Naturkatastrophe: Die zweite Marcellusflut

Die zweite Marcellusflut, die auch unter Namen wie Mandrankels, Grote Madetuen oder Grote Mandrenke bekannt ist, markiert eines der verheerendsten Naturereignisse in der Geschichte der deutschen Nordseeküste. Diese katastrophale Sturmflut, die am 15. Januar 1362 ihren Anfang nahm und am 16. Januar, dem Gedenktag des heiliggesprochenen Papstes Marcellus I., ihren Höhepunkt erreichte, hat tiefgreifende Spuren in der regionalen Geschichte hinterlassen.

Nach Überlieferungen erreichte die Flutwelle, die die Küstenregionen von Ostfriesland bis Nordfriesland erfasste, eine beispiellose Zerstörungskraft. Die Wucht des Wassers zerriss die nordfriesischen Uthlande und verwüstete weite

Landstriche. Schätzungen zufolge wurden rund 100.000 Hektar Land, darunter viele fruchtbare Kulturländer, unwiederbringlich überflutet. Die Flutkatastrophe hinterließ eine Landschaft des Verlustes und der Zerstörung, veränderte die Küstenlinien nachhaltig und hatte gravierende Auswirkungen auf die damalige Bevölkerung und Wirtschaft.

Das Ausmaß des menschlichen Leids war enorm. Gemäß historischen Quellen sollen zwischen Elbe und Ripen zehntausende Menschen in den Fluten ihr Leben verloren haben. Dies macht die zweite Marcellusflut zu einer der tödlichsten Naturkatastrophen in der europäischen Geschichte.

Ein besonders tragisches Schicksal erlitt die Stadt Rungholt, die als einer der bedeutendsten Handelsorte des Nordens galt. Sie wurde von der Flut vollständig zerstört und verschwand weitgehend im Meer.

Hier sind mehr Sturmfluten an der Nordsee.

 

Wetterregel zum 15. Januar – St. Habakuk

Hier finden Sie Bauernregeln bzw. Wetterregeln zum 15. Januar:

Spielt auch die Muck’ um Habakuk, der Bauer nach dem Futter guck.

  • Die Schnake, die hat leichtes Spiel, bringt der Januar der Wärme viel. Jedoch sticht uns’re Mücke nicht, schwillt auch nicht Habakuks Gesicht.

Der 15. Januar ist übrigens St. Habakuk.

Mehr bei unserer Übersicht der Wetterregeln. Vielleicht interessieren Sie sich auch für die 10 Fakten zum 15. Januar.

Köpfe: Marshall W. Nirenberg

Marshall W. Nirenberg war ein amerikanischer Biochemiker, der als Erster ein „Wort“ des genetischen Codes entzifferte. 1961 zeigte er mit seinem deutschen Kollegen Heinrich Matthaei an den National Institutes of Health (NIH) in Bethesda, dass die Basenfolge UUU in der Erbsubstanz RNA für den Eiweißbaustein Phenylalanin steht. In den folgenden Jahren klärten Nirenberg und andere Gruppen den gesamten Code auf – das Wörterbuch, mit dem Zellen Erbinformation in Proteine übersetzen. Dafür erhielt Nirenberg 1968 zusammen mit Har Gobind Khorana und Robert W. Holley den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Kindheit und Studium

Marshall Warren Nirenberg wurde am 10. April 1927 in New York City geboren. Als Kind erkrankte er an rheumatischem Fieber, und die Familie zog nach Florida in die Gegend von Orlando, weil das warme Klima seiner Gesundheit zuträglich sein sollte. Dort entwickelte er ein ausgeprägtes Interesse an der Natur, beobachtete Vögel und Insekten und führte Notizbücher über seine Beobachtungen.

Er studierte an der University of Florida in Gainesville Zoologie und Chemie, schloss 1948 mit dem Bachelor ab und erwarb 1952 einen Master in Zoologie mit einer Arbeit über Köcherfliegen. Für die Promotion wechselte er an die University of Michigan in Ann Arbor, wo er 1957 in Biochemie mit einer Arbeit über die Aufnahme von Zucker in Tumorzellen promoviert wurde.

An den National Institutes of Health

Noch 1957 kam Nirenberg als Postdoktorand an die NIH in Bethesda bei Washington. 1960 erhielt er dort eine feste Stelle als Forscher. Er wollte nun eine der großen offenen Fragen der Biologie angehen: Wie bestimmt die Erbinformation, welche Proteine eine Zelle herstellt?

