Gehen Deutschland die Seelotsen aus? Das fragte eine Kleine Anfrage (Drucksache 15/1372) vom 23. Juni 2003. Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 15/1461) übermittelte das Bundesverkehrsministerium mit Schreiben vom 30. Juli 2003.
Worum es ging
Seelotsen steigen auf Schiffe und beraten die Kapitäne in schwierigen Revieren, etwa auf Elbe, Weser oder dem Nord-Ostsee-Kanal. Nachwuchs kam damals fast nur aus der Seeschifffahrt: Wer Lotse werden wollte, brauchte vorher eine lange Laufbahn auf See.
Laut Fragestellern schreckte dieser lange und ungewisse Weg junge Leute ab, obwohl das Interesse an dem Beruf groß sei. Die Nachwuchssituation in der Schifffahrt und bei den Lotsen sei äußerst schlecht. Die vielen spektakulären Schiffsunfälle des Vorjahres hätten gezeigt, wie wichtig Lotsen für die Sicherheit seien.
Wie ernst die Lage war
Dramatisch sei die Nachwuchssituation nicht, schrieb die Bundesregierung, aber „sehr angespannt“. Die rückläufigen Bewerberzahlen seien Anlass, sich intensiv damit zu befassen. Eine Arbeitsgruppe der Wasser- und Schifffahrtsdirektionen Nord und Nordwest sollte Lösungen erarbeiten, auch zur Frage, ob sich die Lotsenausbildung von der Seefahrt abkoppeln lässt.
Die Zahlen dazu:
- Ende 2002 gab es 738 Seelotsen.
- In den folgenden fünf Jahren sollten 162 von ihnen (21,9 Prozent) in den Ruhestand gehen, in weiteren fünf Jahren noch einmal 172 (23,3 Prozent).
- Für alle Seelotsreviere zusammen gab es 91 Bewerber aus den Jahrgängen 1942 bis 1973, die meisten (33) aus den Jahrgängen 1961 bis 1965.
Eine feste Altersgrenze für Bewerber gab es nicht. Je nach Revier kamen ältere Jahrgänge aber nicht in Frage, weil die Lotsenbrüderschaften einen gleichmäßigen Altersaufbau anstrebten. Wie viele Lotsen künftig gebraucht werden, hänge vom Schiffsverkehr ab, konkrete Zahlen dazu lägen nicht vor. Klar sei aber, dass zusätzliche Maßnahmen nötig sind.
Was geplant war
Kurzfristig prüfte die Bundesregierung, den Unterhaltsbeitrag für Seelotsenanwärter anzuheben. Beim Einkommen verwies sie auf die gesetzliche Vorgabe, dass Lotsgelder ein angemessenes Einkommen sichern müssen. Bis zur Festsetzung der Lotsgeldtarife 2001 diente dafür das Einkommen eines Kapitäns auf großer Fahrt als Maßstab, seitdem wird ein Gesamtbetrag fortgeschrieben. Konkrete Einkommenszahlen für 1993 bis 2003 nannte die Antwort nicht.
Weitere Punkte:
- Studierende im Fach Nautik/Seefahrt: 619 im Wintersemester 1995/96, 820 im Wintersemester 2001/02.
- Über die Standorte der Seefahrtschulen entscheiden die Küstenländer, der Bund wirkt nicht mit.
- Mit dem „Maritimen Bündnis“ und den Absprachen der 3. Nationalen Maritimen Konferenz im Mai 2003 sollten 100 Schiffe unter deutsche Flagge zurückkehren. Das solle auch den Nachwuchs für die Seefahrt stärken.
- Den Auslandstätigkeitserlass auf Seeleute auszuweiten, lehnte die Bundesregierung ab: Eine Doppelbesteuerung drohe Seeleuten nicht.
Technik ersetzt keinen Lotsen
Technische Systeme an Land und an Bord seien Informationssysteme für den Kapitän, so die Antwort. Der Bordlotse könne dadurch nicht ersetzt werden und sei „nach heutigen Erkenntnissen unverzichtbar“.
Laut Fragestellern können deutsche Kapitäne über die Seemannskasse mit 57 Jahren in den Ruhestand gehen, Lotsen dagegen müssten bis 65 arbeiten. Eine vorzeitige abschlagsfreie Rente nur für Lotsen lehnte die Bundesregierung ab. Andere vergleichbare Gruppen auszuschließen sei kaum zu rechtfertigen, und die Mehrkosten müssten über höhere Beiträge finanziert werden.
Späterer Stand
Die Abkopplung von der langen Seefahrtskarriere kam später tatsächlich. Nach § 9 Seelotsgesetz kann heute auch zugelassen werden, wer statt eines Kapitänspatents einen Bachelor in Nautik und ein Befähigungszeugnis als Nautischer Wachoffizier hat. Die Ausbildung verlängert sich dann.
Laut Bundeslotsenkammer startete im September 2024 zudem ein Masterstudiengang „Maritime Pilotage“ an den Hochschulen Wismar und Flensburg. 2024 arbeiteten in den sieben deutschen Seelotsrevieren im Schnitt rund 810 Lotsen, sie übernahmen rund 150 000 Lotsungen. Etwa 45 neue Lotsen begannen in dem Jahr ihren Dienst. Die Kammer schreibt, um die Altersabgänge auszugleichen, müsse weiter in die Ausbildung investiert werden.
Einordnung
Der Nachwuchs ist bis heute ein Dauerthema im Lotswesen, heute mit geänderten Zugangswegen. Wie wichtig Lotsen und sichere Reviere sind, zeigt etwa die Anfrage zur Havarie der CSCL Indian Ocean auf der Elbe. Um Sicherheitsregeln auf See ging es auch bei den Traditionsschiffen.
Quellen
- Kleine Anfrage, Drucksache 15/1372 vom 01.07.2003
- Antwort der Bundesregierung, Drucksache 15/1461 vom 01.08.2003
- Seelotsgesetz, § 9
- Bundeslotsenkammer: Jahresrückblick 2024
Hinweis: Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anhand der verlinkten Drucksachen geprüft.
Stand: 23.10.2026
