Angela Merkel CCCLIX – Rede vor dem EU Parlament 2015

Angela Merkel CCCLIX.

Angela Merkel hält am 7. Oktober 2015 eine Rede vor dem Europäischen Parlament, in der sie die historische Leistung Europas bei der Überwindung von Spaltungen und dem Zusammenwachsen lobt. Sie betont die Notwendigkeit einer entschlossenen europäischen Antwort auf die Flüchtlingskrise und forderte eine verstärkte Außen- und Entwicklungspolitik sowie eine bessere Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern. Merkel betont die Bedeutung von Werten wie Menschenwürde, Solidarität und Toleranz und forderte eine faire Verteilung von Flüchtlingen auf alle Mitgliedstaaten. Sie betonte auch die Notwendigkeit, die Integrationsaufgabe zu bewältigen.

Merkel schloss mit einem Appell zur Überzeugungsarbeit für Europa und zitierte Helmut Kohl: „Mit Klugheit und mit Augenmaß, mit Einfallsreichtum und Flexibilität.“

Die ganze Rede können Sie hier lesen.

Karikatur mit Midjourney erstellt, hier finden Sie mehr Merkels.

10 Fakten über die albanische Fußballnationalmannschaft

albanien-flagge

Aktualisiert im Oktober 2026 (Stand: 14.10.2026). Der ursprüngliche Beitrag stammt vom 18.06.2016, während der EM in Frankreich.

  1. Die albanische Fußballnationalmannschaft, die Kombëtarja, ist die Auswahl des albanischen Fußballverbands „Federata Shqiptare e Futbollit“ (FSHF). Der Verband wurde am 6. Juni 1930 gegründet und gehört der UEFA an. Der FIFA-Code Albaniens lautet ALB.
  2. Der Spitzname der Mannschaft lautet „Kuqezinjtë“, also „die Rot-Schwarzen“. Die klassischen Farben sind entsprechend Rot und Schwarz, die Farben der albanischen Flagge.
  3. Heimstadion ist seit November 2019 die Arena Kombëtare in Tirana, aus Sponsoringgründen „Air Albania Stadium“ genannt (22.500 Plätze). Sie steht an der Stelle des alten „Stadiumi Qemal Stafa“, das 2016 abgerissen wurde. Historisch: Während des Neubaus spielte die Mannschaft in der Elbasan Arena. 2022 fand in der Arena Kombëtare das erste Finale der UEFA Europa Conference League statt (AS Rom gegen Feyenoord).
  4. Das erste Länderspiel bestritt Albanien am 7. Oktober 1946 in Tirana. Es endete mit einem 2:3 gegen Jugoslawien. Im selben Jahr gewann Albanien den Balkan-Cup, bis heute sein größter Titel.
  5. Die höchsten Siege sind ein 5:0 gegen Vietnam (12. Februar 2003 in Bastia Umbra, Italien), ein 6:1 gegen Zypern (12. August 2009 in Tirana) und ein 5:0 gegen San Marino (8. September 2021 in Elbasan).
  6. Die höchste Niederlage war ein 0:12 gegen Ungarn am 24. September 1950 in Budapest.
  7. Bei Europameisterschaften war Albanien bisher zweimal dabei: 2016 in Frankreich (erste Turnierteilnahme überhaupt, Aus in der Vorrunde) und 2024 in Deutschland. Bei der EURO 2024 traf die Mannschaft in einer „Todesgruppe“ auf Spanien, Italien und Kroatien. Nach Niederlagen gegen Italien und Spanien sowie einem 2:2 gegen Kroatien schied sie als Gruppenletzter aus.
  8. An einer Weltmeisterschaft hat Albanien noch nie teilgenommen. In der Qualifikation für die WM 2026 wurde die Mannschaft Zweiter der Gruppe K hinter England und erreichte damit erstmals die Play-offs. Dort schied sie im März 2026 mit einem 1:2 in Polen aus, nachdem sie zunächst in Führung gegangen war.
  9. Rekordnationalspieler ist Elseid Hysaj mit 103 Länderspielen (Stand: Oktober 2026). Rekordtorschütze ist weiterhin Erjon Bogdani mit 18 Toren in 73 Spielen (1996–2013). Kapitän ist Berat Gjimshiti.
  10. Cheftrainer ist der Italiener Rolando Maran (Stand: Oktober 2026). Sein Vorgänger Sylvinho führte das Team zur EURO 2024. Die beste Platzierung in der FIFA-Weltrangliste erreichte Albanien im August 2015 mit Rang 22, die schlechteste im August 1997 mit Rang 124. Nach dem Abstieg aus der Nations League B spielt Albanien in der Nations League 2026/27 in Liga C.

Stand: 14.10.2026 (ursprünglich 18.06.2016)

Quellen

Bild: Pixabay

Dokumentiert: Rede von Bundeskanzlerin Merkel am 7. Oktober 2015 vor dem Europäischen Parlament

Sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Parlaments, lieber Martin Schulz,
sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission, lieber Jean-Claude Juncker,
liebe Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament,
meine Damen und Herren,

im November 1989 sprachen zum letzten Mal ein französischer Präsident und ein deutscher Bundeskanzler gemeinsam vor dem Europäischen Parlament. François Mitterrand und Helmut Kohl ergriffen kurz nach dem Mauerfall hier in Straßburg das Wort. Beide spürten die sich abzeichnenden Umbrüche in Deutschland und in Europa. Beide zeigten sich von diesen Umbrüchen tief bewegt. Beide bekannten sich in diesen Stunden mit klaren Worten dazu, gemeinsame europäische Antworten zu finden. So folgte auf das Zusammenwachsen Deutschlands schließlich das Zusammenwachsen Europas.

Heute können wir mit großer Dankbarkeit und mit etwas Stolz auf die historische Leistung zurückblicken, die wir Europäerinnen und Europäer im Zuge des Zusammenwachsens unseres Kontinents erbracht haben. Uns erscheint das freie und vereinte Europa heute selbstverständlich. Aber diese historische Leistung erforderte eine große Kraftanstrengung.

Es gab in den alten Mitgliedstaaten Ängste und Skepsis zum Beispiel davor, dass sich die Zahl der Mitgliedstaaten der Europäischen Union fast verdoppeln sollte. Viele sahen die Freizügigkeit für Millionen neue EU-Bürgerinnen und EU-Bürger als Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz. Neue Entscheidungsstrukturen mussten entwickelt werden. Europäische Fördermittel mussten zugunsten der neuen Mitgliedstaaten umverteilt werden.

Heute erkennen wir, dass sich diese Kraftanstrengung für uns alle gelohnt hat. Sie hat uns nicht zu weniger, sondern sie hat uns zu mehr Wohlstand verholfen. Sie hat uns nicht zu weniger, sondern zu mehr Freiheit verholfen. Sie hat uns nicht zu weniger, sondern zu mehr Vielfalt verholfen. Kurz: Sie hat uns zu mehr Europa verholfen, weil wir Europäer in unserer Geschichte gelernt haben, aus unserer Vielfalt das Meiste zu machen. Die Eigenschaft, die uns dazu befähigt, die uns zur Freiheit in Verantwortung befähigt, ist Toleranz. Sie ist ein wertvolles Gut.

Die Überwindung des Gegensatzes zwischen Ost und West hat sich als eine gigantische Erfolgsgeschichte erwiesen. Sie zeigt uns, wozu wir Europäer in der Lage sind, wenn wir nur wollen, wenn wir Mut beweisen und wenn wir zusammenhalten. Sie zeigt auch, dass es überhaupt keinen Grund gibt, sich von Rückschlägen, die es selbstverständlich immer wieder gibt, entmutigen zu lassen. In einem Wort: Sie zeigt uns, was möglich ist.

Dafür stehen die Erarbeitung der Grundrechtecharta und der Lissaboner Vertrag. Dafür stehen die Erfahrungen in der internationalen Finanzkrise, die wir gemeinsam bewältigt haben und aus der wir stärker hervorgegangen sind, als wir in sie hineingegangen sind. Dafür steht die europäische Staatsschuldenkrise, in der wir gemeinsam gehandelt haben. François Hollande hat auf die schwierigen Verhandlungen hingewiesen. Aber dadurch, dass wir gemeinsam gehandelt haben, haben wir den Zusammenhalt der Eurozone sichern können.

Meine Damen und Herren, heute dürfen der französische Präsident François Hollande und ich zu Ihnen sprechen. Ich danke Ihnen, Herr Parlamentspräsident, für diese Einladung. Wir sprechen in einer Zeit, in der Europa wieder eine große Herausforderung zu bewältigen hat. Es ist eine Bewährungsprobe historischen Ausmaßes.

