Im Dezember 1938 machte ein Chemiker in einem Berliner Labor eine Beobachtung, die er selbst zunächst kaum glauben konnte. Bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen entstand ein Element, das dort eigentlich nicht hingehörte: Barium, ein viel leichteres Element. Der Chemiker hieß Otto Hahn, und seine Entdeckung war die Kernspaltung. Sie veränderte die Physik, die Energieversorgung und die Weltpolitik des 20. Jahrhunderts grundlegend. Für die Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne erhielt Hahn den Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1944. In diesem Porträt erfahren Sie, wie Hahn zum Pionier der Radiochemie wurde, welche Rolle seine langjährige Kollegin Lise Meitner spielte und wie er nach dem Krieg mit den Folgen seiner Entdeckung umging.
Herkunft und Ausbildung
Otto Hahn wurde am 8. März 1879 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater betrieb ein Glasergeschäft. Schon als Schüler experimentierte Hahn mit Chemikalien. Er studierte Chemie in Marburg und München und wurde 1901 in Marburg in organischer Chemie promoviert. Ursprünglich wollte er in die chemische Industrie gehen. Um dafür Auslandserfahrung und Englischkenntnisse zu erwerben, ging er 1904 nach London.
Der Weg zur Radioaktivität
In London arbeitete Hahn bei William Ramsay, dem Entdecker der Edelgase. Ramsay gab ihm die Aufgabe, aus einem radiumhaltigen Mineral Radium zu gewinnen. Dabei stieß Hahn auf einen neuen radioaktiven Stoff, den er Radiothorium nannte. Diese Entdeckung weckte seine Begeisterung für das damals junge Gebiet der Radioaktivität. Anschließend ging er nach Montreal zu Ernest Rutherford, einem der führenden Forscher auf diesem Gebiet, und entdeckte dort weitere radioaktive Substanzen.
Radioaktivität bedeutet, dass bestimmte Atomkerne instabil sind und sich unter Aussendung von Strahlung in andere Kerne umwandeln. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das ein völlig neues Forschungsfeld. Chemiker wie Hahn hatten die Aufgabe, die winzigen Mengen der entstehenden Stoffe zu trennen und zu identifizieren, oft nur anhand ihrer Strahlung. Hahn entwickelte darin eine außergewöhnliche Meisterschaft.
Berlin und die Zusammenarbeit mit Lise Meitner
1906 kehrte Hahn nach Deutschland zurück und arbeitete am Chemischen Institut der Berliner Universität bei Emil Fischer. 1907 begann seine Zusammenarbeit mit der österreichischen Physikerin Lise Meitner. Da Frauen damals in vielen Instituten nicht zugelassen waren, mussten die beiden anfangs in einer ehemaligen Holzwerkstatt im Keller arbeiten. Aus dieser Zusammenarbeit wurde eine rund dreißigjährige wissenschaftliche Partnerschaft, in der Hahn vor allem die chemischen und Meitner die physikalischen Fragen bearbeitete.
1912 zogen sie in das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem, dessen Direktor Hahn später wurde. 1917 identifizierten Hahn und Meitner ein neues radioaktives Element, das später den Namen Protactinium erhielt. Im Ersten Weltkrieg war Hahn an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe unter Fritz Haber beteiligt, ein Kapitel seiner Biografie, das heute kritisch gesehen wird. In den 1920er Jahren entdeckte er zudem die Kernisomerie, also das Phänomen, dass Atomkerne derselben Zusammensetzung in unterschiedlichen Energiezuständen existieren können.
Die Entdeckung der Kernspaltung
In den 1930er Jahren versuchten mehrere Forschergruppen in Europa, durch den Beschuss von Uran mit Neutronen Elemente zu erzeugen, die schwerer als Uran sind, sogenannte Transurane. Auch Hahn, Meitner und der Chemiker Fritz Straßmann arbeiteten daran. 1938 musste Lise Meitner, die jüdischer Herkunft war, aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen. Sie ging über die Niederlande nach Schweden. Hahn und Straßmann setzten die Experimente in Berlin fort und standen mit ihr brieflich in Kontakt.
Im Dezember 1938 fanden Hahn und Straßmann bei ihren sorgfältigen chemischen Analysen etwas Unerwartetes. Unter den Produkten der Neutronenbestrahlung war eindeutig Barium. Barium hat aber nur etwa halb so viele Protonen im Kern wie Uran. Das bedeutete, dass der Urankern offenbar in zwei mittelschwere Teile zerplatzt war. Für die damalige Physik war das kaum vorstellbar, und Hahn formulierte seine Ergebnisse in der Veröffentlichung Anfang 1939 entsprechend vorsichtig. Als Chemiker war er sich seiner Analyse jedoch sicher.
