Glasaal für 700 Euro das Kilo: Was der Bund 2004 über den Europäischen Aal wusste

Der Europäische Aal wird seit Jahren seltener, und niemand weiß genau, warum. Eine Kleine Anfrage (Drucksache 15/2873) vom 30. März 2004 fragte nach Beständen, Glasaalhandel und Forschung. Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 15/2929) kam mit Schreiben des Verbraucherschutzministeriums vom 14. April 2004.

Worum es ging

Die Fragesteller beschrieben den ungewöhnlichen Lebenslauf des Europäischen Aals: 8 bis 12 Jahre in Flüssen und Seen, dann eine rund 5 000 Kilometer lange Wanderung zum Laichen in die Sargassosee. Die Larven treiben etwa drei Jahre zurück an die europäische Küste und steigen als durchsichtige Glasaale die Flüsse hinauf. In der EU würden jährlich etwa 10 000 Tonnen Aal in Aquakulturen produziert, als Besatz dienten wild gefangene Glasaale, so die Fragesteller.

Außerhalb sicherer Grenzen

Laut Antwort befindet sich der Bestand nach Einschätzung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) außerhalb sicherer biologischer Grenzen. Die EU-Kommission und die Bundesregierung teilten diese Einschätzung, auf der Roten Liste Deutschlands galt der Aal als „gefährdet“.

Die Datenlage ist dünn. In den 90er Jahren sollen nach inoffiziellen Schätzungen europaweit etwa 30 000 Tonnen Aal jährlich gefangen worden sein. Für Deutschland meldete Eurostat für 2002 rund 635 Tonnen aus der Berufsfischerei, die Fänge der Angler dürften laut Hochrechnung unter 1 200 Tonnen liegen. Genauere Zahlen gab es für die Kleine Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern: Dort sanken die Fänge von rund 160 Tonnen (1994) auf 97 Tonnen (2002).

Deutschland führte 2003 rund 1 353 Tonnen lebende Aale ein und 179 Tonnen aus.

Der Glasaal-Boom

Die Endabnehmerpreise für Glasaale stiegen laut Antwort seit 1995 von etwa 120 auf über 700 Euro pro Kilo, ein Kilo sind etwa 3 000 Tiere. Die Bundesregierung verknüpfte das mit Aufkäufen chinesischer Händler für die dortige Aquakultur: Weil auch der Japanische Aal selten geworden war, wichen sie auf den Europäischen Aal aus.

Die Größenordnungen laut Antwort:

  • Glasaalfänge: rund 2 Milliarden Stück pro Jahr
  • davon Export in den asiatischen Raum: wohl rund 700 Millionen
  • zu Speisezwecken in Europa verwendet: rund 600 Millionen
  • für den Besatz deutscher Gewässer würden nach Ansicht von Wissenschaftlern rund 200 Millionen reichen

Aus Deutschland selbst wurden keine Glasaale exportiert. Die hohen Preise haben aber Folgen: Der Besatz durch Fischer und Angler soll gegenüber den 80er Jahren um 80 Prozent zurückgegangen sein. Weil manche Flüsse nicht durchgängig sind und der Bestand dort nur durch Besatz erhalten werden kann, dürften die Preise die Lage noch verschärfen, so die Antwort.

Turbinen, Wehre, Parasiten, Kormorane

Eine einzelne Ursache für den Rückgang konnte die Bundesregierung nicht benennen. Sie nannte unter anderem Verbauung und Zerstörung von Lebensräumen, Turbinenverluste an Wasserkraftwerken, Gewässerverschmutzung, Fischerei und den aus Asien eingeschleppten Schwimmblasenwurm, dazu natürliche Faktoren wie mehr Kormorane und Klimaveränderungen. Wahrscheinlich wirkten mehrere Faktoren zusammen. Auch der Amerikanische und der Japanische Aal gingen zurück, eine Erklärung dafür gebe es nicht.

Ein paar Zahlen aus der Antwort:

  • Europaweit sind dem Aal nach einer Schätzung etwa 50 Prozent seines früheren Lebensraums entzogen worden, in Deutschland sind 25 Prozent der geeigneten Habitate durch Verbauung unzugänglich.
  • Turbinen von Kleinwasserkraftwerken töten oder verletzen nach Expertenauffassung rund ein Drittel der durchschwimmenden Fische, vor allem Aale.
  • Der Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus befällt in Deutschland rund 65 bis 90 Prozent der Aale. Eine Bekämpfung sei praktisch unmöglich.

Kormorane fressen laut Antwort meist die Fische, die im Gewässer in passender Größe am häufigsten sind, in Aalgewässern also auch Aale. Maßnahmen für abwandernde Blankaale seien Sache der Länder. Als Beispiel nannte die Antwort Rheinland-Pfalz: Dort wurden Blankaale an den Moselstaustufen gefangen und einmal pro Woche per Lkw zum Rhein bei Linz gebracht. Das könne aber nur eine Notmaßnahme sein, wichtiger sei die Durchgängigkeit der Flüsse.

Zucht? Schwierig

Versuche, Aale künstlich zu vermehren, laufen seit Jahrzehnten. In Ahrensburg gelang es schon Ende der 60er Jahre, männliche Tiere zur Reife zu bringen, bei Weibchen gab es in den 70er Jahren nur Teilerfolge. Vom Glasaal bis zum verkaufsfähigen Aal dauert die Aufzucht laut Antwort etwa 1,5 bis 3 Jahre. Exportbeschränkungen für Glasaale gingen nur auf Grundlage internationaler Handelsabkommen, und ein Verbot von Glasaal als Speise sei in Europa wegen der kulturhistorischen Hintergründe kaum mehrheitsfähig.

Späterer Stand

2007 beschloss die EU mit der Verordnung (EG) Nr. 1100/2007 Maßnahmen zur Wiederauffüllung des Bestands. Die Mitgliedstaaten müssen danach Aalbewirtschaftungspläne aufstellen. Ziel ist, dass mindestens 40 Prozent der Blankaal-Biomasse ins Meer abwandern, die ohne menschliche Einflüsse abgewandert wäre.

Laut dem Umsetzungsbericht 2021 des Instituts für Binnenfischerei lag die Abwanderung aus allen deutschen Aaleinzugsgebieten in den Jahren 2017 bis 2019 bei 35 Prozent und damit unter diesem Ziel.

Einordnung

Die Antwort zeigt ein Dilemma: Für den Besatz fehlten bezahlbare Glasaale, weil ein großer Teil in Richtung Asien oder auf europäische Teller ging. Weitere Fischthemen bei uns: Haie in der Ostsee, das Koi-Herpesvirus in der Teichwirtschaft und Geisternetze im Meer.

Quellen

Hinweis: Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anhand der verlinkten Drucksachen geprüft.

Stand: 23.10.2026

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.