Und das sind die vielen, vielen Menschen, die sich auf überaus gefährlichen Wegen nach Europa aufmachen, um hier Zuflucht zu finden. Menschen, die über das Mittelmeer nach Italien oder über die Ägäis aus der Türkei nach Griechenland kommen. Menschen, die vor schrecklichen Bürgerkriegen fliehen, insbesondere vor dem Krieg in Syrien, der schon mehr als 250.000 Opfer gefordert hat und mehr als zehn Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht hat. Flüchtlinge aus dem Irak und Flüchtlinge, die über das instabile Libyen aus Afrika zu uns kommen.

Sie alle mussten erleben, dass unsere diplomatischen und politischen Bemühungen und die unserer transatlantischen Verbündeten bislang keinen Frieden in Syrien gebracht haben. Das Erstarken der Terrororganisation IS im Irak und in Syrien konnte nicht verhindert werden. Das Machtvakuum in Libyen ist noch nicht gefüllt. Diesen Menschen wieder ein menschenwürdiges Leben in ihrer Heimat zu ermöglichen, ohne dass sie in Angst und Schrecken vor Bomben und Terror erstarren müssen – das zu schaffen, ist eine europäische und letztlich eine globale Aufgabe.

Die Botschaft am heutigen Tage ist: Es wird eines entschlossenen Beitrags von Europa zur Lösung dieser Krisen brauchen – beim Kampf gegen Krieg und Vertreibung, Terrorismus und politische Verfolgung, gegen Armut und Perspektivlosigkeit.

Deutschland und Frankreich haben mit Entschlossenheit den schrecklichen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu lösen versucht. Wir haben die Annexion der Krim erlebt, wir haben die Destabilisierung der Ostukraine erlebt. Ich sage ganz offen: Wir haben glücklicherweise in Europa gemeinsam gehandelt, wir haben gemeinsam Sanktionen verhängt und gesagt, dass das Vorgehen Russlands eine Verletzung unserer Prinzipien ist, die wir nicht zulassen werden. Jetzt arbeiten wir im Normandie-Format daran, diesen Konflikt zu lösen. Gerade erst am letzten Freitag hatten wir Gespräche in Frankreich, in Paris, die uns hoffen lassen, dass zumindest der Waffenstillstand halten könnte. Immerhin wurden die Wahlen in Donezk und Lugansk verschoben. Aber, meine Damen und Herren, das ist nur einer von vielen Konflikten.

Ich bin überzeugt: Wir müssen unsere Außen- und Entwicklungspolitik deutlich stärker darauf ausrichten, Konflikte zu lösen und Fluchtursachen zu bekämpfen. Wir werden uns auch finanziell deutlich stärker engagieren müssen als heute. Die hierfür notwendigen Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. All dies wird Europa wieder verändern, genauso wie sich Europa nach den Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa vor 25 Jahren tiefgreifend verändert hat.

Natürlich werden wir uns weiter mit der Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit beschäftigen. Natürlich werden wir uns mit der Digitalisierung unserer Gesellschaften, mit einer nachhaltigen Entwicklung, mit einer gemeinsamen Energiepolitik und mit Freihandelsabkommen mit anderen Ländern nach der Maßgabe unserer Prinzipien beschäftigen. Gerade jetzt wird ja ein wirtschaftlich starkes Europa, das die Chancen des Binnenmarktes nutzt, mehr denn je gebraucht. Dazu müssen wir auch die wirtschaftspolitische Koordinierung in der Eurozone verbessern und auf dieser Grundlage die Gründungsfehler der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beheben. Deutschland und Frankreich werden ihren Beitrag dazu leisten.

Doch die überaus große Zahl der Flüchtlinge verändert Europas Tagesordnung noch zusätzlich – und zwar nachhaltig, weil sie unsere Werte und Interessen als Europäer und weltweit in besonderer Weise herausfordert. Wenn es heißt, dass der Flüchtlingsandrang geordnet und im Ergebnis eingedämmt werden soll, dann führt kein Weg daran vorbei, dort anzusetzen, wo Flucht und Vertreibung verursacht werden. Dass das Zeit, Geduld und einen langen Atem braucht, versteht sich von selbst.

Wir in Europa – das erleben wir besonders in diesen Monaten – sind mit den globalen Ereignissen eng verbunden, und zwar unmittelbar; ob uns das gefällt oder nicht. Wir können uns von den globalen Ereignissen nicht mehr entkoppeln. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute – etwa 60 Millionen. Allein diese eine Zahl macht die ganze Dimension der Aufgabe deutlich.

Niemand verlässt seine Heimat leichtfertig – auch nicht die, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kommen. Aber denen müssen wir auch sagen, dass sie nicht bleiben können, damit wir denen wirklich helfen können, die tatsächlich unseren Schutz vor Krieg und Verfolgung brauchen. Dazu brauchen wir einen politischen Prozess zur Lösung der Krise in Syrien mit allen regionalen und internationalen Akteuren – mit einer stärkeren Rolle Europas. Den Nachbarstaaten Syriens müssen wir helfen, den Millionen von Flüchtlingen eine angemessene Perspektive bieten zu können. Die Europäische Kommission hat daher Vorschläge zur besseren finanziellen Ausstattung gemacht. Ich danke auch dem Parlament, das dies unterstützt. Auch die Nationalstaaten müssen ihren Beitrag leisten.

Die Türkei spielt eine Schlüsselrolle. Sie ist unser unmittelbarer Nachbar und ein Ausgangspunkt für irreguläre Migration. Die Türkei leistet Außergewöhnliches für mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Sie braucht aber verstärkt unsere Unterstützung – bei der Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen, bei der Grenzsicherung, beim Kampf gegen Schlepper. Der migrationspolitische Dialog, den die Europäische Kommission mit der Türkei begonnen hat, ist gerade deshalb von so großer Bedeutung. Deutschland wird diese Anstrengungen der Kommission bilateral unterstützen. Genauso wichtig sind alle Bemühungen, in Libyen eine Einheitsregierung zu bilden. Europa unterstützt die Bemühungen des UN-Beauftragten León.

Die gesamte Europäische Union ist bei der Bewältigung dieser Aufgaben gefragt. Wir dürfen in der Flüchtlingskrise nicht der Versuchung erliegen, in nationalstaatliches Handeln zurückzufallen. Ganz im Gegenteil, gerade jetzt brauchen wir mehr Europa. Wir brauchen mehr denn je den Mut und den Zusammenhalt, den Europa immer gerade dann bewiesen hat, wenn es darauf ankam. Deutschland und Frankreich sind dazu bereit.

Darin sind wir uns einig mit dem Präsidenten der Europäischen Kommission, der viele wichtige Vorschläge auf den Tisch gelegt hat, die wir jetzt konsequent umsetzen müssen. Darin sind wir uns einig mit dem Präsidenten des Europäischen Rates, der sehr engagiert daran arbeitet, die Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitländern zu verbessern. Und darin sind wir uns einig mit dem Europäischen Parlament, das in seiner Entschließung vom 10. September daran erinnert hat, dass nationale Alleingänge in der Flüchtlingskrise keine Lösung sind. Herr Präsident, wir danken Ihnen auch für unkonventionelle, schnelle Beschlüsse, die wichtig waren.

Denn nur gemeinsam wird es Europa gelingen, die weltweiten Ursachen von Flucht und Vertreibung zu verringern. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, kriminelle Schlepperbanden wirksam zu bekämpfen. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, mit gemeinsam betriebenen Hotspots die Außengrenzen der Europäischen Union besser zu schützen und ein Europa ohne Binnengrenzen nicht zu gefährden. – Ich sage ausdrücklich: Auch der Schutz der Außengrenzen wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir in unserer Nachbarschaft etwas zur Bewältigung der vielen Krisen tun, die sozusagen vor unserer Haustür stattfinden. – Nur gemeinsam wird es uns gelingen, EU-weite Rückführungsabkommen zu vereinbaren, um diejenigen, die keine Bleibeperspektive haben, tatsächlich wieder in ihre Heimatländer zu bringen. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, eine faire und angemessene Verteilung von Flüchtlingen auf alle Mitgliedstaaten zu erreichen. Ein erster Schritt ist gemacht. Auch hierfür danke ich dem Parlament bzw. der Mehrheit für ihre Positionierung.

Seien wir ehrlich: Das Dublin-Verfahren in seiner jetzigen Form ist in der Praxis obsolet. Es war in der Tat gut gemeint; ohne Zweifel. Doch unter dem Strich hat es sich angesichts der Herausforderungen an unseren Außengrenzen als nicht tragfähig erwiesen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass wir ein neues Vorgehen für Fairness und Solidarität in der Lastenteilung vereinbaren. Ich begrüße die Arbeiten der Kommission dazu. Ich glaube, es ist gut, dass Deutschland und Frankreich hierbei einer Meinung sind.

