Gedicht: Das Haarman Lied

Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.

In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein’ Gehilfen,
Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen
alle kleinen Jungen an.

Der Serienmörder Fritz Haarmann hat 27 Junge Männer ermordet. Am 23. Juni 1924 wurde er festgenommen.

Das Bild zeigt seine Wohnung, in der er seine Opfer umbrachte.

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 102-00882 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Gedicht: Es waren zwei Königskinder

Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb;
Sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

“Ach Liebster, könntest du schwimmen,
So schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
Und die sollen leuchten zu dir.”

Das hört in falsches Nörnchen,
Die tät, als wenn sie schlief;
Sie tät die Kerzlein auslöschen,
Der Jüngling ertrank so tief.

Es war an ei’m Sonntagmorgen,
Die Leut waren alle so froh;
Nicht so die Königstochter,
Ihre Augen saßen ihr zu.

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Mein Kopf tut mir so weh!
Ich möchte so gern spazieren
Wohl an den grünen See.”

“Ach Tochter, herzliebste Tochter,
Allein solltest du nicht gehen,
Weck auf dein jüngste Schwester,
und die soll mit dir gehn!”

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Meine Schwester ist noch ein Kind,
Sie pflückt ja all die Blümlein,
Die auf Grünheide sind.”

“Ach Tochter, herzliebste Tochter,
Allein sollst du nicht gehen,
Weck auf deinen jüngsten Bruder,
Und der soll mit dir gehn!”

“Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Mein Bruder ist noch ein Kind,
Der schießt ja all die Vöglein,
Die auf der Grünheide sind.”

Die Mutter ging nach der Kirche,
Die Tochter hielt ihren gang,
Sie ging so lang spazieren,
Bis sie den Fischer fand.

“Ach Fischer, liebster Fischer,
Willst du verdienen großen Lohn,
So wirf dein Netz ins Wasser
Und fisch mir den Königssohn!”

Er war das Netz ins Wasser,
Es ging bis auf den Grund;
Er fischte und fischte so lange,
Bis er den Königssohn fund.

Sie schloss ihn in ihre Arme
Und küsst seinen bleichen Mund:
“Ach Mündlein, könntest du sprechen,
So wär mein jung Herze gesund!”

Was nahm sie von ihrem Haupte?
Eine goldne Königskron:
“Sieh da, du wohledler Fischer,
Hast deinen verdienten Lohn!”

Was zog sie von ihrem Finger?
Ein Ringlein von Gold so rot:
“Sieh da, du wohledler Fischer,
Kauf deinen Kindern Brot!”

Sie schwang sich um ihren Mantel,
Und sprang wohl in die See:
“Gut Nacht, mein Vater und Mutter,
Ihr seht mich nimmermeh!”

Da hört man Glöcklein läuten,
Da hört man Jammer und Not,
Hier liegen zwei Königskinder,
Die sind alle beide tot!

Das Gedicht gibt es – auch als Lied – in vielen Varianten schon seit dem Mittelalter. Der ursprüngliche Verfasser ist unbekannt.

Gedicht: Vom Eise befreit

vom eise befreit sind strom und bäche
durch des frühlings holden belebenden blick;
im thale grünet hoffnungsglück,
der alte winter, in seiner schwäche,
zog sich in rauhe berge zurück.
von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige schauer körnigen eises
in streifen über die grünende flur:
aber die sonne duldet kein weiszes,
überall regt sich bildung und streben,
alles will sie mit farben beleben.

Johann Wolfgang von Goethe

Gedicht: Gespräch mit den Bäumen

Den Ebnen gibst du Schatten, ernste Eiche,
Und steilen Höhn, doch lieb ich dich nicht mehr,
Seit du Zerstörern vieler Stadt und Reiche
Geschmückt mit grünen Zweigen Helm und Wehr.

Noch bist du, eitler Lorbeer, mein Begehr;
Seis, daß dein Laub das winterliche bleiche
Gefild beschäme, oder daß zur Ehr
Es kahler Römerkaiser Stirn gereiche.

