Köpfe: Tu Youyou

Tu Youyou ist eine chinesische Pharmakologin, die mit ihrem Team das Malariamittel Artemisinin entdeckte. Den entscheidenden Hinweis fand sie in einem mehr als 1600 Jahre alten Text der traditionellen chinesischen Medizin. Medikamente auf Grundlage von Artemisinin gehören heute zu den wichtigsten Mitteln gegen Malaria und haben weltweit unzählige Menschenleben gerettet. 2015 erhielt Tu Youyou dafür eine Hälfte des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin. Sie war die erste Frau aus der Volksrepublik China, die mit einem naturwissenschaftlichen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In diesem Porträt erfahren Sie, wie sie zur Arzneimittelforschung kam, wie die Entdeckung gelang und warum sie so bedeutend ist.

Herkunft und Jugend

Tu Youyou wurde am 30. Dezember 1930 in Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang geboren. Sie war das einzige Mädchen unter fünf Kindern. Ihr Vater gab ihr einen Namen, der auf eine Zeile aus dem „Buch der Lieder“, einer alten chinesischen Gedichtsammlung, zurückgeht. Darin ist vom Ruf der Hirsche die Rede, die eine Pflanze fressen, die mitunter als die Pflanze gedeutet wird, aus der später Artemisinin gewonnen wurde. Diese Verbindung wird in Berichten über sie gern hervorgehoben.

Als Jugendliche erkrankte Tu an Tuberkulose und musste ihre Schulausbildung für etwa zwei Jahre unterbrechen. Diese Erfahrung weckte nach eigenen Angaben ihr Interesse an Medizin und Arzneimitteln. Nach ihrer Genesung setzte sie die Schule fort und bereitete sich mit großem Fleiß auf ein Studium an einer Hochschule vor.

Studium in Peking

1951 begann Tu ein Studium an der medizinischen Hochschule in Peking, der späteren Medizinischen Fakultät der Peking-Universität. Sie studierte Pharmazie und beschäftigte sich besonders mit Heilpflanzen und ihren Inhaltsstoffen. Dabei lernte sie, wie man Pflanzen bestimmt, ihre Wirkstoffe gewinnt und deren chemische Struktur untersucht. 1955 schloss sie ihr Studium ab.

Anschließend trat sie in die neu gegründete Akademie für Traditionelle Chinesische Medizin in Peking ein, die heute China Academy of Chinese Medical Sciences heißt. Dort absolvierte sie zusätzlich eine mehrjährige Ausbildung in traditioneller chinesischer Medizin. So verband sie das Wissen der modernen Pharmakologie mit den Kenntnissen der überlieferten Heilkunst. Diese Verbindung sollte für ihre spätere Entdeckung entscheidend sein.

Malaria und das Projekt 523

Malaria ist eine von Mücken übertragene Krankheit, die durch einzellige Parasiten verursacht wird. Sie fordert bis heute jedes Jahr Hunderttausende Todesopfer, vor allem Kinder in Afrika. In den 1960er-Jahren hatten die Erreger zunehmend Widerstandskräfte gegen das damals wichtigste Medikament Chloroquin entwickelt. Besonders betroffen waren Soldaten im Vietnamkrieg, wo die Krankheit große Verluste verursachte.

1967 startete die chinesische Regierung auf Bitten Nordvietnams ein geheimes militärisches Forschungsprogramm, um neue Malariamittel zu finden. Es wurde nach seinem Startdatum, dem 23. Mai, Projekt 523 genannt. Hunderte Forschende in ganz China beteiligten sich daran. 1969 wurde Tu Youyou die Leitung einer Forschungsgruppe an ihrer Akademie übertragen, die in der traditionellen Medizin nach Wirkstoffen suchen sollte. Das fiel in die Zeit der Kulturrevolution, in der viele Wissenschaftler verfolgt wurden und Forschung nur unter schwierigen Bedingungen möglich war. Tu war mit dem Ingenieur Li Tingzhao verheiratet, den sie aus der Schulzeit kannte, und hatte zwei kleine Töchter. Um sich ganz der Forschung widmen zu können, ließ sie die Kinder zeitweise bei anderen betreuen, eine Entscheidung, die ihr nach eigenen Worten schwerfiel.

Die Suche in alten Schriften

Tu und ihr Team sammelten mehr als 2000 Rezepte aus alten Texten, Volksheilmitteln und Befragungen von Ärzten der traditionellen Medizin. Daraus wählten sie Hunderte Pflanzenauszüge aus und testeten sie an Mäusen, die mit Malariaerregern infiziert waren. Ein Auszug aus dem Einjährigen Beifuß, chinesisch Qinghao, zeigte vielversprechende Wirkungen, doch die Ergebnisse waren unbeständig. Manchmal wirkte der Auszug, manchmal kaum.