Ebenfalls nur gemeinsam wird es uns gelingen, die gewaltige Integrationsaufgabe zu bewältigen, die uns noch fordern wird. Zu ihr gehört, dass wir mit gutem Recht in Europa erwarten können, dass sich Menschen, die zu uns kommen, in unsere Gesellschaft integrieren. Das verlangt das Einhalten der hier geltenden Regeln genauso wie das Erlernen der jeweiligen Sprache.

Aber umgekehrt haben auch wir die Pflicht, Menschen, die aus Not zu uns kommen, mit Respekt zu begegnen, in ihnen Menschen zu sehen und nicht irgendeine anonyme Masse – völlig unabhängig davon, ob sie eine Bleibeperspektive haben oder nicht. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die humanitären Mindeststandards eingehalten werden, die wir für die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen und für die Durchführung der Asylverfahren vereinbart haben. Das sind wir ihnen, den Flüchtlingen, und uns selber schuldig.

Denn Europa ist eine Wertegemeinschaft, eine Rechts- und Verantwortungsgemeinschaft. Das bedeutet für mich, dass wir uns an den Werten orientieren müssen, die wir in den europäischen Verträgen festgeschrieben haben: Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, die Achtung von Minderheiten, Solidarität. Das bedeutet für mich, dass gesamteuropäische Herausforderungen nicht von einigen wenigen Mitgliedstaaten allein zu lösen sind, sondern von allen gemeinsam.

Wir müssen erkennen: Selbst wenn wir versuchen würden, uns vollständig abzuschotten, sogar bewusst um den Preis, dass Menschen an unseren Grenzen zu Schaden kommen könnten, wäre damit niemandem gedient – den betroffenen Menschen sowieso nicht, die trotzdem Mittel und Wege suchen und finden würden, zu uns zu gelangen, und auch uns selbst in Europa nicht. Abschottung und Abriegelung im Zeitalter des Internets sind eine Illusion. Kein Problem wäre gelöst, sondern zusätzliche entstünden, denn die Bindung an unsere Werte ginge verloren und damit unsere Identität. Wenn wir das missachten, verraten wir uns selbst – nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir das aber beachten, dann werden wir es schaffen, diese historische Bewährungsprobe zu bestehen und, mehr noch, auch aus dieser Krise stärker hervorzugehen, als wir in sie hineingegangen sind. Dann werden wir es schaffen, auch global unsere Werte und Interessen überzeugend zu vertreten. Das wird von uns im Übrigen auch außerhalb Europas erwartet.

Meine Damen und Herren, die Beweggründe, wegen derer Menschen ihre Heimat verlassen, kennen wir doch aus unserer eigenen europäischen Geschichte nur allzu gut. Über Jahrhunderte hinweg war unser Kontinent nicht Ziel, sondern vor allem Ausgangspunkt von Flucht, Vertreibung und Migration. – Jean-Claude Juncker hat in seiner Rede zur Lage der Union eindrucksvoll daran erinnert. – Heute ist Europa ein Raum, auf den viele Menschen aus aller Welt ihre Hoffnungen und Sehnsüchte richten – ein Raum, der Menschen träumen lässt, so wie ich und Millionen anderer Menschen in Mittel- und Osteuropa vor 25 Jahren von einem freien und geeinten Deutschland und Europa geträumt haben.

Wir müssen verantwortungsbewusst mit Europas Anziehungskraft umgehen. Das heißt, wir müssen uns stärker um diejenigen kümmern, die heute in unserer Nachbarschaft in Not sind. Wenn wir diese Herausforderung als unsere gemeinsame europäische und globale verstehen, dann werden wir auch die ökonomischen und gesellschaftlichen Chancen dieser Bewährungsprobe erkennen und nutzen können. Und dann werden wir im Übrigen sehen, dass die Chancen größer sind als die Risiken.

Wir werden für unser Europa weiterhin viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Nach Jahrhunderten von Krieg und Hass zwischen unseren beiden Völkern, lieber François Hollande, kämpfen wir heute gemeinsam für die gleichen Ziele. Ich lade Sie alle hier in diesem Hohen Hause ein, gemeinsam Überzeugungsarbeit für unser Europa zu leisten. Jeder einzelne Abgeordnete spielt dabei eine wichtige Rolle – in Ihren Heimatstaaten, in Ihren Wahlkreisen, gegenüber der gesamteuropäischen Öffentlichkeit.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten. Und zwar so, wie es Helmut Kohl 1989 hier im Europäischen Parlament mit Blick auf die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa vorgeschlagen hat – ich zitiere ihn –: „Mit Klugheit und mit Augenmaß, mit Einfallsreichtum und Flexibilität“.

Herzlichen Dank.

Wetterregel zum 7. Oktober

Hier finden Sie eine Bauernregel bzw. Wetterregel zum 7. Oktober:

Wenn im Oktober die Bienen noch schwärmen, kann man im nächsten Jahr guten Honig erwarten.

Mehr bei unserer Übersicht der Wetterregeln. Vielleicht interessieren Sie sich auch für die 10 Fakten zum 7. Oktober.

Steve Jobs am 7.10.2011 beerdigt

Wie mehrere US-Medien berichten, fand die Beerdigung von Steve Jobs bereits am Freitag (7. Oktober 2011) statt. Es habe eine kleine Veranstaltung im engsten Familienkreis gegeben. Auch über den Ort der Begräbnis ist noch nichts bekannt.

Inzwischen ist davon auszugehen, dass es keine große öffentliche Trauerfeier für ihn geben wird. Lediglich eine interne Veranstaltung für Apple-Mitarbeiter ist nach derzeitigem Stand geplant.

Vorher gab es Gerüchte, die Beerdigung oder zumindest eine Trauerfeier würde am 11. Oktober stattfinden. Google und Samsung hatten deswegen schon die Vorstellung des Nexus Prime Smartphones und Android 4.0 (Ice Cream Sandwich) verschoben.

Köpfe: Mario J. Molina

Hoch über unseren Köpfen, in rund 15 bis 35 Kilometern Höhe, liegt eine Schicht, die das Leben auf der Erde schützt: die Ozonschicht. Sie filtert einen großen Teil der gefährlichen ultravioletten Strahlung der Sonne heraus. In den 1970er Jahren erkannte ein junger mexikanischer Chemiker, dass diese Schutzschicht durch alltägliche Industriechemikalien bedroht ist. Mario José Molina zeigte gemeinsam mit F. Sherwood Rowland, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, das Ozon in der Stratosphäre zerstören können. Seine Warnung führte schließlich zu einem der erfolgreichsten Umweltabkommen der Geschichte. Für ihre Arbeiten zur Chemie der Atmosphäre, insbesondere zur Bildung und zum Abbau von Ozon, erhielt Molina 1995 gemeinsam mit Rowland und Paul Crutzen den Nobelpreis für Chemie. In diesem Porträt erfahren Sie, wie Molina zur Atmosphärenchemie kam und warum seine Arbeit bis heute Leben schützt.

Kindheit und Studium in Mexiko

Mario José Molina Henríquez wurde am 19. März 1943 in Mexiko-Stadt geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt und später Diplomat. Schon als Kind begeisterte sich Molina für die Naturwissenschaften. Er richtete sich in einem Badezimmer des Elternhauses ein kleines Labor ein und experimentierte dort mit Chemikaliensets und einem Spielzeugmikroskop. Eine Tante, die selbst Chemikerin war, unterstützte ihn bei seinen Versuchen.

Um Deutsch zu lernen, das damals als wichtige Sprache der Chemie galt, besuchte er als Jugendlicher ein Internat in der Schweiz. Anschließend studierte er Chemieingenieurwesen an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, der UNAM, und schloss 1965 ab. Danach ging er zu weiterführenden Studien an die Universität Freiburg im Breisgau, wo er sich mit der Kinetik von Polymerisationsreaktionen beschäftigte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris und einer Zeit als Dozent an der UNAM ging er in die Vereinigten Staaten.

Promotion in Berkeley

An der University of California in Berkeley wurde Molina 1972 in physikalischer Chemie promoviert. In seiner Doktorarbeit untersuchte er mit Hilfe von Lasern, wie Moleküle bei chemischen Reaktionen Energie aufnehmen und abgeben. In Berkeley lernte er auch die Chemikerin Luisa Tan kennen, die er 1973 heiratete und mit der er später eng zusammenarbeitete.

Die Frage nach dem Verbleib der FCKW

1973 ging Molina als Postdoktorand an die University of California in Irvine, in die Gruppe von F. Sherwood Rowland. Rowland ließ ihn aus mehreren Forschungsthemen wählen. Molina entschied sich für eine Frage, die zunächst eher akademisch klang: Was passiert mit den Fluorchlorkohlenwasserstoffen, die in die Atmosphäre gelangen?

