Köpfe: Simon Johnson

Simon Johnson wurde am 16. Januar 1963 im englischen Sheffield geboren. Der britisch-amerikanische Ökonom erhielt 2024 gemeinsam mit Daron Acemoglu und James A. Robinson den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis „für Studien darüber, wie Institutionen entstehen und den Wohlstand beeinflussen“. Johnson lehrt an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology. Anders als viele reine Theoretiker hat er auch in der Praxis gewirkt: 2007 und 2008 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, also genau in den Monaten, in denen sich die große Finanzkrise zusammenbraute.

Schule und Studium in England

Johnson besuchte die Abbotsholme School in Rocester in der Grafschaft Staffordshire, ein privates Internat. Anschließend studierte er an der University of Oxford, wo er am Corpus Christi College die Fächerkombination Philosophie, Politik und Wirtschaft belegte. Dieses Studium, das in Großbritannien viele spätere Politiker und Journalisten durchlaufen, schloss er 1984 ab. Danach erwarb er 1986 an der University of Manchester einen Master in Wirtschaftswissenschaften mit Auszeichnung. Für die Promotion ging er in die Vereinigten Staaten an das Massachusetts Institute of Technology. Dort wurde er 1989 bei Rudiger Dornbusch promoviert, einem der bekanntesten Fachleute für internationale Makroökonomie. Seine Dissertation trug den Titel „Inflation, Intermediation, and Economic Activity“.

Russland und die Wirtschaft im Umbruch

Nach der Promotion forschte Johnson von 1989 bis 1991 als Nachwuchswissenschaftler an der Harvard University, unter anderem am dortigen Zentrum für Russlandforschung. Es war die Zeit, in der die Sowjetunion zerfiel und die Länder Osteuropas den Übergang zur Marktwirtschaft suchten. Diese Umbrüche prägten Johnsons frühe Forschung. Von 1991 bis 1997 lehrte er an der Fuqua School of Business der Duke University in North Carolina, zunächst als Assistenzprofessor, ab 1995 als außerordentlicher Professor. Zwischen 1993 und 1995 leitete er zudem ein Zentrum der Hochschule zur Ausbildung von Führungskräften in Sankt Petersburg. Er untersuchte, wie Unternehmen in einem Umfeld ohne verlässlichen Rechtsstaat arbeiten, wie Korruption und Schattenwirtschaft entstehen und welche Rolle Eigentumsrechte für Investitionen spielen.

Professor am MIT

1997 wechselte Johnson an das MIT, wo er 2002 eine Dauerstelle erhielt. Seit 2004 hat er die Ronald-A.-Kurtz-Professur für Unternehmertum an der Sloan School of Management inne. Am MIT leitet er die Gruppe für Weltwirtschaft und Management und ist Mitbegründer einer Initiative, die sich mit der Zukunft der Arbeit befasst. Daneben ist er seit 2004 Research Associate am National Bureau of Economic Research und war viele Jahre Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington.

Die kolonialen Ursprünge des Wohlstands

Am MIT begann auch die enge Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Daron Acemoglu und mit James A. Robinson. 2001 veröffentlichten die drei den Aufsatz „The Colonial Origins of Comparative Development“, der zu den meistzitierten Arbeiten der modernen Wirtschaftswissenschaften gehört. Darin nutzten sie die Geschichte der europäischen Kolonialisierung, um eine der schwierigsten Fragen der Ökonomie zu beantworten: Sind Länder reich, weil sie gute Institutionen haben, oder haben sie gute Institutionen, weil sie reich sind?

Um diesen Zirkel aufzubrechen, betrachteten die Forscher die Sterblichkeit europäischer Siedler in den Kolonien. Wo Krankheiten wie Malaria und Gelbfieber viele Neuankömmlinge töteten, ließen sich nur wenige Europäer nieder. Dort errichteten die Kolonialmächte vor allem Institutionen, die der Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen dienten. Wo sich viele Siedler niederließen, entstanden dagegen Institutionen, die Eigentum schützten und die Macht begrenzten. Diese Muster wirkten bis in die Gegenwart nach und erklären nach den Berechnungen der Autoren einen großen Teil der heutigen Einkommensunterschiede zwischen ehemaligen Kolonien.

Chefökonom in der Krise

Von März 2007 bis Ende August 2008 war Johnson Chefökonom des Internationalen Währungsfonds in Washington. Er folgte auf Raghuram Rajan, sein Nachfolger wurde Olivier Blanchard. In diese Zeit fielen die ersten Erschütterungen der Finanzkrise, die im Herbst 2008 mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ihren Höhepunkt erreichte. Die Erfahrungen machten Johnson zu einem der schärfsten Kritiker der Macht großer Banken. 2009 schrieb er in der Zeitschrift The Atlantic den viel beachteten Essay „The Quiet Coup“, in dem er die Finanzbranche mit Oligarchien in Schwellenländern verglich.

