen, stoßen Sie unweigerlich auf Henri La Fontaine. Er verband juristisches Fachwissen, politisches Engagement und eine große Vision von einer vernetzten Welt. Sein Friedensnobelpreis würdigt einen Mann, der sein ganzes Leben der Idee widmete, dass Recht, Wissen und Zusammenarbeit den Krieg überwinden können.

Stand: 29.10.2026

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