FCKW galten damals als ideale Industriechemikalien. Sie waren ungiftig, nicht brennbar und chemisch sehr stabil. Man nutzte sie als Kühlmittel in Kühlschränken und Klimaanlagen, als Treibgas in Spraydosen und zum Aufschäumen von Kunststoffen. Der britische Forscher James Lovelock hatte gezeigt, dass sich FCKW in der Luft anreichern und überall auf der Welt nachweisbar sind. Gerade wegen ihrer Stabilität werden sie in der unteren Atmosphäre kaum abgebaut.

Die Entdeckung von 1974

Molina erkannte, dass die FCKW wegen ihrer Stabilität langsam bis in die Stratosphäre aufsteigen. Dort oben ist die ultraviolette Strahlung der Sonne so stark, dass sie die FCKW-Moleküle schließlich aufbricht. Dabei werden Chloratome freigesetzt.

Ein einzelnes Chloratom kann mit einem Ozonmolekül reagieren und es zerstören. Dabei entsteht Chlormonoxid. Dieses reagiert wiederum mit einem Sauerstoffatom, wobei das Chloratom wieder frei wird. Das Chloratom wirkt also wie ein Katalysator: Es wird nicht verbraucht, sondern kann in einer Kettenreaktion immer wieder neue Ozonmoleküle zerstören, nach Schätzungen viele tausend, bevor es durch andere Reaktionen gebunden wird.

Molina und Rowland berechneten, dass die damals freigesetzten Mengen an FCKW die Ozonschicht erheblich schädigen könnten. Im Juni 1974 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature. Die Arbeit umfasste nur wenige Seiten, doch ihre Wirkung war enorm, denn ihre Arbeit bedeutete, dass alltägliche Produkte eine globale Gefahr darstellten.

Widerstand und Bestätigung

Die Industrie reagierte zunächst mit heftiger Ablehnung. Vertreter der Chemiebranche bezweifelten die Theorie und warnten vor wirtschaftlichen Schäden. Molina und Rowland mussten ihre Erkenntnisse immer wieder verteidigen, auch vor politischen Gremien. Sie traten bewusst an die Öffentlichkeit, weil sie die Gefahr für zu groß hielten, um auf weitere Beweise zu warten. Einige Länder, darunter die USA, verboten Ende der 1970er Jahre FCKW als Treibgas in Spraydosen.

Der entscheidende Wendepunkt kam 1985. Britische Forscher des British Antarctic Survey berichteten, dass sich jeden Frühling über der Antarktis ein großes Loch in der Ozonschicht bildet. Das Ausmaß überraschte selbst die Fachwelt. Molina war maßgeblich daran beteiligt, die Ursache aufzuklären. Er zeigte mit seiner Frau Luisa und weiteren Kollegen, dass auf der Oberfläche von Eiskristallen in polaren Stratosphärenwolken besondere Reaktionen ablaufen, die große Mengen Chlor freisetzen. Außerdem beschrieb er einen Reaktionsweg über ein Dimer des Chlormonoxids, der die schnelle Zerstörung des Ozons im antarktischen Frühling erklärt. Messungen in der Atmosphäre bestätigten diese Vorstellungen.

Das Montreal-Protokoll

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse führten 1987 zur Unterzeichnung des Montreal-Protokolls über Stoffe, die zum Abbau der Ozonschicht führen. In diesem Abkommen verpflichteten sich die Staaten, die Produktion von FCKW und anderen ozonschädigenden Stoffen schrittweise einzustellen. Das Protokoll wurde später verschärft und von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ratifiziert. Es gilt als eines der erfolgreichsten internationalen Umweltabkommen überhaupt. Messungen zeigen, dass sich die Ozonschicht inzwischen langsam erholt, auch wenn es noch Jahrzehnte dauern wird, bis sie ihren früheren Zustand wieder erreicht.

Der Nobelpreis 1995

1995 erhielten Paul Crutzen, Mario Molina und F. Sherwood Rowland gemeinsam den Nobelpreis für Chemie für ihre Arbeiten zur Atmosphärenchemie, insbesondere zur Bildung und zum Abbau von Ozon. Das Nobelkomitee betonte, dass die drei Forscher dazu beigetragen hätten, die Welt vor einem globalen Umweltproblem zu bewahren, das katastrophale Folgen hätte haben können. Molina war der erste in Mexiko geborene Wissenschaftler, der einen Nobelpreis für Chemie erhielt.

Späteres Wirken

Molina forschte und lehrte in den folgenden Jahrzehnten unter anderem am Massachusetts Institute of Technology und an der University of California in San Diego. Er beschäftigte sich zunehmend mit der Luftverschmutzung in großen Städten, insbesondere in seiner Heimatstadt Mexiko-Stadt, und mit dem Klimawandel. In Mexiko gründete er ein Forschungszentrum für Energie und Umwelt, das seinen Namen trägt. Er beriet Regierungen in Umweltfragen und gehörte in den USA einem Beratergremium für Wissenschaft und Technologie unter Präsident Barack Obama an. 2013 erhielt er die Presidential Medal of Freedom, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA.

Tod und Vermächtnis

Mario Molina starb am 7. Oktober 2020 in Mexiko-Stadt an einem Herzinfarkt. Sein Tod löste weltweit Würdigungen von Forschenden, Regierungen und Umweltorganisationen aus.

Molinas Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie Grundlagenforschung zu politischem Handeln führen kann. Eine scheinbar theoretische Frage nach dem Schicksal von Spraydosengasen führte zu einem weltweiten Verbot und schützt heute Millionen Menschen vor Hautkrebs und anderen Folgen erhöhter UV-Strahlung. Zugleich steht sein Wirken für die Verantwortung von Wissenschaftlern, unbequeme Erkenntnisse öffentlich zu vertreten. Wenn heute über den Schutz des Klimas diskutiert wird, gilt die Rettung der Ozonschicht oft als Beispiel dafür, dass globale Umweltprobleme gemeinsam gelöst werden können.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: John Gurdon

John Gurdon zeigte als junger Doktorand, dass der Zellkern einer spezialisierten Körperzelle noch alle Informationen enthält, die für den Aufbau eines vollständigen Organismus nötig sind. Mit Experimenten an Krallenfröschen widerlegte er die damals verbreitete Annahme, dass Zellen bei ihrer Spezialisierung unwiderruflich Erbinformation verlieren. Fast fünfzig Jahre später erhielt er dafür 2012 gemeinsam mit Shinya Yamanaka den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. In diesem Porträt lernen Sie den Forscher kennen, dessen Arbeit zum Fundament der Stammzellforschung wurde.

Ein Schüler ohne Zukunft in der Biologie

John Bertrand Gurdon wurde am 2. Oktober 1933 in Dippenhall in der englischen Grafschaft Hampshire geboren. Er besuchte das Internat Eton College. Dort fiel er in den Naturwissenschaften zunächst kaum positiv auf. Berühmt geworden ist ein Schulzeugnis aus dieser Zeit, in dem sein Biologielehrer schrieb, Gurdons Vorstellung, Wissenschaftler zu werden, sei ziemlich lächerlich; er werde damit nur seine Zeit und die seiner Lehrer verschwenden. Gurdon bewahrte dieses Zeugnis später gerahmt über seinem Schreibtisch auf, mit einer gewissen Selbstironie.

Nach der Schule wurde er zunächst für ein Studium der klassischen Sprachen an der Universität Oxford zugelassen. Durch eine glückliche Fügung konnte er jedoch zur Zoologie wechseln. Er studierte am Christ Church College und begann anschließend eine Doktorarbeit in der Entwicklungsbiologie bei Michael Fischberg.

Die große Frage der Entwicklungsbiologie

Um zu verstehen, warum Gurdons Experimente so bedeutend waren, hilft ein Blick auf die Frage, die Biologen damals beschäftigte. Jeder Mensch und jedes Tier entsteht aus einer einzigen befruchteten Eizelle. Daraus entwickeln sich im Laufe der Zeit Hunderte verschiedener Zelltypen: Nervenzellen, Muskelzellen, Hautzellen, Darmzellen. Alle tragen einen Zellkern mit Erbinformation. Doch behalten spezialisierte Zellen tatsächlich das gesamte Erbgut, oder verlieren sie im Laufe der Entwicklung jene Gene, die sie nicht mehr brauchen?

Viele Forscher hielten es für wahrscheinlich, dass die Spezialisierung eine Einbahnstraße ist, bei der Erbinformation dauerhaft abgeschaltet oder sogar entfernt wird. Die amerikanischen Biologen Robert Briggs und Thomas King hatten in den 1950er-Jahren Zellkerne in Froscheier übertragen. Mit Kernen aus sehr frühen Embryonen gelang ihnen das, mit Kernen aus weiter entwickelten Zellen jedoch kaum. Das schien die These vom unwiederbringlichen Verlust zu stützen.

