Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September 2007 in New York

Herr Präsident,
meine Damen und Herren!

Ich gratuliere Ihnen, Herr Präsident, zu Ihrer Wahl zum Vorsitzenden dieser 62. Generalversammlung und wünsche Ihnen viel Erfolg!

Wir leben in einer Zeit mit gewaltigen Umbrüchen. Großartige Perspektiven stehen dicht neben erheblichen Risiken. Das Gefüge der Welt verändert sich. Die Vernetzung von Staaten, Wirtschaft und Gesellschaften erreicht ein bisher unbekanntes Maß. Das nennen wir Globalisierung.

„Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September 2007 in New York“ weiterlesen

Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim „German Turkish Business Summit“ am 16. April 2007 in Hannover

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Erdoğan,
sehr geehrte Herren Präsidenten vom BDI und TUBB,
sehr geehrte Minister und Vertreter der Regierungen,
liebe Gäste,

ich freue mich, dass wir heute wieder ein deutsch-türkisches Business-Treffen eröffnen können. Es hat jetzt schon eine hohe Taktfrequenz, wenn ich mich daran erinnere, dass wir eines erst im letzten Oktober in der Türkei abgehalten haben.

Hier auf der Hannover Messe trifft es sich auch sehr günstig, dass der 13. Deutsch-Türkische Kooperationsrat parallel tagt, so dass auch alle Fragen neben der wirtschaftlichen Kooperation im kulturellen Bereich und im Bereich der politischen Zusammenarbeit in breiter Front diskutiert werden können. Das Ganze zeigt, auf welchen engen Verflechtungen unsere freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern beruhen.

Wir haben heute einen Rundgang durch die Ausstellungshallen gemacht, in denen der Schwerpunkt bei den türkischen Ausstellern beziehungsweise den Beziehungen deutscher Produzenten zur Türkei liegen. Ich muss sagen, dass es für mich persönlich sehr beeindruckend war, in welcher engen Form wir zusammenarbeiten – und das über die klassischen Bereiche Maschinenbau und Automobilbau hinaus. Hier zeigt sich, dass die technischen Innovationen besonders schnell vorangehen.

Das, was eben von Herrn Erdoğan schon gesagt wurde, möchte ich auch noch einmal unterstreichen. Die nächsten Jahre werden die Weichen dafür stellen, wer weiter vorne mit dabei sind wird, zum Beispiel wenn es um Maschinenbauentwicklungen geht, die mit digitalen Entwicklungen verschmelzen und dann effiziente Technologien der Zukunft darstellen. Software und Hardware kommen jetzt immer enger zusammen. Ich glaube, dass sich mit Deutschland, das im Maschinen- und Automobilbau klassischerweise sehr gute Erfahrungen hat, aber auch mit der Türkei, das gerade auch im Automobilbau sehr gute Erfahrungen hat, sehr, sehr gute Möglichkeiten einer Intensivierung der Kooperation ergeben. Dass dabei das Thema Energieeffizienz eine große Rolle spielt, spürt man hier allerorten; ob das die Antriebstechnologien, ob das die effektivere Nutzung der Motoren ist – wir haben dazu bei Siemens ein sehr interessantes Beispiel gesehen –, ob das Kugellager oder ähnliches sind, die effizienter eingesetzt werden können, oder ob das elektronische Steuerungsmechanismen sind. All diese Dinge sind spannend und können unseren beiden Ländern auf den Weltmärkten wirklich auch weitere gute Absatzmöglichkeiten eröffnen.

Ich möchte – das sage ich im Namen der gesamten Bundesregierung – politisch unterstützen, dass diese wirtschaftliche Kooperation weiter gefestigt, noch enger und intensiver wird – nicht nur, weil die Türkei ein vorbildlicher Wachstumsmarkt ist. Die Zahlen sind in den letzten Tagen oft genannt worden. Selbst wir, die wir stolz auf unsere Wachstumszahlen sind, gucken mit großen Augen auf das, was in der Türkei an Dynamik vorhanden ist.

Die Türkei beweist durch mutige Wirtschaftsreformen, dass genau diese der Motor für Wachstum sind. Dies ist auch ein guter Ansporn für Deutschland, trotz guter Wachstumsraten bei den Reformen weiterzumachen und uns nicht auszuruhen. Denn die Welt wartet weder auf Deutschland noch auf die Türkei. Die Welt entwickelt sich sehr dynamisch vorwärts.

Viele werden sich erinnern: Im letzten Jahr war Indien das Partnerland der Hannover Messe. Es gibt viele große Märkte, aber es gibt in Zukunft auch viele Wettbewerber. Deshalb müssen wir uns, die wir uns schon gut kennen, noch enger zusammenschließen und weiter kooperieren.

Mir ist sehr wichtig, dass diese Kooperation – dazu kann auch das Treffen der Wirtschaftsfachleute beitragen – nicht nur eine Kooperation der großen Unternehmen ist, sondern auch der mittelständischen und der Familienunternehmen. Auch hier gibt es sowohl in der Türkei als auch in Deutschland eine breite Tradition. Gerade für die mittleren und kleineren Unternehmen ist die internationale Kooperation oft viel schwieriger, weil sie sich nicht so gut in den jeweiligen Regelungen auskennen und bürokratische Hemmnisse überwinden müssen. Solche Foren sind der geeignete Platz, um darüber ehrlich und offen zu sprechen und solche Barrieren auch abzubauen. Die Bundesregierung ist dazu jedenfalls bereit und auch sehr gut vorbereitet.

Wir werden, was die Kooperation in der Forschung anbelangt, unsere bilateralen Spielräume sicherlich noch stärken und das auch im Rahmen der EU-Kooperation tun. Die Türkei nimmt an vielen europäischen Forschungsaktivitäten teil. Dies kann verstärkt werden.

Ich möchte zum Schluss den Blick auf die Tatsache lenken, dass hier am Freitag unter dem Motto „TectoYou“. keine Techno-Veranstaltung stattfindet, sondern eine Werbe-Veranstaltung für junge Menschen, sich für neue Technologien zu interessieren. Die Jugend wird also im Mittelpunkt des Freitags stehen. Ich möchte diesem Jugendtag auf der Hannover Messe alles Gute wünschen und glaube, gerade mit Blick auf die Jugend können wir sehr gut zusammenarbeiten.

Ich glaube, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Freuen Sie sich auf die nächsten Tage. Lassen Sie uns gut zusammenarbeiten. Ich möchte, dass die deutsch-türkische Freundschaft gestärkt wird. In diesem Sinne: Alles Gute und herzlichen Dank dafür, dass ich hier sein darf!

Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Festakt zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 2007 in Berlin

Sehr geehrte Herren Präsidenten,
sehr geehrte Ministerpräsidenten,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union,

heute feiern wir den 50. Geburtstag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Wir feiern dieses Fest an einem Ort, wie er symbolträchtiger kaum sein könnte: In Berlin – in einer Stadt, die bis vor 18 Jahren durch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl geteilt war, in der Menschen die Flucht in die Freiheit mit ihrem Leben bezahlt haben.

Ich wuchs auf der östlichen Seite dieser Stadt, in der DDR, auf. Bei der Verabschiedung der Römischen Verträge war ich drei Jahre alt. Ich war sieben Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Sie teilte auch meine Familie. Ich glaubte nicht, dass ich vor meinem Rentenalter frei in den Westen würde reisen können. Wenige Meter von hier endeten meine Wege. Aber dann fiel die Mauer doch. Ich habe am eigenen Leib die Erfahrung gemacht: Nichts muss so bleiben, wie es ist.