Seit der Entdeckung der DNA-Doppelhelix 1953 war klar, dass die Information in der Reihenfolge von vier Basen liegt. Proteine bestehen dagegen aus 20 verschiedenen Aminosäuren. Theoretiker hatten überlegt, dass jeweils drei Basen eine Aminosäure kodieren könnten, denn drei Basen ergeben 64 mögliche Kombinationen, genug für 20 Aminosäuren. Doch welche Kombination für welche Aminosäure steht, wusste niemand. Viele hielten die Frage mit damaligen Methoden für kaum lösbar.

Das Poly-U-Experiment

Nirenberg verfolgte einen biochemischen Ansatz. Er stellte aus Darmbakterien (Escherichia coli) einen zellfreien Extrakt her, also eine Art Zellsaft, in dem die Maschinerie zur Herstellung von Proteinen noch funktionierte. Gab man diesem Extrakt RNA als Bauanleitung und Aminosäuren als Baumaterial, entstanden Eiweißketten. 1960 stieß der junge Biochemiker Heinrich Matthaei aus Deutschland als Gastforscher zu ihm.

Die Forscher fügten dem Extrakt künstlich hergestellte RNA zu, die nur aus einer einzigen Base bestand: Uracil, abgekürzt U. Diese „Poly-U“ war eine Bauanleitung, die nur ein einziges Wort immer wieder wiederholte. Dann prüften sie in vielen Ansätzen, welche der 20 Aminosäuren in neu gebildetes Protein eingebaut wurde. Dazu war jeweils eine Aminosäure radioaktiv markiert. In der Nacht zum 27. Mai 1961 zeigte Matthaeis Messung ein eindeutiges Ergebnis: Nur Phenylalanin wurde eingebaut. Es entstand eine Kette aus lauter Phenylalanin-Bausteinen.

Damit war das erste Codewort gefunden: UUU bedeutet Phenylalanin. Gleichzeitig war bewiesen, dass sich der Code mit zellfreien Systemen im Reagenzglas knacken ließ.

Der Auftritt in Moskau

Im August 1961 stellte Nirenberg die Ergebnisse auf dem Internationalen Biochemie-Kongress in Moskau vor – zunächst in einem kleinen Saal vor wenigen Zuhörern. Francis Crick, der davon erfahren hatte, sorgte dafür, dass Nirenberg seinen Vortrag vor großem Publikum wiederholen konnte. Die Nachricht schlug ein. Für den bis dahin wenig bekannten NIH-Forscher begann ein intensives Rennen mit anderen Laboren, vor allem mit der Gruppe von Severo Ochoa in New York.

Das ganze Wörterbuch

In den folgenden Jahren arbeitete Nirenberg mit einem wachsenden Team daran, auch die übrigen Codewörter zu bestimmen. Mit gemischten Kunst-RNAs ließ sich zwar die Zusammensetzung, aber nicht die genaue Reihenfolge der Basen eines Codeworts ermitteln. 1964 entwickelte Nirenberg mit Philip Leder ein neues Verfahren: Sie stellten kurze RNA-Stücke aus genau drei Basen her und prüften, welche mit Aminosäure beladene Transfer-RNA daran an Ribosomen gebunden wurde. Damit konnten sie Codewort für Codewort zuordnen.

Parallel synthetisierte Har Gobind Khorana an der University of Wisconsin RNA mit genau festgelegten, sich wiederholenden Sequenzen. Robert W. Holley klärte die Struktur einer Transfer-RNA auf, des Adaptermoleküls, das Codewort und Aminosäure verbindet. Bis 1966 war der genetische Code weitgehend vollständig entschlüsselt: 61 der 64 Dreierkombinationen stehen für Aminosäuren, drei bedeuten „Stopp“.

Für die NIH war der Erfolg ebenfalls ein Wendepunkt. Die staatliche Forschungseinrichtung galt bis dahin vor allem als Ort angewandter medizinischer Forschung. Mit Nirenbergs Entdeckung wurde sie zu einem Zentrum der Grundlagenforschung, an dem die Molekularbiologie neue Impulse erhielt. Nirenbergs Labor wuchs rasch; zeitweise arbeiteten zahlreiche Postdoktoranden und technische Mitarbeiter an der Zuordnung der Codewörter. Die Arbeit war oft monoton: Unzählige Ansätze mussten angesetzt, gefiltert und gemessen werden, um für jedes der 64 möglichen Wörter eine sichere Zuordnung zu erhalten. Nirenberg führte darüber akribisch Buch und hielt den Fortschritt in großen Tabellen fest, die den Code nach und nach füllten.