Das Experiment mit dem Krallenfrosch

Gurdon arbeitete mit dem Afrikanischen Krallenfrosch Xenopus laevis, der sich im Labor gut halten lässt. Seine Methode bestand aus mehreren Schritten. Zunächst zerstörte er den Zellkern einer unbefruchteten Eizelle mit ultraviolettem Licht. Die Eizelle hatte damit keine eigene Erbinformation mehr. Dann entnahm er den Zellkern aus einer Darmzelle einer Kaulquappe, also einer bereits spezialisierten Zelle, und übertrug ihn mit einer feinen Glaspipette in die entkernte Eizelle.

Das Ergebnis, das er Anfang der 1960er-Jahre veröffentlichte, war verblüffend: Aus einem Teil dieser Eizellen entwickelten sich normale, schwimmende Kaulquappen. Einige wuchsen sogar zu erwachsenen, fruchtbaren Fröschen heran. Die Erfolgsquote war gering, aber das spielte für die grundsätzliche Aussage keine Rolle. Bereits ein einziger erfolgreicher Fall bewies, dass der Kern einer Darmzelle noch die vollständige Bauanleitung für einen ganzen Frosch enthielt.

Man kann sich das so vorstellen: Eine spezialisierte Zelle besitzt eine vollständige Bibliothek, nutzt aber nur wenige Bücher daraus. Die übrigen Bände sind nicht verschwunden, sie stehen nur verschlossen im Regal. Die Eizelle wirkt wie ein Schlüssel, der diese verschlossenen Regale wieder öffnet. Der Fachbegriff dafür lautet Reprogrammierung: Der Kern wird in einen Zustand zurückversetzt, in dem er wieder alle Zelltypen hervorbringen kann.

Die Ergebnisse stießen anfangs auf Skepsis, zumal Gurdon noch ein junger Wissenschaftler war. Kritiker wandten ein, er habe möglicherweise versehentlich unspezialisierte Zellen verwendet. Gurdon und andere Forscher bestätigten die Befunde in den folgenden Jahren jedoch mit weiteren Versuchen und unterschiedlichen Zelltypen.

Wissenschaftliche Laufbahn

Nach seiner Promotion forschte Gurdon als Postdoktorand am California Institute of Technology in den USA. Anschließend kehrte er nach Oxford zurück. 1971 wechselte er an das Laboratory of Molecular Biology des Medical Research Council in Cambridge, wo er unter anderem die Abteilung für Zellbiologie leitete. Dort entwickelte er eine weitere wichtige Methode: Er nutzte Froscheizellen als lebende Reagenzgläser, in die man Boten-RNA injizieren kann. Die Eizelle stellt daraufhin die entsprechenden Proteine her. Diese Technik wurde weltweit zum Standardwerkzeug, etwa um Ionenkanäle und Rezeptoren zu untersuchen.

1983 ging Gurdon an die Universität Cambridge. 1989 war er Mitbegründer eines Instituts für Krebs- und Entwicklungsbiologie, das von Wellcome und der Krebsforschungsorganisation Cancer Research UK getragen wird. Seit 2004 trägt es seinen Namen: Gurdon Institute. Von 1995 bis 2002 war er zudem Master des Magdalene College in Cambridge. Im selben Jahr 1995 wurde er zum Ritter geschlagen und durfte fortan den Titel „Sir“ führen.

Gurdon blieb bis ins hohe Alter im Labor aktiv. Noch mit über achtzig Jahren arbeitete er an der Frage, warum die Reprogrammierung von Zellkernen so oft scheitert und welche Mechanismen den einmal erreichten Zustand einer Zelle stabilisieren.

Der Nobelpreis 2012

2012 erhielt Gurdon den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zur Hälfte, die andere Hälfte ging an den japanischen Forscher Shinya Yamanaka. Die Begründung lautete, sie hätten entdeckt, dass reife Zellen so umprogrammiert werden können, dass sie pluripotent werden, also wieder in viele verschiedene Zelltypen übergehen können.

Die beiden Arbeiten ergänzen sich auf bemerkenswerte Weise. Gurdon hatte gezeigt, dass Reprogrammierung grundsätzlich möglich ist, wenn man einen Zellkern in eine Eizelle bringt. Yamanaka fand 2006 heraus, dass man dafür keine Eizelle braucht: Einige wenige Gene reichen aus, um Hautzellen von Mäusen in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen zu verwandeln. Zwischen den beiden Entdeckungen lagen mehr als vier Jahrzehnte. Bereits 2009 hatten Gurdon und Yamanaka gemeinsam den renommierten Albert Lasker Award für medizinische Grundlagenforschung erhalten.

Wirkung auf Forschung und Medizin

Gurdons Experimente bildeten die Grundlage für das Klonen von Tieren. Das bekannteste Beispiel ist das Schaf Dolly, das 1996 in Schottland durch Zellkerntransfer aus einer Körperzelle eines erwachsenen Tieres entstand. Das Prinzip war dasselbe, das Gurdon Jahrzehnte zuvor bei Fröschen nachgewiesen hatte.

Noch wichtiger ist der Einfluss auf die Stammzellforschung. Induzierte pluripotente Stammzellen werden heute genutzt, um Krankheiten im Labor nachzubilden, Medikamente zu testen und Zellen für mögliche Therapien herzustellen. Forschende können etwa Hautzellen eines Patienten in Nervenzellen umwandeln und so untersuchen, was bei einer Erkrankung im Nervensystem schiefläuft. Erste klinische Studien prüfen, ob aus solchen Zellen gewonnenes Gewebe beschädigte Organe ersetzen kann, etwa bei Erkrankungen der Netzhaut oder bei Parkinson. Viele dieser Ansätze sind noch in der Erprobung, doch ihr gedankliches Fundament stammt aus Gurdons Labor.

Zudem veränderte seine Arbeit das grundlegende Verständnis der Biologie. Der Zustand einer Zelle wird nicht durch den Verlust von Genen festgelegt, sondern durch deren Steuerung. Diese Einsicht prägt heute Forschungsfelder wie die Epigenetik, die untersucht, wie Gene an- und abgeschaltet werden.

Persönlichkeit und Lebensende

Kollegen beschrieben John Gurdon als bescheiden, humorvoll und ungewöhnlich großzügig gegenüber jungen Forschern. Er setzte sich dafür ein, dass Wissenschaftler genügend Freiraum für eigene Ideen bekommen, und warb dafür, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Sein eigenes Schulzeugnis diente ihm dabei als Beispiel dafür, wie wenig frühe Urteile über Begabung aussagen können.

Neben dem Nobelpreis erhielt er zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter den Wolf-Preis für Medizin und die Copley-Medaille der Royal Society, deren Mitglied er war. John Gurdon starb am 7. Oktober 2025, wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag. Er war mit Jean Gurdon verheiratet und hatte zwei Kinder.

Bedeutung heute

John Gurdon hat eine der grundlegenden Fragen der Biologie beantwortet: Die Spezialisierung einer Zelle ist umkehrbar. Was einst als unmöglich galt, ist heute die Basis eines ganzen Forschungszweigs. Seine Geschichte zeigt zudem, dass ein schlechter Start in der Schule kein Hindernis für eine herausragende wissenschaftliche Laufbahn sein muss.

Weitere Informationen zur Auszeichnung finden Sie auf der offiziellen Seite des Nobelpreises.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: George E. Palade

George E. Palade gilt als einer der Begründer der modernen Zellbiologie. Mit dem Elektronenmikroskop machte er Strukturen sichtbar, die niemand zuvor in ihrer Feinheit gesehen hatte, und verband diese Bilder mit biochemischen Experimenten. Er entdeckte die winzigen Körnchen, an denen Eiweiße hergestellt werden, die Ribosomen, und verfolgte Schritt für Schritt den Weg, den Eiweiße von ihrer Entstehung bis zu ihrer Abgabe aus der Zelle nehmen. Für diese Arbeiten erhielt er 1974 gemeinsam mit Albert Claude und Christian de Duve den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. In diesem Porträt lernen Sie den aus Rumänien stammenden Forscher, seine Methoden und die bleibende Bedeutung seiner Erkenntnisse kennen.

Herkunft und Ausbildung

George Emil Palade wurde am 19. November 1912 in Iași im Nordosten Rumäniens geboren. Sein Vater war Philosophieprofessor an der Universität Iași, seine Mutter Lehrerin. Im Elternhaus spielten Bücher und Bildung eine große Rolle. Palade entschied sich dennoch nicht für die Geisteswissenschaften, sondern studierte Medizin an der Universität Bukarest. Schon während des Studiums interessierte ihn besonders die Anatomie und der feine Aufbau von Geweben. Er schloss 1940 mit einer Doktorarbeit über die Niere eines Delfins ab, eine Arbeit, die seinen Sinn für vergleichende Strukturen zeigt.

Während des Zweiten Weltkriegs diente Palade als Arzt im rumänischen Sanitätsdienst und lehrte zugleich Anatomie in Bukarest. Er erkannte jedoch, dass die klassische Lichtmikroskopie an ihre Grenzen stieß. Um tiefer in die Zelle zu blicken, brauchte es neue Methoden. 1946 ging er deshalb in die Vereinigten Staaten.