Das ist eine große Hoffnung für alle, die sich mit den Ungerechtigkeiten unserer Welt nicht abfinden wollen. Das ist im Übrigen auch eine große Hoffnung für diejenigen in Europa, die noch immer unter Unterdrückung leiden müssen, wie zum Beispiel die Menschen in Weißrussland. Sie feiern heute ihren Unabhängigkeitstag. Auch an sie denken wir heute und rufen ihnen zu: Die Menschenrechte sind unteilbar, Europa ist auf Ihrer Seite.

Feiern können wir dieses heutige Fest gerade hier in Berlin auch deshalb, weil sich vor einem halben Jahrhundert ein paar Politiker Europas auf den Weg gemacht haben, ein europäisches Friedenswerk ohne Beispiel zu begründen. Seien wir ehrlich: 50 Jahre Römische Verträge – das ist im Grunde nicht mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte. Ob es eines Tages mehr als das sein wird, ob am 25. März 2057 der 100. Geburtstag der Römischen Verträge auch wieder in einem Europa von Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gefeiert werden kann – wir wissen es nicht.

Nichts von alldem ist selbstverständlich. Alles muss immer aufs Neue gestärkt und verteidigt werden. Stillstand bedeutet Rückschritt. Vertrauen aufbauen, braucht Jahrzehnte. Vertrauen enttäuschen, das geht über Nacht. Bei einer Spaltung kommt Europa schneller aus dem Tritt, als mancher glauben mag. Kurzum: Die europäische Einigung muss immer wieder neu erarbeitet und gesichert werden. Das ist der Auftrag, der in die Zukunft weist, das ist der Kern unserer heutigen Jubiläumsfeier.

Es ist wahr: Die Welt heute ist nicht mehr die von vor 50 Jahren. Aus sechs Gründungsmitgliedern sind 27 Mitgliedsstaaten geworden. Aus der ursprünglichen Zollfreiheit ist eine gemeinsame Währung hervorgegangen. Aus der Welt der beiden Blöcke ist eine Welt verschiedener Kraftzentren entstanden.

In einer solchen Welt geht es darum, immer wieder aufs Neue zu fragen, was Europa auch in unserem Jahrhundert zusammenhält, was seine Identität ausmacht. Für mich ist die Antwort klar: Europas Selbstverständnis beruht auf gemeinsamen, auf grundlegenden Werten – das hält Europa zusammen.

Wir sollten nicht vergessen: Über Jahrhunderte war Europa eine Idee, nicht mehr als eine Hoffnung auf Frieden und Verständigung. Heute wissen wir Bürger Europas: Diese Hoffnung hat sich erfüllt – und zwar, weil die Gründerväter Europas weit über ihre Generation hinaus dachten. Sie dachten weit über ihre Zeit hinaus. Sie dachten auch weit über reine Wirtschaftsfreiheiten hinaus.

Drei Jahre vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge war die Europäische Verteidigungsgemeinschaft gescheitert. Aber das war nicht das Ende Europas. Trotz dieser Enttäuschung begann die Präambel des EWG-Vertrages mit dem Bekenntnis zu dem – ich zitiere – „festen Willen [… zu den] Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker“.

Die Gründerväter Europas wussten: Wirtschaftsordnung und politische Ordnung lassen sich auf Dauer nicht trennen. 50 Jahre Römische Verträge – das heißt deshalb für mich kurz und knapp in einem Satz: Ein Traum ist wahr geworden. Wahr werden konnte dieser Traum, weil wir Bürger Europas in den letzten 50 Jahren gelernt haben, aus unserer Eigenständigkeit und den vielfältigen Traditionen, aus der lebendigen Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Regionen das Beste für uns alle zu machen. Wahr werden konnte dieser Traum, weil wir uns auf die Eigenschaft besonnen haben, die für mich die Seele Europas ausmacht, in deren Geist die Römischen Verträge möglich wurden. Diese Eigenschaft ist die Toleranz.

Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um das zu lernen. Auf dem Weg zur Toleranz mussten wir Katastrophen durchleiden. Wir haben uns gegenseitig verfolgt und vernichtet. Wir haben unsere Heimat verwüstet. Wir haben gefährdet, was uns heilig war und ist. Die schlimmste Zeit von Hass und Vernichtung liegt noch kein Menschenleben hinter uns.

Heute aber leben wir miteinander, wie es nie zuvor möglich war. Jedes Mitglied der Europäischen Union hat geholfen, Europa zu einigen und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu stärken. Der Freiheitsliebe der Menschen in Mittel- und Osteuropa verdanken wir, dass heute Europas unnatürliche Teilung endgültig überwunden ist.

Einer der Männer, die die Römischen Verträge 1957 unterzeichnet haben, ist – ich sagte es bereits anlässlich der Eröffnung – heute unter uns: Maurice Faure. Heute, auf den Tag genau 50 Jahre danach, können wir Maurice Faure und seinen Mitstreitern von damals mit den Worten unserer Berliner Erklärung zurufen: Wir Bürgerinnen und Bürger leben und wirken in der Europäischen Union auf einzigartige Art und Weise zusammen. Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint.

Wie können wir das bewahren, stärken, vertiefen – und das mindestens für die nächsten 50 Jahre? Ich meine, indem wir uns auf die stärkste Kraft des Menschen konzentrieren, auf die Kraft der Freiheit, auf die Freiheit in allen Ausprägungen, die Freiheit, die eigene Meinung öffentlich zu sagen, auch wenn dies andere stört, die Freiheit, zu glauben und nicht zu glauben, die Freiheit des unternehmerischen Handelns, die Freiheit des Künstlers, sein Werk nach seinen Vorstellungen zu gestalten, die Freiheit des Einzelnen in seiner Verantwortung für das große Ganze.

Indem wir auf die Kraft der Freiheit setzen, setzen wir auf den Menschen. Er steht im Mittelpunkt. Seine Würde ist unantastbar. Ich darf persönlich hinzufügen: Für mich ergibt sich dieses Verständnis vom Menschen ganz wesentlich aus den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas.

Dieses Verständnis von der Kraft der Freiheit und der Würde des Menschen war vor den Römischen Verträgen bereits in der Montanunion angelegt. Mit den Römischen Verträgen 1957 haben sich dann zum ersten Mal in der europäischen Geschichte die Völker Europas aus freiem Willen eine gemeinsame Ordnung gegeben. Damit bekennen wir uns heute hier in Berlin zu einem Europa des gleichberechtigten Miteinanders aller Mitgliedsstaaten – großer wie kleinerer, älterer wie neuer.

Allein ist jedes europäische Land zu schwach, um globale Herausforderungen zu bewältigen. Deshalb kann es nur eine Antwort geben: Nicht allein handeln, sondern gemeinsam in einem einigen Europa. Das Zeitalter der Globalisierung macht uns immer mehr klar: Die Entscheidung für Europa war und ist auch eine Entscheidung für eine bestimmte Art zu leben. Sie war und ist eine Entscheidung für unser europäisches Lebensmodell. Es vereint wirtschaftlichen Erfolg und soziale Verantwortung.

Nur gemeinsam können wir unser europäisches Gesellschaftsideal auch in Zukunft bewahren. Nur gemeinsam können wir auch auf internationaler Ebene wirtschaftliche und soziale Standards durchsetzen. Denn wir sollten uns nicht täuschen: Die Welt wartet nicht auf Europa. Andere Weltregionen entwickeln sich in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Deshalb braucht Europa vor allem eines: Es braucht Dynamik. Denn ohne Dynamik kein Wohlstand und ohne Dynamik auch immer weniger Solidarität in Europa.

Ein dynamisches, ein wachstumsstarkes Europa – das schafft Beschäftigung, das honoriert Leistung, das sagte der Bürokratie den Kampf an, das stärkt Europas Stärken. Sie liegen im Wissen und Können der Bürger Europas, in Bildung, Forschung und Innovation. Dies ist der Schlüssel zu Wachstum, Beschäftigung und sozialem Zusammenhalt.