Dich, Rebe, lieb ich, die aus braunem Stein
So üppig lacht und reift, mir zu bereiten
Des weisen Selbstvergessens Lebenstrank;

Mehr noch lieb ich die Tanne: glatt und blank
Schließt sie einst in vier Bretter all mein Streiten
Und Grübeln, all mein eitles Wünschen ein.

Gedicht von Giosuè Carducci, italienischer Dichter und Literaturhistoriker, Nobelpreisträger für Literatur 1906

Gedicht: Heilige Nacht

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)

(Erich Mühsam, 1914)

Gedicht: Rheinsage

Am Rhein, am grünen Rheine,
Da ist so mild die Nacht,
Die Rebenhügel liegen
In goldner Mondenpracht.

Und an den Hügeln wandelt
Ein hoher Schatten her
Mit Schwert und Purpurmantel,
Die Krone von Golde schwer.

Das ist der Karl, der Kaiser,
Der mit gewalt’ger Hand
Vor vielen hundert Jahren
Geherrscht im deutschen Land.

Er ist heraufgestiegen
Zu Aachen aus der Gruft
Und segnet seine Reben
Und atmet Traubenduft.

Bei Rüdesheim da funkelt
Der Mond ins Wasser hinein
Und baut eine goldene Brücke
Wohl über den grünen Rhein.

Der Kaiser geht hinüber
Und schreitet langsam fort
Und segnet längs dem Strome
Die Reben an jedem Ort.

Dann kehrt er heim nach Aachen
Und schläft in seiner Gruft,
Bis ihn im neuen Jahre
Erweckt der Trauben Duft.

Wir aber füllen die Römer
Und trinken im goldenen Saft
Uns deutsches Heldenfeuer
Und deutsche Heldenkraft.

(Emanuel Geibel)

Gedicht: Am Rheinfall

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Haenden!
Mir entstuerzte vor Lust zitternd das meinige fast.
Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen,
Ohr und Auge wohin retten sie sich im Tumult?
Wahrlich, den eigenen Wutschrei hoerete nicht der Gigant hier,
Laeg er, vom Himmel gestuerzt, unten am Felsen gekruemmt!
Rosse der Goetter, im Schwung, eins ueber dem Ruecken des andern,
Stuermen herunter und streun silberne Maehnen umher;
Herrliche Leiber, unzaehlbare, folgen sich, nimmer dieselben,
Ewig dieselbigen – wer wartet das Ende wohl aus?
Angst umzieht dir den Busen mit eins, und, wie du es denkest,
Ueber das Haupt stuerzt dir krachend das Himmelsgewoelb!

Eduard Mörike

Bild: Hans Thomas 1876

Gedicht: Beim Rheinfall

Ihr kennt Schaffhausen wohl,
Allwo des Rheins Gewalt
Den allerersten Sturm
Mit spitzen Klippen waget,
Stark schäumt, sich brausend türmt,
Und brüllend rückwärts fällt,
Bis der erhitzte Strom
Zuletzt den Pass erjaget,
Wodurch er rauschend dringt,
Sich eilend niederdrückt,
Und seine Wirbel-Flut
Mit Murmeln weiter schickt.

Johann Conrad Peyer

Gedicht: Die Heinzelmännchen

Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,

Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten …
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all sein Tagewerk … bereits gemacht!

Die Zimmerleute streckten sich
Hin auf die Spän’ und reckten sich;
Indessen kam die Geisterschaar
Und sah was da zu zimmern war:
Nahm Meißel und Beil
Und die Säg’ in Eil:
Sie sägten und stachen
Und hieben und brachen,
Berappten
Und kappten,
Visirten wie Falken
Und setzten die Balken …
Eh sich’s der Zimmermann versah …
Klapp, stand das ganze Haus … schon fertig da!

