Fehlt den Orchestern der Nachwuchs? Die Bundesregierung 1971 zu Kulturorchestern und Musikschulen

Anfang der 1970er Jahre warnten Musikverbände vor fehlendem Nachwuchs in den deutschen Orchestern. Abgeordnete fragten nach Ursachen, Fördergeld und Musikschulen (Kleine Anfrage, Drucksache 6/2479). Die Bundesregierung beantwortete die Kleine Anfrage: Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher gab die Antwort (Drucksache 6/2810) am 3. November 1971 im Einvernehmen mit vier weiteren Ministerien.

Die Ausgangslage

Laut den Fragestellern war der Anteil der Berufsmusiker an der Bevölkerung nach Angaben des Deutschen Musikrats von 1933 bis 1961 um 55 Prozent gesunken. In der Spielzeit 1969/70 seien 33 Prozent der offenen Geigerstellen mit Ausländern besetzt worden, 36 Prozent seien unbesetzt geblieben. 1961 sei mehr als die Hälfte der Berufsmusiker über 45 gewesen. Den Musikschulen fehlten Lehrer. Die Fragesteller fragten nach Fördermitteln, Musikschulen, Begabtenförderung, Lehrkräften, Studienabbrüchen und einem Vergleich mit der DDR.

Die Antwort

  • Zuständigkeit: Kulturpolitik sei vor allem Sache von Ländern und Gemeinden, der Bund verfüge nur über begrenzte eigene Daten. Er arbeite im 1971 gegründeten Gemeinsamen Ausschuss für Kulturarbeit mit, der auch ein Förderprogramm des Musikrats für Orchester beraten solle.
  • Interesse gesunken, keine Existenzgefahr: Die hohe Zahl der Vakanzen, der Ausländeranteil und der Altersaufbau deuteten auf nachlassendes Interesse am Beruf hin. Von einer Gefährdung der Orchester könne aber keine Rede sein. Laut Musikrat gebe es 14 Rundfunkorchester, 20 weitere Spitzenorchester, 23 Orchester der B-Gruppe, 11 der C-Gruppe und 29 weitere Kulturorchester. Selbst wenn einige Orchester aufgelöst oder zusammengelegt würden, bleibe die Substanz erhalten.
  • Musikerinnen: Die Regierung unterstütze das Anliegen von Musikerinnen, gleichberechtigt Zugang zu den Kulturorchestern zu bekommen.
  • Orchestergeld: Genaue Statistiken fehlten. 1969 hätten selbstständige Orchester in größeren Gemeinden 39 986 000 DM Zuwendungen erhalten, dazu 19 479 600 DM aus Theateretats. Das erfasse aber nur 37 Kulturorchester. Die Länder hätten 1970 rund 24,7 Millionen DM ausgewiesen, der Bund 1971 rund 6 Millionen DM, auch für Auslandsgastspiele. Wegen steigender Personalkosten würden die Ansätze künftig nicht reichen, Rationalisierung und Konzentration müssten geprüft werden.
  • Musikschulen: Die Gemeinden hätten 1968 37,9 Millionen DM zugeschossen. Der Bund gebe 1971 unter anderem 48 000 DM an den Verband deutscher Musikschulen, 397 000 DM an den Musikrat, etwa für „Jugend musiziert“ und das Bundesjugendorchester, 285 000 DM an Fachorganisationen der Jugendmusik und rund 100 000 DM für Dachverbände.
  • Trossingen: Für den Bau der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen habe der Bund 3 Millionen DM bereitgestellt. Das jährliche Defizit trügen der Bund zu zwei Dritteln und Baden-Württemberg zu einem Drittel.
  • Bildungsplanung: Musikschulen seien im Entwurf des Bildungsgesamtplans zunächst nicht eigens berücksichtigt. In der Schulreform sollten Wahlkurse und Instrumentalgruppen musikalische Begabungen stärker fördern.
  • Studienabbrüche: Dass viele Musikstudenten ohne Prüfung abgingen, solle nicht überschätzt werden, denn über eine Orchesterstelle entscheide das Probespiel.
  • DDR: Dort werde der Nachwuchs an mehr als 220 staatlichen Musikschulen gefördert. Ein Zurückfallen der Bundesrepublik im internationalen Vergleich sei aber nicht festzustellen, auch Auswirkungen auf die auswärtige Kulturpolitik nicht.

Späterer Stand

Die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen wurde 1973 eröffnet (Wikipedia: Bundesakademie für musikalische Jugendbildung).

Quellen

Hinweis: Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anhand der verlinkten Drucksachen geprüft.

Stand: 23.10.2026

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