Am Rockefeller Institute

In New York lernte Palade Albert Claude kennen, der am Rockefeller Institute for Medical Research arbeitete und Zellen mit der Zentrifuge in ihre Bestandteile zerlegte. Claude lud ihn in sein Labor ein. Dort verband Palade zwei Ansätze, die damals neu waren: die Zellfraktionierung, bei der man Zellbestandteile nach Größe und Dichte trennt, und die Elektronenmikroskopie, die wesentlich höhere Vergrößerungen als das Lichtmikroskop ermöglicht.

Eine große Schwierigkeit bestand darin, Gewebe so vorzubereiten, dass die empfindlichen Strukturen im Elektronenmikroskop unverfälscht erschienen. Palade entwickelte gemeinsam mit Kollegen verbesserte Verfahren zur Fixierung von Gewebe, unter anderem mit gepufferter Osmiumsäure, sowie Techniken für sehr dünne Schnitte. Diese methodischen Fortschritte waren die Voraussetzung für alles, was folgte. Dabei half ihm seine Ausbildung als Anatom: Er wusste, wie lebendes Gewebe aussehen musste, und konnte Kunstprodukte der Präparation von echten Strukturen unterscheiden. Zugleich verstand er, dass ein Bild allein nichts über die Funktion aussagt. Deshalb kombinierte er seine Aufnahmen stets mit biochemischen Messungen an den abgetrennten Zellbestandteilen. Diese doppelte Herangehensweise wurde zu seinem Markenzeichen und später zum Standard des ganzen Faches. Mit diesen Methoden beschrieb er in den frühen 1950er-Jahren den inneren Aufbau der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zelle, und zeigte die Falten ihrer inneren Membran, die er Cristae nannte.

Die Entdeckung der Ribosomen

In vielen Zellen sah Palade im Elektronenmikroskop kleine, dichte Körnchen. Sie lagen teils frei im Zellplasma, teils saßen sie auf einem verzweigten Membransystem, dem endoplasmatischen Retikulum, das Keith Porter beschrieben hatte. 1955 veröffentlichte Palade eine ausführliche Beschreibung dieser Partikel. Gemeinsam mit dem Biochemiker Philip Siekevitz zeigte er durch die Verbindung von Mikroskopie und Fraktionierung, dass die Körnchen reich an RNA sind und mit der Herstellung von Eiweißen zu tun haben. Die Partikel wurden zunächst Palade-Granula genannt und erhielten später den Namen Ribosomen.

Heute wissen Sie aus dem Biologieunterricht, dass Ribosomen die Maschinen sind, an denen die Bauanleitung der Gene in Eiweiße übersetzt wird. Diese Erkenntnis geht maßgeblich auf Palades Arbeiten zurück. Spätere Forscher entschlüsselten den genauen Aufbau der Ribosomen bis auf die Ebene einzelner Atome, wofür 2009 ein Nobelpreis für Chemie verliehen wurde.

Der Weg der Eiweiße durch die Zelle

Palades vielleicht wichtigster Beitrag war die Aufklärung des sogenannten sekretorischen Weges. Er wählte als Modell die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die große Mengen Verdauungsenzyme herstellen und abgeben. Gemeinsam mit Mitarbeitern wie Lucien Caro und James Jamieson führte er sogenannte Pulse-Chase-Experimente durch. Dabei wurden die Zellen kurz mit radioaktiv markierten Aminosäuren versorgt, den Bausteinen der Eiweiße. Danach gab man unmarkierte Bausteine hinzu und verfolgte über die Zeit, wo sich die markierten Eiweiße befanden. Sichtbar wurde das durch Autoradiografie, bei der die Strahlung im Elektronenmikroskop dunkle Körnchen erzeugt.

Das Ergebnis ergab ein klares Bild: Neue Eiweiße entstehen an den Ribosomen auf dem endoplasmatischen Retikulum. Von dort wandern sie zum Golgi-Apparat, einem Stapel flacher Membransäckchen, wo sie weiter verarbeitet werden. Anschließend werden sie in Bläschen, sogenannte sekretorische Granula, verpackt. Diese wandern zur Zellmembran, verschmelzen mit ihr und geben ihren Inhalt nach außen ab. Palade zeigte damit, dass die Zelle wie eine Fabrik mit getrennten Abteilungen und festen Transportwegen organisiert ist und dass der Transport in membranumhüllten Bläschen erfolgt.

Der Nobelpreis 1974

1974 erhielten Albert Claude, Christian de Duve und George E. Palade gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „für ihre Entdeckungen zur strukturellen und funktionellen Organisation der Zelle“. Claude hatte die Zellfraktionierung entwickelt, de Duve unter anderem die Lysosomen entdeckt. Palade wurde vor allem für die Verbindung von Struktur und Funktion bei der Eiweißherstellung und -abgabe gewürdigt. In seiner Nobelvorlesung beschrieb er die Etappen des sekretorischen Weges. Eine offizielle Übersicht finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Wirkung auf Medizin und Forschung

Palades Erkenntnisse sind Grundlage vieler späterer Entdeckungen. Günter Blobel, ein früherer Mitarbeiter in Palades Umfeld am Rockefeller-Institut, klärte auf, wie Eiweiße Adresssignale tragen, die sie an den richtigen Ort in der Zelle lenken, und erhielt dafür 1999 den Nobelpreis. James Rothman, Randy Schekman und Thomas Südhof wurden 2013 für die Aufklärung der Maschinerie ausgezeichnet, mit der Transportbläschen ihr Ziel finden. Beide Forschungslinien bauen unmittelbar auf dem Bild auf, das Palade gezeichnet hatte.

Für die Medizin ist das Verständnis des sekretorischen Weges in vielen Bereichen wichtig. Hormone wie Insulin, Antikörper und Verdauungsenzyme werden auf diesem Weg hergestellt und abgegeben. Störungen in diesem System sind an Erkrankungen wie Mukoviszidose oder bestimmten Stoffwechselkrankheiten beteiligt, bei denen falsch gefaltete Eiweiße in der Zelle hängen bleiben. Auch die biotechnologische Herstellung von Medikamenten, etwa von therapeutischen Antikörpern in Zellkulturen, nutzt den sekretorischen Weg.

Späterer Werdegang

Palade blieb bis 1973 an der Rockefeller University und wechselte dann an die Yale University in New Haven, wo er die erste Abteilung für Zellbiologie an einer medizinischen Fakultät aufbaute. 1990 ging er an die University of California in San Diego und wurde dort Dekan für wissenschaftliche Angelegenheiten. Er war Mitbegründer der Fachzeitschrift Journal of Cell Biology und prägte damit die neue Disziplin auch als Herausgeber. Zu seinen Auszeichnungen zählen neben dem Nobelpreis der Albert Lasker Award und die National Medal of Science der USA.

Palade war zweimal verheiratet. Seine erste Frau Irina Malaxa starb 1969. 1970 heiratete er die Zellbiologin Marilyn Farquhar, die selbst eine bedeutende Forscherin war. Er pflegte enge Kontakte zu seinem Heimatland Rumänien und wurde dort vielfach geehrt, unter anderem als Ehrenmitglied der Rumänischen Akademie.

Vermächtnis

George E. Palade starb am 7. Oktober 2008 in Del Mar, Kalifornien, im Alter von 95 Jahren. Er hinterließ ein Fach, das er entscheidend mitgeformt hatte: die Zellbiologie als Verbindung von Strukturforschung und Biochemie. Seine Bilder aus dem Elektronenmikroskop finden sich bis heute in Lehrbüchern. Wenn Sie in einem Schaubild der Zelle Ribosomen, endoplasmatisches Retikulum und Golgi-Apparat sehen, die über Bläschen miteinander verbunden sind, blicken Sie auf das Modell, das Palade erarbeitet hat. Es ist ein Beispiel dafür, wie neue Methoden ganz neue Fragen beantwortbar machen und wie geduldige Beobachtung zu grundlegenden Einsichten in den Aufbau des Lebens führt.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Niels K. Jerne

Niels Kaj Jerne war ein dänischer Immunologe, der in London geboren wurde, in den Niederlanden aufwuchs und seine wichtigste Wirkungsstätte in der Schweiz fand. Er gilt als einer der großen Theoretiker der Immunologie. Seine Ideen darüber, wie der Körper die passenden Antikörper gegen Krankheitserreger hervorbringt und wie das Immunsystem sich selbst im Gleichgewicht hält, haben die Forschung über Jahrzehnte geprägt. 1984 erhielt Jerne gemeinsam mit Georges Köhler und César Milstein den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. In diesem Porträt erfahren Sie, welchen ungewöhnlichen Weg er zur Wissenschaft nahm und welche Theorien ihn berühmt machten.

