Köpfe: Luigi Pirandello

Luigi Pirandello hat das Theater des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert. Mit „Sechs Personen suchen einen Autor“ stellte er die Bühne selbst in Frage, und in Romanen wie „Mattia Pascal“ und „Einer, Keiner, Hunderttausend“ zeigte er, dass die Identität eines Menschen keine feste Größe ist, sondern ein Spiel von Masken. Pirandello wurde am 28. Juni 1867 in Agrigent auf Sizilien geboren, in einem Landgut mit dem Namen Caos, und starb am 10. Dezember 1936 in Rom. 1934 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für seine kühne und geniale Erneuerung der dramatischen und szenischen Kunst.

Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Romane, Novellen und Dramen mit Inhalt vor, beschreibt Themen und Stil, die Rezeption und gibt Hinweise für den Einstieg.

Leben als Stoff

Pirandello war der Sohn eines Schwefelgrubenbesitzers. Er studierte in Palermo, Rom und Bonn, wo er über den Dialekt von Agrigent promovierte. In Rom arbeitete er als Lehrer an einer Hochschule für Frauen. 1903 ruinierte ein Erdrutsch die Schwefelmine, in die das Vermögen der Familie und die Mitgift seiner Frau investiert waren. Seine Frau Antonietta erkrankte daraufhin psychisch, entwickelte krankhafte Eifersucht und musste später in eine Anstalt eingewiesen werden. Die Erfahrung, mit einem Menschen zu leben, der einen völlig anders sieht, als man sich selbst sieht, wurde zu einem Kern seines Werks.

Mattia Pascal (1904)

Der Bibliothekar Mattia Pascal lebt unglücklich verheiratet in einem kleinen ligurischen Ort. Nach einem Streit reist er fort und gewinnt in Monte Carlo am Spieltisch ein Vermögen. Auf der Heimreise liest er in der Zeitung, dass man in seinem Dorf eine Leiche gefunden und als ihn identifiziert hat. Er nutzt die Gelegenheit, nennt sich Adriano Meis und beginnt ein neues Leben in Rom. Doch ohne Papiere und offizielle Existenz kann er weder heiraten noch einen Diebstahl anzeigen. Er inszeniert einen zweiten Selbstmord und kehrt als Mattia Pascal zurück – nur um festzustellen, dass seine Frau wieder geheiratet hat. Am Ende besucht er das eigene Grab. Der Roman zeigt, dass Freiheit von allen Bindungen nicht befreit, sondern ins Nichts führt: Ein Mensch ohne gesellschaftliche Rolle ist niemand.

Der Humor als Methode

1908 veröffentlichte Pirandello den Essay „Der Humor“ („L’umorismo“), in dem er seine Poetik erklärt. Das Komische entsteht, wenn man etwas bemerkt, das nicht passt – sein Beispiel ist eine alte Frau, die sich grell schminkt und jugendlich kleidet. Humor beginnt, wenn man darüber nachdenkt, warum sie das tut: vielleicht, um den Mann zu halten, der jünger ist als sie. Aus dem Lachen wird Mitgefühl, das „Gefühl des Gegenteils“. Diese doppelte Perspektive prägt alle seine Werke.

Novellen für ein Jahr

Pirandello schrieb über zweihundert Novellen, die er unter dem Titel „Novelle per un anno“ sammeln wollte, eine für jeden Tag. Viele spielen auf Sizilien, unter Bauern, Kleinbürgern und Grubenarbeitern, andere in Rom. In „Ciàula entdeckt den Mond“ steigt ein einfältiger Schwefelträger nachts aus der Grube und sieht zum ersten Mal den Mond, was ihn zu Tränen rührt. „Der Krug“ erzählt von einem Gutsbesitzer, dessen riesiger Ölkrug zerbricht; der Handwerker, der ihn flickt, mauert sich dabei selbst ein. Aus vielen Novellen machte Pirandello später Theaterstücke.

So ist es – wie es Ihnen scheint (1917)

In einer Provinzstadt rätseln die Bürger über den neuen Sekretär Ponza, seine Frau und seine Schwiegermutter Frau Frola. Ponza erlaubt der alten Frau nicht, ihre Tochter zu besuchen. Er erklärt, Frau Frola sei verrückt: Ihre Tochter sei gestorben, und er habe wieder geheiratet, lasse der Alten aber ihren Wahn. Frau Frola sagt, Ponza sei verrückt: Er halte seine Frau für eine andere, und man habe zum Schein eine zweite Hochzeit gefeiert. Am Ende erscheint die verschleierte Frau und sagt, sie sei die Tochter der Frau Frola und die zweite Frau des Herrn Ponza – und für sich selbst sei sie die, für die man sie hält. Die Neugier der Bürger, die Wahrheit unbedingt wissen zu wollen, erscheint als Grausamkeit.