Europa muss Vorreiter auch bei erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und beim Schutz unseres Klimas sein. Anfang März haben wir auf dem Europäischen Rat dazu einen Aktionsplan beschlossen. Wir wollen die globalen Bedrohungen des Klimawandels abwenden. Aber dazu brauchen wir natürlich auch weltweit Verbündete, wie die Globalisierung Europa ohnehin zwingt, sich in Zukunft noch stärker als bisher mit äußeren Einflüssen auseinander zu setzen. Deshalb ist eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in Europa unerlässlich – aber natürlich nicht abgeschottet, sondern zusammen mit Partnern über Europa hinaus.

Ich bin überzeugt: Die enge freundschaftliche Verbindung mit den Vereinigten Staaten von Amerika und eine starke Nato sind und bleiben auch in Zukunft in unserem fundamentalen europäischen Interesse. Dies ist kein Gegensatz zu einer Vertiefung der europäischen Zusammenarbeit. Es ist vielmehr die andere Seite derselben Medaille. Ebenso brauchen wir eine umfassende strategische Partnerschaft mit Russland.

Die strategische Partnerschaft mit Russland und das Transatlantische Bündnis sind keine Gegensätze, sondern notwendige Ergänzung. Es ist doch gerade Europa, das ein modernes Verständnis von Integration entwickelt hat. Institutionelle Einbindung statt Lagerdenken, statt Achsenbildung und Alleingängen. Europa darf sich niemals selbst spalten oder spalten lassen – in keiner Frage.

Nur wenn Europa zusammensteht, werden wir Terrorismus, organisierte Kriminalität und illegale Einwanderung erfolgreich bekämpfen können. Nur dann werden wir Freiheit und Bürgerrechte im Kampf gegen ihre Gegner erfolgreich verteidigen können. Dann werden Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit nie wieder eine Chance haben. Dann können wir uns dafür einsetzen, dass Konflikte in der Welt friedlich gelöst werden und Menschen nicht Opfer von Krieg, Terrorismus und Gewalt sind, dass Armut, Hunger und Krankheiten wie Aids in der Welt zurückgedrängt werden.

Wir wollen Freiheit und Entwicklung in der Welt fördern. Wir bekennen uns in unserer Berliner Erklärung ausdrücklich dazu, auch weiterhin Demokratie, Stabilität und Wohlstand jenseits der Grenzen der Europäischen Union zu fördern. Das ist ein Bekenntnis, das in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann – ein Bekenntnis, das sehr schnell konkret wird.

So denken wir an einem Tag wie heute auch an die Menschen in Simbabwe und Darfur. Das Leiden dort ist unerträglich. Wir appellieren an dieser Stelle an den sudanesischen Präsidenten Bashir, endlich den UN-Resolutionen Folge zu leisten. Und ich sage offen: Wir müssen auch stärkere Sanktionen ins Auge fassen. Damit, wie etwa auch mit der gestern verabschiedeten neuen UN-Resolution zum Iran, bekennen wir uns dazu, gemeinsam mit unseren Verbündeten und Partnern globale Verantwortung zu übernehmen.

Aber auch an einem Festtag wie heute sollten wir uns nichts vormachen. Das europäische Lebensmodell stärken, globale Verantwortung wahrnehmen – das verlangt Handlungsfähigkeit, und zwar mehr, als Europa sie heute hat. Denn wir wissen: Die Europäische Union lebt auch in Zukunft von ihrer Offenheit und dem Willen ihrer Mitglieder, zugleich gemeinsam die innere Entwicklung der Europäischen Union zu festigen.

Die innere Ordnung muss der neuen Größe mit 27 Mitgliedsstaaten angepasst werden. Was muss dazu geschehen? Meine Antwort ist eindeutig: Die Europäische Union braucht mehr und sie braucht klarere Zuständigkeiten als heute – für die Energiepolitik, in der Außenpolitik, in der Innen- und Rechtspolitik. Sie muss klarer abgrenzen, wofür die Mitgliedsstaaten zuständig sind und wofür die Gemeinschaft. Sie muss sich auf das Wesentliche konzentrieren und – wo immer möglich – die nationalen Eigenheiten der Mitgliedsstaaten bewahren. Sie muss sicherstellen, dass ihre Institutionen auch mit 27 und mehr Mitgliedsstaaten effizient, demokratisch und für die Menschen nachvollziehbar funktionieren. Es steht viel auf dem Spiel.

Wahr ist: Wer gehofft hat, dass wir 50 Jahre nach den Römischen Verträgen einen Verfassungsvertrag haben, der wird enttäuscht sein. Aber wahr ist auch: Wer gehofft hat, dass sich Europa der Notwendigkeit bewusst ist, seine innere Verfasstheit zu stärken, dem wird unsere Berliner Erklärung den Weg weisen. Denn wir wissen, dass wir die politische Gestalt Europas immer wieder zeitgemäß erneuern müssen. Deshalb ist es wichtig und deshalb ist es notwendig, dass wir heute hier in Berlin – 50 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge – in dem Ziel geeint sind, die Europäische Union bis zu den Wahlen zum Europäischen Parlament 2009 auf eine erneuerte gemeinsame Grundlage zu stellen.

Ich setze mich dafür ein, dass am Ende der deutschen Ratspräsidentschaft ein Fahrplan verabschiedet werden kann. Und ich setze dabei auf Ihre Unterstützung. Ich bin davon überzeugt: Es ist nicht nur im Interesse Europas, sondern auch der einzelnen Mitgliedsstaaten und in unserem Interesse als Bürger Europas, dass dies gelingt. Ein Scheitern wäre ein historisches Versäumnis. Was wir entscheiden, wird lange nachwirken – im Guten wie im Schlechten.

Aber eigentlich brauchen wir gar nicht vom Scheitern zu reden. Europa hat schon so oft große Hürden genommen. Die Verhandlungen der Verträge, deren 50. Geburtstag wir heute feiern, waren ein Paradebeispiel dafür. Ich habe gelesen, dass ein Mitglied einer Verhandlungsdelegation – ich glaube, es war ein britisches – damals gesagt haben soll – ich zitiere: „Der Vertrag hat keine Chance, unterzeichnet zu werden. Wird er unterzeichnet, scheitert er an der Ratifizierung. Wird er dennoch ratifiziert, dann wird er nie umgesetzt.“ Ich weiß nicht, was dieser Verhandler zum heutigen Tag gesagt hätte.

Aber er stand mit seiner Zurückhaltung nicht allein. Ein nicht ganz unbekannter französischer Politiker soll seinerzeit gesagt haben – ich zitiere: „Verträge sind wie Mädchen und Rosen – sie halten nur eine gewisse Zeit.“ Ja, der Rosenstock ist seit 1957 deutlich gewachsen. Und heute kann sogar ein zugegebenermaßen schon etwas älteres Mädchen die Berliner Erklärung mit unterzeichnen.

Und schließlich ein Ausschnitt aus der belgischen Zeitung „La Libre Belgique“. Sie schrieb damals über die Verhandlungen zu den Römischen Verträgen – ich zitiere: „Die Deutschen sind alle wichtige Doktoren und gut organisiert. Die Franzosen sind wohlerzogen, lieben Pläne und Theorien. Die Italiener tragen wunderbare Krawatten und Strümpfe, und bei ihnen explodieren selbst Statistiken zu Feuerwerken.“ Ja, all das und noch viel mehr, all das sind wir. Das ist Europa. Skepsis, Widersprüchlichkeiten, Vielfalt, auch manches liebgewordene Klischee, aber nicht zuletzt auch Mut – all das ist Europa. Europa ist eben viel mehr als Milchkühe und Chemikalienrichtlinien. Schauen Sie sich einmal um. Hier sind Menschen aus 27 europäischen Staaten versammelt. Hier sind Schüler und Studenten des ERASMUS-Programms. Hier sind Musiker des Jugendorchesters der Europäischen Union, die für uns unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy spielen.