Zusammen mit James Kwak veröffentlichte er 2010 das Buch „13 Bankers“, in dem die Autoren die wachsende politische Macht der Wall Street beschreiben und eine Zerschlagung der größten Banken fordern. Gemeinsam gründeten sie auch den Wirtschaftsblog „The Baseline Scenario“. 2012 folgte, ebenfalls mit Kwak, „White House Burning“ über die amerikanische Staatsverschuldung. Mit dem Ökonomen Jonathan Gruber schrieb Johnson 2019 „Jump-Starting America“, ein Plädoyer für mehr öffentliche Investitionen in Forschung und Technologie.

Macht und Fortschritt

2023 erschien das gemeinsam mit Daron Acemoglu verfasste Buch „Power and Progress“, auf Deutsch „Macht und Fortschritt“. Anhand von tausend Jahren Technikgeschichte, von den Wassermühlen des Mittelalters bis zur künstlichen Intelligenz, argumentieren die Autoren, dass technischer Fortschritt keineswegs automatisch allen zugutekommt. Wer von neuen Technologien profitiert, hänge von den Machtverhältnissen in einer Gesellschaft ab. Gerade bei der künstlichen Intelligenz warnen sie davor, dass sie vor allem dazu genutzt werden könnte, Arbeit zu ersetzen und Daten zu kontrollieren, statt die Fähigkeiten der Menschen zu erweitern.

Der Preis der Schwedischen Reichsbank

Die Auszeichnung, die im Alltag meist sogenannter Wirtschaftsnobelpreis heißt, trägt offiziell den Namen „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel“ (schwedisch: Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne). Sie gehört nicht zu den Preisen, die Alfred Nobel in seinem Testament vorgesehen hatte. Die Schwedische Reichsbank stiftete sie 1968 anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens; seit 1969 wird sie jährlich vergeben.

Die Preisträger wählt die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften aus, überreicht wird die Auszeichnung gemeinsam mit den Nobelpreisen am 10. Dezember in Stockholm. Deshalb hat sich die Bezeichnung „Wirtschaftsnobelpreis“ eingebürgert, auch wenn es sich nicht um einen Nobelpreis im Sinne von Nobels Testament handelt.

Die Preisträger erhalten eine Medaille, eine Urkunde und ein Preisgeld in derselben Höhe wie bei den Nobelpreisen. Kritiker, darunter auch Nachfahren der Familie Nobel, haben wiederholt beanstandet, dass der Name eine zu große Nähe zu den ursprünglichen Nobelpreisen nahelege. Mitte der 1990er-Jahre wurde der Preis ausdrücklich auch für Beiträge aus benachbarten Sozialwissenschaften geöffnet, etwa aus Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie.

2024 teilte sich Johnson die Auszeichnung mit Daron Acemoglu und James A. Robinson. Die Akademie würdigte, dass die drei Forscher gezeigt hätten, wie wichtig gesellschaftliche Institutionen für den Wohlstand eines Landes sind. Gesellschaften mit schwacher Rechtsstaatlichkeit und ausbeuterischen Institutionen erzeugten weder Wachstum noch Veränderungen zum Besseren. Ihre Forschung helfe zu verstehen, warum sich die Einkommen zwischen den Ländern so stark unterscheiden.

Wirkung und Bedeutung

Simon Johnson verbindet wie wenige andere Ökonomen akademische Forschung mit öffentlicher Debatte. Seine Arbeiten zu Institutionen haben die Entwicklungsökonomie geprägt, seine Erfahrung beim Internationalen Währungsfonds und seine Kritik an der Finanzbranche haben die Diskussion über Bankenregulierung nach 2008 beeinflusst. Als regelmäßiger Kolumnist, unter anderem für Project Syndicate, wendet er sich an ein breites Publikum. Ob es um koloniale Geschichte, um Großbanken oder um künstliche Intelligenz geht, immer kehrt er zu derselben Frage zurück: Wer hat in einer Gesellschaft die Macht, und wie lässt sich verhindern, dass wenige auf Kosten vieler profitieren?

Gerade diese Verbindung macht seine Arbeit so anschlussfähig. Die historischen Studien über Kolonien und Institutionen liefern das Fundament, die Analysen von Finanzkrisen und neuen Technologien übertragen die gleichen Einsichten auf die Gegenwart. Johnson zeigt damit, dass die Frage nach guten Institutionen nicht nur arme Länder betrifft, sondern ebenso die reichen Demokratien, deren Wohlstand von fairen Regeln, wirksamer Aufsicht und einer breiten Beteiligung an den Gewinnen des Fortschritts abhängt.

Die offizielle Würdigung der Preisvergabe von 2024 finden Sie auf der Seite der Nobelstiftung.

Stand: 29.10.2026