Köpfe: Theodor Mommsen

KI-generierte Illustration: Porträt von Theodor Mommsen

Theodor Mommsen ist der einzige Historiker, der den Nobelpreis für Literatur für ein Geschichtswerk erhalten hat. Seine „Römische Geschichte“ ist bis heute das berühmteste deutschsprachige Buch über das antike Rom. Mommsen wurde am 30. November 1817 in Garding in Schleswig geboren und starb am 1. November 1903 in Charlottenburg bei Berlin. 1902 erhielt er als erster Deutscher den Literaturnobelpreis. Die Schwedische Akademie nannte ihn sinngemäß den größten lebenden Meister der historischen Darstellung und hob ausdrücklich seine „Römische Geschichte“ hervor.

Dass ein Historiker den Literaturpreis erhält, mag überraschen. Doch die Statuten erlaubten ausdrücklich auch Werke anderer Gattungen, wenn sie durch Form und Darstellung literarischen Wert haben. Mommsen ist dafür das klassische Beispiel – später folgte mit Winston Churchill ein weiterer Preisträger, der vor allem als Geschichtsschreiber ausgezeichnet wurde.

Gelehrter und Politiker

Mommsen war der Sohn eines Pfarrers, studierte in Kiel Rechtswissenschaft und spezialisierte sich auf römisches Recht und Inschriften. Ein Stipendium führte ihn nach Italien und Frankreich, wo er lateinische Inschriften sammelte. Als Professor in Leipzig verlor er 1851 wegen seiner Beteiligung an der Revolution von 1848/49 seine Stelle. Über Zürich und Breslau kam er 1858 nach Berlin, wo er an der Akademie der Wissenschaften und an der Universität wirkte. Politisch war er ein entschiedener Liberaler, saß im preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag und war ein scharfer Gegner Bismarcks. Er wandte sich auch öffentlich gegen den Antisemitismus, etwa im sogenannten Berliner Antisemitismusstreit gegen Heinrich von Treitschke.

Die Römische Geschichte

Die drei Bände der „Römischen Geschichte“ erschienen 1854 bis 1856. Sie reichen von den Anfängen Roms bis zum Sieg Caesars bei Thapsus 46 v. Chr. Mommsen schrieb sie ursprünglich auf Anregung eines Verlags als Werk für ein breiteres gebildetes Publikum – und genau das macht sie bis heute lesbar. Ein Beispiel für seinen Stil finden Sie bei uns im Kapitel Die Anfänge Roms.

Der erste Band behandelt die Frühzeit: die Völker Italiens, die Gründung der Stadt, die Königszeit und die Einigung Italiens unter römischer Herrschaft. Der zweite Band schildert die Kriege gegen Karthago und den Aufstieg Roms zur Mittelmeermacht, darunter den Zug Hannibals über die Alpen. Der dritte Band erzählt von der Krise der Republik: von den Reformversuchen der Gracchen über Marius und Sulla bis zu Pompeius und Caesar.

Hannibal und die Punischen Kriege

Viele Leser halten die Darstellung der Kriege gegen Karthago für den Höhepunkt des Werks. Mommsen beschreibt den Konflikt zweier Mächte, die um die Herrschaft im westlichen Mittelmeer ringen: auf der einen Seite die Handelsmacht Karthago mit ihren Söldnerheeren, auf der anderen die bäuerliche Bürgerrepublik Rom mit ihrem zähen Senat. Mit großer Anschaulichkeit schildert er den Alpenübergang Hannibals, die Niederlagen Roms am Trasimenischen See und bei Cannae und die Ausdauer, mit der Rom sich dennoch behauptete. Hannibal erscheint als militärisches Genie, das an der Schwäche seiner eigenen Heimatstadt scheitert. Mommsen interessieren dabei nicht nur Schlachten, sondern auch Wirtschaft, Verfassung und Gesellschaft – er erklärt, warum die eine Ordnung standhielt und die andere nicht.

Der Untergang der Republik

Im dritten Band verschiebt sich der Blick nach innen. Mommsen zeigt eine Republik, die an ihren eigenen Erfolgen zugrunde geht: Der Reichtum aus den eroberten Provinzen fließt in die Hände weniger Familien, freie Bauern verlieren ihr Land, Sklavenarbeit breitet sich aus, und die politische Ordnung wird von Korruption und Bürgerkrieg zerrissen. Die Reformen der Brüder Gracchus scheitern, Marius und Sulla führen das Heer gegen die eigene Stadt. In dieser Krise tritt Caesar auf. Das große Caesar-Porträt im letzten Teil gehört zu den berühmtesten Passagen der deutschen Geschichtsschreibung; Mommsen beschreibt ihn als Mann, der Klarheit, Tatkraft und Maß in sich vereint. Für Leser von heute ist diese Passage zugleich ein Lehrstück darüber, wie stark Historiker ihre eigenen politischen Hoffnungen in die Vergangenheit hineinlesen.

