Gedicht: Müde schleich ich (Klabund)

Müde schleich ich durch die Morgenstille,
Und es bebt in mir ein fremder Wille.

Wie die Glocken fernes Ave läuten,
Scheint es mir Verachtung zu bedeuten

Meinen Lippen, die noch dunkel bluten
Von des Weibes ungehemmten Gluten;

Haß, daß ich die Tage frei verprasse,
Und ein Armer nicht in Zucht sie fasse.

– Nimmer neid ich euch die Kirchenenge
Und den Küster. Zerren wir die Stränge,

Soll ins Land der Klöppel donnernd hämmern:
Morgenrot! Klabund! die Tage dämmern!

(Gedicht von Klabund)

Gedicht: Der Pirat

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht eine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
von einem bis zum andern Strand,
der »Hai« getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
sitzt singend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

»Fliege, mein Segler du, fliege,
unverzagt;
fliegst und segelst zum Siege!
Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,
weil dein Herr sein Leben wagt!
Zwanzig Prisen
haben wir gemacht,
haben die Staatsmützen
ausgelacht;
hundert Nationen
liegen und grüßen hier
mit ihren Flaggen
zu Füßen mir.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Könige streiten dadrüben
in blinder Gier
um ein paar Aecker Rüben.
Sehet, ich lache! Meine Gefilde
reichen, soweit das weite wilde
Meer entrollt sein frei Pannier.
Da ist kein Wimpel,
wie er auch glänze,
da keine Küste,
wo sie auch grenze,
die nicht Salut gethan
meinem Geschlecht,
die nicht erkannten
mein Hoheitsrecht.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Kaum schrein vom Mars die Jungen:
Schiff in Sicht!
rennt’s schon mit vollen Lungen,
hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel,
rennt es und rennt es; denn diese Flegel
lieben den König der Meere nicht.
Aber wie Brüder
Ich und Ihr,
meine Getreuen,
teilen die Beute wir.
Ein einzig Eigentum
nehm ich für mich
ohne Rivalen:
dich, Schönheit, dich!
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Verdammt zum Höllenfeuer,
zum Tod am Strick,
sitz’ich und lache euer!
Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,
den häng’ich auf an der Segelstange,
vielleicht von seiner eignen Brigg!
Und wenn ich falle:
was ist das Leben!
Hab es schon damals
verloren gegeben,

als ich die Kette brach,
als ich, ein Held,
mir schuf mein eigen Recht,
mir meine Welt.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Melodieen wie brausend
Orgelgewühl
spielt mir im Nachtsturm, sausend,
meiner geschüttelten Taue Gestöhne,
meiner Kanonen Donnergedröhne
und des schwarzen Meeres Gebrüll.
Von ihren tobenden
Liedern umschnoben,
geh ich zur Ruhe,
wogenumwoben,
jubelnde Zungen
rund um mich her,
in Schlaf gesungen
vom Meer, vom Meer.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer!«

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
tief in die Stirn gedrückt den Hut.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht seine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
vom einen bis zum andern Strand,
der »Hai« getauft für seinen Mut.

Nach José de Espronceda.

Das Bild zeigt den Korsaren Amaro Pargo.

Gedicht: Ich bin der Wald

Ich bin der Wald
bin uralt
hege den Hirsch
hege das Reh
schütz Euch vor Sturm
schütz Euch vor Schnee
wehre dem Frost
wahre die Quelle
hüte die Scholle
bin immer zur Stelle
bau Euch das Haus
heiz Euch den Herd.
Drum ihr Menschen
haltet mich wert!

Gedicht: Das Haarman Lied

Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.

In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein’ Gehilfen,
Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen
alle kleinen Jungen an.

Der Serienmörder Fritz Haarmann hat 27 Junge Männer ermordet. Am 23. Juni 1924 wurde er festgenommen.

Das Bild zeigt seine Wohnung, in der er seine Opfer umbrachte.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 102-00882 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Gedicht: Es waren zwei Königskinder

Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb;
Sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

“Ach Liebster, könntest du schwimmen,
So schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
Und die sollen leuchten zu dir.”

Das hört in falsches Nörnchen,
Die tät, als wenn sie schlief;
Sie tät die Kerzlein auslöschen,
Der Jüngling ertrank so tief.

Es war an ei’m Sonntagmorgen,
Die Leut waren alle so froh;
Nicht so die Königstochter,
Ihre Augen saßen ihr zu.

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Mein Kopf tut mir so weh!
Ich möchte so gern spazieren
Wohl an den grünen See.”

“Ach Tochter, herzliebste Tochter,
Allein solltest du nicht gehen,
Weck auf dein jüngste Schwester,
und die soll mit dir gehn!”

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Meine Schwester ist noch ein Kind,
Sie pflückt ja all die Blümlein,
Die auf Grünheide sind.”

“Ach Tochter, herzliebste Tochter,
Allein sollst du nicht gehen,
Weck auf deinen jüngsten Bruder,
Und der soll mit dir gehn!”

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Mein Bruder ist noch ein Kind,
Der schießt ja all die Vöglein,
Die auf der Grünheide sind.”

