Peyton Rous entdeckte 1911, dass ein Krebs bei Hühnern durch ein winziges, filtrierbares Agens übertragen werden kann, das später als Virus erkannt wurde. Die Fachwelt nahm diese Beobachtung lange kaum ernst. Erst 55 Jahre später, im Jahr 1966, erhielt Rous dafür den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, gemeinsam mit Charles Huggins. Mit 87 Jahren war er damals der älteste Mensch, der einen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin entgegennahm. In diesem Porträt erfahren Sie, wie seine Entdeckung zustande kam und warum sie die Krebsforschung bis heute prägt.
Herkunft und Ausbildung
Francis Peyton Rous wurde am 5. Oktober 1879 in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland geboren. Als Rufnamen verwendete er seinen zweiten Vornamen Peyton. Sein Vater starb früh, und die Mutter zog die Kinder in Baltimore groß. Schon als Jugendlicher interessierte sich Rous für die Natur und schrieb für eine Zeitung kurze Beiträge über Pflanzen der Umgebung.
Er studierte an der Johns Hopkins University, zunächst im Grundstudium und anschließend an der medizinischen Fakultät, wo er 1905 seinen Abschluss als Arzt erwarb. Während seiner Ausbildung zog er sich bei einer Autopsie eine Tuberkulose-Infektion zu und musste sich längere Zeit erholen. Diese Erfahrung und die anschließende klinische Arbeit bestärkten ihn darin, dass ihm die Forschung mehr lag als die Arbeit am Krankenbett. Er wandte sich der Pathologie zu und arbeitete unter anderem an der University of Michigan.
Am Rockefeller-Institut
1909 holte ihn Simon Flexner an das Rockefeller Institute for Medical Research in New York, die heutige Rockefeller University. Rous sollte dort die Krebsforschung übernehmen. Diesem Haus blieb er für den Rest seines Berufslebens verbunden, also für rund sechs Jahrzehnte.
Kurz nach seinem Antritt brachte ein Geflügelzüchter eine Henne der Rasse Plymouth Rock ins Institut, die an einem Tumor in der Brust litt. Es handelte sich um ein Sarkom, also einen bösartigen Tumor des Bindegewebes. Rous begann, dieses Tumorgewebe genauer zu untersuchen.
Die Entdeckung: Krebs aus einem Filtrat
Zunächst gelang es Rous, den Tumor zu übertragen, indem er Tumorzellen in gesunde Hühner desselben Stammes einpflanzte. Das allein war noch nicht ungewöhnlich, denn auch andere Forscher hatten Tumoren durch die Verpflanzung von Krebszellen übertragen. Entscheidend war der nächste Schritt.
Rous zerkleinerte das Tumorgewebe und presste die Masse durch einen sehr feinen Filter. Dieser Filter hielt Zellen und Bakterien zurück. Die klare Flüssigkeit, die hindurchlief, enthielt also keine intakten Zellen mehr. Als er diese zellfreie Flüssigkeit gesunden Hühnern injizierte, entwickelten die Tiere dennoch denselben Tumor. Rous folgerte, dass ein Agens, das kleiner als Bakterien sein musste, den Krebs verursachte. Er veröffentlichte seine Befunde 1910 und 1911 und vermutete bereits, dass es sich um ein winziges lebendes Gebilde handeln könnte, ließ die genaue Natur aber vorsichtig offen.
Heute wissen wir, dass es ein Virus war. Es trägt seinen Namen: Rous-Sarkom-Virus. Man kann sich die Bedeutung so vorstellen: Bis dahin galt Krebs als Erkrankung, die in den Zellen eines Körpers selbst entsteht und nicht ansteckend ist. Rous zeigte, dass zumindest bei Hühnern ein von außen kommender Erreger Krebs auslösen kann.
Jahrzehnte der Skepsis
Die Fachwelt reagierte zurückhaltend. Viele Forscher hielten die Hühnertumoren für einen Sonderfall, der für Säugetiere und den Menschen keine Bedeutung habe. Versuche, ähnliche Ergebnisse bei Mäusen und anderen Tieren zu erzielen, scheiterten zunächst. Rous selbst wandte sich nach einigen Jahren anderen Themen zu, auch weil er mit seinen Krebsexperimenten nicht weiterkam.
Während des Ersten Weltkriegs beschäftigte er sich mit der Konservierung von Blut. Gemeinsam mit Joseph R. Turner entwickelte er eine Lösung aus Citrat und Glucose, mit der sich Blut länger lagern ließ. Diese Arbeit trug dazu bei, dass Blut im Krieg an der Front aufbewahrt und für Transfusionen genutzt werden konnte, und gilt als ein früher Schritt hin zu modernen Blutbanken. In den folgenden Jahren untersuchte Rous zudem die Funktion der Leber und der Gallenblase.