Die physikalische Erklärung lieferten Lise Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch kurz darauf. Sie stellten sich den Atomkern wie einen Flüssigkeitstropfen vor, der durch das zusätzliche Neutron ins Schwingen gerät, sich einschnürt und in zwei Teile zerfällt. Dabei wird eine enorme Energiemenge frei, die sich mit Einsteins berühmter Formel E gleich m mal c Quadrat berechnen lässt. Frisch prägte für den Vorgang den Begriff Kernspaltung, englisch nuclear fission.
Bemerkenswert ist, dass die Entdeckung im Kern eine chemische war. Hahn und Straßmann wiesen das Barium mit klassischen Methoden der analytischen Chemie nach, indem sie es von chemisch ähnlichen Elementen wie Radium sorgfältig abtrennten. Gerade weil Hahn den Ergebnissen seiner Chemie vertraute, obwohl sie der gängigen physikalischen Lehrmeinung widersprachen, konnte die Entdeckung gelingen.
Warum die Entdeckung so folgenreich war
Bald zeigte sich, dass bei jeder Spaltung zusätzlich einige Neutronen frei werden. Diese können weitere Urankerne spalten, die wiederum Neutronen freisetzen. So kann eine Kettenreaktion entstehen. Kontrolliert lässt sich damit in Kernreaktoren Energie gewinnen, unkontrolliert führt sie zur Explosion einer Atombombe. Beides wurde in den folgenden Jahren Wirklichkeit: Im Zweiten Weltkrieg entwickelten die USA im Manhattan-Projekt die Atombombe, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurde. Hahn selbst war nicht an der Bombenentwicklung beteiligt.
Der Nobelpreis und die Frage nach Lise Meitner
Der Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1944 wurde 1945 an Otto Hahn allein vergeben, für seine Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne. Hahn erfuhr davon, während er mit anderen deutschen Wissenschaftlern von den Alliierten auf dem Landsitz Farm Hall in England interniert war. Die Verleihung fand daher erst 1946 statt.
Dass Lise Meitner nicht mit ausgezeichnet wurde, gilt heute vielen Historikern als Fehlentscheidung des Nobelkomitees. Ihre Beiträge zur physikalischen Deutung und ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Hahn waren für die Entdeckung wesentlich. Meitner wurde später mit anderen Ehrungen bedacht, und das chemische Element Meitnerium trägt ihren Namen.
Nach dem Krieg: Präsident und Mahner
Nach dem Krieg wurde Hahn 1946 Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die 1948 in Max-Planck-Gesellschaft umbenannt wurde. Er leitete sie bis 1960 und trug wesentlich zum Wiederaufbau der Forschung in der Bundesrepublik bei. Zugleich wurde er zu einem engagierten Mahner gegen Atomwaffen. 1955 gehörte er zu den Initiatoren der Mainauer Kundgebung, in der Nobelpreisträger vor den Gefahren eines Atomkriegs warnten. 1957 unterzeichnete er mit anderen Wissenschaftlern die Göttinger Erklärung, in der sich führende deutsche Atomforscher gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr aussprachen.
Tod und Vermächtnis
Otto Hahn starb am 28. Juli 1968 in Göttingen. Er gilt als einer der Begründer der Radiochemie und der Kernchemie. Zahlreiche Schulen, Straßen und Forschungseinrichtungen tragen seinen Namen, ebenso ein deutsches Forschungsschiff mit Atomantrieb, die Otto Hahn, die in den 1960er Jahren in Dienst gestellt wurde.
Sein Lebenswerk zeigt die Doppelgesichtigkeit großer wissenschaftlicher Entdeckungen. Die Kernspaltung ermöglichte die Stromerzeugung in Kernkraftwerken, die Produktion medizinischer Radioisotope und tiefe Einsichten in den Aufbau der Materie. Sie brachte aber auch die furchtbarsten Waffen der Menschheitsgeschichte hervor. Hahn selbst hat diese Spannung bis zu seinem Lebensende beschäftigt. Seine Geschichte ist deshalb nicht nur ein Kapitel der Chemie, sondern auch eine Mahnung, wissenschaftliche Erkenntnisse verantwortungsvoll zu nutzen.
Stand: 29.10.2026