Die Mutter ging nach der Kirche,
Die Tochter hielt ihren gang,
Sie ging so lang spazieren,
Bis sie den Fischer fand.

“Ach Fischer, liebster Fischer,
Willst du verdienen großen Lohn,
So wirf dein Netz ins Wasser
Und fisch mir den Königssohn!”

Er war das Netz ins Wasser,
Es ging bis auf den Grund;
Er fischte und fischte so lange,
Bis er den Königssohn fund.

Sie schloss ihn in ihre Arme
Und küsst seinen bleichen Mund:
“Ach Mündlein, könntest du sprechen,
So wär mein jung Herze gesund!”

Was nahm sie von ihrem Haupte?
Eine goldne Königskron:
“Sieh da, du wohledler Fischer,
Hast deinen verdienten Lohn!”

Was zog sie von ihrem Finger?
Ein Ringlein von Gold so rot:
“Sieh da, du wohledler Fischer,
Kauf deinen Kindern Brot!”

Sie schwang sich um ihren Mantel,
Und sprang wohl in die See:
“Gut Nacht, mein Vater und Mutter,
Ihr seht mich nimmermeh!”

Da hört man Glöcklein läuten,
Da hört man Jammer und Not,
Hier liegen zwei Königskinder,
Die sind alle beide tot!

Das Gedicht gibt es – auch als Lied – in vielen Varianten schon seit dem Mittelalter. Der ursprüngliche Verfasser ist unbekannt.

Gedicht: Vom Eise befreit

vom eise befreit sind strom und bäche
durch des frühlings holden belebenden blick;
im thale grünet hoffnungsglück,
der alte winter, in seiner schwäche,
zog sich in rauhe berge zurück.
von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige schauer körnigen eises
in streifen über die grünende flur:
aber die sonne duldet kein weiszes,
überall regt sich bildung und streben,
alles will sie mit farben beleben.

Johann Wolfgang von Goethe

Gedicht: Gespräch mit den Bäumen

Den Ebnen gibst du Schatten, ernste Eiche,
Und steilen Höhn, doch lieb ich dich nicht mehr,
Seit du Zerstörern vieler Stadt und Reiche
Geschmückt mit grünen Zweigen Helm und Wehr.

Noch bist du, eitler Lorbeer, mein Begehr;
Seis, daß dein Laub das winterliche bleiche
Gefild beschäme, oder daß zur Ehr
Es kahler Römerkaiser Stirn gereiche.

Dich, Rebe, lieb ich, die aus braunem Stein
So üppig lacht und reift, mir zu bereiten
Des weisen Selbstvergessens Lebenstrank;

Mehr noch lieb ich die Tanne: glatt und blank
Schließt sie einst in vier Bretter all mein Streiten
Und Grübeln, all mein eitles Wünschen ein.

Gedicht von Giosuè Carducci, italienischer Dichter und Literaturhistoriker, Nobelpreisträger für Literatur 1906

Gedicht: Heilige Nacht

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)

(Erich Mühsam, 1914)

Gedicht: Rheinsage

Am Rhein, am grünen Rheine,
Da ist so mild die Nacht,
Die Rebenhügel liegen
In goldner Mondenpracht.

Und an den Hügeln wandelt
Ein hoher Schatten her
Mit Schwert und Purpurmantel,
Die Krone von Golde schwer.

Das ist der Karl, der Kaiser,
Der mit gewalt’ger Hand
Vor vielen hundert Jahren
Geherrscht im deutschen Land.

Er ist heraufgestiegen
Zu Aachen aus der Gruft
Und segnet seine Reben
Und atmet Traubenduft.

Bei Rüdesheim da funkelt
Der Mond ins Wasser hinein
Und baut eine goldene Brücke
Wohl über den grünen Rhein.

Der Kaiser geht hinüber
Und schreitet langsam fort
Und segnet längs dem Strome
Die Reben an jedem Ort.

Dann kehrt er heim nach Aachen
Und schläft in seiner Gruft,
Bis ihn im neuen Jahre
Erweckt der Trauben Duft.

Wir aber füllen die Römer
Und trinken im goldenen Saft
Uns deutsches Heldenfeuer
Und deutsche Heldenkraft.

(Emanuel Geibel)

Gedicht: Am Rheinfall

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Haenden!
Mir entstuerzte vor Lust zitternd das meinige fast.
Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen,
Ohr und Auge wohin retten sie sich im Tumult?
Wahrlich, den eigenen Wutschrei hoerete nicht der Gigant hier,
Laeg er, vom Himmel gestuerzt, unten am Felsen gekruemmt!
Rosse der Goetter, im Schwung, eins ueber dem Ruecken des andern,
Stuermen herunter und streun silberne Maehnen umher;
Herrliche Leiber, unzaehlbare, folgen sich, nimmer dieselben,
Ewig dieselbigen – wer wartet das Ende wohl aus?
Angst umzieht dir den Busen mit eins, und, wie du es denkest,
Ueber das Haupt stuerzt dir krachend das Himmelsgewoelb!

Eduard Mörike

Bild: Hans Thomas 1876