Der genetische Code, einfach erklärt

Stellen Sie sich die Erbinformation als langen Text vor, der nur aus vier Buchstaben besteht. Die Zelle liest diesen Text in Dreiergruppen, ähnlich wie Wörter. Jedes Dreierwort steht für einen Baustein eines Eiweißes oder für ein Satzende. Ein Übersetzer in der Zelle, die Transfer-RNA, erkennt jeweils ein Wort und bringt den passenden Baustein mit. Aneinandergereiht ergeben die Bausteine ein Protein, das in der Zelle eine bestimmte Aufgabe erfüllt.

Eine bemerkenswerte Erkenntnis war, dass dieses Wörterbuch bei fast allen Lebewesen gleich ist – vom Bakterium bis zum Menschen. Nirenberg selbst prüfte dies mit Material aus verschiedenen Organismen. Der Befund ist ein starkes Argument für die gemeinsame Abstammung allen Lebens.

Der Nobelpreis 1968

1968 erhielten Holley, Khorana und Nirenberg den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „für ihre Interpretation des genetischen Codes und seiner Funktion bei der Proteinsynthese“. Heinrich Matthaei, der das entscheidende Experiment mit durchgeführt hatte, wurde nicht berücksichtigt; das wird in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder diskutiert. Die offiziellen Angaben finden Sie bei der Nobelstiftung.

Späte Jahre: Neurobiologie

Nach der Entschlüsselung des Codes wandte sich Nirenberg einem ganz anderen Feld zu, der Neurobiologie. Er untersuchte an Zellkulturen von Nervenzellen, wie Synapsen entstehen, und befasste sich später mit Genen, die die Entwicklung des Nervensystems bei der Taufliege Drosophila steuern, insbesondere mit sogenannten Homöobox-Genen. Er blieb bis an sein Lebensende an den NIH tätig, wo er ein Labor für biochemische Genetik leitete. Nirenberg galt als bescheiden und zurückhaltend und zog die Laborarbeit dem öffentlichen Auftritt vor.

Privatleben und Tod

1961 heiratete Nirenberg die Chemikerin Perola Zaltzman aus Brasilien, die ebenfalls an den NIH forschte. Sie starb 2001. 2005 heiratete er die Psychiatrie-Epidemiologin Myrna M. Weissman. Marshall W. Nirenberg starb am 15. Januar 2010 in New York an Krebs. Er wurde 82 Jahre alt.

Wirkung

Ohne Kenntnis des genetischen Codes wäre die moderne Molekularbiologie undenkbar. Wer heute eine Genmutation untersucht, ein Protein gentechnisch herstellt, etwa Insulin für Menschen mit Diabetes, oder einen mRNA-Impfstoff entwickelt, nutzt das Wörterbuch, das Nirenberg und seine Kollegen zusammengestellt haben. Auch die Diagnose erblicher Krankheiten beruht darauf: Erst mit dem Code lässt sich sagen, wie sich eine veränderte Base auf ein Eiweiß auswirkt.

Nirenbergs Weg zeigt zudem, was ein junger Forscher mit einem klugen, einfachen Experiment erreichen kann. Ein zellfreier Extrakt, eine künstliche RNA aus lauter gleichen Buchstaben und viel Ausdauer genügten, um eine der grundlegenden Fragen der Biologie zu öffnen. Seine handschriftlichen Laborunterlagen bewahrt heute die National Library of Medicine auf.

Der Nobelpreis in Zahlen

Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt Marshall W. Nirenberg den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1968 zu einem Drittel. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem H. Gobind Khorana und Robert W. Holley. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for their interpretation of the genetic code and its function in protein synthesis“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung National Institutes of Health in Bethesda, MD, USA. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 16. Oktober 1968. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 350.000 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 3.859.767 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung New York, NY, USA. Er starb am 15. Januar 2010 in New York, NY, USA. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Seán MacBride

Seán MacBride war eine der ungewöhnlichsten Persönlichkeiten unter den Trägern des Friedensnobelpreises: in jungen Jahren Kämpfer und später Stabschef der Irisch-Republikanischen Armee, danach Rechtsanwalt, Außenminister der Republik Irland, Mitbegründer von Amnesty International und hoher Funktionsträger der Vereinten Nationen. Er wurde am 26. Januar 1904 in Paris geboren. 1974 erhielt er den Friedensnobelpreis, gemeinsam mit dem früheren japanischen Ministerpräsidenten Eisaku Satō. Wenige Jahre später wurde ihm zudem der sowjetische Lenin-Friedenspreis verliehen.