Sechs Personen suchen einen Autor (1921)

Eine Theatertruppe probt ein Stück von Pirandello, als sechs Figuren auftauchen: der Vater, die Mutter, die Stieftochter, der Sohn, ein Knabe und ein kleines Mädchen. Sie sind Gestalten, die ein Autor erfunden und dann verworfen hat, und sie verlangen, dass man ihr Drama spielt. Ihre Geschichte ist düster: Der Vater begegnete der Stieftochter in einem Bordell, ohne sie zu erkennen, und am Ende ertrinkt das kleine Mädchen, der Knabe erschießt sich. Die Schauspieler versuchen, die Szenen nachzuspielen, doch die Figuren protestieren, es sei falsch. Das Stück fragt, was wirklicher ist: die Menschen, die sich ständig verändern, oder die Figuren, die für immer in ihrem einen Moment festgehalten sind. Die Uraufführung in Rom endete mit Tumulten, wenig später wurde das Stück weltweit gespielt.

Heinrich IV. (1922)

Ein Mann stürzte vor zwanzig Jahren bei einem Maskenzug, in dem er den deutschen Kaiser Heinrich IV. darstellte, vom Pferd und hält sich seitdem für diesen Kaiser. Seine Verwandten bezahlen Diener, die mit ihm in einem Schloss das 11. Jahrhundert nachspielen. Als ein Arzt mit der früheren Geliebten und ihrem jetzigen Partner eine Schocktherapie versucht, zeigt sich, dass der Mann längst wieder gesund ist, aber die Maske freiwillig weiterträgt, weil die Welt draußen ihm fremd geworden ist. Am Ende ersticht er seinen Rivalen und muss nun für immer verrückt bleiben. Das Stück gilt neben „Sechs Personen“ als sein bedeutendstes Drama.

Einer, Keiner, Hunderttausend (1926)

Pirandellos letzter Roman beginnt mit einer Beobachtung: Vitangelo Moscarda erfährt von seiner Frau, dass seine Nase leicht schief ist. Ihm wird klar, dass andere ihn anders sehen als er sich selbst – und zwar jeder anders. Er ist für hunderttausend Menschen hunderttausend verschiedene Personen und damit für sich selbst keiner. Um die Bilder zu zerstören, die andere von ihm haben, handelt er gegen alle Erwartungen, schenkt Mietern ein Haus und löst die Bank seines Vaters auf. Man hält ihn für verrückt. Am Ende lebt er in einem Armenhaus, ohne Namen, und will nur noch im Augenblick leben.

Themen und Stil

Pirandellos großes Thema ist der Gegensatz von Leben und Form: Das Leben fließt, aber die Gesellschaft zwingt jeden in feste Rollen, Masken, Namen. Wahrheit ist relativ, Identität zerfällt in die Bilder, die andere von uns haben. Seine Sprache ist nüchtern, oft ironisch, die Dialoge sind lebhaft und argumentativ. Das Theater mit dem Spiel im Spiel, dem Durchbrechen der vierten Wand und der Reflexion über die Bühne selbst nahm Elemente vorweg, die später bei Beckett, Ionesco und im modernen Theater wichtig wurden.

Politik und Rezeption

Ein Schatten auf Pirandellos Biografie ist sein Beitritt zur faschistischen Partei 1924, kurz nach der Ermordung des Sozialisten Matteotti. Mussolini unterstützte sein Theaterprojekt in Rom. Später ging Pirandello auf Distanz, und sein Werk wurde von Faschisten kritisch gesehen. Literarisch ist seine Wirkung kaum zu überschätzen: Der Begriff „pirandellianisch“ bezeichnet bis heute Situationen, in denen Schein und Sein unentwirrbar werden.

Deutsche Ausgaben

„Mattia Pascal“, „Einer, Keiner, Hunderttausend“ und die Dramen liegen auf Deutsch vor, ebenso Auswahlbände der Novellen. Die Stücke gehören zum Repertoire deutschsprachiger Bühnen.

Leseempfehlung

Beginnen Sie mit „Mattia Pascal“, einem spannenden, gut lesbaren Roman. Danach sollten Sie „Sechs Personen suchen einen Autor“ lesen oder besser noch auf der Bühne sehen. Einige Novellen geben einen Eindruck vom sizilianischen Pirandello, und „Einer, Keiner, Hunderttausend“ ist der philosophische Abschluss.

Stand: 29.10.2026