Beim Bäckermeister war nicht Noth,
Die Heinzelmännchen backten Brodt.
Die faulen Burschen legten sich,
Die Heinzelmännchen regten sich –
Und ächzten daher
Mit den Säcken schwer!
Und kneteten tüchtig
Und wogen es richtig
Und hoben
Und schoben
Und fegten und backten
Und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
Da rückte schon das Brodt, … das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lag in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
Das ging so geschwind,
Wie die Mühl’ im Wind:
Die klappten mit Beilen,
Die schnitzten an Speilen,
Die spülten,
Die wühlten
Und mengten und mischten
Und stopften und wischten.
That der Gesell die Augen auf:
Wapp! hing die Wurst da schon im Ausverkauf!

Beim Schenken war es so: es trank
Der Küfer bis er niedersank,
Am hohlen Fasse schlief er ein,
Die Männlein sorgten um den Wein
Und schwefelten fein
Alle Fässer ein.
Und rollten und hoben
Mit Winden und Kloben,
Und schwenkten
Und senkten
Und gossen und panschten
Und mengten und manschten.
Und eh der Küfer noch erwacht:
War schon der Wein geschönt und fein gemacht!

Einst hatt’ ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein;
Warf hin das Zeug und legte sich
Hin auf das Ohr und pflegte sich.
Da schlüpften sie frisch
In den Schneidertisch;
Und schnitten und rückten
Und nähten und stickten,
Und faßten
Und paßten
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten,
Und eh mein Schneiderlein erwacht:
War Bürgermeisters Rock bereits gemacht!

Neugierig war des Schneiders Weib,
Und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht,
Die Heinzelmännchen kommen sacht;
Eins fähret nun aus,
Schlägt hin im Haus,
Die gleiten von Stufen
Und plumpen in Kufen,
Die fallen
Mit Schallen,
Die lärmen und schreien
Und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
Mit Licht: husch, husch, husch, husch! – verschwinden All!

O weh nun sind sie alle fort
Und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruh’n,
Man muß nun Alles selber thun!
Ein Jeder muß fein
Selbst fleißig sein,
Und kratzen und schaben
Und rennen und traben
Und schniegeln
Und biegeln
Und klopfen und hacken
Und kochen und backen.
Ach, daß es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!

Gedicht: Zwei Preussenlieder

I.

An Borussia.
Und so wären’s dreißig Jahre,
Seit ein Fürst in tiefster Nacht —
Nicht der Jetz’ge, Gott bewahre! —
Guter Hoffnung dich gemacht;
Seit du trächtig, niederträchtig,
Arme Preußenhündin du:
Doch nun gehst du, o wie prächtig!
Deinem Wochenbette zu.

Denn du fängst mit Einemmale
So gewaltig an zu schrei’n,
Und man raunt im Fürstensaale:
Sollten das die Wehen sein?
Hat das Ohr auch recht vernommen?
Jüngster Tag, und bist du da?
Willst du wirklich niederkommen?
Wirklich, o Borussia?

Und was sagt der Ritter Bunsen,
hocherfahren, tiefgelehrt?
hat er nicht für aufgedunsen,
Voller Winde dich erklärt?
Solltest du zum Zeitvertreibe
Gar nur wassersüchtig sein?
Oder trägst du mehr im Leibe
Als den freien deutschen Rhein?

Und die preußischen Auguren,
Loben sie der Adler Flug?
Was sie im Urin erfuhren,
Ist’s beruhigend genug ?
Haben sie trotz aller Mühe, –
Und die Herrn sind so geschickt! –
In den Herzen deutscher Kühe
Nichts Gefährliches erblickt?

Nichts! es spricht der neuste Ukas
Auch dem kleinsten Zweifel Hohn,
Und man macht den Doktor Lukas
Deinethalb nur zum Baron,
Daß er glücklich dich entbinde,
Wenn die Zeit herangerückt,
Und mit Schonung deinem Kinde
Schnell den Kopf zusammendrückt.

Zwar ich möcht’ es kaum bedauern,
Denn der Balg verheißt nicht viel,
Und ich wette, just die Bauern
Fehlen in dem Kartenspiel;
Doch gar viele sind berufen
Und nur Wenige erwähl – – –
Wenn man christlich erst die Hufen
Irdischen Besitzes zählt.