MacBride stammte aus einer Familie, die eng mit dem irischen Unabhängigkeitskampf verbunden war. Seine Mutter war Maud Gonne, Schauspielerin, Aktivistin für die irische Unabhängigkeit und bekannt als Muse des Dichters William Butler Yeats. Sein Vater John MacBride hatte im Burenkrieg auf der Seite der Buren gegen die Briten gekämpft und wurde 1916 nach dem Osteraufstand in Dublin von den britischen Behörden hingerichtet. Seán wuchs zunächst in Frankreich auf; Französisch war seine erste Sprache, und sein Englisch behielt Zeit seines Lebens einen französischen Akzent.

Nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Irland. Schon als Jugendlicher schloss sich MacBride der IRA an und beteiligte sich am irischen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien. Den Anglo-Irischen Vertrag von 1921, der den Irischen Freistaat schuf, Nordirland aber beim Vereinigten Königreich beließ, lehnte er ab und kämpfte im anschließenden Bürgerkrieg auf der Seite der Vertragsgegner. Er wurde mehrfach verhaftet. In den 1930er-Jahren war er zeitweise Stabschef der IRA. Er verließ die Organisation Ende der 1930er-Jahre, als sie sich wieder stärker auf Anschläge in Großbritannien verlegte.

Parallel hatte MacBride Jura studiert. 1937 wurde er als Anwalt zugelassen und machte sich bald einen Namen als Verteidiger in politischen Prozessen, häufig für Republikaner. Er galt als scharfsinniger Jurist, der das Recht als Werkzeug gegen staatliche Willkür verstand. Diese Erfahrung als Verteidiger von Menschen, die in Haft gerieten, prägte sein späteres Engagement für Gefangene weltweit.

1946 gründete MacBride die Partei Clann na Poblachta, eine republikanische, sozialreformerische Partei. Nach der Wahl 1948 trat sie einer Koalitionsregierung bei, und MacBride wurde Außenminister. In seine Amtszeit fiel der Austritt Irlands aus dem Commonwealth und die Ausrufung der Republik Irland 1949. Auf europäischer Ebene wirkte er an der Arbeit des neu gegründeten Europarats mit und war 1950 einer der Unterzeichner der Europäischen Menschenrechtskonvention. Er setzte sich zudem für die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit ein. Die Regierung zerbrach 1951, unter anderem am Streit um ein Gesundheitsprogramm für Mütter und Kinder.

In den folgenden Jahrzehnten verlagerte MacBride seinen Schwerpunkt auf internationale Menschenrechtsarbeit. 1961 gehörte er zu den Gründungsfiguren von Amnesty International, das aus einer Initiative des britischen Anwalts Peter Benenson hervorging. MacBride war von 1961 bis 1975 Vorsitzender des Internationalen Exekutivkomitees der Organisation und trug wesentlich dazu bei, sie zu einer weltweit tätigen Bewegung für politische Gefangene zu machen. Von 1963 bis 1971 war er zudem Generalsekretär der Internationalen Juristenkommission in Genf, die sich für Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Justiz einsetzt.

MacBride engagierte sich auch in Fragen der Abrüstung. Er war Vorsitzender des Internationalen Friedensbüros in Genf und setzte sich gegen das atomare Wettrüsten ein. Ab 1973 war er Kommissar der Vereinten Nationen für Namibia, das damals von Südafrika verwaltet wurde, obwohl die Vereinten Nationen das Mandat für beendet erklärt hatten. In dieser Funktion trat er für die Unabhängigkeit Namibias und gegen die Apartheidpolitik Südafrikas ein. Namibia erlangte seine Unabhängigkeit erst 1990, nach seinem Tod.

1974 vergab das Norwegische Nobelkomitee den Friedensnobelpreis an MacBride und an Eisaku Satō. Die Begründung für MacBride würdigte sinngemäß seine Bemühungen, die Menschenrechte in der ganzen Welt zu sichern und weiterzuentwickeln. Das Komitee hob dabei sein Engagement in internationalen Organisationen hervor, insbesondere bei Amnesty International, der Internationalen Juristenkommission und in der Namibia-Frage. Die Doppelvergabe an einen früheren Untergrundkämpfer und an einen konservativen japanischen Regierungschef stieß auf geteiltes Echo.