Manchmal denke ich: Wenn wir so sehr damit beschäftigt sind, unser gemeinsames Haus Europa auszubauen und zu erneuern, dann können wir vor lauter Bauarbeiten leicht das Große, das Einzigartige übersehen. Denn nach all den Kriegen und unendlich viel Leid ist etwas Großartiges entstanden: Wir Bürger Europas sind zu unserem Glück vereint. Europa ist unsere gemeinsame Zukunft. Das war ein Traum von Generationen.

Unsere Geschichte mahnt uns, dieses Glück für künftige Generationen zu schützen. Und so wünsche ich mir, dass die Bürgerinnen und Bürger Europas in 50 Jahren sagen werden: Damals, in Berlin, da hat das vereinte Europa die Weichen richtig gestellt. Damals, in Berlin, da hat die Europäische Union den richtigen Weg in eine gute Zukunft eingeschlagen. Sie hat anschließend ihre Grundlagen erneuert, um nach innen, auf diesem alten Kontinent, wie nach außen, in dieser einen großen-kleinen Welt, einen Beitrag zu leisten – zum Guten, für die Menschen. Das ist unser Auftrag für die Zukunft.

Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor dem Europäischen Parlament am 17. Januar 2007 in Straßburg

Diese Rede hielt Angela Merkel am 17. Januar 2007 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Es war ihre erste Rede als Ratsvorsitzende der EU.

„Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor dem Europäischen Parlament am 17. Januar 2007 in Straßburg“ weiterlesen

Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Weltwirtschaftsforum am 25. Januar 2006 in Davos

Der kreative Imperativ

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
lieber Herr Schwab,
meine Damen und Herren!

Ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken, anlässlich der Eröffnung dieses Forums zu sprechen. Ich weiß, dass dies eine große Ehre für Deutschland ist, und ich freue mich, dass ich hier sein kann.

Der Titel „Der kreative Imperativ“ wird viele erst einmal an Immanuel Kant und seinen „kategorischen Imperativ“ erinnern, der damals zum selbstbestimmten Umgang mit der menschlichen Freiheit aufgerufen hat. Kreativer Imperativ – das klingt vielleicht kompliziert, aber ich verstehe es einfach so: Es gibt in unserer Zeit die unbedingte Notwendigkeit – man kann fast sagen, den Zwang – zum Kreativen. Dies sollte eigentlich immer Triebkraft zumindest vernünftiger Politik sein, wenn ich für das spreche, für das ich zuständig bin. Aber ich glaube, dass heute mehr denn je gilt: Wer im Wettbewerb der Ideen besteht, der kann auch seine Zukunft gestalten, und das gilt für jeden in dieser Welt.

Wir sprechen im Augenblick in Deutschland, gerade auch in Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft, von Deutschland als dem Land der Ideen. Manche sagen angesichts der Probleme – das Problem Nr. eins ist die Arbeitslosigkeit -, die wir haben: „Ideen, einfach so dahin gesprochen, sind schön und gut!“ Ich glaube, von Ideen allein können wir nicht leben, sondern wir müssen auch zeigen, dass wir diese Ideen anschließend in die Tat umsetzen können – jeder an seinem Platz, in Deutschland, in Europa und in der Welt.

Ich möchte, dass Deutschland, wenn ich für mein Land sprechen kann, in den nächsten zehn Jahren wieder unter die ersten Drei in Europa kommt – was Wachstum, was Beschäftigung und was Innovation anbelangt. Wir sagen und wir machen das. Ich glaube daran, dass wir es schaffen können, aber ich sage auch, dass es von entscheidender Bedeutung für Europa sein wird, ob Deutschland dies schaffen kann. Ideen in die Tat umzusetzen, hört sich gut an, aber zur Wahrheit gehört bei einer klaren Analyse natürlich auch, dass es bei uns an vielen Stellen eine selbstverschuldete Lähmung gibt: Hier ein Hindernis, dort ein Hindernis, dies geht nicht, jenes geht nicht. Das heißt, ich habe das Gefühl, wenn ich über Deutschland spreche, dass wir mehr Freiraum brauchen, genauer gesagt, dass wir mehr Freiheit brauchen.

Da wir das Ziel erreichen wollen, in zehn Jahren bei Wachstum, Beschäftigung und Innovation wirklich wieder vorne zu sein, werbe ich in meinem Land wieder und wieder für eine eigentlich alte Weisheit: Arbeit – das ist unser zentrales Problem in Deutschland – braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit. Das heißt eben, dass man Bremsen löst, dass man Hindernisse aus dem Weg räumt, dass man die Fenster aufmacht, dass man wieder durchatmet, dass man zuerst einmal die Chancen von Entwicklung und nicht zuerst die Risiken sieht. Das ist eine verantwortete Freiheit – keine Freiheit von etwas, sondern die Freiheit zu etwas.

Deshalb habe ich im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf diese Rede nicht nur an Immanuel Kant gedacht, sondern ich habe auch noch an einen Amtsvorgänger gedacht, nämlich an den Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard. Er hat uns 1948 gesagt: „Die Verbindung zwischen Freiheit und Verantwortung bedarf der Ordnung.“ 1957 hat er in seinem Buch „Wohlstand für alle“ geschrieben: „Ich will mich aus eigener Kraft bewähren. Ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafür, dass ich dazu in der Lage bin.“

Eigene Kraft und der Staat als ordnende Kraft – das sind die beiden Pole der Sozialen Marktwirtschaft. Diese Sätze von Erhard aus den Jahren 1948 und 1957 haben für mich nichts, aber auch gar nichts an Aktualität verloren. Sie kennzeichnen den Anspruch einer bahnbrechenden Idee der erfolgreichsten und menschenwürdigsten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die es aus meiner Sicht je gegeben hat, nämlich der Sozialen Marktwirtschaft. Das ist auf der einen Seite das Vertrauen in den mündigen Bürger und auf der anderen Seite der Gedanke des sozialen Ausgleichs als Eigenschaft des mündigen Bürgers. Geistiges Fundament ist die Idee der verantworteten Freiheit. Dies war die Lehre aus bitteren Erfahrungen, aus Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit und Kriegen. Und es blieb in Deutschland eben nicht bei der Idee, sondern sie wurde auch in die Tat umgesetzt. Daraus entstand das, was man in Deutschland das Wirtschaftswunder nennt.

Wie steht es heute? Heute ist es so, dass wir mit vielen Problemen kämpfen, zum Beispiel mit einer erschreckend hohen Arbeitslosigkeit in Europa. Viele, und zwar genau die, die den Wettbewerb spüren und um ihren Wohlstand bangen, aber auch die, die Angst haben, an der Wohlstandsentwicklung nicht teilnehmen zu können, empfinden die Globalisierung als eine Gefahr, als eine Bedrohung. Sie haben Ängste.

Es ist ja auch wahr, dass sich die Welt rapide verändert hat, beginnend mit dem Ende des Kalten Krieges – für uns in Deutschland mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November verbunden -, fortgesetzt oder begleitet, vielleicht sogar hervorgerufen, durch die Entwicklung des Internets und die Tatsache, dass das Kapital heute in jeden Winkel der Welt dringt, dass Informationen alles durchdringen und Freiheit damit auch lebbar wird. Wir sehen die Tatsache, dass die Industriestaaten heute 20 Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber 70 Prozent des Energieverbrauchs in Anspruch nehmen. Wir wissen, dass mehr als eine Milliarde Menschen weniger als den Gegenwert eines Dollars zum Leben hat. Wir hören von atemberaubenden Wachstumsraten in China; gerade dieser Tage hören wir von fast zehn Prozent. Das alles sind Dinge, die auf einen Umbruch hindeuten und zeigen, dass wir in einer Zeit des Wandels leben.