Zwar wir haben nichts zu essen,
Doch der König wird nicht matt,
Und er macht mit neuen Spässen
Uns, mit neuen Reden satt;
Zwar der Schwager schwingt die Knute,
Die Kosacken prügeln schon,
Doch wir haben eine gute
Deutsche Konstitution.

II.
L’état c’est moi!
Ordonnanzen! Ordonnanzen!
Meine Völker müssen tanzen,
Wie Ich ihnen aufgespielt!
Eins – zwei – drei — und Runde! Runde!
Tanzet ihr getreuen Hunde,
Wenn der König es befiehlt.

Lernt des Lebens Lust begreifen:
Euer König wird Euch pfeifen,
Und Ihr werdet ihn verstehn.
Leise, leise, nur im Kreise,
Nach dem Takt der Russenweise,
Nur um Mich sollt Ihr Euch drehn!

Ich bin Euer Kopf und Magen,
Antwort’ Ich auf alle Fragen,
Aller Rede letzter Sinn;
Ihr der Abglanz nur des Fürsten –
Und wer wagte noch zu dürsten,
Wenn Ich selber trunken bin?

Volksvertreten? Volksvertreten?
Beten sollt Ihr, Ihr sollt beten,
Ich bin Solon und Lykurg!
Brecht mir nicht des Schweigens Siegel,
Denn Ich habe Schloß und Riegel:
Gott ist eine feste Burg!

Ordonnanzen! Ordonnanzen!
Meine Völker müssen tanzen,
Wie Ich ihnen aufgespielt!
Tanzt, o Polen, tanzt, o Deutsche,
Alle nach derselben Peitsche,
Wenn der König es befiehlt!

Ich bin König, meine Gründe
Donnern durch Kanonenschlünde
In des Pöbels taubes Ohr’;
Rasselt irgendwo die Kette,
Hunderttausend Bajonette
Schaffen Ruhe wie zuvor.

Freiheit – welch ein toll Begehren,
Ja, der Henker soll sie lehren
Euch zum Schrecken und zum Graus;
Wird der Vorrath hier zu mager,
Hilft ja gern mein lieber Schwager
Mir mit seinen Galgen aus.

Ordonnanzen! Ordonnanzen!
Meine Völker müssen tanzen,
Wie Ich ihnen aufgespielt!
Tanzt ihr Deutsche, tanzt ihr Polen,
Wie der Czar es Mir befohlen,
Wie’s der König Euch befiehlt.

Jeder Flügel sei beschnitten,
Auch dem Amor, der die Sitten
Uns’res Reichs kompromittirt.
Und von nun an sei bewußtes
Bett von weiland Herrn Prokrustes
Als Reichseh’bett eingeführt.

Nur ein Vorurtheil ist Liebe;
Eure ungestümen Triebe
Zügl’ ich durch ein christlich Joch.
Ich bin Herr von allen Sachen,
Und allein das – Kindermachen
Laß ich Euch in Gnaden noch.

Ich verbiete, Ich erlaube,
Ich nur denke, Ich nur glaube,
Und Ihr Alle seid bekehrt.
Jeden Zweifel löst die – Knute;
Hat man denn das Absolute
In Berlin umsonst gelehrt?

Seid Ihr denn nicht meine Knechte?
Und Ihr fragt nach einem Rechte,
Wenn der König’ was befiehlt?
Ordonnanzen! Ordonnanzen!
Meine Völker müssen tanzen,
Wie Ich ihnen aufgespielt!

Georg Herwegh, eigentlich Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas Herwegh.

Er wurde am 31. Mai 1817 in Stuttgart geboren und starb am 7. April 1875 in Lichtental. Bekannt wurde er als sozialistisch-revolutionärer deutscher Dichter des Vormärz; neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath war er einer der populärsten deutschsprachigen politischen Lyriker. Er führte die Badische Revolution mit an, die am 27. April 1848 in der Schlacht bei Dossenbach scheiterte.