Kritik an MacBride bezog sich vor allem auf seine Vergangenheit in der IRA. Gegner fragten, ob ein Mann, der in jungen Jahren an bewaffneten Aktionen beteiligt war, ein geeigneter Friedensnobelpreisträger sei. Befürworter verwiesen darauf, dass sich MacBride über Jahrzehnte konsequent für Recht, Menschenrechte und gewaltfreie Lösungen eingesetzt habe und dass seine Biografie gerade zeige, wie ein Mensch vom bewaffneten Kampf zum Engagement für internationales Recht finden könne. Umstritten war in den Augen westlicher Kritiker auch, dass er 1977 den Lenin-Friedenspreis der Sowjetunion annahm.

In den späten 1970er-Jahren leitete MacBride eine Kommission der UNESCO, die sich mit Fragen der internationalen Kommunikation befasste. Ihr Abschlussbericht von 1980, oft als MacBride-Bericht bezeichnet, trug den Titel „Many Voices, One World“. Er kritisierte das Ungleichgewicht im internationalen Nachrichtenfluss zugunsten der Industrieländer und forderte eine neue Weltinformations- und Kommunikationsordnung. Der Bericht war politisch heftig umstritten; westliche Regierungen und Medienverbände befürchteten staatliche Eingriffe in die Pressefreiheit. Die Debatte trug zum zeitweiligen Austritt der USA und Großbritanniens aus der UNESCO in den 1980er-Jahren bei.

Mit Blick auf Nordirland formulierte MacBride in den 1980er-Jahren die nach ihm benannten MacBride-Prinzipien. Sie richteten sich an amerikanische Unternehmen mit Niederlassungen in Nordirland und forderten Maßnahmen gegen religiöse Diskriminierung bei der Einstellung von Beschäftigten. Mehrere amerikanische Bundesstaaten und Städte machten die Einhaltung dieser Prinzipien zur Bedingung für Investitionen. Die Initiative war umstritten, trug aber dazu bei, die Debatte über Gleichbehandlung am Arbeitsplatz in Nordirland zu verstärken.

Auffällig ist, wie sehr MacBride das Völkerrecht als Mittel der Friedenssicherung verstand. Er setzte sich dafür ein, dass internationale Gerichte und Kommissionen gestärkt werden und dass Staaten sich verbindlichen Verfahren unterwerfen. In vielen seiner Reden betonte er, dass Abrüstung und Menschenrechte zusammengehören: Ein Staat, der seine eigenen Bürger willkürlich behandelt, sei auch nach außen ein unsicherer Partner. Umgekehrt nähre das Wettrüsten ein Klima der Angst, in dem Freiheitsrechte leicht geopfert würden.

Zugleich blieb MacBride in seiner Haltung zu Irland zeitlebens Republikaner. Er hielt an dem Ziel eines vereinten Irlands fest, bevorzugte in seinen späteren Jahren aber politische und rechtliche Wege. Diese doppelte Loyalität, zur irischen Sache und zu universellen Menschenrechten, machte ihn für manche Beobachter widersprüchlich, für andere gerade glaubwürdig. Sie erklärt auch, warum er in Irland bis heute sehr unterschiedlich beurteilt wird: als Held der Unabhängigkeit, als pragmatischer Politiker oder als internationaler Menschenrechtler, dessen Wirken im eigenen Land weniger sichtbar war als im Ausland.

Seán MacBride starb am 15. Januar 1988 in Dublin, wenige Tage vor seinem 84. Geburtstag. Er wurde auf dem Friedhof Glasnevin beigesetzt, der für viele Persönlichkeiten der irischen Geschichte zur letzten Ruhestätte wurde.

Seine Lebensgeschichte zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung: vom jugendlichen Kämpfer in einem bewaffneten Unabhängigkeitskrieg hin zu einem der wichtigsten Fürsprecher des internationalen Menschenrechtsschutzes. Er hat an der Europäischen Menschenrechtskonvention mitgewirkt, Amnesty International mit aufgebaut und sich für die Dekolonisierung Namibias eingesetzt. Das macht ihn zu einer schwierigen, aber lehrreichen Figur.

Wenn Sie den Friedensnobelpreis als Auszeichnung für makellose Heilige verstehen, werden Sie mit MacBride hadern. Wenn Sie ihn dagegen als Würdigung von Beiträgen zu einer friedlicheren Welt begreifen, ergibt seine Auswahl Sinn. MacBride verkörpert die Idee, dass Menschenrechte nicht nur gegen fremde Mächte, sondern auch gegen die eigene Regierung verteidigt werden müssen – und dass es dafür internationale Institutionen braucht, die unabhängig von nationalen Interessen arbeiten.

Stand: 29.10.2026