Vor etwa 200 Jahren wurde in Europa durch den Wandel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft ein ganz deutlicher qualitativer Wechsel spürbar. Ich glaube, dass wir heute in einer Zeit leben, in der sich die Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft wandelt, dass dieser Wandel schon weit fortgeschritten ist und uns diese Tatsache wieder vor qualitativ neue Herausforderungen stellt, vor die Herausforderung, dass wir neu denken müssen.

Wir müssen vor diesem Hintergrund miteinander – dabei sind wir alle aufeinander angewiesen – eine zentrale Frage beantworten: Welchen Ordnungsrahmen braucht unsere veränderte Welt? Welchen Ordnungsrahmen braucht sie, um Teilhabe für jeden Einzelnen an den Früchten und dem Fortschritt unserer Gesellschaft und unserer Welt zu ermöglichen? Diese Frage stellt sich für die Industrieländer, für die Schwellenländer und für die Entwicklungsländer. Wenn wir diese Frage nicht schlüssig beantworten, wenn wir diesbezüglich keine Einigung finden, dann werden sich neue, schwere soziale und andere Verwerfungen entwickeln, für deren Folgen wir dann alle verantwortlich sind.

Ich glaube schon, dass die richtige Antwort der kreative Imperativ ist. Wir müssen es also schaffen, dass Politik auf der einen Seite an den richtigen Stellen eingreift und auf der anderen Seite auch wieder an den richtigen Stellen loslässt. Das ist die Aufgabe, vor der wir heute stehen. Das heißt, dass ähnlich wie zu Beginn der Zeit der Sozialen Marktwirtschaft die eigenen Kräfte und die Fähigkeit und Notwendigkeiten des Staates in eine Balance gebracht werden müssen.

Ich glaube allerdings, dass das nicht ganz so einfach ist. Nur fortzuführen, wäre zu kurz gesprungen. Denn aus meiner Sicht gibt es bei den Weichenstellungen, die wir vornehmen müssen, eine Weiterentwicklungsnotwendigkeit für die Soziale Marktwirtschaft. Ich nenne das „Neue Soziale Marktwirtschaft“ – eine neue Stufe, und zwar in zwei Richtungen: zum einen in Richtung der internationalen Dimension, zum anderen aber auch dahin, was die Dichte der Verflechtung der Welt insgesamt anbelangt.

Wenn ich von Neuer Sozialer Marktwirtschaft spreche, dann ruft dies in meinem Heimatland, in Deutschland, immer verschiedenste Diskussionen hervor. Es wird gefragt: „Ist das jetzt die Abkehr von den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft?“

Das ist es natürlich nicht, sondern es ist das Bekenntnis dazu, in einer neuen Zeit zu sagen: Wir stehen vor der Herausforderung – dieser Herausforderung muss sich Politik stellen -, die Globalisierung zu gestalten. Die Ängste der Menschen rühren zum großen Teil daher, dass sie das Vertrauen darauf verloren haben, dass Politik die Folgen der Globalisierung gestalten kann. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass Politik auch in Zeiten der Globalisierung einen Gestaltungsauftrag hat.

Das heißt für uns in Deutschland, dass wir unsere Hausaufgaben machen müssen; das ist vollkommen klar. Das heißt, wir müssen nationale Politik verändern. Das heißt, als größte Volkswirtschaft Europas müssen wir unsere Verantwortung in Europa wahrnehmen. Wir werden das im Rahmen unserer Präsidentschaft in ganz besonderer Weise tun, aber natürlich ist das eine permanente Aufgabe. Das heißt auch, dass wir unserer internationalen Verantwortung gerecht werden müssen. Herr Schwab, Sie haben es eben erwähnt: Deutschland wird nächstes Jahr den Vorsitz in der G8-Gruppe haben und versuchen, dabei auch Beiträge zu leisten.

Für ein Verständnis von Sozialer Marktwirtschaft als Neue Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert müssen wir, glaube ich, erstens die Prioritäten politischen Handelns neu ordnen, und zwar mit einem Verständnis von Politik, die nach vorne gerichtet ist, die sich um zukünftige Generationen kümmert.

Das bedeutet für uns in Deutschland zum Beispiel zuallererst einmal die Sanierung unserer finanziellen Situation, unserer Haushalte. Wir haben ein demographisches Problem. Wir wissen, dass wir zu wenige junge Menschen haben, und gleichzeitig leben wir auf Kosten der Zukunft, indem wir uns permanent verschulden. Das heißt, wir rauben zukünftigen Generationen Investitions- und Entwicklungsspielräume, und das ist moralisch nicht verantwortbar.

Wir müssen in die Zukunft investieren. Das heißt für mich, dass wir vor allen Dingen in Forschung und Entwicklung investieren, weil Innovation der eigentliche Schlüssel ist. Der kreative Imperativ spiegelt sich in der Frage wider, wie innovativ wir sind, und dies natürlich in ganz besonderer Weise in Ländern, die einen hohen Sozialstandard und vergleichsweise hohe Löhne haben. Wir können diesen Wohlstand nur halten, wenn wir der Innovation absoluten Vorrang einräumen. In Deutschland haben wir uns jetzt dazu entschlossen, das Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben, auch wirklich bis 2010 zu erreichen. Das ist eine Aufgabe für die Politik, das ist aber auch eine Aufgabe für die Wirtschaft. Das heißt dann wiederum für die Politik, der Wirtschaft solche Rahmenbedingungen einzuräumen, dass in innovativen Bereichen auch wirklich gehandelt werden kann. Ich nenne hier nur den Bereich der Pharmaindustrie und das Gebiet der Gentechnologie. Überall wird die Rahmensetzung darüber entscheiden, ob es anschließend in Deutschland möglich sein wird, innovativ genug zu sein.

Es geht dabei auch um den Wettbewerb der besten Köpfe. Das hat etwas damit zu tun, wie wir unser Bildungssystem organisieren und wie attraktiv wir hier sind. Ich sage, dass es in einer Gesellschaft wie der deutschen darum geht, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Es geht ganz gewiss darum, kleinen Einheiten und flexiblen Strukturen den Vorrang zu geben. Deshalb beschäftigen wir uns in Deutschland zum Beispiel damit, die föderalen Strukturen wesentlich neu zu ordnen, um Entscheidungen schnell möglich und durchsetzbar zu machen. Es geht für uns um einen Punkt, den ich für außerordentlich wichtig halte, nämlich um die Reform – besser gesagt: die Senkung – der Arbeitskosten in Form der Lohnzusatzkosten; denn ich glaube, gerade der Faktor Arbeit wird der entscheidende Faktor sein, bei dem uns die Menschen daran messen, ob für ihren eigenen Wohlstand wirklich das erreicht wird, was sie sich versprechen.

Wir müssen – ich kann das an einem Beispiel verdeutlichen – uns fragen: Wofür werden die Menschen der Zukunft ihr Geld ausgeben? Woran werden sie Interesse haben? Ich glaube, dass in diesem Zusammenhang der gesamte Gesundheitsbereich von außerordentlicher Bedeutung ist und wir ihn deshalb auch in einem freiheitlichen Sinne entwickeln müssen. Gerade deshalb wird die Reform des Gesundheitswesens für uns ein ganz wichtiger Punkt sein.

