Köpfe: Tadeus Reichstein

Tadeus Reichstein war ein Chemiker, dessen Arbeit gleich zweimal tief in den Alltag der Medizin eingriff. Er entwickelte ein Verfahren, mit dem Vitamin C erstmals im großen Stil künstlich hergestellt werden konnte. Und er isolierte aus der Nebennierenrinde eine ganze Reihe von Hormonen, darunter das Cortison. Für die Arbeiten über die Hormone der Nebennierenrinde erhielt er 1950 gemeinsam mit den Amerikanern Edward C. Kendall und Philip S. Hench den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. In diesem Porträt erfahren Sie, wie ein in Polen geborener Sohn eines Ingenieurs zu einem der großen Naturstoffchemiker der Schweiz wurde.

Herkunft und Jugend

Reichstein wurde am 20. Juli 1897 in Włocławek geboren, einer Stadt an der Weichsel, die damals zum Russischen Reich gehörte und heute in Polen liegt. Die Familie war jüdischer Herkunft. Sein Vater war Ingenieur. Die Kindheit verbrachte Tadeus zunächst in Kiew, wo der Vater arbeitete. Anschließend kam er zur Ausbildung in ein Internat nach Jena in Deutschland. Später zog die Familie in die Schweiz, nach Zürich, wo sie sich dauerhaft niederließ. Reichstein erhielt später die Schweizer Staatsbürgerschaft und blieb dem Land sein Leben lang verbunden.

In Zürich besuchte er die Schule und studierte anschließend Chemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Nach dem Diplom promovierte er bei Hermann Staudinger, dem späteren Chemie-Nobelpreisträger. Danach arbeitete er einige Jahre für die Industrie an der Erforschung von Aromastoffen, insbesondere der Stoffe, die den Duft von geröstetem Kaffee ausmachen. Diese Arbeit war mühsam, schulte ihn aber im Umgang mit winzigen Mengen komplizierter Naturstoffe, eine Fertigkeit, die ihm später sehr zugutekam.

Vitamin C aus dem Labor

Anfang der 1930er-Jahre kehrte Reichstein an die ETH zurück und arbeitete im Umfeld von Leopold Ružička, einem weiteren späteren Nobelpreisträger. Damals war das Vitamin C, die Ascorbinsäure, gerade als Schutzstoff gegen Skorbut identifiziert worden. Reichstein gelang es 1933 gemeinsam mit Mitarbeitern, Vitamin C chemisch herzustellen. Ungefähr zur gleichen Zeit gelang dies auch dem britischen Chemiker Norman Haworth auf anderem Weg.

Besonders folgenreich war ein Verfahren, das Reichstein entwickelte, um Vitamin C aus Traubenzucker zu gewinnen. Dabei wird in einem Schritt ein Bakterium eingesetzt, das eine bestimmte chemische Umwandlung erledigt, während die übrigen Schritte klassische Chemie sind. Dieses sogenannte Reichstein-Verfahren wurde vom Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche übernommen und machte Vitamin C billig und in großen Mengen verfügbar. Es blieb über Jahrzehnte die Grundlage der industriellen Herstellung, bis es nach und nach durch weiterentwickelte, stärker biotechnologische Verfahren abgelöst wurde.

Die Nebennierenrinde, eine Hormonfabrik

Ab Mitte der 1930er-Jahre widmete sich Reichstein einer neuen, ungleich schwierigeren Aufgabe. Die Nebennieren sind kleine Drüsen, die wie Kappen auf den Nieren sitzen. Man wusste, dass ihre äußere Schicht, die Rinde, lebenswichtige Stoffe bildet. Tiere, denen man die Nebennieren entfernt hatte, starben rasch. Menschen mit einer Zerstörung der Nebennierenrinde litten an der Addison-Krankheit, mit Schwäche, niedrigem Blutdruck und Störungen des Salzhaushalts. Welche Stoffe dafür verantwortlich waren, war jedoch unbekannt.

Die Herausforderung war gewaltig. Die Hormone kommen nur in winzigen Mengen vor. Reichstein und sein Team verarbeiteten tonnenweise Nebennieren von Schlachtrindern, um daraus wenige Gramm eines Extrakts zu gewinnen. Aus diesem Gemisch trennten sie in jahrelanger Arbeit zahlreiche einzelne Verbindungen ab. Sie identifizierten am Ende rund drei Dutzend verschiedene Stoffe aus der Gruppe der Steroide, also Moleküle mit einem charakteristischen Gerüst aus vier Kohlenstoffringen, das auch Cholesterin und die Geschlechtshormone besitzen.

Erschwerend kam hinzu, dass sich viele dieser Steroide chemisch sehr ähnlich sind. Sie unterscheiden sich oft nur durch die Lage eines einzigen Sauerstoffatoms oder einer Doppelbindung, haben aber völlig verschiedene Wirkungen im Körper. Um sie voneinander zu trennen, mussten Reichstein und seine Mitarbeiter immer neue Trenn- und Kristallisationsschritte erfinden. Jede gewonnene Substanz wurde sorgfältig analysiert, mit bekannten Verbindungen verglichen und, wo möglich, durch chemische Umwandlung bestätigt. Parallel dazu arbeiteten in den USA Edward Kendall an der Mayo Clinic und in anderen Ländern weitere Gruppen an derselben Aufgabe. Zwischen diesen Laboren bestand ein Wettbewerb, aber auch ein reger Austausch von Ergebnissen, der die Arbeit insgesamt beschleunigte.