Herkunft und Jugend

Niels Kaj Jerne wurde am 23. Dezember 1911 in London geboren. Seine Eltern stammten von der dänischen Insel Fanø und waren kurz zuvor nach England gezogen. Während des Ersten Weltkriegs übersiedelte die Familie in die Niederlande, wo Niels aufwuchs. Er besuchte die Schule in Rotterdam und legte dort 1928 das Abitur ab.

Jerne sprach von Kindheit an mehrere Sprachen und bewegte sich zwischen verschiedenen Kulturen. Er war vielseitig interessiert, las viel Philosophie und Literatur und galt als eigenwilliger, nachdenklicher junger Mann. Eine klare berufliche Richtung hatte er zunächst nicht. Er arbeitete einige Zeit in der Wirtschaft, bevor er sich der Wissenschaft zuwandte.

Später Weg in die Medizin

Jerne studierte zunächst an der Universität Leiden, wo er sich mit Naturwissenschaften beschäftigte. Später zog er nach Dänemark und begann an der Universität Kopenhagen ein Medizinstudium. Er schloss es erst 1947 ab, im Alter von 35 Jahren. Bereits zuvor hatte er am Statens Serum Institut in Kopenhagen gearbeitet, dem staatlichen dänischen Institut für Impfstoffe und Seren.

Dort untersuchte er, wie fest Antikörper an ihre Zielstoffe binden, eine Eigenschaft, die man als Avidität bezeichnet. Über dieses Thema verfasste er seine Doktorarbeit, mit der er 1951 an der Universität Kopenhagen promoviert wurde. Die Arbeit beschäftigte sich mit Antikörpern gegen das Gift der Diphtheriebakterien und mit der Frage, wie sich ihre Bindungsstärke messen lässt.

Antikörper und die Frage ihrer Vielfalt

Antikörper sind Eiweiße, die das Immunsystem bildet, um Krankheitserreger und Fremdstoffe zu erkennen und unschädlich zu machen. Jeder Antikörper passt wie ein Schlüssel in ein bestimmtes Schloss. Da es unzählige verschiedene Erreger und Fremdstoffe gibt, muss das Immunsystem eine riesige Zahl unterschiedlicher Antikörper hervorbringen können. Wie dies gelingt, war Mitte des 20. Jahrhunderts eines der großen Rätsel der Biologie.

Lange war die Lehrmeinung verbreitet, dass der Fremdstoff selbst dem Immunsystem als Vorlage dient. Nach dieser sogenannten Instruktionstheorie sollten sich Antikörper erst bei Kontakt mit dem Fremdstoff um diesen herum formen. Jerne zweifelte an dieser Vorstellung.

Ein Grund für Jernes Zweifel war eine einfache Beobachtung. Nach einer zweiten Impfung bildet der Körper weit schneller und in größerer Menge Antikörper als nach der ersten. Zudem binden diese Antikörper ihr Ziel oft fester. Mit der Instruktionstheorie ließ sich das schwer erklären. Jerne suchte nach einem Modell, das diese Befunde besser deutete. Er hat später berichtet, dass ihm der entscheidende Gedanke auf dem abendlichen Heimweg über eine Brücke in Kopenhagen gekommen sei, als er über die Frage nachdachte, wie Lernen und Gedächtnis funktionieren.

Die Selektionstheorie

1954 und 1955 verbrachte Jerne einige Zeit am California Institute of Technology in Pasadena. Dort formulierte er 1955 eine Theorie, die als natürliche Selektionstheorie der Antikörperbildung bekannt wurde. Er schlug vor, dass der Körper bereits vor jedem Kontakt mit einem Fremdstoff eine große Vielfalt von Antikörpern besitzt. Dringt ein Fremdstoff ein, wählt er gewissermaßen die passenden Antikörper aus, die dann in großer Zahl nachgebildet werden.

Diese Idee war ein Wendepunkt. Sie wurde kurz darauf von dem australischen Forscher Frank Macfarlane Burnet zur klonalen Selektionstheorie weiterentwickelt. Burnet verlagerte den Gedanken auf die Ebene der Zellen: Jede Immunzelle stellt nur einen bestimmten Antikörper her, und der Fremdstoff regt gezielt die passenden Zellen zur Vermehrung an. Diese Theorie ist bis heute die Grundlage des Verständnisses der erworbenen Immunität.

Wanderjahre und Basel

Von 1956 bis 1962 arbeitete Jerne bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, wo er unter anderem für biologische Standards und Immunologie zuständig war. Danach war er Professor an der University of Pittsburgh in den USA und anschließend Direktor des Paul-Ehrlich-Instituts in Frankfurt am Main. 1969 übernahm er die Leitung des neu gegründeten Basel Institute for Immunology, das vom Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche finanziert wurde. Er leitete es bis 1980 und machte es zu einem der international führenden Zentren der Immunologie. Forschende aus vielen Ländern arbeiteten dort, unter ihnen auch Georges Köhler.

Neben seinen theoretischen Arbeiten entwickelte Jerne auch eine wichtige Labormethode. 1963 stellte er gemeinsam mit Albert Nordin einen Test vor, mit dem sich einzelne Zellen nachweisen lassen, die Antikörper bilden. Dieser sogenannte Plaque-Test machte es erstmals möglich, die Antikörperbildung auf der Ebene einzelner Zellen zu zählen.

Zum Basler Institut gehörten in Jernes Zeit Forschende, die später selbst bedeutende Entdeckungen machten. Unter ihnen war auch der Japaner Susumu Tonegawa, der in Basel zeigte, wie die Gene für Antikörper in Immunzellen neu zusammengesetzt werden, und dafür 1987 den Nobelpreis erhielt. Jerne förderte eine offene Atmosphäre, in der junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eigenständig arbeiten konnten.

Die Netzwerktheorie

1974 stellte Jerne seine wohl bekannteste Theorie vor, die Netzwerktheorie des Immunsystems. Er ging davon aus, dass Antikörper nicht nur Fremdstoffe erkennen, sondern auch von anderen Antikörpern erkannt werden können. Jeder Antikörper trägt in seiner Bindungsstelle eine einzigartige Form, die wiederum selbst als Ziel für andere Antikörper dienen kann. So entsteht ein Netz gegenseitiger Erkennung, in dem sich das Immunsystem ständig selbst reguliert.

Jerne verglich das Immunsystem dabei mit der Sprache. Wie aus einer begrenzten Zahl von Wörtern unzählige Sätze gebildet werden können, so könne das Immunsystem mit seinen Bausteinen eine nahezu unbegrenzte Vielfalt von Erkennungsmustern bilden. Die Netzwerktheorie regte zahlreiche Experimente an. Viele ihrer Annahmen ließen sich jedoch nicht in der ursprünglich vermuteten Form bestätigen, und ihre Bedeutung für die Regulierung des Immunsystems ist bis heute umstritten.

Jerne war bekannt dafür, Fragen zu stellen, die andere für zu groß oder zu spekulativ hielten. Er verband Immunologie mit Überlegungen aus Philosophie, Sprachwissenschaft und Hirnforschung. In seiner Nobelvorlesung trug er den Titel „Die generative Grammatik des Immunsystems“ und bezog sich damit ausdrücklich auf die Sprachtheorie des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Dieser Brückenschlag zwischen so verschiedenen Gebieten war typisch für sein Denken und machte ihn zu einer der ungewöhnlichsten Gestalten der modernen Biologie.

Der Nobelpreis 1984

1984 erhielten Niels K. Jerne, Georges J. F. Köhler und César Milstein den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für Theorien über die Spezifität in der Entwicklung und Steuerung des Immunsystems sowie für die Entdeckung des Prinzips zur Herstellung monoklonaler Antikörper. Jerne wurde dabei für seine theoretischen Beiträge gewürdigt, Köhler und Milstein für eine Methode, mit der sich große Mengen völlig einheitlicher Antikörper herstellen lassen.

Persönliches und späte Jahre

Jerne war dreimal verheiratet. Sein Privatleben galt als bewegt und nicht immer einfach. Nach seinem Ruhestand zog er sich nach Südfrankreich zurück. Niels K. Jerne starb am 7. Oktober 1994 in Castillon-du-Gard im Süden Frankreichs im Alter von 82 Jahren.