Wir werden uns mit der Frage beschäftigen müssen, ob Deutschlands Steuersystem zukunftsfähig genug ist. Wir haben gesagt: Nein, wir brauchen hierbei gerade für Unternehmen eine Reform. Wir brauchen – das will ich denen sagen, die sich mit dem Gedanken tragen, vielleicht in Deutschland zu investieren – nach dieser Reform vor allen Dingen auch ein Stück Beständigkeit, damit Unternehmer, die langfristige Entscheidungen fällen, sich auf das, was beschlossen wurde, verlassen können und nicht jedes Jahr wieder von Neuem anfangen müssen.

Zweitens brauchen wir natürlich eine Welt, in der wir über eine internationale Ordnung des Wettbewerbs nachdenken. Ich möchte hier ein sehr klares Bekenntnis zu internationalen Institutionen ablegen. Ich glaube, der wahlweise Abschluss von bilateralen Abkommen zwischen den einzelnen Akteuren der Welt wird uns nicht weiterführen, sondern wir müssen es lernen, in einer globalen Welt auch miteinander Verabredungen zu treffen. Deshalb darf es natürlich keine sozialistische Antwort mit einem vorgegebenen zentralen Ordnungsrahmen geben, sondern es muss eine neue Verzahnung von privatem und politischem Handeln geben. Darüber müssen wir gemeinsam nachdenken, und ich denke, Davos ist einer der besten Orte dafür.

Ich glaube, dass die WTO-Verhandlungen eine Schlüsselfunktion einnehmen. Der Handel und die Freiheit des Handels ist eine der großen Voraussetzungen dafür, dass Akteure teilhaben können. Auch in Deutschland gibt es viele Ängste, dass freier Handel zu Nachteilen führen könnte. Alle zusätzlichen Freiheiten haben in Deutschland im Allgemeinen dazu geführt, dass sich Deutschland besser entwickelt hat. Auch hierbei müssen wir also Ängste überwinden. Es hat leichte Fortschritte in Hongkong gegeben, aber die Runde darf so nicht zu Ende gehen, sondern wir müssen weitere Barrieren einreißen. Wir sollten dafür werben – ich werde dies jedenfalls tun -, dass die WTO zu einer wichtigen Größe der internationalen Vereinbarungen wird.

Wir brauchen hierbei natürlich den fairen Zugang der Entwicklungsländer zum freien Welthandel. Ich möchte an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass sich Deutschland im Rahmen der EU-Beschlüsse dazu bekennt, bis 2015 das UN-Ziel, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Entwicklungshilfe bereitzustellen, auch wirklich umzusetzen. Ich denke, wir brauchen einen strategischen Dialog mit den Schwellenländern. Die Welt ist hier besonders im Umbruch, und wir als Europäer sind stark gefordert, dies weiterzuentwickeln.

Wir brauchen eine Verzahnung von Umweltschutz und Sozialmaßnahmen mit der Welthandelsorganisation, mit dem Internationalen Währungsfonds und mit der Weltbank. Die Dinge müssen aufeinander abgestimmt sein. So, wie im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft – dies ist jedenfalls unsere Erfahrung – der soziale und der ökologische Ausgleich auch immer Teil einer lebenswerten Gesellschaft waren, muss dies, glaube ich, auch im Ordnungsrahmen einer zukünftigen Welt stattfinden.

Wir brauchen den Schutz geistigen Eigentums. Wenn wir vom kreativen Imperativ sprechen, dann ist es natürlich von allergrößter Bedeutung, dass es uns gelingt, geistige Innovation auch wirklich vor Piraterie zu schützen. Außerdem brauchen wir nach meiner festen Überzeugung – dafür wird sich Deutschland im Rahmen seiner G8-Präsidentschaft einsetzen – hierfür auch mehr Regelungen.

Wir brauchen gemeinsame technische Standards. Auch dies empfinde ich als ein außerordentlich interessantes Feld, weil es letztlich auch Marktzugänge eröffnet. Wir haben in Europa, ausgehend von Deutschland, außerordentlich positive Erfahrungen gemacht, indem wir die Standards für die Entwicklung des Handys gesetzt haben. Wir können heute noch sagen, dass daraus eine Position entstanden ist, in der wir ein Marktführer sein konnten. Die Frage, wie wir uns miteinander über Standards einig werden, hat aus meiner Sicht bis jetzt noch nicht die Bedeutung erreicht, die ihr eigentlich zukommt.

Wir brauchen natürlich auch ein Verständnis über gemeinsame Wertegrundlagen. Ich will dies hier kurz am Beispiel der europäischen Diskussion ansprechen, in der es um den Verfassungsvertrag geht. Aus meiner Sicht ist dieser Verfassungsvertrag für die Europäische Union deshalb von so großer Bedeutung, weil er über die Einzelregelungen hinaus einen Beitrag dazu geleistet hat, dass wir uns über unser gemeinsames Werteverständnis klar geworden sind. Ich glaube, dass wir diese Diskussion sowohl in der transatlantischen Gemeinschaft als auch über die transatlantische Gemeinschaft hinaus, in der Weltgemeinschaft, brauchen. Es wird nicht möglich sein, sich ohne ethische Gemeinsamkeiten auf ökonomische und politische Gemeinsamkeiten zu einigen. Deshalb muss diese Diskussion parallel geführt werden.

Ich glaube, wir brauchen drittens neue Instrumente und Mechanismen. Wir haben uns gerade in Deutschland angewöhnt, mit sehr starren, Jahrzehnte haltenden Gesetzen zu agieren. Wir müssen jetzt lernen, sehr viel flexibler zu werden, nach dem besten Weg zu suchen, an Benchmarking-Prozessen teilzunehmen und an den Erfahrungen anderer teilzuhaben. Das bedeutet mehr Öffnung.

Wir brauchen vor allen Dingen die Kraft, uns mit dem Thema des Bürokratieabbaus zu beschäftigen. Ich habe dieses Thema für die Arbeit unserer Regierung zur Chefsache erklärt, weil ich glaube, dass wir im Augenblick grandiose Kräfte in Deutschland dadurch fesseln, dass wir uns in Regularien, die scheinbare Sicherheit versprechen, verfangen haben. Wenn wir in Deutschland wissen, dass vier bis sechs Prozent des Umsatzes eines kleineren oder mittleren Unternehmens in die Kosten von Bürokratie gehen, dann ist es wirklich des Schweißes der Edlen wert, einmal zu überlegen, ob wir diese Kraft und dieses Kapital nicht in Menschen – in junge Menschen und in ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – investieren könnten, anstatt uns immer und immer wieder vermeintlich sichere Regelungen auszudenken.

Ich glaube, wir kommen mit der Betrachtung der Einzelregelung nicht mehr voran, weil jede Einzelregelung inzwischen zu einer Lobby für eine bestimmte Gruppe geworden ist. Wir müssen stattdessen lernen, die Kosten von Bürokratie zu bemessen und uns Zielvorgaben zu geben, wie wir sie reduzieren wollen. Wir wollen hierbei an den Erfahrungen der Niederländer und auch der Briten anknüpfen. Wir werden einen Normenkontrollrat einsetzen, der diesen ganzen Prozess begleiteten wird, weil sich Politik schwer tut, das einmal von ihr Geschaffene auch wieder abzuschaffen. Es ist ein allgemeines Phänomen, dass das nicht besonders gut gelingt.

Wir werden im Rahmen unserer EU-Präsidentschaft genau diesen Prozess auch im europäischen Bereich fortführen und verstärken. Europa hat sich das Ziel gesetzt – Europa wird dieses Ziel nur mit Deutschland erreichen; Europa kann dieses Ziel erreichen, aber es hat viel zu tun -, bis zum Jahr 2010 der dynamischste Kontinent zu werden. Ich will mich jetzt nicht auf das Jahr festlegen; dabei haben wir, glaube ich, noch ein paar Probleme. Aber den Anspruch, im Sinne des kreativen Imperativs wieder zu den Innovativen zu gehören, zu denen, die den Schritt der Welt mitbestimmen, dürfen wir nicht aufgeben. Ich werde ihn jedenfalls nicht aufgeben und dafür werben, weil unser Wohlstand davon abhängt.