Stil und Haltung

Was die „Römische Geschichte“ von anderen Geschichtswerken unterscheidet, ist ihr lebendiger, oft leidenschaftlicher Ton. Mommsen schrieb Geschichte nicht als distanzierte Chronik, sondern als Drama. Er urteilte scharf, verglich antike Verhältnisse mit modernen und gebrauchte bewusst Begriffe aus seiner eigenen Zeit: Er sprach von „Junkern“, „Parteien“ und „Demagogen“. Cicero erscheint bei ihm als eitler Opportunist, Pompeius als zögerlicher Mittelmaß-General. Caesar dagegen wird zum Helden: zum genialen Staatsmann, der eine verrottete Adelsrepublik überwindet. Diese Caesar-Verehrung ist ein Kind der Erfahrungen von 1848 und der Hoffnung auf einen starken, modernen Staat. Heute wird sie oft kritisch gesehen, doch gerade die Parteilichkeit macht die Lektüre spannend.

Der fehlende vierte Band

Mommsen plante, die Geschichte bis in die Kaiserzeit fortzusetzen, doch der vierte Band erschien nie. Über die Gründe wird bis heute spekuliert. 1885 veröffentlichte er stattdessen einen fünften Band über die Provinzen des Kaiserreichs, ein sachliches, weniger dramatisches Buch. Mitschriften seiner Vorlesungen über die Kaiserzeit wurden erst 1980 in einer Bibliothek entdeckt und 1992 veröffentlicht.

Wissenschaftliches Lebenswerk

Neben der „Römischen Geschichte“ schuf Mommsen Grundlagenwerke der Altertumswissenschaft. Er leitete das „Corpus Inscriptionum Latinarum“, eine bis heute fortgeführte Sammlung aller lateinischen Inschriften. Sein „Römisches Staatsrecht“ und das „Römische Strafrecht“ sind Standardwerke. Insgesamt umfasst seine Bibliographie weit über tausend Titel. In der Wissenschaftsorganisation setzte er Maßstäbe für große, gemeinschaftliche Forschungsprojekte, die heute als typisch für die moderne Altertumswissenschaft gelten.

Der Brand von 1880

Bekannt ist eine tragische Episode: 1880 brach in Mommsens Haus in Charlottenburg ein Feuer aus, das große Teile seiner Bibliothek und wertvolle geliehene Handschriften vernichtete. Mommsen selbst erlitt Verbrennungen, als er versuchte, Bücher zu retten. Die Anteilnahme in der Öffentlichkeit war groß.

Rezeption

Die „Römische Geschichte“ wurde in viele Sprachen übersetzt und prägte über Generationen das Bild der römischen Republik. Historiker haben viele Urteile Mommsens revidiert, aber seine Kraft der Darstellung ist unbestritten. In Deutschland erinnern Straßen, Schulen und das Mommsen-Denkmal vor der Humboldt-Universität an ihn. Der Preis von 1902 wurde damals auch als Anerkennung der deutschen Wissenschaft verstanden.

Warum ein Literaturpreis?

In der Frühzeit des Nobelpreises suchte die Akademie nach Werken von bleibendem Rang und war offen für Geschichtsschreibung und Philosophie. Neben Mommsen und Churchill erhielten etwa auch der Philosoph Rudolf Eucken und Henri Bergson den Preis. Mommsens Auszeichnung zeigt, dass die Grenze zwischen Wissenschaft und Literatur im 19. Jahrhundert anders gezogen wurde als heute: Große Geschichtswerke galten als Teil der Nationalliteratur, ähnlich wie Romane oder Dramen.

Mommsen als Erzähler

Wer die „Römische Geschichte“ aufschlägt, wird überrascht sein, wie modern sie wirkt. Mommsen beginnt Kapitel oft mit einem großen Überblick, bevor er ins Detail geht, und streut kurze, zugespitzte Urteile ein, die man sich leicht merkt. Er beschreibt Landschaften, Städte und Menschen so anschaulich, dass man die Schauplätze vor Augen hat. Zugleich ist das Buch voller Fachwissen über Recht, Münzwesen, Landwirtschaft und Religion, das er aber selten trocken präsentiert. Diese Verbindung von Gelehrsamkeit und Erzählkunst ist der eigentliche Grund für den Nobelpreis – und für die Tatsache, dass das Buch nach mehr als 150 Jahren noch gelesen wird.

Womit fangen Sie an?

Sie müssen die „Römische Geschichte“ nicht von vorn bis hinten lesen. Ein guter Einstieg ist der zweite Band mit den Punischen Kriegen und Hannibal – erzählerisch besonders packend. Wer sich für Politik interessiert, liest den dritten Band über den Untergang der Republik und das berühmte Caesar-Porträt. Die Bände sind als preiswerte Taschenbuchausgaben bei dtv erhältlich. Lesen Sie sie wie einen großen historischen Roman – aber im Wissen, dass Mommsen ein leidenschaftlicher, keineswegs neutraler Erzähler ist.

Ergänzend lohnt ein Blick in neuere Darstellungen zur römischen Republik, um zu sehen, wo die Forschung Mommsen heute widerspricht. So bekommen Sie beides: den großen Erzähler und den aktuellen Stand des Wissens über das antike Rom.

Stand: 29.10.2026

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