Wirkung

Jernes Selektionstheorie gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur modernen Immunologie. Der Gedanke, dass das Immunsystem aus einer vorhandenen Vielfalt die passenden Antworten auswählt, ist heute Lehrbuchwissen. Auch wenn nicht alle seiner Theorien Bestand hatten, regte er mit seinen Ideen Generationen von Forschenden an und zeigte, wie fruchtbar theoretisches Denken in der Biologie sein kann. Weitere Informationen zum Preis finden Sie bei der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026

Köpfe: Norman Angell

Sir Norman Angell war ein britischer Journalist, Schriftsteller und Politiker, der für das Jahr 1933 den Friedensnobelpreis erhielt. Geboren am 26. Dezember 1872 in Holbeach in der englischen Grafschaft Lincolnshire, wurde er durch sein Buch „The Great Illusion“ weltberühmt, das 1909 zunächst unter einem anderen Titel und 1910 in erweiterter Form erschien. Darin vertrat er die These, dass Kriege zwischen hoch entwickelten Industriestaaten auch für die Sieger wirtschaftlich unrentabel seien, weil die Volkswirtschaften eng miteinander verflochten sind. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und löste eine lebhafte Debatte aus. Angell blieb sein Leben lang ein unermüdlicher Publizist für Vernunft in der internationalen Politik.

Abenteuerliche Jugend

Angell wurde als Ralph Norman Angell Lane geboren und war eines von mehreren Kindern einer Familie aus der Mittelschicht. Er besuchte Schulen in England und Frankreich und studierte kurz in Genf, wo er mit den Ideen liberaler Denker wie John Stuart Mill in Berührung kam. Mit siebzehn Jahren wanderte er in die Vereinigten Staaten aus. Dort führte er ein unstetes Leben, arbeitete als Cowboy, Weinbergarbeiter, Landvermesser, Postbote und schließlich als Reporter für Zeitungen an der Westküste. Diese Jahre vermittelten ihm einen Blick auf die Welt jenseits der britischen Oberschicht und eine Skepsis gegenüber nationalistischer Begeisterung.

In den 1890er-Jahren kehrte Angell nach Europa zurück und arbeitete als Journalist in Paris. Er war Redakteur einer englischsprachigen Zeitung und später Leiter der Pariser Ausgabe der britischen „Daily Mail“, die zum Pressekonzern von Lord Northcliffe gehörte. In Paris erlebte er die Dreyfus-Affäre und beobachtete, wie Presse und öffentliche Meinung von Leidenschaften und Vorurteilen beherrscht werden konnten. Diese Erfahrung prägte sein späteres Interesse an der Frage, wie Menschen politische Entscheidungen treffen und wie leicht sie sich von Fehlvorstellungen leiten lassen.

Die große Illusion

1909 veröffentlichte Angell eine kleine Schrift mit dem Titel „Europe’s Optical Illusion“, die er im folgenden Jahr zu dem Buch „The Great Illusion“ erweiterte. Er wandte sich darin gegen die verbreitete Vorstellung, ein Land könne durch Eroberung reicher werden. In einer Welt, in der Handel, Kredit und Finanzwesen die Nationen eng verbänden, würde ein Krieg die wirtschaftlichen Grundlagen aller beteiligten Staaten erschüttern. Ein Sieger könne Gebiete erobern, aber nicht den Wohlstand, denn dieser beruhe auf Vertrauen, Arbeit und internationalen Beziehungen, die der Krieg zerstöre.

Das Buch wurde ein großer Erfolg. Es erschien in vielen Auflagen und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. In Großbritannien und anderen Ländern bildeten sich Studiengruppen, die Angells Ideen diskutierten, und eine Stiftung förderte die Verbreitung seiner Gedanken. Politiker, Bankiers und Militärs setzten sich mit seinen Argumenten auseinander, teils zustimmend, teils ablehnend.

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Angell habe behauptet, ein Krieg sei wegen der wirtschaftlichen Verflechtung unmöglich geworden. Angell selbst bestritt das stets. Er argumentierte, Kriege seien sinnlos und schädlich, nicht aber unmöglich. Gerade weil Menschen an die Illusion glaubten, Eroberung lohne sich, könne es zum Krieg kommen. Seine Aufgabe sah er darin, diese Illusion durch Aufklärung zu zerstören.

Erster Weltkrieg und politische Neuorientierung

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, schien dies vielen Kritikern ein Beweis dafür, dass Angell sich geirrt habe. Er selbst sah darin vielmehr eine tragische Bestätigung seiner Thesen: Der Krieg brachte allen beteiligten Nationen enorme wirtschaftliche Verluste und zerstörte die Grundlagen des europäischen Wohlstands. Angell gehörte zu den Gründern der Union of Democratic Control, einer Organisation, die eine demokratische Kontrolle der Außenpolitik und einen gerechten Frieden ohne Annexionen forderte. Er hielt sich in dieser Zeit auch in den Vereinigten Staaten auf und warb dort für seine Ideen.

Nach dem Krieg trat Angell der Labour Party bei. Er kritisierte den Versailler Vertrag, insbesondere die hohen Reparationsforderungen an Deutschland, die er für wirtschaftlich unsinnig hielt. In seinem Buch „The Fruits of Victory“ führte er aus, dass die Sieger von ihrem Triumph kaum profitierten und dass die wirtschaftliche Verflechtung Europas einen Wiederaufbau aller Staaten erfordere, auch der besiegten.

Abgeordneter und Publizist

Von 1929 bis 1931 war Angell Labour-Abgeordneter im britischen Unterhaus. Er war außerdem Herausgeber der Zeitschrift „Foreign Affairs“, eines britischen Blatts, das sich mit internationaler Politik beschäftigte. 1931 wurde er für seine Verdienste zum Ritter geschlagen. Er schrieb unablässig Bücher, Broschüren und Artikel, in denen er für den Völkerbund, für kollektive Sicherheit und für die Zusammenarbeit der Demokratien eintrat.

In den 1930er-Jahren warnte Angell früh vor den Gefahren durch das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien. Anders als viele Pazifisten lehnte er Gewalt nicht grundsätzlich ab. Er war überzeugt, dass die Demokratien gemeinsam handeln müssten, um Aggressoren abzuschrecken, und kritisierte die britische Beschwichtigungspolitik. Für ihn war kollektive Sicherheit im Rahmen des Völkerbunds der einzige Weg, einen neuen großen Krieg zu verhindern.

Der Friedensnobelpreis für 1933

Angell erhielt den Friedensnobelpreis für das Jahr 1933, der im Jahr 1934 verliehen wurde. Sinngemäß würdigte das Nobelkomitee ihn als Verfasser der „Great Illusion“ und für seine langjährige Arbeit als Autor und Publizist im Dienst der internationalen Verständigung. In seiner Nobelvorlesung sprach Angell über die Frage, warum Menschen trotz besseren Wissens immer wieder zu Gewalt greifen, und betonte die Rolle von Bildung und kritischem Denken für den Frieden.

Die Auszeichnung fiel in eine Zeit, in der die Hoffnungen der 1920er-Jahre bereits zerbrachen. Japan war aus dem Völkerbund ausgetreten, Deutschland ebenfalls, und die Abrüstungskonferenz in Genf scheiterte. Angells Warnungen gewannen dadurch an Dringlichkeit.

Späte Jahre und Tod

Im Zweiten Weltkrieg unterstützte Angell den Kampf gegen den Nationalsozialismus und hielt Vorträge in den Vereinigten Staaten, um für die britische Sache zu werben. Nach 1945 setzte er sich für die Vereinten Nationen und für die Zusammenarbeit der westlichen Demokratien ein. Er lebte viele Jahre in den USA und kehrte im hohen Alter nach England zurück. Sir Norman Angell starb am 7. Oktober 1967 in Croydon bei London im Alter von 94 Jahren.

Wirkung und Einordnung

Angells Name wird bis heute in Debatten über Globalisierung und Frieden genannt. Seine These, dass wirtschaftliche Verflechtung Krieg kostspielig macht, gehört zu den Grundgedanken des liberalen Denkens in den internationalen Beziehungen. Kritiker verweisen darauf, dass die Verflechtung vor 1914 den Krieg nicht verhindert hat und dass politische Leidenschaften, Nationalismus und Machtstreben oft stärker sind als wirtschaftliche Vernunft. Befürworter halten dagegen, dass Angell genau dies vorhergesehen habe und dass die enormen Kosten der Weltkriege seine Analyse bestätigten.

Bemerkenswert ist auch Angells Interesse an der Psychologie der Politik. Er fragte, warum Menschen an Vorstellungen festhalten, die ihren eigenen Interessen widersprechen, und warum nationale Gefühle so leicht mobilisiert werden können. Diese Fragen sind heute in Zeiten von Desinformation und polarisierter Öffentlichkeit erstaunlich aktuell.

Für Sie als Leserin oder Leser lohnt die Beschäftigung mit Norman Angell, weil er ein Beispiel dafür ist, wie ein einzelnes Buch die Debatte über Krieg und Frieden über Jahrzehnte prägen kann. Er war kein Diplomat und kein Staatsmann, sondern ein Journalist, der mit Argumenten und Beharrlichkeit versuchte, das Denken seiner Zeitgenossen zu verändern. Seine Auszeichnung zeigt, dass das Nobelkomitee auch die Kraft des Wortes und der Aufklärung als Beitrag zum Frieden anerkannte.

Stand: 29.10.2026