Das heißt dann aber auch, dass wir die so genannte „Lissabon-Strategie“ zur politischen Priorität unseres Handelns in Europa machen. Das heißt, dass wir etwas tun, das jetzt zum ersten Mal in der Europäischen Kommission gemacht wurde, nämlich Richtlinien, die seit Jahrzehnten bestehen, noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, und zu dem, was einmal geregelt wurde, nicht immer nur noch etwas hinzuzufügen, sondern auch hinterfragen: Was muss wieder abgeschafft werden? Manchmal kann im Abschaffen einer Richtlinie ein größerer Gewinn als in der Fortführung einer alten oder der Schaffung einer neuen liegen. Das Abschaffen ist aber mindestens so schwer wie die Gesetzgebung. Ich werde nicht müde werden, in der Europäischen Union dafür zu werben, dass es auch das Prinzip der Diskontinuität oder der endlichen Geltungsdauer von Richtlinien gibt. Denn heutzutage ist es so, dass eine einmal auf den Markt gekommene Richtlinie bis zum Ende der Geschichte besteht; es gibt keinen Weg, sie wieder abzuschaffen. Deshalb kommen wir an vielen Stellen nicht voran. Das hat dann nichts mit Sicherheit zu tun, sondern damit bringt sich Europa nach meiner festen Überzeugung in Unsicherheit. Deshalb werden wir die deutsche Ratspräsidentschaft genau an dieser Stelle auch dafür nutzen, dass wir aus den Potenzialen, die in Europa liegen, auch wirklich etwas machen.

Wir stehen also insgesamt vor großen Aufgaben, bei denen sich die einen in der Welt im Augenblick rasant entwickeln und bei denen andere Sorgen und Ängste haben. Ich gehöre zu dem Teil der Welt, der gewöhnt war, an der Spitze der Bewegung zu stehen. Durch das Ende des Kalten Krieges haben wir erlebt, dass sich Träume erfüllt haben, dass wir plötzlich Freiheit hatten. Wir haben anschließend erlebt, dass uns diese Freiheit unter einen stärkeren Wettbewerbsdruck setzt. Wir haben – ich sage das zumindest für Deutschland – grandiose Voraussetzungen: eine erfahrene Demokratie, viel Erfahrung in Konfliktlösungsmöglichkeiten, gute soziale Netze, ökologische Sicherheit. Wir haben vieles erreicht. Es wäre fatal, wenn wir nicht die Kraft aufbrächten, die Herausforderungen, die heute vor uns stehen, als Chancen zu begreifen.

Ich glaube, wir können das schaffen, wenn wir miteinander das Verständnis haben, dass Freiheit ein elementares Gut für die Menschen ist, dass Freiheit nicht Willkür ist, sondern verantwortete Freiheit, und dass uns die neue Dimension der Sozialen Marktwirtschaft in einer globalen Ordnung helfen kann, unseren Platz in dieser Welt zu finden. Es wird kein einziges Problem mehr geben, dem wir ausweichen können und das uns nicht direkt oder indirekt erreicht. Das ist aber nicht Grund für Überforderung, sondern im Grunde eine Herausforderung.

Ich habe in meiner Regierungserklärung gesagt, dass wir viele kleine Schritte machen werden. Wir arbeiten in einer großen Koalition. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir, wenn wir diese Schritte entschlossen gehen, dann alle Kraft und alle Möglichkeiten haben werden, dass Deutschland seiner Rolle in der Welt gerecht werden kann: als Motor in Europa, als ein verantworteter Teilhaber der G8-Staaten, als eine Nation, die davon ausgeht, dass alle das gleiche Recht haben, ihren Lebensstandard zu verbessern, als eine Nation, die um die Endlichkeit von Ressourcen weiß und die endlich auch etwas schaffen muss, was für mich ein zweiter, ganz wichtiger Punkt neben der Entfesselung von Kräften ist, nämlich zu sagen, wie sie mit ihren Ressourcen und dem Ressourcenverbrauch umgehen wird, zum Beispiel in der Energiepolitik.

Wir haben an dieser Stelle keine abschließenden strategischen Antworten, und genau deshalb wird sich die neue deutsche Bundesregierung auch mit einem Energiekonzept befassen, das den verschiedenen Energieträgern und Energiesparmöglichkeiten Rechnung trägt. Ich war einmal Umweltministerin und habe erlebt, dass gute Technologien auch ein kreativer Imperativ sein können, um die Welt insgesamt weiterzuentwickeln.

Vor 200 Jahren klagte – ich zitiere ihn jetzt – James Watt: „Es gibt nichts Törichteres im Leben als das Erfinden. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe der Welt noch nicht für 35 Pence genützt.“ Der Mann hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren ein Patent angemeldet, und 17 Jahre später war klar: Die Dampfmaschine hat die Welt verändert. Das Zeitalter der Industrialisierung war angelaufen. Wir sehen deshalb bei allem Imperativ des Kreativen: Ohne die alten Arbeitstugenden Ausdauer, Leistungswille, Überzeugung, Fleiß und auch Zeit wird es nicht gehen.

Ich glaube, wir stehen heute – in den ersten Jahrzehnten des Informations- und Wissenszeitalters – wieder vor der Frage: Nehmen wir teil? Schaffen wir es, an der Entwicklung der Welt zu partizipieren? Die Deutschen haben – viele wissen das gar nicht mehr – das Zeitalter des Computers dadurch eingeleitet, dass Konrad Zuse als Deutscher den ersten Computer gebaut hat. Ich muss freimütig bekennen, dass wir an der daraus resultierenden Entwicklung – wenn ich an Google, Microsoft und andere denke, ohne hier irgendjemanden herausheben zu wollen – nicht in dem mir ausreichend erscheinenden Maße partizipiert haben. Ich sage das ziemlich schmerzlich berührt, weil wir in Deutschland gerade das Jahr der Informatik feiern und begehen und überlegen müssen, an welcher Stelle wir mit Innovationen wieder unseren Teil an der Wertschöpfung und der Entwicklung bekommen können.

Ich glaube jedenfalls, dass es Versäumnisse gab, weil wir an bestimmten Stellen Ideen keine Taten und Umsetzungen folgen ließen. Wir müssen in Deutschland aber wieder daran glauben, das schaffen zu können. Und ich werde mich sehr dafür einsetzen, dass die Regierung daran arbeitet, dass unser Land wieder besser von seinen Ideen leben kann. Deutschland und Europa werden ihren Beitrag dazu leisten, damit im Rückblick einmal gesagt werden kann: Dies waren für unseren Kontinent Innovationsjahre. Ich sage das nicht gegen andere gerichtet, weil ich die Fähigkeiten in China, Indien und vielen anderen Stellen dieser Erde beobachte, sondern ich sage es nur mit dem Ausdruck, dass wir uns dem Wettbewerb stellen wollen. Wir wollen uns ihm deshalb stellen, weil wir glauben, dass wir in unserer Art des Wirtschaftens und mit dem Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft eine menschliche Gesellschaft gestaltet haben, die ökonomisch erfolgreich war, und weil uns dies auf globaler Ebene wieder gelingen muss. Und ich glaube, dass wir zu dieser Diskussion einen Beitrag leisten können.