Den entscheidenden Hinweis fand Tu in einem Text des Gelehrten Ge Hong aus dem 4. Jahrhundert, einer Sammlung von Rezepten für Notfälle. Darin wird empfohlen, eine Handvoll Qinghao in Wasser einzuweichen, den Saft auszupressen und zu trinken. Tu fiel auf, dass das Rezept kein Erhitzen vorsah. Sie vermutete, dass der Wirkstoff durch Hitze zerstört wird, wie es bei der üblichen Zubereitung als heißer Kräutersud geschah. Deshalb stellte sie den Auszug bei niedrigen Temperaturen mit dem Lösungsmittel Ether her.

Die Arbeit war mühsam und körperlich belastend. Moderne Laborgeräte standen kaum zur Verfügung. Um ausreichende Mengen des Auszugs für die Versuche herzustellen, nutzte das Team einfache Haushaltsgefäße wie große Wasserbottiche. Die Forschenden arbeiteten lange Tage mit dem Lösungsmittel Ether, das in hohen Konzentrationen gesundheitsschädlich ist, ohne ausreichende Schutzausrüstung. Mehrere Mitglieder des Teams litten in dieser Zeit unter gesundheitlichen Beschwerden, darunter auch Tu selbst, die zeitweise an einer Leberentzündung erkrankte.

Der Durchbruch

1971 gelang der Durchbruch. Der neue Auszug wirkte bei infizierten Mäusen und Affen nahezu vollständig gegen die Malariaerreger. Um rasch Gewissheit über die Verträglichkeit beim Menschen zu erhalten, testeten Tu und zwei Kollegen das Mittel 1972 zunächst an sich selbst. Danach wurde es an Malariakranken erprobt, mit ermutigenden Ergebnissen.

Noch 1972 isolierten Tu und ihr Team den reinen Wirkstoff, eine farblose, kristalline Substanz, die den Namen Qinghaosu erhielt und international als Artemisinin bekannt wurde. In Zusammenarbeit mit anderen Instituten wurde in den folgenden Jahren die chemische Struktur aufgeklärt. Es zeigte sich ein ungewöhnliches Molekül mit einer Sauerstoffbrücke, die für die Wirkung entscheidend ist. 1973 stellte Tus Gruppe zudem Dihydroartemisinin her, eine abgewandelte Form, die noch stärker wirkt.

Da das Projekt geheim war, wurden die Ergebnisse zunächst nicht unter den Namen der Forschenden veröffentlicht. Erst ab Ende der 1970er-Jahre wurden sie international bekannt. Lange blieb zudem umstritten, wem die Entdeckung im Einzelnen zuzuschreiben sei, da viele Gruppen am Projekt 523 beteiligt waren. Spätere Untersuchungen und Auszeichnungen würdigten jedoch Tus zentrale Rolle.

Artemisinin wirkt anders als frühere Malariamittel. Wenn die Parasiten im Inneren der roten Blutkörperchen den Blutfarbstoff abbauen, wird Eisen frei. Dieses spaltet die Sauerstoffbrücke im Artemisininmolekül, wodurch hochreaktive Verbindungen entstehen, die die Parasiten schädigen. Der Wirkstoff tötet die Erreger dadurch besonders rasch ab und senkt ihre Zahl im Blut innerhalb kurzer Zeit stark. Weil Artemisinin im Körper aber nur kurz wirkt, wird es heute mit einem länger wirksamen Partnermedikament kombiniert. So soll zugleich verhindert werden, dass die Erreger gegen den Wirkstoff unempfindlich werden.

Der Nobelpreis 2015

2015 erhielt Tu Youyou eine Hälfte des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin für ihre Entdeckungen über eine neuartige Therapie gegen Malaria. Die andere Hälfte ging gemeinsam an William C. Campbell und Satoshi Ōmura für ihre Entdeckungen über eine neuartige Therapie gegen Infektionen durch Fadenwürmer. Bereits 2011 hatte Tu den Lasker-DeBakey Award für klinische Forschung erhalten.

In China wurde Tu häufig als „Drei-ohne-Wissenschaftlerin“ bezeichnet: ohne Doktortitel, ohne Auslandsstudium und ohne Mitgliedschaft in einer der beiden großen nationalen Wissenschaftsakademien. Ihr Erfolg löste in China eine Debatte über die Bewertung von Forschungsleistungen aus. Viele sahen darin einen Beleg dafür, dass bedeutende Forschung nicht an Titel und Ämter gebunden ist, sondern an Beharrlichkeit, Sorgfalt und die Bereitschaft, ungewohnte Wege zu gehen. Tu selbst betonte in ihren Reden stets die Leistung ihres Teams. 2019 verlieh ihr die chinesische Regierung die Medaille der Republik, eine der höchsten staatlichen Auszeichnungen.

Wirkung

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt heute Kombinationstherapien auf Grundlage von Artemisinin als Standardbehandlung der gefährlichsten Form der Malaria. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Zahl der Malariatoten seit der Jahrtausendwende deutlich gesunken ist. Zugleich bereiten Erreger, die gegen Artemisinin unempfindlicher werden, Sorgen. Tu und ihre Nachfolger forschen deshalb an verbesserten Behandlungsformen. Ihre Geschichte zeigt, wie überliefertes Wissen und moderne Wissenschaft sich gegenseitig befruchten können. Weitere Informationen zum Preis finden Sie bei der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026