Meinung: Mut zur Lücke – ein Gedanke über Lebensläufe

Das Konzept „Lücke im Lebenslauf vermeiden“ zeigt übrigens, dass man bei der Jobsuche nicht nur seine Qualifikation belegen soll sondern auch zeigen muss, dass man die letzten 20 Jahre ein kapitalismuskonformes Leben geführt hat.

twittert der lawen4cer und bringt mich damit dazu, endlich mal einen Gedanken über Lebensläufe loszuwerden, der mir schon ewig auf der Seele liegt:

Haben Sie Mut zum unkonventionellen Lebenslauf!

Selbst war ich schon – auf Arbeitgeberseite – bei deutlich dreistellig Vorstellungsgesprächen dabei und habe dementsprechend noch viel mehr Lebensläufe gelesen. Und ich muss leider der obigen Aussage aus dem tweet insoweit zustimmen, als dass zu viele Bewerber einen überladenen Lebenslauf präsentieren, in dem es keine Lücke gibt – sie scheinen also diesen gewissen Druck zu verspüren, einen „kapitalismuskonformen“ Lebenslauf abliefern zu müssen.

Einen Scheiß muss man!

Viele der Leute, die ich eingestellt habe, hatten gerade keinen glattgespülten Lebenslauf, sondern Ecken, Kanten, Lücken, Richtungswechsel.

Und das ist auch ok so; mir ist es im Zweifel lieber, jemand hat nach dem Studium zwei Jahre lang auf Ibiza den Animateur gemacht und gibt das offen zu, als dass er „kapitalismuskonform“ durchgeackert hat, dann mit 45 den Burnout bekommt, alles hinschmeißt und ich jemanden neues für den Job suchen muss…

Ich weiß, viele Personaler sehen das anders und gehen vermeintlich kein Risiko ein. Alles 08/15 nach Norm. Aber mal ehrlich – möchten Sie als Arbeitnehmer in einem Unternehmen arbeiten, in dem nur auf solche förmlichen Äußerlichkeiten geachtet wird? Viel besser ist es doch, so akzeptiert zu werden, wie man ist.

Also: formulieren Sie Ihren Lebenslauf ehrlich. Denn nur mit diesem finden Sie den Job, der dann auch wirklich zu Ihnen passt.

Und allen, die Stellen besetzen, möchte ich im Gegenzug raten: Haben Sie den Mut, Mitarbeiter einzustellen, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen. Diese werden Sie vielleicht wirklich positiv überraschen…

Job gesucht?

Übrigens, wenn Sie einen nicht kapitalismuskonformen Lebenslauf haben und auf der Suche nach einem Job sind… schreiben Sie mich an, ich kenne viele Leute…

Liste: Es ist okay…

Diese Liste sollte in jedem Unternehmen, jeder Behörde und überhaupt bei jedem Arbeitgeber hängen.

Es ist okay…

  • zu sagen „Ich weiß es nicht„
  • um mehr Klarheit zu bitten
  • zu Hause zu bleiben, wenn du dich krank fühlst
  • zu sagen, dass du etwas nicht verstehst
  • zu fragen, wofür eine Abkürzung steht
  • warum und warum nicht zu fragen
  • etwas zu vergessen
  • dich vorzustellen
  • sich auf’s Team zu verlassen
  • um Hilfe zu bitten
  • nicht alles zu wissen
  • stille Tage zu brauchen
  • laute Tage zu brauchen und rumzualbern
  • Deine Kopfhörer aufzusetzen
  • nein zu sagen, wenn du zu beschäftigt bist
  • Fehler zu machen
  • zu singen
  • zu seufzen
  • deine E-mails nicht ständig zu checken
  • wütend zu sein
  • jemanden analog zu fragen
  • woanders zu arbeiten, um dich zu konzentrieren
  • anderen Feedback anzubieten
  • Feedback zu bekommen
  • einen schlechten Tag zu haben
  • einen guten Tag zu haben
  • Dinge in Frage zu stellen
  • „Ja“ zu sagen, wenn jemand Dir Hilfe anbietet
  • lieber Tee zu trinken
  • traurig zu sein
  • nach einer Umarmung zu fragen
  • einen unordentlichen Schreibtisch zu haben
  • einen ordentlichen Schreibtisch zu haben
  • so zu arbeiten, wie du es magst
  • einige Tage frei zu haben
  • an Freitagen zu arbeiten

Liste: Arbeitende Frauen je Mann

Soviele Männer arbeiten in folgenden Ländern je Mann:

Mosambik: 1,1
Ruanda: 1,05
Schweden: 0,95
Kanada: 0,91
Israel: 0,9
Frankreich: 0,9
Deutschland: 0,89
Großbritannien: 0,87
Russland: 0,87
US: 0,86
China: 0,83
Japan: 0,78
Nigeria: 0,76
Brasilien: 0,75
Indonesien: 0,6
Türkei: 0,44
Indien: 0,35
Saudi-Arabien: 0,26
Iran: 0,22

Stand 2017, Quelle ILO

Was bedeutet Weaponized Incompetence?

Weaponized Incompetence lässt sich etwa mit als Waffe eingesetzter Unfähigkeit übersetzen. Gemeint ist ein Verhalten, bei dem sich jemand bei einer lästigen Aufgabe absichtlich ungeschickt anstellt oder so tut, als könne er sie nicht. Das Ziel: Die anderen sollen es irgendwann leid sein und die Arbeit selbst übernehmen. Ein verwandter, älterer Begriff ist strategische Inkompetenz.

Als Ausgangspunkt der heutigen Debatte gilt ein Artikel des Kolumnisten Jared Sandberg im Wall Street Journal vom 17. April 2007. Er beschrieb unter dem Schlagwort strategic incompetence Beschäftigte, die sich gezielt dumm stellen, um etwa nicht mehr mit der Organisation des Firmenpicknicks betraut zu werden. Schon 1986 hatte der Organisationsforscher Chris Argyris in der Harvard Business Review von skilled incompetence geschrieben, damit allerdings eher eingeübte Abwehrmuster in Managementteams gemeint. 2008 griff der Guardian-Kolumnist Oliver Burkeman das Thema auf, nachzulesen beim Guardian.

Die Formulierung weaponized incompetence ist nach verfügbaren Angaben spätestens 2018 in einer Ratgeberkolumne der New York Times belegt. Breit bekannt wurde sie ab etwa 2021 durch Videos auf TikTok und Artikel in Lifestyle-Magazinen. Dort geht es meist um Paarbeziehungen: Ein Partner, häufig der Mann, wäscht die Wäsche so schlecht, kauft so planlos ein oder wickelt das Kind so ungeschickt, dass die Partnerin die Aufgabe am Ende wieder übernimmt. Die Debatte ist eng mit Fragen nach Mental Load und ungleich verteilter Hausarbeit verbunden.

Wichtig ist die Abgrenzung: Nicht jeder, der etwas nicht kann, handelt berechnend. Von Weaponized Incompetence spricht man, wenn jemand lernen könnte, es aber bewusst nicht tut, weil die vorgeführte Hilflosigkeit für ihn bequemer ist. Fachleute raten, solche Muster offen anzusprechen, Aufgaben klar zu verteilen und Ergebnisse nicht sofort selbst nachzubessern.

Stand: 19.10.2026