Deshalb möchte ich auch noch einmal Ludwig Erhard zitieren. Ich hatte ihn zu Beginn zitiert, und ich sage es einfach noch einmal: „Ich will mich aus eigener Kraft bewähren. Ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafür, dass ich dazu in der Lage bin.“ Das ist die Aufgabe von gestaltender Politik – von Politik, die an die Gestaltbarkeit der Globalisierung glaubt, von Politik, die Menschen die Ängste nimmt und ihnen Hoffnung gibt, von Politik, die nicht in protektionistischem Ansinnen an andere herantritt, sondern die sich voll Freude einem Wettbewerb um die besten Ideen im Rahmen des kreativen Imperativs stellt.

Dokumentiert: Angela Merkels erste Neujahrsansprache

Neujahrsansprache 2006 von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

am 31. Dezember 2005 über Hörfunk und Fernsehen:

Bulletin 01-1

1. Januar 2006

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

was kann man alles in einem Jahr erreichen? Es ist eine ganze Menge! Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?

Sie hat gut reden, wird jetzt vielleicht der eine oder andere sagen. Ihr geht es gut, sie hat in diesem Jahr doch einiges von dem erreicht, was ihr wichtig war. Aber mir? Wie soll es weitergehen nach dem Verlust meines Arbeitsplatzes? Wann finde ich endlich einen Ausbildungsplatz? Wie können wir die Pleite unseres Betriebes verhindern? Was wird aus mir und meiner Familie?

Ich verstehe diese Fragen. Ich weiß, dass vielen bereits sehr viel abverlangt wird.

Ich wage es dennoch noch einmal: Ich möchte uns ganz einfach ermuntern herauszufinden, was in uns steckt! Ich bin überzeugt, wir werden überrascht sein!

Sie haben schon lange eine Idee? Es muss gar nichts Überragendes sein, aber sollte 2006 nicht das Jahr sein, in dem Sie versuchen, diese Idee in die Tat umzusetzen? Fangen wir einfach an! Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Sie werden sehen, wie viel Freude es macht, wenn man Schritt für Schritt voran geht.

Das kann jeder von uns – zu Hause, in der Familie, mit Kindern, in der Schule, am Arbeitsplatz, mit Kranken, mit Behinderten, mit bei uns lebenden Ausländern, in Vereinen, in Selbsthilfegruppen, in Bürgerinitiativen, in Kirchen und vielem mehr.

Und auch in der Politik.

So ist die neue Bundesregierung an die Arbeit gegangen. Unerreichbare Ziele setzen? Das ist nicht unsere Art. Unhaltbare Versprechungen machen? Davon haben Sie zu Recht genug. Viele kleine Schritte gehen, die aber in die richtige Richtung. So haben wir angefangen. Und dabei ein Ziel fest im Blick: unser Land in zehn Jahren wieder an die Spitze Europas zu führen, und zwar weil jeder von uns ganz persönlich etwas davon hat.

Wir haben uns an die Arbeit gemacht, um die Arbeitsvermittlung zu stärken, die öffentlichen Finanzen zu stabilisieren, das, was an Arbeit rings um den privaten Haushalt getan wird, steuerlich besser zu stellen, die Investitionsbedingungen für die Betriebe zu verbessern, neue Technologien stärker als bisher zu fördern. Denn unser Land wird im Wettbewerb mit anderen Ländern nur mithalten können mit immer neuen Ideen. Die Regierung der großen Koalition wird daher angesichts der überaus schwierigen Haushaltslage überall sparen – nur nicht bei Forschung, Entwicklung, Bildung und Ausbildung.

Im kommenden Jahr haben wir als Land alle gemeinsam eine große Chance! Die Welt wird auf Deutschland schauen wie zuletzt vor 16 Jahren beim Fall der Mauer. Natürlich, die Dinge sind in ihrer Bedeutung überhaupt nicht zu vergleichen, aber dennoch: Im Ergebnis werden Milliarden Menschen die Fußballweltmeisterschaft am Fernseher verfolgen und Millionen Menschen werden uns besuchen kommen.

Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.

Ein Sieger der Weltmeisterschaft steht für mich schon heute fest: Das sind wir, die Menschen in diesem Land, weil wir mit der ganzen Welt ein Fest feiern können.

Die Weltmeisterschaft hat, wie ich finde, ein wunderbares Motto: Die Welt zu Gast bei Freunden. Werden Sie Freund oder Freundin! Lassen Sie uns alle gemeinsam Freunde unserer Gäste werden.

Das ist mein größter Wunsch für das neue Jahr: Dass Deutschland weiter in Freundschaft mit seinen Nachbarn und Partnern, in Frieden und Freiheit leben kann. Europa hat große Erwartungen an unser Land. Ohne ein wirtschaftlich und sozial starkes Deutschland kommt Europa nicht voran. Und ohne ein starkes Europa ist auch Deutschland schwach. Die Finanzen haben wir beim letzten EU-Gipfel in Ordnung gebracht. Aber weil Europa insgesamt handlungsfähiger werden muss, weil wir uns auch unserer gemeinsamen Werte bewusst sein müssen, sollte es nach der Denkpause beim europäischen Verfassungsprozess bald zu greifbaren Ergebnissen kommen.

Auch außerhalb Europas gibt es große Erwartungen an unser Land – bei den Verhandlungen um den freien Welthandel, beim Auslandseinsatz von deutschen Soldaten und Polizisten oder bei der Reform der Vereinten Nationen.

Wir Deutsche zeigen immer wieder, wozu wir bereit sind. Wir zeigen, dass wir zusammenstehen, dass wir auch nicht ruhen, bis in Not geratene Landsleute wieder in Sicherheit sind – wie bei der Entführung von Jürgen Chrobog, seiner Frau und ihren drei Söhnen im Jemen.

Wir denken auch bei großen Naturkatastrophen an andere. Für die beim Tsunami einzigartige Spendenbereitschaft danke ich Ihnen sehr. Ich möchte Sie zugleich bitten, auch an die stillen Tsunamis zu denken, also an die zum Teil vergessene Not. Zum Beispiel durch Hungersnöte in Afrika, an die Opfer des verheerenden Erdbebens in Pakistan oder an die Tragödien in manchen Regionen unserer Welt, die durch Kriege, Bürgerkriege, Migrationsströme und Krankheiten verursacht werden. Vergessen wir sie nicht, öffnen wir auch hierfür unsere Herzen – wie auch für Menschen, die bei uns zu Hause in Not leben.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir sehen, wir können gemeinsam so viel erreichen! Jeder kann seinen Beitrag leisten! Und wenn wir auch bei uns zu Hause künftig unsere Probleme in den Griff bekommen wollen, und zwar auch das Problem Nummer eins, das ist ohne Zweifel die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit – dann müssen wir noch mehr als bisher tun. Genau das hat sich meine Regierung vorgenommen.

Dazu werden wir Sie nach Kräften unterstützen, aber dazu müssen wir alle auch überkommenen Rituale in Politik und Verbänden überwinden. Und wir sollten uns an eine einfache Weisheit erinnern, sie lautet: Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit.

Deshalb machen wir Bürokratieabbau, eine wettbewerbsfähige Unternehmensbesteuerung, eine Reform von Bund und Ländern. Und wir arbeiten für eine echte Reform der Kranken- und Pflegeversicherung im nächsten Jahr – für eine überzeugende Idee auch dort, und die wird in die Tat umgesetzt.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich möchte, dass Sie Ihre Ideen für sich und Ihre Familien verwirklichen können. Deutschland ist das Land der Ideen. Aber von unseren Ideen leben – das können wir nur, wenn wir sie auch in die Tat umsetzen. Überraschen wir uns damit, was möglich ist!

Fangen wir einfach an – ab morgen früh.

Heute Abend aber feiern wir erst einmal oder wir sind mit den Menschen zusammen, die unsere Hilfe, ein liebendes Wort brauchen oder die umgekehrt uns Zuspruch und Trost geben.

Ich wünsche Ihnen ein gutes, ein erfülltes und gesegnetes neues Jahr 2006.

Bild: