Diogo Almeida, laut seinem Profil CEO von TypeSafe AI und früher bei OpenAI („co-created RLHF/ChatGPT“, wie er sich selbst beschreibt), hat am 24. Oktober 2026 um 3:49 Uhr deutscher Zeit einen Beitrag auf X veröffentlicht. Er klingt wie eine ernste Sicherheitsmeldung. Er ist keine.
Worum es geht
Sinngemäß schreibt Almeida: Trotz des unglücklichen Zeitpunkts nehme man Offenlegungen ernst. Am Freitagabend gegen 18:49 Uhr habe man von einem „massiven unbefugten Leak“ aller Kunden-Noul-Ausgaben erfahren. Im Sinne maximaler Transparenz folge hier der Link. Der Link führt zu einem GitHub-Gist.
Der Beitrag fand ein großes Publikum. Stand 24.10.2026, 12:41 Uhr (MESZ), zeigt X rund 574.000 Impressions, 4.333 Likes, 334 Antworten, 212 Reposts, 185 Zitate und 1.020 Lesezeichen. Die Uhrzeit im Text ist übrigens die des Posts selbst: 1:49 Uhr UTC entspricht 18:49 Uhr an der US-Westküste, und zwar am Freitag.
Was ist „Noul“?
TypeSafe AI hat laut eigenem Blog am 15. September 2026 sein erstes „System One Model“ namens Jev vorgestellt. Das ist kein Chatbot. Es erzeugt keinen Text, sondern strukturierte Entscheidungen, die Software direkt weiterverarbeiten kann.
„Noul“ ist laut der Dokumentation des Unternehmens eine der Fragearten. Man stellt eine Ja/Nein-Frage, etwa ob eine Support-Nachricht dringend ist. Die Antwort ist eine einzige Zahl zwischen 0 und 1: die Wahrscheinlichkeit für „ja“. Nahe 1 heißt sehr wahrscheinlich ja, nahe 0 sehr wahrscheinlich nein.
Der Gag im Gist
Ich habe den Gist geöffnet. Er enthält eine einzige Datei, outputs.json, gut 800 Bytes groß. Darin steht eine Liste mit 101 Zahlen: 0.00, 0.01, 0.02 und so weiter bis 1.00. Ich habe sie per Skript gegen die erwartete Reihe geprüft. Sie ist lückenlos. Keine Namen, keine Texte, keine Zuordnung zu irgendeinem Kunden.
Das ist die Pointe. Wer „alle möglichen Noul-Ausgaben“ veröffentlicht, veröffentlicht den kompletten Wertebereich. Jeder echte Wert eines jeden Kunden liegt zwangsläufig irgendwo in dieser Liste. Formal ist damit alles geleakt, praktisch nichts. Ein Geheimnis ist nicht dabei.
Warum die Parodie funktioniert
Meldungen über Datenlecks folgen einem Muster. Es gibt eine genaue Uhrzeit, eine Entschuldigung für den Zeitpunkt, die Beteuerung, man nehme alles sehr ernst, und das Versprechen von Transparenz. Almeida übernimmt diese Bausteine fast wörtlich: „unfortunate timing“, „we take disclosures seriously“, „maximize transparency“. Dazu kommt der Freitagabend, an dem schlechte Nachrichten gern verschickt werden.
Der Ton ist bierernst, der Inhalt absurd. Und es war vorbereitet: Laut GitHub wurde der Gist um 3:10 Uhr MESZ angelegt, knapp 40 Minuten vor dem Post. Eine ausdrückliche Erklärung von TypeSafe AI, dass es ein Scherz ist, habe ich nicht gefunden. Der Inhalt des Gists lässt aber kaum einen anderen Schluss zu.
Die Reaktionen
Die Antworten lieferten vor allem Wortspiele. @techdufus schrieb „noul way!“, @diegoarias941 bat, sein Noul-Ergebnis dort bitte zu löschen. @wesbos meldete, leider sei sein Noul betroffen gewesen, er schätze aber die Transparenz und informiere alle Nachgelagerten. @mindcruzer freute sich, dass die Liste bei 1 aufhörte, sonst wäre ihm beinahe der private Schlüssel abhandengekommen. @SaidAitmbarek bemängelte die Genauigkeit: nur zwei Nachkommastellen.
Nicht jeder war amüsiert. @R1ckvandelaar fand es schlicht „Not funny“. @krishlogy schrieb, er habe es für echt gehalten und kurz innegehalten. Das ist der Preis guter Satire: Sie ist nah genug am Original, um kurz zu erschrecken. Wie sehr sich das X-Publikum bei KI-Themen sonst in Lager aufteilt, haben wir kürzlich bei Nikita Bier beschrieben. Und echte Lecks hatten wir hier schon einmal gesammelt.
Fazit
Das sicherste Datenleck der Geschichte: Man kann es veröffentlichen und hat danach trotzdem nichts verloren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Scherz ist: 1,00. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand kurz erschrak: laut den Antworten eindeutig größer als 0,00. Die Datenschutzbehörde muss trotzdem niemand anrufen.
Stand: 24.10.2026