Rückkehr zur Krebsforschung
In den 1930er-Jahren griff Rous das Thema Krebs wieder auf. Sein Kollege Richard Shope hatte ein Virus entdeckt, das bei Wildkaninchen gutartige Hautwucherungen, sogenannte Papillome, verursacht. Rous zeigte, dass diese Wucherungen bei Hauskaninchen in bösartigen Krebs übergehen konnten. Er untersuchte außerdem, wie Viren und chemische Stoffe wie Teer zusammenwirken. Dabei kam er zu dem Schluss, dass Krebs in mehreren Schritten entsteht: Ein erster Reiz verändert Zellen, weitere Einflüsse treiben die Entwicklung zum Tumor voran. Dieses Mehrstufenmodell der Krebsentstehung gilt in abgewandelter Form bis heute.
Bemerkenswert ist, dass Rous die später dominierende Vorstellung, Krebs entstehe durch Mutationen in den Genen der Körperzellen, lange skeptisch sah. In diesem Punkt hat die spätere Forschung ihm nicht recht gegeben. Ironischerweise war es aber gerade das nach ihm benannte Virus, das zur Entdeckung der Krebsgene beitrug.
Der Nobelpreis 1966
1966 erhielt Rous die Hälfte des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin für seine Entdeckung tumorauslösender Viren. Die andere Hälfte ging an Charles Huggins, der die Hormonbehandlung von Prostatakrebs begründet hatte. Zwischen Rous‘ Entdeckung und der Auszeichnung lagen 55 Jahre, ein außergewöhnlich langer Abstand. Rous war bereits mehrfach nominiert worden, doch erst die Entwicklung der Virologie nach dem Zweiten Weltkrieg machte die Tragweite seiner Arbeit für alle sichtbar. Inzwischen waren auch bei Säugetieren krebserregende Viren gefunden worden.
Wirkung: Vom Hühnervirus zu den Onkogenen
Das Rous-Sarkom-Virus wurde zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Krebsforschung. An Viren dieser Art entdeckten Howard Temin und David Baltimore das Enzym Reverse Transkriptase, mit dem bestimmte Viren ihre RNA in DNA umschreiben; beide erhielten 1975 den Nobelpreis. In den 1970er-Jahren fanden J. Michael Bishop und Harold Varmus heraus, dass das krebsauslösende Gen des Rous-Sarkom-Virus, genannt src, ursprünglich aus normalen Zellen stammt. Das Virus hatte ein zelleigenes Gen aufgenommen und in veränderter Form weitergetragen. Diese Erkenntnis führte zum Konzept der Onkogene, also von Genen, die bei Fehlsteuerung Krebs verursachen können. Bishop und Varmus wurden dafür 1989 ausgezeichnet.
Auch für den Menschen ist die Verbindung von Viren und Krebs heute gut belegt. Humane Papillomviren können Gebärmutterhalskrebs auslösen, Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Viren Leberkrebs, das Epstein-Barr-Virus bestimmte Lymphome. Impfungen gegen Hepatitis B und gegen Papillomviren verhindern dadurch zahlreiche Krebserkrankungen. Der Weg zu diesem Wissen begann mit der kranken Henne in Rous‘ Labor.
Herausgeber und Mentor
Neben seiner Forschung prägte Rous die Wissenschaft als Herausgeber. Über Jahrzehnte, von 1922 bis zu seinem Tod, betreute er das Journal of Experimental Medicine, eine der führenden Fachzeitschriften der Medizin. Er galt als strenger, aber förderlicher Redakteur, der großen Wert auf klare Sprache legte. Viele junge Forscher profitierten von seiner sorgfältigen Durchsicht ihrer Manuskripte.
Privatleben und Lebensende
Rous heiratete 1915 Marion Eckford de Kay. Das Paar hatte drei Töchter. Eine von ihnen, Marion, heiratete den britischen Physiologen Alan Hodgkin, der 1963 selbst den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt. Rous blieb bis ins hohe Alter wissenschaftlich aktiv und arbeitete noch in seinen Achtzigern im Labor. Er starb am 16. Februar 1970 in New York im Alter von 90 Jahren.
Bedeutung heute
Peyton Rous steht für eine Entdeckung, die ihrer Zeit weit voraus war. Er beobachtete genau, beschrieb vorsichtig und hielt an seinen Befunden fest, auch als sie kaum Anerkennung fanden. Seine Geschichte zeigt, dass der Wert grundlegender Forschung manchmal erst nach Jahrzehnten erkennbar wird. Ohne sein Hühnervirus wäre die moderne Molekularbiologie des Krebses kaum denkbar.
Der Nobelpreis in Zahlen
Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt Peyton Rous den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1966 zur Hälfte. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem Charles B. Huggins. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for his discovery of tumour-inducing viruses“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung Rockefeller University in New York, NY, USA. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 13. Oktober 1966. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 300.000 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 3.521.287 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung Baltimore, MD, USA. Er starb am 16. Februar 1970 in New York, NY, USA. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.
Weitere Informationen zur Auszeichnung finden Sie auf der offiziellen Seite des Nobelpreises.
Stand: 29.10.2026