Cortison und seine Verwandten

Unter den von Reichstein isolierten Stoffen befanden sich einige der wichtigsten Hormone des Körpers. Dazu gehört das Cortison, das er unabhängig von Edward Kendall in den USA isolierte und unter der vorläufigen Bezeichnung „Substanz Fa“ beschrieb. Er bestimmte die chemische Struktur mehrerer dieser Hormone. Außerdem gelang ihm 1937 die Synthese von Desoxycorticosteron, eines Hormons, das den Salz- und Wasserhaushalt beeinflusst. Diese Substanz wurde bald zur Behandlung der Addison-Krankheit eingesetzt.

Der entscheidende Durchbruch in der Medizin kam 1948 in den USA. Philip Hench, ein Rheumatologe an der Mayo Clinic, gab einer Patientin mit schwerer rheumatoider Arthritis Cortison, das nach Kendalls Arbeiten hergestellt worden war. Die Wirkung war dramatisch: Die Entzündung ging stark zurück, und die Patientin konnte sich wieder bewegen. Die Bilder von bewegungsunfähigen Kranken, die nach der Behandlung wieder gehen konnten, gingen um die Welt.

Der Nobelpreis 1950

Schon 1950, nur zwei Jahre nach diesem Durchbruch, erhielten Kendall, Hench und Reichstein den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Entdeckungen über die Hormone der Nebennierenrinde, ihre Struktur und ihre biologische Wirkung. Reichsteins Anteil lag in der Isolierung und Strukturaufklärung der Hormone, die zum Verständnis dieser ganzen Substanzklasse geführt hatte.

Wirkung bis heute

Cortison und seine Abkömmlinge, oft als Kortikosteroide oder umgangssprachlich als „Kortison“ bezeichnet, gehören heute zu den am häufigsten verwendeten Medikamenten überhaupt. Sie wirken stark entzündungshemmend und dämpfen das Immunsystem. Eingesetzt werden sie unter anderem bei Asthma, Allergien, rheumatischen Erkrankungen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Hautkrankheiten und nach Organtransplantationen. Auch Menschen mit Nebenniereninsuffizienz sind lebenslang auf einen Ersatz dieser Hormone angewiesen.

Zugleich lernte man bald die Schattenseiten kennen: Bei langer und hoch dosierter Anwendung können Nebenwirkungen wie Knochenschwund, erhöhter Blutzucker oder Gewichtszunahme auftreten. Deshalb wird heute sorgfältig abgewogen, wie und wie lange man diese Medikamente einsetzt.

Reichstein war außerdem an der Aufklärung eines weiteren Hormons beteiligt: Anfang der 1950er-Jahre isolierten Sylvia und James Tait sowie Mitarbeiter in London das Aldosteron, das den Salzhaushalt steuert. Reichstein half bei der Bestimmung der Struktur dieses Hormons.

Professor in Basel und spätes Interesse an Farnen

1938 wechselte Reichstein an die Universität Basel, zunächst als Professor für Pharmazie und später als Professor für organische Chemie. Er leitete dort über viele Jahre das Institut. Nach seiner Emeritierung wandte er sich mit großer Leidenschaft einem ganz anderen Gebiet zu: der Botanik, insbesondere den Farnen. Er untersuchte ihre Chemie und ihre Verwandtschaftsbeziehungen und veröffentlichte bis ins hohe Alter wissenschaftliche Arbeiten. Er interessierte sich zudem für pflanzliche Giftstoffe, etwa Herzglykoside aus Pflanzen, die manche Schmetterlinge zu ihrem Schutz aufnehmen.

Reichstein war verheiratet und hatte eine Tochter. Er galt als bescheiden und unermüdlich fleißig.

Lebensende

Tadeus Reichstein starb am 1. August 1996 in Basel, wenige Tage nach seinem 99. Geburtstag. Er gehörte damit zu den langlebigsten Nobelpreisträgern seiner Zeit. Sein Leben verbindet zwei Entwicklungen, die die Medizin des 20. Jahrhunderts prägten: die billige Verfügbarkeit von Vitaminen und den Siegeszug der Kortisonpräparate.

Der Nobelpreis in Zahlen

Nach den Angaben der Nobelstiftung erhielt Tadeus Reichstein den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1950 zu einem Drittel. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem Edward C. Kendall und Philip S. Hench. Die offizielle Begründung lautet im englischen Original: „for their discoveries relating to the hormones of the adrenal cortex, their structure and biological effects“. Als Wirkungsstätte zum Zeitpunkt der Auszeichnung führt die Stiftung die Einrichtung Basel University in Basel, Switzerland. Als Datum der Zuerkennung nennt sie den 26. Oktober 1950. Das gesamte Preisgeld der Kategorie betrug in diesem Jahr 164.304 schwedische Kronen, was nach Berechnung der Stiftung heute etwa 3.857.077 Kronen entspricht. Als Geburtsort verzeichnet die Nobelstiftung Wloclawek, Poland. Er starb am 1. August 1996 in Basel, Switzerland. Wenn Sie die Hintergründe der Entscheidung genauer nachvollziehen möchten, lohnt sich ein Blick in die Unterlagen der Nobelstiftung, die neben der Begründung auch Vorträge und biografische Angaben bereithält.

Weitere Informationen zur Preisvergabe finden Sie bei der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026